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Interview

„Früherkennung statt Notfall“ – Telemonitoring bei Herzinsuffizienz

Wie lässt sich Telemonitoring sinnvoll in den Praxisalltag integrieren? Dr. Ulrich Wuttke berichtet, welche Strukturen sich in seiner Praxis bewährt haben, welche Rolle das Praxisteam spielt und wo er künftig Chancen durch KI-gestützte Technologien sieht.


16.12.2025
U. Wuttke
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Wann kann Telemonitoring bei Patientinnen und Patienten zum Einsatz kommen?

Es kann zum Einsatz kommen, wenn

  • sie an einer Herzinsuffizienz nach NYHA-II- oder NYHA-III-Stadium mit einer Ejektionsfraktion < 40 % leiden,
  • sie Träger eines implantierten kardialen Aggregates (ICD, CRT-P, CRT-D) sind oder im zurückliegenden Jahr wegen kardialer Dekompensation stationär behandelt wurden,
  • ihre Herzinsuffizienz leitliniengerecht behandelt wird und
  • keine Faktoren vorliegen, die eine Datenübertragung oder ihr Selbstmanagement behindern würden.

Diese Voraussetzungen für das Telemonitoring bei Herzinsuffizienz müssen im weiteren Behandlungsverlauf regelmäßig überprüft werden.1

Seit gut einem Jahr nutzt die kardiologische Praxis von Dr. Ulrich Wuttke eine Telemonitoring-Software, die es ermöglichen soll, Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus dem häuslichen Wohnumfeld der Patientinnen und Patienten heraus zu überwachen und zu begleiten. Internetfähige Messgeräte wie Smartwatches, EKGs und Blutdruckmessgeräte senden dabei die individuellen Vitalparameter der Patientinnen und Patienten direkt an die Praxis. So sollen insbesondere Versorgungslücken zwischen den Terminen geschlossen und die Früherkennung kritischer Symptome verbessert werden.

Herr Dr. Wuttke, wie hat die Integration der Telemonitoring-Technologie Ihre Arbeit in der Praxis verändert?


Wuttke: Früher kamen viele unserer chronisch herzkranken Patientinnen und Patienten regelmäßig in die Praxis, oft wegen Symptomen, die sich im Nachhinein als unbedenklich herausstellten. Heute können wir dank der kontinuierlichen digitalen Überwachung Veränderungen der Vitalparameter frühzeitig erkennen und darauf reagieren. Das spart Zeit und erhöht gleichzeitig die Sicherheit der Patientinnen und Patienten. Als besonders bedeutsam hat sich die Funktion herausgestellt, dass wir durch das System Warnhinweise erhalten, sobald sich relevante Werte verschlechtern. So können wir gezielt Kontakt aufnehmen und eine Verschlimmerung verhindern, bevor sie zu einem akuten Notfall wird.

Die Einführung neuer digitaler Prozesse in den ohnehin fordernden Praxisalltag bedeutet für viele Praxisteams eine Umstellung. Gerade beim Telemonitoring ist eine verlässliche Datenerfassung und -überprüfung aber entscheidend für den Erfolg.

Wer betreut in Ihrem Praxisteam den Dateneingang der Telemonitoring-Werte?


Wuttke: Die Integration von Telemonitoring in den Praxisalltag erfordert zunächst klare Zuständigkeiten und strukturierte Abläufe. Bei uns übernehmen drei Medizinische Fachangestellte (MFAs) mit einer Weiterbildung zur Heart Failure Nurse das Management des Dateneingangs. Sie überwachen die eingehenden Werte, priorisieren Auffälligkeiten und bereiten die Daten für die ärztliche Beurteilung auf. Dadurch bleibt der Überblick gewährleistet, und die Ärztinnen und Ärzte können sich auf die medizinisch entscheidenden Fälle konzentrieren.

Diese Arbeitsteilung hat sich bewährt. Die MFAs können durch ihre Zusatzqualifikation die Verantwortung für einen zentralen Bestandteil der Versorgung übernehmen. Gleichzeitig erleben sie, dass ihre Arbeit direkten Einfluss auf den Gesundheitszustand der Patientinnen und Patienten hat. Die Ärztinnen und Ärzte wiederum gewinnen wertvolle Zeit für komplexe Fälle und können sich stärker auf Beratung und Therapieplanung konzentrieren.

In der Zukunft soll es möglich sein, dass Patientinnen und Patienten bspw. einmal am Tag einen automatisierten Anruf erhalten oder eine Sprachaufzeichnung anfertigen, und eine KI-basierte Stimmanalyse durchgeführt wird. Das soll zur Früherkennung von Verschlechterungen der Herzinsuffizienz beitragen. Im Ernstfall würde dann die zuständige Praxis oder Klinik direkt informiert.

Interviewpartner
Autorenbild Dr. med. Ulrich Wuttke

Dr. med. Ulrich Wuttke
Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie

Parkkardiologie Stahnsdorf

Wie blicken Sie auf die Möglichkeit, künftig KI-basierte Stimmanalyse einzusetzen?


Wuttke: Wir blicken mit großer Neugier und Optimismus auf solche neuen Entwicklungen. Erste Forschungsprojekte zeigen, dass Veränderungen in der Stimme auf Flüssigkeitsansammlungen oder Atemnot hindeuten können – also Symptome, die bei Herzschwäche typisch sind. Wenn diese Technologie in den Praxisalltag integriert wird, könnte sie ein weiteres wichtiges Instrument der Früherkennung sein. Besonders hilfreich dürfte es sein, dass eine Stimmanalyse für die Patientinnen und Patienten völlig unkompliziert und nicht invasiv ist. Wir sehen darin eine sinnvolle Ergänzung zu bestehenden Telemonitoring-Lösungen und ein Beispiel dafür, wie künstliche Intelligenz den Versorgungsalltag intelligent unterstützen kann.

Viele Praxen stehen vor der Frage, wie sich solche neuen Möglichkeiten sinnvoll und effizient integrieren lassen. Wichtig ist es, Chancen und mögliche Stolpersteine frühzeitig zu erkennen und realistisch einzuschätzen.

Wo sehen Sie derzeit noch Herausforderungen und was raten Sie Kolleginnen und Kollegen, die eine Integration der Technologie in ihren Praxisalltag erwägen?


Wuttke: Natürlich gibt es auf dem Weg zur digitalen Praxis auch Herausforderungen. Viele Kolleginnen und Kollegen äußern zunächst Bedenken: Der Aufwand, die Technik, der Datenschutz – all das wirkt auf den ersten Blick komplex.

Wir raten anderen Praxen, klein anzufangen und Schritt für Schritt zu wachsen. Eine klare Aufgabenverteilung im Team, Schulungen für die Mitarbeitenden und regelmäßige Abstimmungen sind der Schlüssel zum Erfolg. Zudem sollte man offen für Neues bleiben.

Am Ende überwiegen für unsere Praxis die Vorteile: bessere Versorgung, höhere Sicherheit, zufriedenere Patientinnen und Patienten und ein entlastetes Praxisteam.


Die Software Noah Labs Ark befindet in über 60 Kardiologiepraxen deutschlandweit im Einsatz. Das Programm zur Stimmanalyse („NL Vox“) befindet sich im Zulassungsprozess.

Mehr Informationen finden Sie unter: https://www.kbv.de/praxis/digitalisierung/anwendungen/telemonitoring-herzinsuffizienz

1 Themenseite Telemonitoring Herzinsuffizienz. Kassenärztliche Bundesvereinigung, https://www.kbv.de/praxis/digitalisierung/anwendungen/telemonitoring-herzinsuffizienz, zuletzt aufgerufen am 11.11.25.