Parallelen zeigen sich insbesondere in Bezug auf Individualisierung, Komfort, Benutzerfreundlichkeit und Digitalisierung. Was kann die moderne Kompression aus der Automobilwelt lernen? Beleuchtet werden die Aspekte Ergonomie, Nutzerzentrierung, Individualisierung, Sensorik und Feedbacksysteme, Wartung, Lebensdauer, Emotionalisierung und Imagepflege.
Schlüsselwörter: Kompressionstherapie, Automobilindustrie, Individualisierung, Komfort, Benutzerfreundlichkeit, Digitalisierung
Kompressionstherapie und Automobilindustrie: Zwei Welten, ein gemeinsames Ziel
Die Kompressionstherapie gilt allein oder in Kombination mit anderen Verfahren als Basistherapie phlebologischer und lymphologischer Erkrankungen (4, 8). Darüber hinaus findet sie auch Einsatz bei posttraumatischen Versorgungen, in der Dermatologie, im Sport oder auf Reisen (1, 8). Auf den ersten Blick erscheinen Kompressionstherapie und Automobilindustrie als zwei grundverschiedene Bereiche – der eine medizinisch, der andere technisch und mobilitätsgetrieben. Doch bei genauerem Hinsehen ergeben sich überraschende Parallelen, insbesondere in Bezug auf Individualisierung, Komfort, Benutzerfreundlichkeit und Digitalisierung. Was kann die moderne Kompression also aus der Automobilwelt lernen?
1. Ergonomie & Nutzerzentrierung: Von passiv zu intuitiv
In der Automobilindustrie werden Fahrzeuge heute konsequent um den Nutzer herum gebaut – vom höhenverstellbaren Sitz über die sprachgesteuerte Navigation bis zur automatischen Klimaregelung. Ergonomie, Komfort und intuitive Bedienbarkeit stehen im Fokus.
Impuls für die Kompressionstherapie
Kompressionssysteme sollten nicht nur wirksam sein, sondern auch leicht anlegbar, bequem, atmungsaktiv, hautfreundlich und intuitiv nutzbar – auch für ältere oder eingeschränkte Personen. Adaptive Materialien, Klettsysteme, smarte Druckanzeige und ergonomische Designs können den Einstieg deutlich erleichtern (3, 5).
In den letzten Jahren ist die Nutzerfreundlichkeit der Kompression bereits stark in den Vordergrund getreten und es wurden zunehmend einfacher zu handhabende Systeme entwickelt wie z. B. moderne Verbände, Strümpfe mit Reißverschluss oder adaptive Klettsysteme (MAK) (6, 9, 10). Die Zufriedenheit vieler Patientinnen und Patienten mit modernen Kompressionsstrümpfen ist bei adäquater Aufklärung und Schulung hoch (13).
Dennoch bleibt insbesondere die korrekte Druckeinstellung bei Verbänden in der Entstauungsphase oft eine Herausforderung, für die smarte Druckanzeigen hilfreich sein könnten (6). Bei den Kompressionsstrümpfen ist im Alltag das Anziehen v. a. der erste Schwung über die Ferse eine besondere Schwierigkeit. Neue Kompressionsformen wie z. B. Strümpfe mit veränderter Fußstricktechnik und gemindertem Anpressdruck am Fuß in der Versorgung von Patienten mit Neuropathie und arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) haben gezeigt, dass sich das Anziehen im Vergleich zur „normalen“ Rundstrickversorgung deutlich erleichtern lässt (12). Vielleicht ließe sich diese Stricktechnik auch in anderen Strumpfsystemen umsetzen.
2. Individualisierung: Maßgeschneidert statt Einheitsgröße
Ob Fahrwerk, Sitzheizung oder Innenraumbeleuchtung – Autos sind heute hochgradig konfigurierbar, je nach Nutzerbedürfnis und Lifestyle.
Impuls für die Kompressionstherapie
Auch Kompressionslösungen können stark individualisiert werden:
- Maßanfertigung per 3D-Scan
- Auswahl an Farben, Texturen und Designs
- Einarbeitung von individuellen Funktionszonen, Zusätzen, Abschlüssen oder Zehenöffnungen
- Anpassung an individuelle Krankheitsverläufe (z. B. aktive Wundphase vs. Prophylaxe, frische Thrombose vs. Prophylaxe)
Viele dieser Optionen stehen heute bereits zur Verfügung, werden im Alltag aber leider doch nur wenig genutzt. Vielfach ist der Kompressionsstrumpf in Kompressionsklasse (KKL) 2 AG in Rundstrick noch immer Standard in der Versorgung, ungeachtet der Vielzahl an Möglichkeiten, die die moderne Kompressionstherapie bietet (9, 11). Hier wäre es wünschenswert, ein größeres Bewusstsein der Verordner und Versorger zu schaffen, um die ideale Kompression für den jeweiligen Patienten zu finden unter Berücksichtigung von phlebologischem Krankheitsbild, Begleiterkrankungen, Mobilität und persönlichen Möglichkeiten und Wünschen, die sich meist aus den Alltagsanforderungen ergeben (8). Ein Feuerwehrmann, der täglich bis zu 24 h in Sicherheitsschuhen unterwegs ist, braucht eine andere Versorgung als eine 85-jährige Frau, die ihren Alltag vornehmlich sitzend in häuslicher Umgebung verbringt.
3. Sensorik & Feedbacksysteme: Smarte Systeme für bessere Kontrolle
Moderne Autos sind voller Sensorik – Reifendruckkontrolle, Spurhalteassistent, automatische Bremsassistenten. Der Fahrer wird aktiv unterstützt, aber bleibt im Mittelpunkt.
Impuls für die Kompressionstherapie
Künftige Kompressionssysteme könnten mit Drucksensoren ausgestattet sein, die über eine App Feedback zum richtigen Sitz geben – ähnlich wie ein Gurtwarner. Auch eine automatische Erinnerung an das Anlegen oder eine Verlaufsdokumentation wären denkbar.
Wäre es nicht hilfreich, wenn die Kompression „Bescheid gibt“, wenn der Anpressdruck z. B. bei begleitender pAVK im Tagesverlauf zu hoch wird? Wünschenswert wäre auch eine Anzeige des Druckabfalls außerhalb des gewünschten therapeutischen Bereichs z. B. bei Umfangsminderung oder Abnutzung des Kompressionsmittels. Vielleicht könnte man sich auch eine Kontrolle der Kompression durch den Pflegedienst oder Arzt sparen, wenn man weiß, dass sie noch richtig sitzt. Vorstellbar wäre ein Kompressionssystem der Zukunft, das den täglichen Venendruck, das Beinvolumen, die Schrittzahl, die Hautfeuchte, das Temperaturprofil oder sogar die Wundheilung dokumentieren und ggf. an den Hausarzt, Wundmanager oder Pflegedienst übertragen kann.
4. Wartung und Lebensdauer: Langlebig, pflegeleicht, nachhaltig
Autos sind auf Haltbarkeit über viele Jahre und einfache Wartung ausgelegt – mit klaren Inspektionsintervallen und gut dokumentierter Ersatzteilversorgung.
Impuls für die Kompressionstherapie
Kompressionssysteme könnten so entwickelt werden, dass sie
- reparierbar oder modulartig austauschbar sind,
- klar erkennbare Nutzungsdauer- oder Pflegeindikatoren beinhalten und
- nachhaltiger produziert und recycelbar sind.