Migräne: Neue S1-Leitlinie erweitert das Therapiespektrum
Zum Kopfschmerztag 2025 stellten die DGN und DMKG die aktualisierte Leitlinie zur Migränetherapie vor. Sie umfasst neue Ansätze für Akut- und Prophylaxetherapie – von CGRP-Antikörpern bis zu nichtmedikamentösen Verfahren – und eröffnet Betroffenen wirksame Behandlungsoptionen.
Am Kopfschmerztag 2025 publizierten die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) die vollständig überarbeitete S1-Leitlinie „Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne“1. Zeitgleich erschien die Patientenleitlinie „Migräne“ der Deutschen Hirnstiftung.
Die Neubearbeitung spiegelt die Dynamik der Kopfschmerzforschung wider und umfasst sowohl medikamentöse als auch nichtmedikamentöse Optionen. Neben der DGN und DMKG waren an der Erstellung auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), die Österreichische Kopfschmerzgesellschaft (ÖKSG) und die Schweizerische Kopfwehgesellschaft (SKG) beteiligt.
„Wie sich zeigte, hat sich das Therapiespektrum in den vergangenen Jahren stark erweitert, so dass es für nahezu alle Betroffenen Behandlungsmöglichkeiten gibt“
- Prof. Hans-Christoph Diener, federführender Autor der Leitlinie
Akuttherapie bei Migräne: Triptane und neue Optionen
Für die Behandlung akuter Migräneattacken gelten Triptane weiterhin als Standard. Besonders wirksam sind Eletriptan, Rizatriptan und Sumatriptan. Darüber hinaus zeigt die Fixkombination aus Sumatriptan und Naproxen eine höhere Effektivität als die Monotherapie mit den jeweiligen Einzelsubstanzen.
Triptane sind jedoch bei Patientinnen und Patienten mit koronarer Herzkrankheit, vorausgegangenem Myokardinfarkt, Schlaganfall, weiteren Gefäßerkrankungen oder unkontrollierter arterieller Hypertonie kontraindiziert. Für diese Gruppe stehen inzwischen sichere Alternativen bereit: Lasmiditan, ein Serotonin-1F-Rezeptoragonist ohne vasokonstriktive Wirkung, sowie Rimegepant, ein CGRP-Rezeptorantagonist. Rimegepant ist in Deutschland als erstes Gepant für die Akuttherapie zugelassen. Beide Substanzen sind wirksam und gut verträglich.
Migräneprophylaxe: Bewährte Substanzen und neue Wirkstoffe
Für die Migräneprophylaxe stehen weiterhin bewährte Wirkstoffe wie Betablocker, Flunarizin, Amitriptylin und Topiramat zur Verfügung. Bei chronischer Migräne bleibt Onabotulinumtoxin A ein etabliertes Verfahren.
Besonders dynamisch entwickelt hat sich jedoch das Feld der CGRP-gerichteten Therapien. Monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor sind bei episodischer wie chronischer Migräne hochwirksam und besitzen zudem ein günstiges Verträglichkeitsprofil. Sie werden in monatlichen oder quartalsweisen Abständen appliziert. Seit Kurzem erweitern auch orale Gepante das prophylaktische Spektrum. Nach Einschätzung der Leitlinienautoren sollten beide Substanzgruppen aus pathophysiologischen Gründen allerdings nicht bei Patientinnen und Patienten mit vaskulären Risiken eingesetzt werden. In diesen Fällen bleiben Topiramat oder Onabotulinumtoxin A wichtige Alternativen.
Nichtmedikamentöse Verfahren bei Migräne
Die Leitlinie betont, dass eine optimale Migränetherapie aus einer Kombination pharmakologischer und nichtpharmakologischer Maßnahmen besteht. Evidenz liegt für die Remote Electrical Neuromodulation (REN) sowie die externe transkutane Stimulation des N. trigeminus im supraorbitalen Bereich vor. Beide Verfahren können sowohl in der Akuttherapie als auch in der Prophylaxe wirksam sein, sind derzeit jedoch keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen.
Von zentraler Bedeutung bleibt zudem die Lebensstilmodifikation. Regelmäßiger Ausdauersport, ergänzt durch Krafttraining, Entspannungsverfahren, Stressbewältigung sowie Schlaf- und Ernährungshygiene, tragen wesentlich zur Prophylaxe bei. In der Praxis werden diese Basismaßnahmen jedoch häufig unzureichend umgesetzt. Viele Betroffene bevorzugen eine medikamentöse Therapie, obwohl die Kombination medikamentöser und nichtmedikamentöser Verfahren den größten Effekt erzielt.
„Eine wirksame und kostengünstige Möglichkeit der Anfallsprophylaxe ist Ausdauersport. Sportliche Betätigung sollte ein ‚Muss‘ für alle Migränepatientinnen und -patienten sein.“
– Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN
Klinischer Hintergrund: Prävalenz und Symptome der Migräne
Migräne gehört zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Die 1-Jahres-Prävalenz liegt bei 10 bis 15 %, am höchsten zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr. Frauen sind bis zu dreimal häufiger betroffen als Männer. Migräne zählt zudem zu den zehn häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland und kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen2. Typische Symptome sind anfallsartige Kopfschmerzen, häufig begleitet von Übelkeit sowie Licht- und Geräuschempfindlichkeit.
1 Diener HC, Förderreuther S, Kropp P, Reuter U, et al. Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. S1-Leitlinie. Deutsche Gesellschaft für Neurologie und Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft; 2025. Verfügbar unter: www.dgn.org/leitlinien
2 AOK Fehlzeiten-Report 2024. Abrufbar unter: https://www.aok.de/pp/gg/daten-und-analysen/fehlzeiten-report
Quelle: Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)