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DGN 2025

Sexuelle Funktionsstörungen bei MS – „Ein Phänomen, über das zu wenig gesprochen wird“

Prof. Lars Timmermann, Marburg, sprach auf dem DGN-Kongress 2025 über den Einfluss von Multipler Sklerose (MS) und ihrer Medikation auf die Sexualität von Patientinnen und Patienten. „Herzlich wenig“ habe er vor der Vorbereitung zum Vortrag darüber gewusst – eine ehrliche und mutige Aussage, mit der er viele Neurologinnen und Neurologen zu repräsentieren scheint.


12.01.2026
A. Rosué
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Sexuelle Dysfunktionen sind extrem häufig, aber sie sind – und da müssen wir uns an die eigene Nase fassen – oft unterdiagnostiziert“, erklärte Timmermann. Dabei beeinträchtigten sie die Lebensqualität und Partnerschaften der Patientinnen und Patienten erheblich.

Prävalenz und typische Herausforderungen für Betroffene

Laut der Leitlinie für Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose1 treten sexuelle Dysfunktionen (SD) bei 40 – 80 % der Frauen und 50 – 90 % der Männer mit MS auf.2 Damit kann fast jede Patientin oder jeder Patient früher oder später betroffen sein, denn die Prävalenz steigt mit Krankheitsdauer, zunehmendem Lebensalter, progredientem Verlauf und Behinderungsgrad (EDSS).2

Wichtige Ursachen für die SD sind Symptome wie Fatigue, neurogene Blasenfunktionsstörungen und kognitive Beeinträchtigungen.3 Doch auch motorische Defizite wie Spastik und Paresen können die sexuelle Aktivität erheblich einschränken.2

Hinzu kommen psychische Reaktionen auf die chronische MS. Das Selbstbild, Zweifel an der eigenen Attraktivität, Depressionen, Angst und die Krankheits­bewältigung spielen eine beträchtliche ­Rolle im sexuellen Erleben.3

Aber auch medikamentöse Therapien können SD verursachen oder verstärken.4 Antidepressiva, Stimulanzien, Baclofen, Beta-Blocker, etc.: Bei Frauen lösen sie vor allem eine verminderte Libido, reduzierte Orgasmusfähigkeit, herabgesetzte genitale Sensibilität, verminderte Lubrikation und Dyspareunie aus.3 Bei Männern kommt es ebenfalls zu einer Libidominderung, aber auch zu erektiler Dysfunktion (ED) sowie vorzeitiger oder ausbleibender Ejakulation.2

Hintergrund

Laut einer Studie zur Kommunikation über Sexualität bei MS erhoffen sich 84 % der befragten Patientinnen und Patienten aktiv auf das Thema angesprochen zu werden – doch in nur 18 % der Fälle fand dies tatsächlich statt. 76 % der Neurologinnen und Neurologen wünschen sich zu diesem Thema mehr Informationen oder Fortbildungen.2

In unserem DGN-Beitrag „Wie spreche ich mit meinen Patientinnen und Patienten über sexuelle Themen?“ finden Sie hilfreiche Informationen für Ihre Gesprächpraxis.

Man gebe Patientinnen und Patienten, die bereits unter SD leiden, noch Medikamente unter der Annahme, jetzt gehe es ihnen besser – „Vielleicht in der Spastik, ja, aber möglicherweise war das gar nicht das Top-Problem“, gab Timmermann zu bedenken.

Sensible Diagnostik als Schlüssel zur Versorgung

Was es zunächst also insbesondere braucht, ist eine gründliche sexuelle Anamnese. Sie umfasst Geschlechtsidentität, sexuelle Orientierung5, aktuelle Medikation und Begleitsymptome wie Spastik, Blaseninfekte oder Inkontinenz. Wichtig ist zudem, dass das Gespräch über mögliche SD nicht nur ein Thema der ersten Untersuchung bleiben kann, sondern (durch die steigende Prävalenz) auch im Verlauf kontrolliert werden muss. Die Anamnese sollte dabei zunächst unter vier Augen stattfinden und kann später auch im gemeinsamen Gespräch mit Partnerinnen und Partnern weitergeführt werden. Die neurologische Anamnese sollten gynäkologische, urologische, andrologische sowie bei Bedarf psychiatrische bzw. psychologische Untersuchungen ergänzen, um somatische und psychische Ursachen zu differenzieren.

„Fast tragisch und vielleicht ein guter Forschungsaufruf“ sei, dass es bislang keine spezifische für MS-Patientinnen und -Patienten validierte Skala oder einen Frage­bogen zur Erfassung sexueller Funktions­störungen gebe, fügte Timmermann an. Das mache es Neurologinnen und Neurologen schwerer, wichtige Details zu erfassen und einen systematischen Einstieg in das Gespräch zu finden. Timmermann gab den Tipp, er habe gute Erfahrungen damit machen können, Patientinnen und Patienten während Wartezeiten, den „Non-Motor Symptom Study Group Questionnaire“6 zum Ausfüllen vorzulegen. Wenn die Patientinnen und Patienten dort das Vorliegen einer sexuellen Funktionsstörung ankreuzen, habe man „Door Opener“, um ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig gebe es den Menschen eine Chance, zunächst sich selbst fragen zu können: „Habe ich da ein Problem?“

Therapiemöglichkeiten bei sexuellen Funktionsstörungen MS-Betroffener

Nichtmedikamentöse Therapiemöglichkeiten

Zu den wirksamen Behandlungsoptionen, mit denen Patientinnen und Patienten in ihrer sexuellen Funktion und Zufriedenheit nichtmedikamentös unterstützt werden können, gehören:

  • psychologische Interventionen (z. B. kognitive Verhaltenstherapie, sexualtherapeutische Gesprächsmodelle, Achtsamkeitstrainings, etc.7,8
  • gruppentherapeutische Settings mit achtsamkeits- und yogabasierten Komponenten, die das Körpererleben und die emotionale Nähe in der Partnerschaft fördern.8
  • Physio- und Bewegungstherapie, bei Frauen insbesondere Wassergymnastik (2 – 3 x wöchentlich)9
  • Beckenbodentraining (BBT) – allein oder kombiniert mit Achtsamkeitstraining oder Elektrostimulation10,11,12,13
  • Die transkutane Stimulation des N. tibialis (PTNS)14,1a
  • Weitere unterstützende Maßnahmen: Vermeidung potenziell libidohemmender Medikamente; gezielte Behandlung begleitender Symptome wie Spastik oder neurogener Blasenfunktionsstörungen.4,15

Medikamentöse Therapiemöglichkeiten

Therapie bei Frauen

Mögliche Therapieansätze für Frauen umfassen den Einsatz des synthetischen Steroids Tibolon, das die vaginale Lubrikation verbessern und Dyspareunie-bedingte Beschwerden reduzieren kann.16 Aufgrund möglicher Risiken – insbesondere bei kardiovaskulären Vorerkrankungen oder hormonabhängigen Tumoren – sollte Tibolon jedoch ausschließlich nach sorgfältiger endokrinologischer und gynäkologischer Abklärung verordnet werden.1b Ergänzend zeigen sexualmedizinische Interventionen, Beckenbodentraining sowie der Einsatz von Hilfsmitteln zur vaginalen Stimulation positive Effekte auf die weibliche Sexualfunktion, während die Evidenzlage für Sildenafil, Yoga und Achtsamkeitstraining bislang etwas schwächer ausfällt.17,18

Therapie bei Männern

Zur Behandlung der ED bei Männern können vor allem Phosphodiesterase-5-Inhibitoren (PDE-5i) wie Sildenafil (25 – 100 mg) und Tadalafil (10 – 20 mg) herangezogen werden.18,19 Ihre Anwendung ist jedoch ausgeschlossen, wenn gleichzeitig Nitrate oder Molsidomin eingenommen werden oder kardiale bzw. zerebrovaskuläre Ereignisse in der Anamnese vorliegen.18,1 Zudem empfiehlt die Leitlinie, jede ED-Therapie mit einer sexualmedizinischen Beratung zu kombinieren.1c Bleibt die Wirksamkeit der PDE-5-Inhibitoren unzureichend, kann Alprostadil als Schwellkörper-Autoinjektion (SKAT) oder in transurethraler Form (MUSE) eine wirksame Alternative darstellen.20

Fazit

Sexuelle Dysfunktionen sind bei Menschen mit MS häufige und belastende nicht-motorische Begleitsymptome, die sowohl körperliche, psychische als auch medikamentenbedingte Ursachen haben können. Eine regelmäßige, sensible Anamnese hilft, diese Probleme frühzeitig zu erkennen und im Verlauf gezielt zu begleiten. Da SD die Lebensqualität und Partnerschaften erheblich beeinflussen können, lohnt es sich, ihnen in der neurologischen Versorgung einen festen Platz einzuräumen. Für die Behandlung stehen zahlreiche wirksame nicht-medikamentöse und geschlechtersensible Therapieoptionen zur Verfügung, die individuell kombiniert werden können und Patientinnen und Patienten oft spürbare Verbesserungen ermöglichen.

1 Hemmer B et al. Diagnose und Therapie der Multiplen Sklerose, Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen und MOG-IgG-assoziierten Erkrankungen, S2k-Leitlinie, 2024. www.dgn.org/leitlinien, [zuletzt abgerufen am 01.12.2025]. (a Empfehlung E26; b Empfehlung E28; c Empfehlung E27).

2 Altmann P et al. J Sex Maéd, 2021. DOI: 10.3389/fneur.2021.618370.

3 Dunya CP et al. Neurourol Urodyn, 2020. DOI: 10.1002/nau.24232.

4 Behn M et al. Pract Neurol., 2024. DOI: 10.1136/pn-2023-003760.

5 Conte WL Mult Scler J, 2024. DOI: 10.1177/13524585241263281.

7 Pöttgen J et al. Int J MS Care, 2020. DOI: 10.7224/1537-2073.2020-012.

8 Tzitzika M et al. Sex Disabil, 2023. DOI: 10.1007/s11195-023-09785-z.

9 Sadeghi Bahmani D et al. Mult Scler Relat Disord, 2020. DOI: 10.1016/j.msard.2020.102106.

10 Gopal A et al. Int J MS Care, 2021. DOI: 10.7224/1537-2073.2020-039.

11 Zachariou A et al. J Pers Med, 2024. DOI: 10.3390/jpm14010088.

12 Yavas I et al. Mult Scler Relat Disord, 2022. DOI: 10.1016/j.msard.2022.103538.

13 Sapouna V et al. Cureus, 2023. DOI: 10.7759/cureus.47086.

14 Dunya CP et al. Neurourol Urodyn, 2021. DOI: 10.1002/nau.24733.

15 Haensch C-A et al. Diagnostik und Therapie von neurogenen Blasenstörungen, S1-Leitlinie, 2020.
[*s. a.: Kaufmann A et al. Diagnostik und Therapie der neurogenen Dysfunktion des unteren Harntrakts beim Erwachsenen, S1-Leitlinie, 2025 (vollständig überarbeitet). www.dgn.org/leitlinien, [zuletzt abgerufen am 15.12.2025].

16 Davis SR. Menopause, 2002. DOI: 10.1097/00042192-200205000-00004.

17 Esteve-Ríos A et al. Clin Rehabil, 2020. DOI: 10.1177/0269215520901751.

18 Campetella M et al. Urologia, 2023. DOI: 10.1177/03915603231183751.

19 Toljan K et al. J Neurol, 2024. DOI: 10.1007/s00415-024-12250-2.

20 Padma-Nathan H et al. N Engl J Med, 1997. DOI: 10.1056/NEJM199701023360101.

Aline Rosué

Quelle: „Einfluss auf die Sexualität durch neurologische Erkrankungen und ihre Medikation: Die ‚Big 3‘: Multiple Sklerose, Parkinson, Epilepsie“, Veranstaltung der DHS, DGN-Kongress, 13.11.2025, Berlin & digital. Vortragender: Lars Timmermann, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Magdeburg