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Genitallymphödem bei Mann und Frau – Herausforderung in Diagnose und Therapie

Das Genitallymphödem stellt eine häufig übersehene, aber klinisch bedeutsame Ausprägung eines primären oder sekundären Lymphödems der unteren Körperhälfte dar. Obwohl es meist im Zusammenhang mit einem sogenannten „Beinlymphödem“ auftritt, ist diese Bezeichnung irreführend: Denn fast immer sind auch ventrale und dorsale Anteile des unteren Rumpfes sowie die Genitalregion mitbetroffen.


05.09.2025
O. Gültig
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Gerade bei männlichen und weiblichen Patienten mit Genitalbeteiligung ist die Diagnostik mit besonderer Sorgfalt und viel Empathie durchzuführen. Nicht selten ist ein starkes Schamgefühl präsent, wodurch Beschwerden lange verschwiegen werden. Eine offene, vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre sowie eine sensible körperliche Untersuchung sind essenziell.

Klinische Untersuchung und apparative Diagnostik

Die vollständige Entkleidung des Patienten zur Inspektion und Palpation des betroffenen Areals ist unerlässlich. Ergänzend haben sich moderne Geräte wie der LymphScanner und das SkinFibroMeter (beides Delfin Technologies Ltd, Finnland) bewährt. Diese ermöglichen eine rasche, nichtinvasive Quantifizierung der epifaszialen Ödemmenge und fibrotischer Veränderungen – Verfahren, die insbesondere in Skandinavien, Nordamerika und zunehmend auch in Deutschland etabliert sind (über Bluetooth mit PC verbunden).

Ein plötzliches Fortschreiten eines zuvor stabilen Lymphödems mit massiver genitaler Schwellung kann ein Warnsignal sein. Hier ist ein Tumorrezidiv differenzialdiagnostisch auszuschließen, insbesondere wenn zusätzliche Symptome wie Schmerzen, Parästhesien oder neurologische Ausfälle hinzukommen. Maligne Lymphödeme gehen im Gegensatz zu benignen häufig mit intensiven Beschwerden und Komplikationen wie lymphokutanen Zysten oder Fisteln einher.

Auch im Rahmen einer Adipositas-induzierten Lymphabflussstörung – wie sie in der S2k-Leitlinie Lymphödem beschrieben ist (1) – treten Genitallymph­ödeme regelmäßig auf. Sie entstehen durch die Blockade von Lymphgefäßen in der Leistenregion und im intraabdominalen Bereich.

Behandlungsansätze – konservativ statt operativ

Die Therapie genitaler Lymphödeme erfordert Erfahrung und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Chirurgische Interventionen sind vor einer erfolgreichen Phase I der Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie (KPE) kontraindiziert, da diese mit einer schlechten Wundheilung und einem hohem Infektionsrisiko einhergehen. Nach der Entstauungsphase der KPE (s. u.) ist eine plastisch-chirurgische wiederherstellende Chirurgie jedoch sehr sinnvoll. Damit werden dem elastisch-insuffizienten Gewebe die weitgehend normalen Konturen zurückgegeben. Zusätzlich wird damit dem Risiko der Reödematisierung entgegengewirkt.

Im Folgenden ist ein Fall eines physiotherapeutischen Mitarbeiters in Saigon (Ho-Chi-Min-City, Vietnam) dargestellt, der einen Patienten nach einer initialen chirurgischen Lymphödemresektion der männlichen Genitalien mit KPE behandelte (Abb. 1). Die erheblichen Komplikationen nach der Operation wurden mit systemischer Antibiose, professionellem Wundmanagement und entstauender KPE erfolgreich saniert.

Chirurgische Optionen

Nur durch vorausgehende professionelle kernspintomographische Untersuchungen (siehe Prof. Claus Pieper, Uniklinik Bonn) lassen sich weitere, ggf. sinnvolle chirurgische Maßnahmen wie die Erstellung von lympho-venösen Anastomosen einleiten.

Strukturierte konservative Therapie (KPE)

Phase I – Entstauung

Die initiale Behandlung erfolgt idealerweise stationär in einer lymphologischen Fachklinik, zunehmend jedoch auch ambulant durch spezialisierte Physiotherapeuten (Abb. 2).

Kernbestandteile:

  • Tägliche Manuelle Lymphdrainage (MLD)
  • Kompressionsverbände der Beine und der Genitalregion
  • Ergänzend intermittierende pneumatische Kompression (IPK) – nur in Verbindung mit Hüftmanschette und gezielte Aufpolsterung in der Genital- und Beckenregion

Die Kompression des männlichen Genitals umfasst Skrotum, Penis, Unterbauch und Mons pubis. Sie erfolgt mit elastischen Mullbinden und individuell zugeschnittenem Schaumstoffmaterial (z. B. Komprex® II, Mobiderm®). Die Fixierung kann über Kompressionsbermudas oder Radlerhosen mit Hosenträgern erfolgen.

Bei Frauen wird die Polsterung der Labien, des Dammbereichs und des Mons veneris vorgenommen. Einlagen im Schritt sorgen für zusätzliche Hygiene. Auch hier wird auf eine möglichst stabile Fixierung mit speziellen Slips und Hosenträgern Wert gelegt.

Zusätzlich können Lymphtapes entlang der inguinalen-axillären Anastomosen helfen, den Lymphabfluss zu verbessern.

Besondere Hinweise:

  • Auf die Rasur im Intimbereich ist zu verzichten (Infektionsrisiko)
  • Hautprobleme wie Mazerationen oder Mykosen müssen ärztlich ausgeschlossen und ggf. behandelt werden.

Ein zentrales Ziel dieser Phase ist die Schulung des Patienten in der eigenständigen Anlage der Verbände, um auch an therapiefreien Tagen eine Refluxbildung zu verhindern.

Phase II – Erhaltungs- und Optimierungsphase

In der zweiten Phase sollten maßgefertigte flachgestrickte Kompressionsstrumpfhosen verordnet werden – idealerweise zweiteilig (z. B. AG + Bermuda), um den Toilettengang zu erleichtern. Bei gering ausgeprägter Ödematisierung können auch rundgestrickte Modelle ausreichen. Integrierte Polsterungen fördern hier die Mobilisierung fibrotischer Gewebe­anteile und von Proteoglykanen.

Fazit

Die erfolgreiche Behandlung des Genitallymphödems beruht auf der frühen Diagnosestellung, einer fundierten konservativen Therapie und der aktiven Einbindung des Patienten in das Selbstmanagement. Nur durch die enge Kooperation zwischen Arzt und erfahrenem Physio­therapeuten können Komplikationen vermieden und damit ein hoher Grad an wiedergewonnener Lebensqualität für den Patienten erreicht werden.

Der goldene Schlüssel der erfolgreichen Behandlung eines Genitallymphödems liegt in der Mitte des interaktiven Quartetts bestehend aus lymphkompetentem Arzt, Physiotherapeuten, Sanitätshaus und dem Patienten selbst.

Literatur

1. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Lymphödeme. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/058-001

Korrespondenzadresse
Oliver Gültig

Oliver Gültig

GUELTIG LYMPHOLOGY training and consulting GmbH
Im Neurod 2, 63741 Aschaffenburg
gueltig(at)lymphology.de
www.lymphology.de