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Alzheimer: neue Antikörpertherapie sowie Einfluss von Lebensstil im Fokus

Mit den neuen Alzheimer-Antikörpern steht erstmals eine kausale Therapieoption zur Verfügung, doch sie eignen sich nur für einen Teil der Betroffenen. Gleichzeitig zeigen Daten, wie stark Lebensstiländerungen zur Risikoreduktion und Verlangsamung der Progression beitragen können.


21.11.2025
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Anlässlich des 98. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), der vom 12. bis 15. November 2025 in Berlin stattfand, rückten die neuen Antikörpertherapien als erste kausal wirksame Behandlungsoption in den Fokus. Aufgrund ihrer klar definierten Einsatzgrenzen sind sie jedoch nur für einen eingeschränkten Personenkreis geeignet. Außerdem betonten die präsentierten Daten, dass gezielte Lebensstilmaßnahmen die Krankheitsprogression deutlich verlangsamen können – und dass diese in einzelnen Bereichen sogar stärkere Effekte erzielen als die medikamentöse Therapie.

Alzheimer zählt zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen und ist für rund zwei Drittel aller Demenzen verantwortlich. Jährlich erhalten in Deutschland fast 450.000 Menschen diese Diagnose. Da jedoch der demografische Wandel voranschreitet, wird in den kommenden Jahrzehnten ein weiterer Anstieg erwartet. Folglich könnte die Zahl der Betroffenen von derzeit etwa 1,8 Millionen bis 2050 auf bis zu 2,7 Millionen Menschen steigen [1].

„Umso mehr sollten wir uns Gedanken machen, wie wir einerseits den Aufwärtstrend stoppen und andererseits Betroffenen helfen können, möglichst lange bei hoher Lebensqualität mit dieser Erkrankung leben zu können.“ 

- Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN

Alzheimer-Therapie: Wirkmechanismus der neuen Antikörper

Prof. Berlit stellte auf dem Kongress die beiden verfügbaren Antikörper Lecanemab und Donanemab vor. Donanemab ist erst seit Anfang November in Deutschland erhältlich. Beide Präparate greifen erstmals kausal in die Alzheimer-Pathologie ein, indem sie die charakteristischen Amyloid-Ablagerungen aus dem Gehirn entfernen. Dadurch lässt sich die Progression der Erkrankung um etwa 30 % verlangsamen. Der therapeutische Vorteil zeigt sich vor allem im frühen Stadium, weil sich hier die Phase mit geringeren funktionellen Einschränkungen messbar verlängert.

Grenzen der Antikörpertherapie bei Alzheimer

Die Therapie ist an klare Voraussetzungen gebunden. ARIA-Ereignisse mit Ödemen oder Mikroblutungen können auftreten und in seltenen Fällen schwer verlaufen. Menschen mit homozygotem APOE4-Status oder erhöhtem Blutungsrisiko sind ausgeschlossen. Weitere Kontraindikationen umfassen frühere intrazerebrale Hämorrhagien, ausgeprägte mikroangiopathische Veränderungen, eine laufende Antikoagulation sowie schlecht eingestellte Hypertonie.

Da viele dieser Merkmale häufiger im höheren Alter auftreten, sind die Antikörpertherapien nur für einen Teil der Patientinnen und Patienten geeignet. Zudem kann die Behandlung nicht begonnen werden, wenn die Alzheimer-Pathologie bereits weit fortgeschritten ist.

Einfluss von Selbstwirksamkeit und Lebensstil

Im Kontext der Lebensstilfaktoren betonte Berlit, dass nichtmedikamentöse Maßnahmen einen erheblichen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben können, da sie gleichzeitig auf mehrere biophysiologische Ebenen wirken. Zur Veranschaulichung berichtete er über eine am 3. November 2025 in Nature Medicine publizierte longitudinale Studie [2], in der 296 kognitiv unbeeinträchtigte Personen über bis zu 14 Jahre begleitet wurden.

Die Forschenden erfassten tägliche Schrittzahlen, Aβ- und Tau-PET-Daten sowie jährlich erhobene kognitive Testleistungen. Die Analyse zeigte eine dosisabhängige Beziehung zwischen körperlicher Aktivität und Krankheitsprogression: 5.000 bis 7.500 Schritte pro Tag waren mit einem um 40 bis 51 Prozent geringeren kognitiven Abbau verbunden. Berlit bezeichnete diesen Effekt als „spektakulär“, weil sich der Rückgang dadurch nahezu halbieren lasse und zusätzlich unabhängig von anderen Faktoren wirke.

Modifizierbare Risikofaktoren bei Alzheimer

Bereits 2020 hatte die Lancet-Kommission [3] darauf hingewiesen, dass gut 40 Prozent des Demenzrisikos auf modifizierbare Faktoren zurückzuführen sind. Dazu zählen Schwerhörigkeit, traumatische Hirnverletzungen, arterielle Hypertonie, Alkohol, Adipositas, Rauchen, Depression, soziale Isolation, Bewegungsmangel, Luftverschmutzung und Diabetes mellitus. 2024 kamen Sehschwäche sowie erhöhte Cholesterinwerte hinzu [4].
Die aktuellen Daten verdeutlichen, dass körperliche Aktivität nicht nur unabhängig schützt, sondern außerdem viele dieser Risikofaktoren gleichzeitig günstig beeinflussen kann.

Nichtmedikamentöse Maßnahmen

Berlit hob zusätzlich hervor, dass regelmäßige Bewegung weitreichende Vorteile bietet. Sie verbessert Gewicht, Blutdruck und Lipidprofile, wirkt antidepressiv und fördert soziale Teilhabe – etwa bei Lauftreffs oder anderen gemeinschaftsorientierten Aktivitäten. Optimal sei die Kombination aus körperlicher und kognitiver Stimulation. 

Die S3-Leitlinie [5] empfiehlt in diesem Zusammenhang neuropsychologische Trainingsprogramme, Musiktherapie und das Erlernen von Fremdsprachen [6]. Nach aktuellen Daten sind diese Maßnahmen klar mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden.

Ernährung, Schlaf und weitere Faktoren

Auch Ernährungsfaktoren spielen eine wesentliche Rolle. Berlit rät zu einer mediterranen oder nordischen Kost mit einem hohen Anteil frischer und unverarbeiteter Lebensmittel, da Studien belegen, dass hochverarbeitete Produkte den kognitiven Abbau beschleunigen können [7].

Ergänzend wirken Nikotinverzicht, maßvoller Alkoholkonsum und ausreichender Schlaf. Entscheidend ist, dass all diese Maßnahmen selbst dann wirksam bleiben, wenn bereits erste Gedächtnisstörungen auftreten – und dies ohne nennenswerte Risiken oder Nebenwirkungen.

Kombination der Alzheimer-Therapiestrategien

Nach Einschätzung von Prof. Berlit ergibt sich bei Alzheimer kein „Entweder-oder“, sondern vielmehr ein „Sowohl-als-auch“. Die Kombination einer kausal wirksamen Antikörpertherapie im frühen Stadium und gleichzeitig einer konsequenten Lebensstilmodifikation über alle Krankheitsphasen hinweg kann das Fortschreiten der Erkrankung spürbar verlangsamen. Idealerweise verstärken sich beide Strategien gegenseitig.

Zugleich betonte Berlit, dass der wahrscheinlich stärkere Einfluss durch konsequente Lebensstiländerungen erzielt wird – und dass diese unabhängig davon umgesetzt werden sollten, ob eine Patientin oder ein Patient für eine Antikörpertherapie infrage kommt. Damit lässt sich die Lebensqualität möglichst lange erhalten.

[1] DZNE. Faktenzentrale. www.dzne.de/aktuelles/hintergrund/faktenzentrale/, Zugriff am 04.11.2025.

[2] Yau WW, Kirn DR, Rabin JS et al. Physical activity as a modifiable risk factor in preclinical Alzheimer's disease. Nat Med. 2025 Nov 3. doi: 10.1038/s41591-025-03955-6. Epub ahead of print. PMID: 41184638.

[3] Livingston G, Huntley J, Sommerlad A et al. Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission. Lancet. 2020 Aug 8;396(10248):413-446. doi: 10.1016/S0140-6736(20)30367-6. Epub 2020 Jul 30.

[4] Livingston G, Huntley J, Liu KY et al. Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. Lancet. 2024 Aug 10;404(10452):572-628. doi: 10.1016/S0140-6736(24)01296-0. Epub 2024 Jul 31. PMID: 39096926.

[5] DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.) S3-Leitlinie Demenzen, Version 5.2, 17.07.2025, verfügbar unter: register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013, Zugriff am 04.11.2025.

[6] Amoruso L, Hernandez H, Santamaria-Garcia H et al. Multilingualism protects against accelerated aging in cross-sectional and longitudinal analyses of 27 European countries. Epub 2023 Nov 10. doi.org/10.1038/s43587-025-01000-2.

[7] Henney AE, Gillespie CS, Alam U et al. High intake of ultra-processed food is associated with dementia in adults: a systematic review and meta-analysis of observational studies. J Neurol. 2024 Jan;271(1):198-210. doi: 10.1007/s00415-023-12033-1. Epub 2023 Oct 13. PMID: 37831127; PMCID: PMC10770002.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.