Frauen, die vor oder in der Frühphase einer Schwangerschaft Glucagon-like-Peptide-1-Rezeptor-Agonisten (GLP-1-RA) absetzen, scheinen häufiger Schwangerschaftskomplikationen zu entwickeln. Zu diesem Ergebnis kam eine im November 2025 veröffentlichte retrospektive Kohortenstudie im Fachjournal JAMA. Das Forschungsteam verglich dabei Schwangerschaften von Frauen ohne GLP-1-RA-Exposition mit jenen von Frauen, die GLP-1-RA vor oder in einer frühen Phase der Schwangerschaft abgesetzt hatten.
Der Einsatz von GLP-1-RA, häufig als Abnehmspritzen bezeichnet, hat in den vergangenen Jahren zur Behandlung des Diabetes mellitus Typ 2, sowie zur Gewichtsreduktion deutlich zugenommen. Während die Substanzen zwar den Glukosestoffwechsel verbessern und theoretisch auch die Fruchtbarkeit beeinflussen könnten, bleibt ihre Sicherheit im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft weiterhin unzureichend untersucht [I]. Schwangere und stillende Frauen sollten die Medikamente daher absetzen, da belastbare Daten zu fetalen Risiken fehlen [II] [III]. Zudem ist bekannt, dass nach dem Absetzen häufig eine erneute Gewichtszunahme eintritt [IV] [V], wodurch das Risiko schwangerschaftsassoziierter Komplikationen steigen kann, was angesichts des etablierten Zusammenhangs zwischen Übergewicht und entsprechenden Risiken von klinischer Relevanz ist [VI].
Studiendesign und Datengrundlage
Insgesamt wurden 448 Frauen mit einem durchschnittlichen Body-Mass-Index von 36,1 einbezogen, die in den drei Jahren vor oder innerhalb der ersten 90 Schwangerschaftstage mindestens eine GLP-1-RA-Verordnung erhalten hatten, während das Vergleichskollektiv aus 1344 Frauen ohne GLP-1-RA-Exposition bestand und mittels Propensity Score Matching an relevante Variablen angepasst wurde, sodass systematische Verzerrungen reduziert werden konnten. In der erweiterten Datenbank wurden zudem 149.790 Einlingsschwangerschaften des Gesundheitssystems Mass General Brigham berücksichtigt, aus denen die final ausgewertete Kohorte generiert wurde.
Die primäre Analyse fokussierte die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft, während sekundär typische Komplikationen wie Frühgeburt, übermäßige Gewichtszunahme, Schwangerschaftsdiabetes, hypertensive Schwangerschaftserkrankungen, Geburtsgewicht, Geburtslänge sowie Abweichungen der Geburtsgewicht-Perzentile analysiert wurden.
Risikomuster nach Absetzen von GLP-1
Die Analyse zeigte, dass Frauen, die GLP-1-Analoga vor der Schwangerschaft angewendet und anschließend abgesetzt hatten, während der Schwangerschaft im Durchschnitt 3,3 Kilogramm mehr an Gewicht zunahmen als Frauen ohne GLP-1-Exposition (95-Prozent-Konfidenzintervall 2,3 bis 4,2 kg), und die Rate einer übermäßigen Gewichtszunahme lag bei 65 Prozent gegenüber 49 Prozent der Kontrollgruppe. Zudem hatten die Neugeborenen der exponierten Gruppe im Mittel höhere Geburtsgewicht-Perzentile, sodass sich ein Trend zu höheren perinatalen Gewichtswerten abzeichnete.
Darüber hinaus ergaben sich erhöhte Risiken für mehrere schwangerschaftsassoziierte Komplikationen: Das Frühgeburtsrisiko lag bei 17 Prozent gegenüber 13 Prozent in der Vergleichsgruppe (Risikoverhältnis 1,34), das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes bei 20 Prozent gegenüber 15 Prozent (Risikoverhältnis 1,30) und das Risiko für hypertensive Schwangerschaftserkrankungen bei 46 Prozent gegenüber 36 Prozent (Risikoverhältnis 1,29). Unterschiede bestanden hingegen nicht hinsichtlich Geburtslänge, Kaiserschnittrate oder der Häufigkeit eines für das Schwangerschaftsalter zu hohen oder zu niedrigen Geburtsgewichts.
Klinische Einordnung der Studienbefunde
Die Ergebnisse weisen damit auf Zusammenhänge zwischen dem Absetzen von GLP-1-RA vor oder in der frühen Schwangerschaft und einer stärkeren Gewichtszunahme sowie erhöhten Risiken für Frühgeburt, Schwangerschaftsdiabetes und hypertensive Schwangerschaftserkrankungen hin. Zwar sind aufgrund des retrospektiven Studiendesigns keine kausalen Schlussfolgerungen möglich, jedoch verdeutlichen die Daten die mögliche klinische Relevanz metabolischer Veränderungen, die nach dem Absetzen dieser Substanzen auftreten können und dadurch potenziell den Schwangerschaftsverlauf beeinflussen.