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Differentialdiagnostik

Neue Leitlinie hilft, Schwindel schnell und sicher einzuordnen

Schwindel gehört zu den häufigen und gleichzeitig komplexeren Beratungsanlässen in der hausärztlichen Praxis, da es viele unterschiedliche Ursachen geben kann. Schnelle Orientierung bei Diagnostik und Therapie bietet eine neue S2k-Leitlinie.


04.12.2025
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Schwindel kann viele Ursachen haben – das Spektrum reicht von harmlos bis lebensbedrohlich. In der hausärztlichen Praxis gilt es, schnell einschätzen zu können, was zugrunde liegt und mögliche „Red Flags“ zu erkennen. Dafür hat die Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) die neue S2k-Leitlinie „Schwindel in der Hausarztpraxis“ veröffentlicht. Sie ist das Ergebnis der Arbeit eines interprofessionellen Autorenteams. Die Leitlinie umfasst zahlreiche Empfehlungen zu einer strukturierten Anamnese und gezielten Tests, um die Diagnosestellung und Therapie bei Schwindel zu erleichtern.

„Schwindel ist ein anspruchsvolles Thema, da er als Leit- oder Begleitsymptom auf ganz unterschiedliche Krankheiten hinweisen kann. Mit der neuen Leitlinie haben wir eine Art Fahrplan für die evidenzbasierte Diagnostik und Therapie in der hausärztlichen Praxis erarbeitet“, sagt Prof. Ralf Jendyk, Rostock, und neben Prof. Detmar Jobst einer der beiden DEGAM-Autoren der Leitlinie.

Schwindel ist ein Symptom für viele Krankheitsbilder

Die neue S2k-Leitlinie, die die bisherige Version ablöst, geht auf die vielfältigen Ursachen für Schwindel ein. Zum Beispiel geht es um kardiovaskuläre Erkrankungen, neurologische Krankheitsbilder, Stoffwechselprobleme, Medikamente oder Alkohol. Hinweise auf diese Schwindelursachen können sich schon durch die hausärztliche Anamnese und Untersuchung ergeben. Zur Zuordnung von Symptomen findet sich in der Kurzfassung der Leitlinie eine hilfreiche Übersichtstabelle (s. Tab. 1) als Wegweiser durch die Diagnostik. Dadurch lässt sich vieles direkt ausschließen, anderes kann sukzessive durchgearbeitet werden.

ZeitAuslösende/modulierende/hemmende FaktorenArt der BeschwerdenBegleitsymptomeWahrscheinliche Diagnose
SekundenKopfbewegungen relativ zur SchwerkraftDrehschwindelggf. Übelkeit/ErbrechenBenigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPPV)
Sekunden/Minuten momentane Gang- u. Standunsicherheit, Blutdruckabfall bis zum SturzSpürbare Rhytmusstörungen, OhnmachtsgefühlTachykarde-/Bradykarde Herzrhythmusstörungen
Sekunden/MinutenAufrichten aus dem Liegen/SitzenBenommenheit, Blutdruckabfall bis zum Sturz, Synkopedrohendes Ohnmachts gefühl beim AufrichtenOrthostase
Sekunden/Minutenkörperliche AnstrengungBenommenheit, seltener SynkopeDyspnoe vor allem bei Belastungobstruktive kardiale Erkrankungen inkl. Aortenklappenstenose
Minuten/Stunden Drehschwindel, selten SchwankschwindelHörstörung, Hörminderung, Tinnitus, Ohrdruck, ggf. Erbrechen, ggf. NystagmusMorbus Menière
Minuten/Stunden Drehschwindel, SchwankschwindelKopfschmerz, Übelkeit, Licht-/ Lärmempfindlichkeit, Migräneanamnese, ggf. Erbrechen, ggf. NystagmusVestibuläre Migräne
Minuten/Stunden Drehschwindel, SchwankschwindelLähmungen, Sprachstörung, ggf. Doppelbilder bis hin zu Bewusstseinstrübung)Transiente ischämische Attacke
Minuten/StundenHypoglykämie bei Diabetes (z. B. Hungern)Benommenheit SchwankschwindelSchwitzen, Unruhe, HeißhungerHypoglykämie
TagePlötzlicher Beginn, Zunahme bei BewegungDrehschwindel, Stand- und Gangunsicherheit bis FallneigungNystagmus, Übelkeit/ Erbrechen/ SehstörungenAkute unilaterale Vestibulopathie (AUVP), früher Neuritis vestibularis
Tage Drehschwindel, SchwankschwindelZusätzliche neurologische SymptomeInfarkt/Blutung im Bereich des Hirnstamms oder Kleinhirns
Monate/JahreBeim Gehen mit Zunahme im Dunkeln/unebener UntergrundGangunsicherheit/ Schwankschwindel („wie auf Watte laufen“)taube, brennende FüßePolyneuropathie (PNP)
Monate/JahreÄngstlichkeit, Empfindsamkeit für Bewegungen, bewegte Seheindrücke u. MenschenansammlungenBenommenheit/unter schiedliche Schwindel formen inkl. organische Schwindelursachensituative Verstärkung/ Vermeidungsverhalten, Angststörungen, Pani kattacken, DepressionFunktioneller Schwindel
Tab. 1: Auswahl häufiger Schwindeldiagnosen laut neuer S2k-Leitlinie "Schwindel in der Hausarztpraxis"

 

Neue Botschaften der Leitlinie Schwindel

Im Vergleich zur Vorgängerversion deckt die neue Leitlinie ein breiteres Spektrum ab und ist nicht nur auf den akuten Schwindel beschränkt. Änderungen gibt es auch bei den Empfehlungen zu verschiedenen Tests, die zur Differenzierung der Diagnose in der Praxis gemacht werden können.

Neu bzw. stärker gewichtet ist auch das Thema Patientenedukation. Patientinnen und Patienten können bei einigen Schwindelarten lernen, einen selbstwirksamen Umgang mit dem Schwindel zu entwickeln. Diese neuen Empfehlungen gehen auch auf die gemeinsame Arbeit mit Patientenvertretern zurück, die bei der Erstellung der Leitlinie erstmalig einbezogen waren. Eine weitere Neuerung ist die stärkere Betonung von Physiotherapie, die in die Empfehlungen eingeflossen ist.
 

Hier kommen Sie zur S2k-Leitlinie Schwindel in der Hausarztpraxis: https://www.degam.de/leitlinie-s2k-053-018

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e. V.