Feinstrukturelle Analyse von Lipödem- und Nicht-Lipödem-Fettgewebe
Das Lipödem (Lipohyperplasia dolorosa; Lipalgia) ist eine schmerzhafte symmetrische Ansammlung von subkutanem Fettgewebe, insbesondere an den Extremitäten (Oberschenkel, Unterschenkel, Oberarme) (1–4) und betrifft nahezu ausschließlich Frauen (5).
Fälle, in denen bei Männern ein Lipödem diagnostiziert wurde, erwiesen sich als sekundär zu anderen Krankheiten mit schweren hormonellen Störungen (6). Die weltweite Prävalenz des Lipödems bei Frauen und postpubertären Mädchen wird auf 11 % geschätzt. Aufgrund fehlender genauer diagnostischer Marker und möglicher Fehldiagnosen muss jedoch jede statistische Information kritisch betrachtet werden. Es besteht ein allgemeiner Konsens, dass das Lipödem während Phasen großer hormoneller Schwankungen (Pubertät, Schwangerschaft, Menopause) auftritt (7). Eine genetische Veranlagung erscheint plausibel. Eine familiäre Häufung von 15 %, die weibliche Verwandte ersten Grades betrifft, wurde dokumentiert. In Selbstberichten werden jedoch deutlich höhere Fallzahlen genannt.
In der vorliegenden Studie wurde die histologische Feinstruktur (Ultrastruktur) des Lipödem-Fettgewebes im Vergleich zu gesundem Fettgewebe analysiert. Besonderes Augenmerk wurde auf die Identifizierung möglicher morphologischer und histologischer Charakteristika gelegt, die der allgemein beobachteten Fettgewebszunahme beim Lipödem zugrunde liegen könnten. Ein weiterer Fokus unserer Arbeit beruhte auf dem Vergleich der Kapillaren im biopsierten Fett hinsichtlich interendothelialer Zellverbindungen und Stärke der Basalmembran, um Hinweise auf eine mögliche Fragilität der Gefäße zu erhalten.
Methoden zur Analyse des Fettgewebes aus einem Lipödem
Für die licht- und elektronenmikroskopische Analyse wurden Gewebeproben aus den kontralateralen Seiten der Oberarme und seitlichen Oberschenkel von nicht adipösen Lipödem- und Kontrollspenderinnen entnommen. Die Proben wurden routinemäßig mit Glutaraldehyd/Paraformaldehyd fixiert und anschließend mit Osmiumtetroxid nachfixiert, um die Lipide zu stabilisieren und sichtbar zu machen. Die Lipödem- und Kontrollproben aus dem tiefen subkutanen Fettgewebe wurden hinsichtlich ihrer zellulären und interstitiellen Komponenten analysiert. Darüber hinaus wurde die Stärke der endothelialen Basalmembran (BM) quantitativ erfasst. Ein Größenvergleich der Lipidflächen angeschnittener Adipozyten zwischen Lipödem- und Kontrolladipozyten diente dazu, eine mögliche Hypertrophie der Lipödemadipozyten zu ermitteln.
Ergebnisse
Wir konnten eine deutlichere Zunahme des interstitiellen Gewebes (inklusive Kollagenablagerung) in Fettgewebeproben der Lipödem-Spenderinnen nachweisen. Unsere histologische Analyse von semidünnen und ultradünnen Schnitten ergab, dass die Kontaktzone zwischen Adipozyten (Stroma) und Septen (ASZ) eine entscheidende Rolle bei der Bildung neuer Adipozyten spielt. Adipozyten mit multilokulärem Lipidgehalt, ein morphologisches Merkmal, das mit Neoadipogenese assoziiert wird, wurden ausschließlich im Lipödem-Fettgewebe beobachtet. Schließlich wurden mehrere Nicht-Fettzellpopulationen, darunter Mastzellen, Myofibroblasten und Telocyten, in Lipödemproben häufiger nachgewiesen als in Kontrollproben. Die funktionelle Bedeutung dieser „akzessorischen” Zelltypen im pathologischen Bild des Lipödems ist noch unbekannt, könnte aber durchaus mit dem Auftreten von Schmerzen und Entzündungsprozessen in Verbindung stehen.
Pathogenese von Lipödem: Conclusio
Die Ergebnisse unserer Studien tragen zum Verständnis der pathologischen Veränderungen des Lipödem-Fettgewebes bei. Die vielfach angenommene Hypertrophie von Lipödem-Adipozyten scheint einen wesentlich geringeren Anteil an der Fettgewebe-Akkumulierung im Lipödem zu haben, wie bisher angenommen. Dagegen scheint die Stroma-/Septa-Kontaktzone im Lipödem-Fettgewebe ein „Hotspot” für abnorme Neoadipogenese zu sein, wodurch einer möglichen Hyperplasie eine wesentlich größere Bedeutung für die Pathogenese des Lipödems zukommen könnte.
Literatur
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Poojari A et al. Lipedema: insights into morphology, pathophysiology, and challenges. Biomedicines. 2022;10(12).
Faerber G et al. S2k guideline lipedema. J Dtsch Dermatol Ges. 2024;22(9):1303–15.
Kamamoto F et al. Lipedema: exploring pathophysiology and treatment strategies – state of the art. J Vasc Bras. 2024;23:e20240025.
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Paolacci S et al. Genetics of lipedema: new perspectives on genetic research and molecular diagnoses. Eur Rev Med Pharmacol Sci. 2019;23(13):5581–94.
Autoren
M. Steiner1, E. Russe2, A-T. Lipp3, H. Bauer1 1 Paris Lodron Universität Salzburg, Naturwissenschaftliche Fakultät, Salzburg, Österreich 2 Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Abteilung für Plastische und Ästhetische Chirurgie, Salzburg, Österreich 3 PANTEA Privatpraxis für Plastische & Ästhetische Chirurgie und Lipödem-Chirurgie, München, Deutschland
Korrespondenzadresse Marianne Fliesser-Steiner (BSc.) Paris Lodron Universität Salzburg Hellbrunner Straße 34 5020 Salzburg Österreich marianne.fliesser-steiner(at)plus.ac.at
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