Welchen Stellenwert hat heute die Radioonkologie in der Krebstherapie?
Prof. Vordermark: Sie ist ein zentraler Player in der interdisziplinären Krebstherapie. Wir lehren schon in der Vorlesung, dass es drei Säulen der Krebstherapie gibt: die Operation, die medikamentöse Therapie und die Strahlentherapie. Und der Stellenwert der Radiotherapie nimmt weiter zu: Zum einen gibt es mehr Tumorerkrankungen, bei denen sie zunehmend auch als Primärtherapie infrage kommt. Zum anderen gewinnt sie aufgrund des demografischen Wandels an Bedeutung, weil auch Krebspatientinnen und -patienten bei Erstdiagnose älter sind: Das mittlere Alter von Menschen mit Tumorleiden ist in Deutschland bei Diagnosestellung schon ca. 70 Jahre. Daher gibt es immer mehr Betroffene, für die eine Operation aufgrund ihres Allgemeinzustands nicht mehr infrage kommt. Hinzu kommt, dass es sich bei der Strahlentherapie um eine organerhaltende Methode handelt. Das ist ein großer Vorteil der Therapie. Die Strahlentherapie wird also sehr breit eingesetzt, sowohl bei der kurativen als auch bei der palliativen Behandlung.
Was sind aus Ihrer Sicht die wegweisenden Fortschritte in der Strahlentherapie?
Prof. Vordermark: Unser Fach ist schon immer ein Hightech-Fach gewesen, hat sich aber gerade in jüngster Zeit sehr dynamisch weiterentwickelt. Die Bestrahlungsplanungssoftware arbeitet beispielsweise längst mit künstlicher Intelligenz, was die Bestrahlungsplanung schneller und zuverlässiger macht. Auch die Weiterentwicklung der Bestrahlungstechnik geht rasant vonstatten, wobei es sich hier stets um zwei Aspekte handelt: um eine bessere Wirksamkeit, also bessere Tumorkontrolle und höhere Heilungschancen, und um weniger Nebenwirkungen, also die bessere Schonung der gesunden Organe und Gewebe. An beiden Stellschrauben wurde in den vergangenen Jahren viel erreicht, die Therapie ist insgesamt wirksamer und nebenwirkungsärmer geworden.
Welche Herausforderungen sehen Sie für die Radioonkologie in der Zukunft?
Prof. Vordermark: Eine große Herausforderung ist sicher, dass unser Gesundheitssystem im Wandel begriffen ist. Zum einen gibt es die Krankenhausstrukturreform, zum anderen ist auch in der ambulanten Versorgung vieles im Umbruch. Das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen, ist, dass wir einerseits eine hoch spezialisierte Therapie anbieten möchten, andererseits aber auch die Menschen in der Fläche versorgen müssen. In anderen Ländern ist die Strahlentherapie sehr zentralisiert und auch wir brauchen wissenschaftlich gut aufgestellte Exzellenzzentren, gerade für komplexe und seltene Tumorerkrankungen.