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Onkologie, Medizin, Urologie Urologie Urologie, Onkologie
Radioonkologie

Stellenwert der Radiotherapie beim Prostatakarzinom nimmt zu

Prof. Dirk Vordermark, Universitätsmedizin Halle, ist neu gewählter Präsident der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO). In einem Interview berichtet er über Entwicklungen und anstehende Herausforderungen des Faches sowie über den Stellenwert der Radiotherapie in der Onkologie – insbesondere auch als Primärtherapie, wie z. B. beim Prostatakarzinom.


02.10.2025
D. Vordermark
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Experte
Prof. Dirk Vordermark

Prof. Dr. med. Dirk Vordermark

Universitätsmedizin Halle/Saale

Universitätsklinik und Poliklinik für Strahlentherapie

Welchen Stellenwert hat heute die Radio­onkologie in der Krebstherapie?

Prof. Vordermark: Sie ist ein zentraler Player in der interdisziplinären Krebstherapie. Wir lehren schon in der Vorlesung, dass es drei Säulen der Krebstherapie gibt: die Operation, die medikamentöse Therapie und die Strahlentherapie. Und der Stellenwert der Radiotherapie nimmt weiter zu: Zum einen gibt es mehr Tumorerkrankungen, bei denen sie zunehmend auch als Primärtherapie infrage kommt. Zum anderen gewinnt sie aufgrund des demografischen Wandels an Bedeutung, weil auch Krebspatientinnen und -patienten bei Erstdiagnose älter sind: Das mittlere Alter von Menschen mit Tumorleiden ist in Deutschland bei Diagnose­stellung schon ca. 70 Jahre. Daher gibt es immer mehr Betroffene, für die eine Operation aufgrund ihres Allgemeinzustands nicht mehr infrage kommt. Hinzu kommt, dass es sich bei der Strahlentherapie um eine organerhaltende Methode handelt. Das ist ein großer Vorteil der Therapie. Die Strahlentherapie wird also sehr breit eingesetzt, sowohl bei der kurativen als auch bei der palliativen Behandlung.

Was sind aus Ihrer Sicht die weg­weisenden Fortschritte in der Strahlentherapie?

Prof. Vordermark: Unser Fach ist schon immer ein Hightech-Fach gewesen, hat sich aber gerade in jüngster Zeit sehr dynamisch weiterentwickelt. Die Bestrahlungsplanungssoftware arbeitet beispielsweise längst mit künstlicher Intelligenz, was die Bestrahlungsplanung schneller und zuverlässiger macht. Auch die Weiterentwicklung der Bestrahlungstechnik geht rasant vonstatten, wobei es sich hier stets um zwei Aspekte handelt: um eine bessere Wirksamkeit, also bessere Tumorkontrolle und höhere Heilungschancen, und um weniger Nebenwirkungen, also die bessere Schonung der gesunden Organe und Gewebe. An beiden Stellschrauben wurde in den vergangenen Jahren viel erreicht, die Therapie ist insgesamt wirksamer und nebenwirkungsärmer geworden.

Welche Herausforderungen sehen Sie für die Radioonkologie in der Zukunft?

Prof. Vordermark: Eine große Herausforderung ist sicher, dass unser Gesundheitssystem im Wandel begriffen ist. Zum einen gibt es die Krankenhausstrukturreform, zum anderen ist auch in der ambulanten Versorgung vieles im Umbruch. Das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen, ist, dass wir einerseits eine hoch spezialisierte Therapie anbieten möchten, andererseits aber auch die Menschen in der Fläche versorgen müssen. In anderen Ländern ist die Strahlentherapie sehr zentralisiert und auch wir brauchen wissenschaftlich gut aufgestellte Exzellenzzentren, gerade für komplexe und seltene Tumorerkrankungen.

Darüber hinaus müssen wir aber ebenfalls sicherstellen, dass die vielen Patientinnen mit Brustkrebs oder Patienten mit Prostatakrebs wohnortnah gemäß dem neuesten Stand der Forschung versorgt werden. Das ist in Deutschland durch die Zertifizierung von Krebszentren gewährleistet. Diese Versorgung vor Ort ist für viele häufige Tumorarten sehr sinnvoll, aber für seltenere Erkrankungen mit dem Bedarf für spezialisierte Therapieangebote ist es wichtig, dass die Patientinnen und Patienten über ein entsprechendes Netzwerk zeitnah in ein großes, z. B. universitäres Zentrum weitergeleitet werden. Das gelingt letzten Endes nur durch entsprechende Netzwerke und Kooperationen – und es ist eine wichtige Aufgabe der DEGRO, diese Strukturen mitzugestalten. Damit ist für alle Patientinnen und Patienten eine optimale Versorgung gesichert und wir müssen darauf achten, dass wir diese nicht im Zuge der Strukturreformen aufs Spiel setzen.

Wie stellen Sie sicher, dass Patientinnen und Patienten in den Fällen, in denen die Strahlentherapie eine gleichwertige Alternative zu einer anderen Therapieform darstellt, darüber gleichwertig aufgeklärt werden?

Prof. Vordermark: Zu allen S3-Leitlinien von der Deutschen Krebsgesellschaft gibt es auch Patientenleitlinien. Sie sind eine ganz wichtige Informationsquelle für Betroffene und beschreiben die möglichen Therapie­wege. Darüber hinaus handelt es sich bei den durch die Krebsgesellschaft zertifizierten Tumorzentren um interdisziplinäre Krebszentren, in denen Ärztinnen und Ärzte verschiedener Disziplinen gemeinsam den für die Patientin/den Patienten individuell besten Therapieweg festlegen sollten.

Doch nicht überall erfolgt auch die anfängliche Patientenaufklärung interdisziplinär, was aus unserer Sicht sinnvoll wäre, wenn die Leitlinie zwei Behandlungswege als gleichwertig einstuft, wie das z. B. bei Prostata­krebs der Fall ist. Die Diagnose wird durch die urologischen Kolleginnen und Kollegen gestellt und die urologische Therapie ist die Prostatektomie, die chirurgische Entfernung der Prostata. Und natürlich ist es schwierig, über die Vor- und Nachteile einer Behandlung, die man nicht selbst durchführt, gleichwertig zu informieren.

Ideal wäre daher aus unserer Sicht eine interdisziplinäre Sprechstunde, bei der Vertreterinnen und Vertreter beider Fächer die Betroffenen gemeinsam beraten. Außer bei Prostatatumoren wäre das auch bei Blasen- oder einigen Lungentumoren sinnvoll. Hinzu kommt, dass es für Patientinnen und Patienten sehr viel einfacher wäre, wenn ihr Therapieweg im offenen Austausch und anschließenden Konsens mit den verschiedenen Fachrichtungen festgelegt würde, als wenn sie nach der Beratung durch die eine Fachrichtung proaktiv einen Termin bei der zweiten organisieren müssen und sie das Gefühl haben, dieser Schritt könne das Verhältnis mit dem Erstberatenden stören. Die Betroffenen sind durch die Diagnose bereits genug belastet, sie sollten einen einfachen Zugang zu einer möglichst interdisziplinär aufgestellten Patientenberatung haben!

Vielen Dank für das Gespräch!

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e. V.