Auslaufmodell Mann und Frau?
Wenn Geschlechtsunterschiede im Verhalten und Denken existieren, wo sind sie zu finden? Unter anderem dieser Frage geht Prof. Dr. Lutz Jäncke in seinem neuen Buch aus der Perspektive des Neurowissenschaftlers nach. Ein Interview zum Thema Geschlechtsidentität anlässlich der Buchveröffentlichung.
Menschen leben nicht einfach ihr biologisches Geschlecht, sie erleben es, und das Erleben ist neurobiologisch real, sagt Jäncke. Wir haben den Autor des Buches „Mann und Frau – ein Auslaufmodell?“ um ein Interview zum Thema Geschlechtsidentität gebeten.
Herr Jäncke, was macht eine Unterscheidung männlich/weiblich/divers in unserer Zeit aktuell – und warum ist es (auch für das Gehirn) eine „alte Frage“?
Prof. Jäncke: Aus dem Blickwinkel der Biologie ist die Fortpflanzung der ultimative Zweck des Lebens. Wir vergessen gerne, dass wir biologische Wesen sind, die sich im Zuge der Evolution aus gemeinsamen Vorfahren der Affen entwickelt haben. Damit sich eine Art erhalten kann, müssen Mechanismen vorhanden sein, welche die Fortpflanzung ermöglichen und vor allen Dingen sichern. Dazu gehören zwei Typen von Keimzellen: große, unbewegliche Eizellen und kleine, bewegliche Spermien. Diese fundamentale Binarität bildet die Grundlage der biologischen Geschlechtsunterscheidung. Bei rund 99 % der Menschen lassen sich auf dieser Basis eindeutige Zuordnungen treffen. Dies ist eine Tatsache, die nicht gesellschaftlich „erfunden“, sondern funktional begründet ist.
Doch im Zuge der Menschheitsentwicklung haben sich nicht nur der Körper, sondern insbesondere das Gehirn und damit auch unser Denken, Handeln und Fühlen verändert. Das menschliche Gehirn ist ein im Tierreich einzigartiges Organ. Aufgrund seiner enormen neuronalen Dichte besitzt es die herausragende Fähigkeit zur Interpretation, Kreativität und Simulation. Es erschafft Kulturen, Narrative, Moralsysteme und mit ihnen auch Vorstellungen von Identität, Körper und Zugehörigkeit. Was aus biologischer Perspektive eindeutig erscheinen mag, wird durch das Gehirn subjektiv interpretiert und eingeordnet. Das Gehirn strebt nach Ordnung und Stabilität. Es meidet Chaos, indem es durch Interpretation Sinn stiftet. Es erzeugt eine (subjektive) Wirklichkeit, statt sie einfach nur abzubilden.
Um menschliches Erleben umfassend zu verstehen, braucht es daher zwei Perspektiven: die Dritte-Person-Perspektive, also die objektive Außenansicht durch biologische, medizinische oder wissenschaftliche Beschreibung, und die Erste-Person-Perspektive, das subjektive Erleben von Identität, Emotion, Körperlichkeit.
Diese beiden Perspektiven (objektiv und subjektiv) stehen nicht im Widerspruch, sondern beschreiben verschiedene Ebenen menschlicher Realität. Sie sind komplementär zueinander. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die heutige Diskussion um das biologische und subjektive Geschlecht.
Aus biologischer Sicht (dritte Person) existieren zwei Fortpflanzungssysteme mit entsprechenden Keimzellen – im Englischen als „Sex“ bezeichnet. Doch das erlebte Geschlecht („Gender“) entstammt der Ersten-Person-Perspektive. Es entsteht im Gehirn nicht als Einbildung, sondern als genuine Folge neuronaler Verarbeitung, als Ergebnis eines subjektiven Interpretationsprozesses.
Dass sich Menschen nicht mit dem ihnen zugewiesenen biologischen Geschlecht identifizieren, ist also nicht zwingend ein pathologisches Zeichen, sondern Ausdruck einer interpretierten Realität. Das gleiche Gehirn, das Sprache, Religion, Musik und Moral erschafft, kann auch vielfältige Formen von Geschlechtsidentität erzeugen: „divers“, „nicht-binär“, „zwischen den Geschlechtern“.
Diese Vielfalt ist Ausdruck neuronaler Plastizität, kontextsensibler Wahrnehmung und kultureller Lernfähigkeit. Dass nicht jede subjektive Sichtweise automatisch sinnvoll, rational oder gar überlebensrelevant ist, versteht sich dabei von selbst. Aber sie ist real, weil sie erlebt wird.
Was macht diese Frage heute so aktuell? In einer Zeit, in der individuelle Selbstbestimmung, gesellschaftliche Anerkennung und rechtliche Gleichstellung zunehmend an Bedeutung gewinnen, rückt auch das subjektive Erleben von Geschlecht stärker ins Zentrum.
Menschen fordern ein, in ihrer Selbstwahrnehmung ernst genommen zu werden. Gleichzeitig müssen Gesellschaften lernen, zwischen biologischer Funktionalität und psychischer Identität zu unterscheiden, und Wege finden, beide Perspektiven konstruktiv miteinander zu verbinden.
Die Frage nach biologischen Geschlechtsunterschieden ist sicherlich so alt wie die Menschheit. Sie hat mit der Bedeutungszunahme des subjektiven Geschlechts eine neue Kraft gewonnen, welche den Diskurs in unseren Gesellschaftssystemen beeinflusst. Das erleichtert die Diskussion nicht – ist aber sehr menschlich.
Was sagt unser Gehirn: Müssen wir uns immer neu entscheiden, entweder zu sammeln oder zu jagen?
Prof. Jäncke: Diese Frage ist natürlich von der nahezu klischeehaften Steinzeitidylle geprägt, dass der Mann der Jäger und die Frau die Sammlerin war. Keiner weiß, wie unsere Urgeschichte wirklich aussah, aber es gab wahrscheinlich Rollenverteilungen, die sich an biologischen Merkmalen orientierten: Männer jagten eher, Frauen sammelten eher, nicht aus Zwang, sondern aus pragmatischen Gründen, etwa durch Schwangerschaft, Stillzeit oder körperliche Kraft bedingt.
Für die moderne Welt hat diese Vorstellung keine große Bedeutung mehr, um das Verhalten des modernen Menschen in den Industrienationen zu erklären. Die moderne Welt verlangt ohnehin von allen Menschen, flexibel zu sein. Das biologische Geschlecht spielt hier kaum noch eine Rolle; entscheidend ist, welche Denkstile gefördert, erlaubt und anerkannt werden.
Ich betrachte dieses Spannungsfeld als Spiegel unserer Kulturfähigkeit: Unser Gehirn kann sich nicht nur an neue Umwelten anpassen, sondern auch an neue soziale Rollen, auch wenn diese früher auf andere Art verteilt waren. Das ist nicht nur möglich, sondern eine der größten Stärken unseres Denkorgans.
Geschlechtsidentität – Mann und Frau?
Welche biologischen, sozialen und psychologischen Faktoren spielen bei den Geschlechtsunterschieden eine entscheidende Rolle?
Prof. Jäncke: Die biologische Komponente ist klar: Es gibt zwei Keimzelltypen, zwei chromosomale Hauptmuster (XX und XY), geschlechtstypische Hormonprofile und bestimmte Unterschiede im Körperbau und Gehirn. Das erklärt – zumindest teilweise – Unterschiede in Aggression, räumlichem Denken oder einigen anderen Verhaltensaspekten. Aber: Diese Effekte sind statistisch, nicht absolut. Sie sagen wenig über das Individuum und gar nichts über dessen Selbstwahrnehmung aus.
Denn genau hier kommt die psychologische und kulturelle Ebene ins Spiel. Menschen leben nicht einfach ihr biologisches Geschlecht, sie erleben es, und das Erleben ist neurobiologisch real. Die Erste-Person-Perspektive, also das subjektive Gefühl von „Ich bin Mann/Frau/divers“, ist ein Resultat neuronaler Selbstrepräsentation. Und diese Repräsentation ist formbar.
Das Gehirn verändert sich mit Erfahrung, Erziehung, Sprache und sozialer Anerkennung und entwickelt neuronale Muster, die dieses Selbstbild stabilisieren. Daraus ergeben sich Unterschiede, die man nicht mehr durch Biologie allein erklären kann.
Unsere Fähigkeit, Kultur zu erschaffen und zu leben, bedeutet auch: Wir können Lebensformen entwickeln, die mit biologischen Ursprüngen nur noch lose verbunden sind und trotzdem Sinn stiften. Das Gehirn ist dabei kein Hindernis, sondern die Voraussetzung dieser Freiheit. Es kann widersprüchliche Rollen integrieren, neue Identitäten erzeugen, alte Muster hinterfragen. Und genau das tun immer mehr Menschen – nicht trotz, sondern wegen ihrer neuronalen Architektur.
Zukunft von Mann und Frau?
Prof. Jäncke: Ich hatte bereits erwähnt, dass wir Menschen Tiere sind, die in enger Verwandtschaft insbesondere zu den Schimpansen und Bonobos stehen. Wir teilen mit ihnen eine Reihe von grundlegenden Instinkten. Dazu gehört auch der Drang zur Fortpflanzung, der im Wesentlichen aus der Freude am Sex genährt wird. Dass zwei Fortpflanzungspartner zueinanderfinden, ist in der Natur kein Akt logischer Gedankenketten, sondern passiert aufgrund von biologischen Signalen, die spezifische Verhaltensmuster bei den Geschlechtern auslösen.
Die Frage ist, ob wir in der Zukunft überhaupt noch für unsere Fortpflanzung Mann und Frau benötigen, oder wird sich die Sexualität komplett aus unserem Verhaltensmuster lösen und unabhängig von der Fortpflanzung werden? Dann müsste man die Fortpflanzung z. B. künstlich aus dem Menschen auslagern. Technisch wird das sicherlich möglich sein. Übrig bliebe dann die Sexualität, die man allerdings auch anders als auf biologisch vorgebahnten Wegen ausleben könnte. Aber das sind spekulative Gedanken, über die es reizvoll ist, ernsthaft nachzudenken.
Vielen Dank für das Interview.
Prof. Dr. Lutz Jäncke