Schizophrenie und Osteoporose: 195 gemeinsame genetische Loci aufgedeckt
Eine groß angelegte genomische Analyse zeigt, Schizophrenie und Osteoporose teilen überraschend viele genetische Risikofaktoren. Die Ergebnisse liefern eine molekulargenetische Erklärung für das erhöhte Frakturrisiko schizophrener Patienten mit Auswirkungen auf Strategien zur Frühprävention.
Epidemiologische Studien zeigen konsistent, dass Menschen mit Schizophrenie häufiger eine verminderte Knochendichte aufweisen und ein erhöhtes Risiko für Osteoporose haben als vergleichbare Kontrollpersonen. Genetische Erklärungen für diese Beobachtung waren bislang jedoch nur unzureichend untersucht.
Eine kürzlich in der Fachzeitschrift Genomic Psychiatry publizierte, peer-reviewte Studie unter Leitung von Feng Liu am Allgemeinen Krankenhaus der Medizinischen Universität Tianjin liefert nun molekulargenetische Hinweise auf gemeinsame biologische Grundlagen dieser Komorbidität. Die Arbeit basiert auf der Auswertung genomischer Daten von mehr als 500.000 Personen.
Mithilfe eines mehrstufigen Analyseansatzes identifizierte das Forschungsteam 195 genetische Loci, die sowohl mit Schizophrenie als auch mit osteoporoseassoziierten Phänotypen assoziiert sind und 1.376 proteinkodierenden Genen zugeordnet wurden.
Schizophrenie und Osteoporose – genetische Basis
Das Team um Liu kombinierte drei komplementäre genomische Methoden, um genetische Überschneidungen auf unterschiedlichen Ebenen zu analysieren. MiXeR diente der Erfassung globaler polygenetischer Überlappungen, während LAVA lokale genetische Korrelationen in spezifischen chromosomalen Regionen untersuchte. Ergänzend identifizierte ein kombiniertes bedingtes beziehungsweise konjunktionales False-Discovery-Rate-Verfahren einzelne genetische Varianten, die beiden Erkrankungen gemeinsam zugeordnet sind. Dieser Ansatz erwies sich als methodisch besonders geeignet, da er genetische Überschneidungen auch bei entgegengesetzten Effekten einzelner Varianten erfassen kann.
Die Schizophrenie-Daten basierten auf einer Kohorte mit 130.644 Personen. Für die osteoporosebezogenen Analysen wurden sechs Phänotypen berücksichtigt, darunter die Knochenmineraldichte des Gesamtkörpers, der Lendenwirbelsäule, des Schenkelhalses, des Unterarms und der Ferse sowie die Diagnose Osteoporose.
Deutlich ausgeprägte Überlappung an der Ferse
Die genetische Überlappung erwies sich als stark skelettregionsabhängig. Besonders ausgeprägt zeigte sie sich zwischen Schizophrenie und der Knochenmineraldichte der Ferse, die sich als wichtigste Skelettstelle der genetischen Überschneidung herausstellte. Auf Variant-Ebene identifizierten die Autoren hier 140 gemeinsame genetische Loci; zusätzlich fanden sich 44 chromosomale Regionen mit signifikanter lokaler genetischer Korrelation. Dabei traten sowohl positive als auch negative Effektrichtungen in vergleichbarem Ausmaß auf.
Demgegenüber trug die Ganzkörper-Knochenmineraldichte 41 gemeinsame Loci bei, während Lendenwirbelsäule und Schenkelhals geringere, aber dennoch signifikante Überschneidungen aufwiesen.
Für die Knochenmineraldichte des Unterarms konnten hingegen keine gemeinsamen Loci identifiziert werden. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass dieses Ergebnis auch durch die deutlich kleinere Stichprobengröße dieses Datensatzes bedingt sein könnte.
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Gegensätzliche Effektrichtungen als Erklärung früherer Inkonsistenzen
Ein zentrales Ergebnis der Analyse betrifft die Effektrichtungen der gemeinsamen genetischen Varianten. Nur 21 bis 68 % der Varianten zeigten zwischen den jeweiligen Merkmalspaaren gleichgerichtete Effekte. Zahlreiche genetische Varianten, die das Schizophrenierisiko beeinflussen, weisen somit unterschiedliche, teils entgegengesetzte Effekte auf die Knochendichte auf. Dadurch lässt sich erklären, warum frühere genomweite Korrelationsanalysen trotz vorhandener genetischer Überschneidungen nur moderate Zusammenhänge erkennen konnten.
Biologische Signalwege mit Relevanz für Gehirn und Knochen
Die funktionelle Annotation der 195 gemeinsamen Loci ergab eine signifikante Anreicherung in 59 biologischen Prozessen. Besonders betroffen waren Signalwege des Organonitrogen-Stoffwechsels, die sowohl für die Neurotransmittersynthese als auch für die Bildung der Knochenmatrix relevant sind. Darüber hinaus betrafen weitere angereicherte Prozesse die Entwicklung anatomischer Strukturen sowie regulatorische Mechanismen, die zelluläres Verhalten über verschiedene Organsysteme hinweg koordinieren. Auch wenn aus den vorliegenden Daten keine Kausalität abgeleitet werden kann, spricht die biologische Kohärenz der identifizierten Signalwege für eine mögliche funktionelle Relevanz.
Bedeutung für Prävention und Versorgung
Für die ärztliche Praxis liegt die Relevanz der Befunde vor allem im präventiven Bereich. Die identifizierten gemeinsamen Risikoregionen eröffnen perspektivisch die Möglichkeit, genetische Vulnerabilität für Knochenerkrankungen differenzierter zu charakterisieren. Insbesondere bei Schizophrenie-Patienten mit erhöhter genetischer Belastung könnte dies langfristig zu einer differenzierteren Indikationsstellung für frühzeitige Knochendichtekontrollen beitragen.
Die Autoren betonen zugleich die Limitationen der Studie: Alle analysierten Personen wiesen europäische Abstammung auf, und genomweite Assoziationsanalysen erfassen weder seltene Varianten noch komplexe Gen-Umwelt-Interaktionen. Dennoch liefert die Arbeit eine robuste molekulargenetische Grundlage, um die klinisch relevante Komorbidität von Schizophrenie und Osteoporose auf Forschungsebene künftig differenzierter zu adressieren.
Guo L, An Q, Zhang Z, et al. Shared genetic architecture between schizophrenia and osteoporosis revealed by multilevel genomic analyses. Genomic Psychiatry. 2026 Jan 6. doi:10.61373/gp026a.0012.
Quelle: Genomic Press