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Angiologie, Dermatologie, Gefäßchirurgie, Gefäßmedizin, Medizin, Phlebologie Gefäßmedizin Gefäßmedizin, vasomed
vasomed 6/25

Was kann die Kompressionstherapie aus und von der Automobilindustrie lernen?

Auf den ersten Blick erscheinen Kompressionstherapie und Automobilindustrie als zwei grundverschiedene Bereiche – der eine medizinisch, der andere technisch und mobilitätsgetrieben. Doch bei genauerem Hinsehen ergeben sich überraschende Parallelen.


04.11.2025
S. Reich-Schupke
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Parallelen zeigen sich insbesondere in Bezug auf Individualisierung, Komfort, Benutzerfreundlichkeit und Digitalisierung. Was kann die moderne Kompression aus der Automobilwelt lernen? Beleuchtet werden die Aspekte Ergonomie, Nutzerzentrierung, Individualisierung, Sensorik und Feedbacksysteme, Wartung, Lebensdauer, Emotionalisierung und Imagepflege. 

Schlüsselwörter: Kompressionstherapie, Automobilindustrie, Individualisierung, Komfort, Benutzerfreundlichkeit, Digitalisierung

Kompressionstherapie und Automobilindustrie: Zwei Welten, ein gemeinsames Ziel

Die Kompressionstherapie gilt allein oder in Kombination mit anderen Verfahren als Basistherapie phlebologischer und lymphologischer Erkrankungen (4, 8). Darüber hinaus findet sie auch Einsatz bei posttraumatischen Versorgungen, in der Dermatologie, im Sport oder auf Reisen (1, 8). Auf den ersten Blick erscheinen Kompressionstherapie und Automobilindustrie als zwei grundverschiedene Bereiche – der eine medizinisch, der andere technisch und mobilitätsgetrieben. Doch bei genauerem Hinsehen ergeben sich überraschende Parallelen, insbesondere in Bezug auf Individualisierung, Komfort, Benutzerfreundlichkeit und Digitalisierung. Was kann die moderne Kompression also aus der Automobilwelt lernen?

1. Ergonomie & Nutzerzentrierung: Von passiv zu intuitiv

In der Automobilindustrie werden Fahrzeuge heute konsequent um den Nutzer herum gebaut – vom höhenverstellbaren Sitz über die sprachgesteuerte Navigation bis zur automatischen Klimaregelung. Ergonomie, Komfort und intuitive Bedienbarkeit stehen im Fokus.

Impuls für die Kompressionstherapie

Kompressionssysteme sollten nicht nur wirksam sein, sondern auch leicht anlegbar, bequem, atmungsaktiv, hautfreundlich und intuitiv nutzbar – auch für ältere oder eingeschränkte Personen. Adaptive Materialien, Klettsysteme, smarte Druckanzeige und ergonomische Designs können den Einstieg deutlich erleichtern (3, 5). 

In den letzten Jahren ist die Nutzerfreundlichkeit der Kompression bereits stark in den Vordergrund getreten und es wurden zunehmend einfacher zu handhabende Systeme entwickelt wie z. B. moderne Verbände, Strümpfe mit Reißverschluss oder adaptive Klettsysteme (MAK) (6, 9, 10). Die Zufriedenheit vieler Patientinnen und Patienten mit modernen Kompressionsstrümpfen ist bei adäquater Aufklärung und Schulung hoch (13). 

Dennoch bleibt insbesondere die korrekte Druckeinstellung bei Verbänden in der Entstauungsphase oft eine Herausforderung, für die smarte Druckanzeigen hilfreich sein könnten (6). Bei den Kompressionsstrümpfen ist im Alltag das Anziehen v. a. der erste Schwung über die Ferse eine besondere Schwierigkeit. Neue Kompressionsformen wie z. B. Strümpfe mit veränderter Fußstricktechnik und gemindertem Anpressdruck am Fuß in der Versorgung von Patienten mit Neuropathie und arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) haben gezeigt, dass sich das Anziehen im Vergleich zur „normalen“ Rundstrickversorgung deutlich erleichtern lässt (12). Vielleicht ließe sich diese Stricktechnik auch in anderen Strumpfsystemen umsetzen. 

2. Individualisierung: Maßgeschneidert statt Einheitsgröße

Ob Fahrwerk, Sitzheizung oder Innenraumbeleuchtung – Autos sind heute hochgradig konfigurierbar, je nach Nutzerbedürfnis und Lifestyle. 
 

Impuls für die Kompressionstherapie

Auch Kompressionslösungen können stark individualisiert werden:

  • Maßanfertigung per 3D-Scan
  • Auswahl an Farben, Texturen und Designs
  • Einarbeitung von individuellen Funk­tionszonen, Zusätzen, Abschlüssen oder Zehenöffnungen
  • Anpassung an individuelle Krankheitsverläufe (z. B. aktive Wundphase vs. Prophylaxe, frische Thrombose vs. Prophylaxe)

Viele dieser Optionen stehen heute bereits zur Verfügung, werden im Alltag aber leider doch nur wenig genutzt. Vielfach ist der Kompressionsstrumpf in Kompressionsklasse (KKL) 2 AG in Rundstrick noch immer Standard in der Versorgung, ungeachtet der Vielzahl an Möglichkeiten, die die moderne Kompressionstherapie bietet (9, 11). Hier wäre es wünschenswert, ein größeres Bewusstsein der Verordner und Versorger zu schaffen, um die ideale Kompression für den jeweiligen Patienten zu finden unter Berücksichtigung von phlebologischem Krankheitsbild, Begleiterkrankungen, Mobilität und persönlichen Möglichkeiten und Wünschen, die sich meist aus den Alltagsanforderungen ergeben (8). Ein Feuerwehrmann, der täglich bis zu 24 h in Sicherheitsschuhen unterwegs ist, braucht eine andere Versorgung als eine 85-jährige Frau, die ihren Alltag vornehmlich sitzend in häuslicher Umgebung verbringt. 

3. Sensorik & Feedbacksysteme: Smarte Systeme für bessere Kontrolle

Moderne Autos sind voller Sensorik – Reifendruckkontrolle, Spurhalteassistent, automatische Bremsassistenten. Der Fahrer wird aktiv unterstützt, aber bleibt im Mittelpunkt.

Impuls für die Kompressionstherapie

Künftige Kompressionssysteme könnten mit Drucksensoren ausgestattet sein, die über eine App Feedback zum richtigen Sitz geben – ähnlich wie ein Gurtwarner. Auch eine automatische Erinnerung an das Anlegen oder eine Verlaufsdokumentation wären denkbar. 

Wäre es nicht hilfreich, wenn die Kompression „Bescheid gibt“, wenn der Anpressdruck z. B. bei begleitender pAVK im Tagesverlauf zu hoch wird? Wünschenswert wäre auch eine Anzeige des Druckabfalls außerhalb des gewünschten therapeutischen Bereichs z. B. bei Umfangsminderung oder Abnutzung des Kompressionsmittels. Vielleicht könnte man sich auch eine Kontrolle der Kompression durch den Pflegedienst oder Arzt sparen, wenn man weiß, dass sie noch richtig sitzt. Vorstellbar wäre ein Kompressionssystem der Zukunft, das den täglichen Venendruck, das Beinvolumen, die Schrittzahl, die Hautfeuchte, das Temperaturprofil oder sogar die Wundheilung dokumentieren und ggf. an den Hausarzt, Wundmanager oder Pflegedienst übertragen kann.

4. Wartung und Lebensdauer: Langlebig, pflegeleicht, nachhaltig

Autos sind auf Haltbarkeit über viele Jahre und einfache Wartung ausgelegt – mit klaren Inspektionsintervallen und gut dokumentierter Ersatzteilversorgung.
 

Impuls für die Kompressionstherapie

Kompressionssysteme könnten so entwickelt werden, dass sie

  •  reparierbar oder modulartig austauschbar sind,
  • klar erkennbare Nutzungsdauer- oder Pflegeindikatoren beinhalten und
  • nachhaltiger produziert und recycelbar sind.

Die oben angesprochenen Druckindikatoren könnten anzeigen, wenn der Kompressionsstrumpf nicht mehr nutzbar ist und so eine individuelle Neuversorgung ermöglichen. Es könnten einerseits verfrühte Neuversorgungen vermieden (z. B. wenn der Strumpf nur bedarfsweise getragen wird) und andererseits eine auf objektiven Kriterien beruhende Neuversorgung (z. B. bei starker beruflicher Abnutzung) ermöglich werden. 
Ein Hersteller setzt bereits recyceltes Polyamid ein (2). Weitere könnten dem Beispiel folgen, um Ressourcen zu sparen. Statt die alten Kompressionsstrümpfe in den Müll zu werfen, könnten sie am Verkaufspunkt – in diesem Falle Apotheken und Sanitätshäuser – gesammelt und an die Hersteller zurückgeführt werden.  

5. Emotionalisierung und Imagepflege: Von der Pflicht zur Identifikation

Ein Auto ist nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern Emotions- und Statussymbol. Design, Markenimage und Personalisierung schaffen Identifikation.

Impuls für die Kompressionstherapie

Wenn Kompressionssysteme ästhetisch ansprechend, modern, smart und individualisiert sind, kann sich das Image der „medizinischen Pflicht“ hin zur aktiven Gesundheitsentscheidung wandeln – ähnlich wie bei Sportkleidung oder orthopädischen Sneakern. 

Die gesundheitlichen Vorteile der Kompression sollten klar in den Vordergrund gestellt werden. Moderne Kompressionswaren haben nichts mehr mit dem „Oma-Gummistrumpf“ von früher zu tun. Kompression kann nachweislich so viel mehr als nur den Beinumfang zu vermindern (1, 5, 8). Moderne Kompression ist bereits heute Hightech. Die Herstellung und Komposition der Materialien ist eine Wissenschaft für sich.  

Fazit: Kompressionstherapie neu denken 

Vision: „Der Kompressionsstrumpf als Gesundheits-Wearable“

Die Automobilindustrie zeigt, wie technische Lösungen durch Nutzerfokus, Design, Sensorik und Individualisierung Akzeptanz und Begeisterung erzeugen können. Diese Prinzipien lassen sich – in Teilen und angepasst auf den medizinischen Kontext – auch auf die Kompressionstherapie übertragen.
Was heute noch als „lästiges“ Medizinprodukt empfunden wird, kann in Zukunft ein intelligentes, persönliches, ästhetisches und digitales Gesundheitsmodul sein – analog zur Transformation von der Blechkutsche zum vernetzten Mobilitätskonzept.

Literatur
  1. Dissemond J, Protz K, Stücker M. Compression therapy in dermatology. J Dtsch Dermatol Ges. 2023 Sep;21(9):1003-1019. doi: 10.1111/ddg.15161.
  2. Medi. https://www.medi.de/faq/kompressionsstruempfe/polyamid-recycling/; Zugriff zuletzt 31.08.2025
  3. Norman DA. The Design of Everyday Things. Basic Books; 2013.
  4. Pannier F, Noppeney T, Alm J et al. S2k guidelines: diagnosis and treatment of varicose veins. Hautarzt. 2022 May;73(Suppl 1):1-44. doi: 10.1007/s00105-022-04977-8.
  5. Partsch H. Compression therapy: Clinical and experimental evidence. Phlebology. 2012;27 Suppl 1:1–7. doi:10.1258/phleb.2012.012S01
  6. Protz K, Dissemond J, Karbe D et al. Increasing competence in compression therapy for venous leg ulcers through training and exercise measured by a newly developed score-Results of a randomised controlled intervention study. Wound Repair Regen. 2021 Mar;29(2):261-269. doi: 10.1111/wrr.12899.
  7. Protz K, Eder S, Läuchli S et al. Einteilung und Nomenklatur der aktuellen Materialien zur Kompressionstherapie. Dermatologie 2023 Apr;74(4):270-281. doi: 10.1007/s00105-023-05108-7.
  8. Rabe E, Földi E, Gerlach H et al. Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK) : S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP) in Kooperation mit folgenden Fachgesellschaften: DDG, DGA, DGG, GDL, DGL, BVP. Hautarzt. 2021 Feb;72(2):137-152. German. doi: 10.1007/s00105-020-04734-9.
  9. Reich-Schupke S, Protz K, Dissemond J, Rabe E. Neue Entwicklungen in der Kompressionstherapie. DMW - Deutsche Medizinische Wochenschrift 2017;142(09):679 –686. doi: 10.1055/s-0042-117867
  10. Riebe H, Konschake W, Westphal T, Jünger M. Innovationen der medizinischen Kompressionstherapie. Hautarzt. 2020 Jan;71(1):24-31. doi: 10.1007/s00105-019-04516-y.
  11. Schwahn-Schreiber C, Marshall M, Murena-Schmidt R et al. Langzeitbeobachtung zur ambulanten Therapie phlebologischer Erkrankungen mit medizinischen Kompressionsstrümpfen in Deutschland. Phlebologie 2016; 45 (01):15-24.
  12. Stücker M, Danneil O, Dörler M, Hoffmann M, Kröger E, Reich-Schupke S. Sicherheit eines Kompressionsstrumpfes für Patienten mit chronischer venöser Insuffizienz (CVI) und peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK). J Dtsch Dermatol Ges. 2020 Mar;18(3):207-214. doi: 10.1111/ddg.14042_g.
  13. Stücker M, Rabe E. Medizinische Kompressionsstrümpfe bei chronischen venösen Erkrankungen und Lymphödem: Wissenschaftliche Evidenz und Ergebnisse einer Patient*innen-Befragung zur Versorgungsqualität. Dermatologie 2022 Sep;73(9):708-717. doi: 10.1007/s00105-022-05007-3. 
Autorin
Prof. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke

Prof. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke
Privatpraxis für Haut – und Gefäßmedizin 
Hertener Str. 27
45657 Recklinghausen 
info(at)haut.nrw