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Frauen & Medizin, Politik Allgemein- & Innere Medizin, Dermatologie, Gefäßmedizin, Gynäkologie, Neurologie, Orthopädie, Pädiatrie, Urologie Frauen und Medizin
Fachgesellschaften

Ungleichgewicht in Führungspositionen

Frauen nehmen einen immer größeren Anteil im Medizinstudium und in der medizinischen Praxis ein. In Führungspositionen medizinischer Fachgesellschaften bleiben Sie aber weiterhin unterrepräsentiert. Das gilt zum einen für Deutschland, doch im Rest Europas und den USA sieht es nicht anders aus. 


23.10.2025
A. Rosué
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Die Bundesärztekammer meldet in ihrer Ärztestatistik für das Jahr 2024 218.878 berufstätige Ärztinnen in Deutschland. Das sind über die Hälfte der gesamten berufstätigen Ärzteschaft (50,1%). (1) Der Frauenanteil unter Medizinstudierenden in Deutschland liegt sogar noch höher: Für das Jahr 2024 sind es 64,86 %. (2) Der Anstieg des Frauenanteils in Medizinstudium und berufstätiger Ärzteschaft lässt sich schon mehrere Jahre beobachten. Doch diese Entwicklung spiegelt sich bislang unzureichend in den Führungsstrukturen medizinischer Fachgesellschaften wider, bestätigen Forschende der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).

Frauenanteil in Führungspositionen: Ergebnisse einer aktuellen Analyse

Eine aktuelle Untersuchung von 183 medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland, die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zeigt das bestehende Ungleichgewicht der Geschlechterverteilung: 

Zum Erhebungszeitpunkt..

  • ... sind nur 32,6 % der gezählten 1.460 Vorstandsmitglieder Frauen
  • ... werden nur 47 Fachgesellschaften (25,7 %) von einer Präsidentin geführt
  • ... liegt der Frauenanteil der Vizepräsidentschaft bei 39,3 %
  • ... haben lediglich 21,3 % der Fachgesellschaften einen Frauenanteil in den Vorständen von mindestens 50 %.

Internationale Perspektive

Auch auf europäischer Ebene und in den USA zeigt sich ein ähnliches Muster. Eine Analyse von Präsidentschaften medizinischer Fachgesellschaften über die letzten 50 Jahre verdeutlicht eine verzögerte Veränderung: (4)

  • In den 1970er-Jahren lag der Frauenanteil in der Führungsebene europäischer Fachgesellschaften der Medizin nahezu bei 0% (in den USA 4%).
  • In der letzten Dekade steigt der Prozentsatz an Gesamtjahren weiblicher Präsidentschaft in medizinischen Fachgesellschaften in den USA immerhin auf 32 %, in Europa sogar auf 40 %, bleibt jedoch weiterhin unter dem eigentlichen Repräsentationsbedarf
  • In spezifischen Fachrichtungen wie der Kardiologie bleibt er weiterhin besonders niedrig (USA: 22 %, Europa: 10 %).
  • Doch auch in frauendominierten Fachrichtungen, wie der Dermatologie (5), Gynäkologie und Pädiatrie, hat sich der Prozentsatz über die letzten 50 Jahre nicht ausgeglichen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Führungsebene von Universitätsklinika, Vorständen und Gremien, Editorial Boards medizinischer Fachzeitschriften und auch Rednerinnen auf Fachtagungen sind unterrepräsentiert. (3)

Ursachen für das Ungleichgewicht auf Führungsebene

Obwohl der Frauenanteil in der Medizin stetig zunimmt, bleiben Spitzenpositionen oft durch männliche Kollegen besetzt, so auch in den medizinischen Fachgesellschaften. Mit zunehmender Hierarchie-Ebene nimmt die weibliche Repräsentation stark ab – ein sogenanntes „leaky pipeline“-Phänomen und global beobachtetes Muster. Doch woher kommt die unausgewogene Geschlechter-Balance? Mal abgesehen davon, dass sich Frauen im heutigen Deutschland erst mit Beginn des 20 Jahrhunderts das Recht auf einen Platz im universitären Medizinstudium erkämpfen konnten, erschweren ihnen auch heutige gesellschaftliche Strukturen noch vielerorts den Karriereaufstieg. 

Als mögliche Ursachen für ein Ungleichgewicht in den Führungspositionen der medizinischen Fachgesellschaften nennen die Forschenden der DIVI demnach unter anderem folgende: (2) 

  • Hierarchische und traditionell männlich geprägte Strukturen, deren Ausgestaltung und Auswahlverfahren intransparent bleiben und die bestehenden, männlich dominierten Netzwerke begünstigen.
  • Unflexible Arbeitszeiten, denen nur Personen nachkommen können, die zuhause nicht noch zusätzlich Familie- und Sorgearbeit übernehmen müssen.
  • Rollenbilder und gesellschaftliche Erwartungen, die eben diese Familie- und Sorgearbeit Frauen zuschreiben und sie deshalb seltener für Führungspositionen vorschlagen oder wählen.
  • Fehlende weibliche Vorbilder in Führungspositionen, die als Mentorinnen dienen könnten.
  • Die bestehenden Hürden und zusätzliche Belastungen nehmen ebenfalls Einfluss auf die persönlichen Ambitionen.

Konsequenzen eines unausgeglichenen Frauenanteils in Führungspositionen

Die Führungsebene medizinischer Fachgesellschaften bestimmt nicht nur die strategische Ausrichtung, sondern trifft auch Entscheidungen zu Prioritäten, Themen, und Forschungsförderung. Diese Entscheidungen haben oftmals weitreichenden Folgen für die medizinische Praxis und Weiterentwicklung des jeweiligen Fachgebiets. Die maßgebliche Beteiligung der Führungsebene an der Gestaltung von Richtlinien und Standards sollte auf einer ausgewogenen Repräsentation der berufstätigen Ärzteschaft beruhen. Da diese jedoch zur Hälfte aus Frauen besteht, entspricht das momentane Verhältnis nicht der Realität. Dies bedeutet, dass weibliche Perspektiven in diesen Entscheidungsprozessen unzureichend berücksichtigt und in Entscheidungen vertreten werden. Eine stärkere Einbindung von Ärztinnen in Führungspositionen könnte dazu beitragen, die Vielfalt der Erfahrungen abzubilden und neue Impulse für die Weiterentwicklung medizinischer Politik und Praxis zu setzen.

 Strategien für Veränderung 

Die Forschenden der DIVI schlagen den Fachgesellschaften verschiedene Steuerungsmöglichkeiten vor, die zur Förderung ausgewogener Geschlechter-Verhältnisse beitragen und so den oben genannten Konsequenzen entgegenwirken können. Dabei bedarf es eines breiten Maßnahmenpakets, das mehrere Ebenen umfasst: (2)

  • Nachwuchs-, Peer- und Mentoringprogramme, die Ärztinnen, Berufsanfängerinnen und Studentinnen gezielt fördern und beim Aufbau von Netzwerken unterstützen (z.B. in Form individueller Karriere-Entwicklung, oder auch projektbezogener Kooperationen).
  • Maßnahmen priorisierendie es Frauen ermöglichen, ihre Karriere entsprechend ihrer beruflichen oder wissenschaftlichen Leistung weiterzuentwickeln.
  • Bewusste Repräsentation auf Kongressen, z.B. durch gezielte Einladungen an fachlich qualifizierte Referentinnen, oder Ausschreibungen für Forschungsarbeiten mit besonderer Beteiligung von Nachwuchs-Fachkräften.
  • Anerkennung und Sichtbarkeit durch Preise, Auszeichnungen und Ehrungen. Beispielsweise könnten Ehren-Preise, die häufig besonders langjährigen Mitgliedern in Führungspositionen zuteilwerden, auch kurzfristiger an Personen vergeben werden, die sich in besonderem Maße für die Fachgesellschaft engagiert haben.
  • Neuausrichtung der Auswahlkriterien für Gremienbesetzungen, die stärker auf spezifischen Kompetenzen der Fachperson und weniger auf Status und traditionelle Karrierewege achten.
  • Strategien zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie entwickeln – sicherlich auch für viele Väter eine willkommene Maßnahme.

Fazit: Geschlechtergerechtigkeit innovativ fördern

Obwohl sich der Anteil von Frauen in medizinischen Führungspositionen in den letzten Jahrzehnten verbessert hat, bleibt ein erhebliches Ungleichgewicht bestehen. Die Unterrepräsentation in Fachgesellschaften wirkt sich nicht nur auf die interne Struktur, sondern auch auf Forschungsprioritäten, Förderentscheidungen und die Entwicklung medizinischer Leitlinien aus.

Frauen machen heute den Großteil des medizinischen Nachwuchses aus – doch an der Spitze bleiben sie weiterhin eine Minderheit. Fachgesellschaften tragen daher eine besondere Verantwortung: Sie können und sollten zu Treibern eines Kulturwandels werden, der Geschlechtergerechtigkeit nicht nur fordert, sondern aktiv gestaltet.

ros

1 Bundesärztekammer (2025): Ärztestatistik zum 31. Dezember 2024.  https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Ueber_uns/Statistik/AErztestatistik_2024.pdf, zuletzt abgerufen am 04.11.2025. 

2 Statistisches Bundesamt (2025): Studierende insgesamt und Studierende Deutsche im Studienfach Medizin (Allgemein-Medizin) nach Geschlecht.  https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Tabellen/lrbil05.html#242500, zuletzt abgerufen am 04.11.2025. 

3 Janssens, U. et al (2025): Anteil von Frauen in Vorständen und Präsidien von 183 Fachgesellschaften der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/a-2618-0902.pdf, , zuletzt abgerufen am 04.11.2025. 

4 Menezes S. B. et al (2025): Trends of Representation of Women in Professional Medical Societal Leadership in the United States and Europe. https://www.jacc.org/doi/10.1016/j.jacadv.2024.101522, zuletzt abgerufen am 04.11.2025. 

5 Karol, D. L. et al. (2025): Gender disparity in dermatologic society leadership: A global perspective. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8484972/, zuletzt abgerufen am 04.11.2025. 

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