Ungleichgewicht in Führungspositionen
Frauen nehmen einen immer größeren Anteil im Medizinstudium und in der medizinischen Praxis ein. In Führungspositionen medizinischer Fachgesellschaften bleiben Sie aber weiterhin unterrepräsentiert. Das gilt zum einen für Deutschland, doch im Rest Europas und den USA sieht es nicht anders aus.
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Die Bundesärztekammer meldet in ihrer Ärztestatistik für das Jahr 2024 218.878 berufstätige Ärztinnen in Deutschland. Das sind über die Hälfte der gesamten berufstätigen Ärzteschaft (50,1%). (1) Der Frauenanteil unter Medizinstudierenden in Deutschland liegt sogar noch höher: Für das Jahr 2024 sind es 64,86 %. (2) Der Anstieg des Frauenanteils in Medizinstudium und berufstätiger Ärzteschaft lässt sich schon mehrere Jahre beobachten. Doch diese Entwicklung spiegelt sich bislang unzureichend in den Führungsstrukturen medizinischer Fachgesellschaften wider, bestätigen Forschende der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI).
Frauenanteil in Führungspositionen: Ergebnisse einer aktuellen Analyse
Eine aktuelle Untersuchung von 183 medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland, die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zeigt das bestehende Ungleichgewicht der Geschlechterverteilung:
Zum Erhebungszeitpunkt..
- ... sind nur 32,6 % der gezählten 1.460 Vorstandsmitglieder Frauen
- ... werden nur 47 Fachgesellschaften (25,7 %) von einer Präsidentin geführt
- ... liegt der Frauenanteil der Vizepräsidentschaft bei 39,3 %
- ... haben lediglich 21,3 % der Fachgesellschaften einen Frauenanteil in den Vorständen von mindestens 50 %.
Internationale Perspektive
Auch auf europäischer Ebene und in den USA zeigt sich ein ähnliches Muster. Eine Analyse von Präsidentschaften medizinischer Fachgesellschaften über die letzten 50 Jahre verdeutlicht eine verzögerte Veränderung: (4)
- In den 1970er-Jahren lag der Frauenanteil in der Führungsebene europäischer Fachgesellschaften der Medizin nahezu bei 0% (in den USA 4%).
- In der letzten Dekade steigt der Prozentsatz an Gesamtjahren weiblicher Präsidentschaft in medizinischen Fachgesellschaften in den USA immerhin auf 32 %, in Europa sogar auf 40 %, bleibt jedoch weiterhin unter dem eigentlichen Repräsentationsbedarf
- In spezifischen Fachrichtungen wie der Kardiologie bleibt er weiterhin besonders niedrig (USA: 22 %, Europa: 10 %).
- Doch auch in frauendominierten Fachrichtungen, wie der Dermatologie (5), Gynäkologie und Pädiatrie, hat sich der Prozentsatz über die letzten 50 Jahre nicht ausgeglichen.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Führungsebene von Universitätsklinika, Vorständen und Gremien, Editorial Boards medizinischer Fachzeitschriften und auch Rednerinnen auf Fachtagungen sind unterrepräsentiert. (3)
Konsequenzen eines unausgeglichenen Frauenanteils in Führungspositionen
Die Führungsebene medizinischer Fachgesellschaften bestimmt nicht nur die strategische Ausrichtung, sondern trifft auch Entscheidungen zu Prioritäten, Themen, und Forschungsförderung. Diese Entscheidungen haben oftmals weitreichenden Folgen für die medizinische Praxis und Weiterentwicklung des jeweiligen Fachgebiets. Die maßgebliche Beteiligung der Führungsebene an der Gestaltung von Richtlinien und Standards sollte auf einer ausgewogenen Repräsentation der berufstätigen Ärzteschaft beruhen. Da diese jedoch zur Hälfte aus Frauen besteht, entspricht das momentane Verhältnis nicht der Realität. Dies bedeutet, dass weibliche Perspektiven in diesen Entscheidungsprozessen unzureichend berücksichtigt und in Entscheidungen vertreten werden. Eine stärkere Einbindung von Ärztinnen in Führungspositionen könnte dazu beitragen, die Vielfalt der Erfahrungen abzubilden und neue Impulse für die Weiterentwicklung medizinischer Politik und Praxis zu setzen.
Fazit: Geschlechtergerechtigkeit innovativ fördern
Obwohl sich der Anteil von Frauen in medizinischen Führungspositionen in den letzten Jahrzehnten verbessert hat, bleibt ein erhebliches Ungleichgewicht bestehen. Die Unterrepräsentation in Fachgesellschaften wirkt sich nicht nur auf die interne Struktur, sondern auch auf Forschungsprioritäten, Förderentscheidungen und die Entwicklung medizinischer Leitlinien aus.
Frauen machen heute den Großteil des medizinischen Nachwuchses aus – doch an der Spitze bleiben sie weiterhin eine Minderheit. Fachgesellschaften tragen daher eine besondere Verantwortung: Sie können und sollten zu Treibern eines Kulturwandels werden, der Geschlechtergerechtigkeit nicht nur fordert, sondern aktiv gestaltet.
ros
1 Bundesärztekammer (2025): Ärztestatistik zum 31. Dezember 2024. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Ueber_uns/Statistik/AErztestatistik_2024.pdf, zuletzt abgerufen am 04.11.2025.
2 Statistisches Bundesamt (2025): Studierende insgesamt und Studierende Deutsche im Studienfach Medizin (Allgemein-Medizin) nach Geschlecht. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bildung-Forschung-Kultur/Hochschulen/Tabellen/lrbil05.html#242500, zuletzt abgerufen am 04.11.2025.
3 Janssens, U. et al (2025): Anteil von Frauen in Vorständen und Präsidien von 183 Fachgesellschaften der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/a-2618-0902.pdf, , zuletzt abgerufen am 04.11.2025.
4 Menezes S. B. et al (2025): Trends of Representation of Women in Professional Medical Societal Leadership in the United States and Europe. https://www.jacc.org/doi/10.1016/j.jacadv.2024.101522, zuletzt abgerufen am 04.11.2025.
5 Karol, D. L. et al. (2025): Gender disparity in dermatologic society leadership: A global perspective. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8484972/, zuletzt abgerufen am 04.11.2025.