Wie KI, Personalisierung und Robotik die Endoprothetik verändern
Im Dezember fand der 27. AE-Kongress der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik in Berlin statt. Ein Schwerpunkt war die personalisierte Prothetik durch den Einsatz von Robotik und Künstlicher Intelligenz (KI). Ebenso drehte sich der Kongress um den sicheren Gelenkersatz bei chronischen Erkrankungen wie etwa Diabetes oder Adipositas. Weitere wichtige Themen waren die Vermeidung von Protheseninfekten sowie Allergien auf implantierte Metalle.
21.01.2026
Katrin Breitenborn
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Früher orientierten sich Ärztinnen und Ärzte beim Ersatz eines Kniegelenkes an einem Einheitsprinzip, das sich nach dem Ideal eines geraden Beins richtete. Da aber viele Menschen z. B. X- oder O-Beine besitzen, passt diese Standardisierung nur bei etwa 15 % der Bevölkerung. „Das könnte erklären, warum trotz guter Implantate und fortgeschrittener OP-Techniken rund 5 bis 20 % der Betroffenen kein ‚vergessenes Knie‘ erreichen – ein Knie, das sich im Alltag nicht mehr künstlich anfühlt“, sagte AE-Vizepräsident Prof. Rüdiger von Eisenhart-Rothe, München.
Bei der OP individuelle Anatomie berücksichtigen
Neue Operationstechniken beachten nun die individuelle Beinachse, die ursprüngliche Spannung der Bänder und die persönlichen Bewegungsmuster (s. Abb. 1). Studien zeigen, dass ein Patient, der eine Knieprothese bekommt, die zu seiner individuellen Anatomie passt, zufriedener ist und diese eine bessere Funktion aufweist. Doch zurzeit ist noch unklar, welche Knieprothese zu wem passt. „Allein in der Frontalansicht sind über 100 unterschiedliche knöcherne Varianten beschrieben – hinzu kommen weitere Unterschiede in den Bändern und in der Bewegung des Knies“, sagte von Eisenhart-Rothe.
Bei einer Knieoperation entstehen große Mengen an Daten wie Röntgen- oder CT-Bilder, Bewegungsanalysen, Messdaten während des Eingriffs und die tatsächliche Implantatposition. Diese könnten laut von Eisenhart-Rothe von einer KI verwendet werden. „Neu ist auch die Nutzung von Bewegungsdaten aus Alltagssensoren, wie sogenannte Wearables, die Gangbilder erfassen. Sie könnten langfristig sogar aussagekräftiger sein als statische Röntgenbilder, wenn es darum geht, wie gut eine Prothese wirklich funktioniert“, so der Experte.
Ziel ist es nun, eine Datenbank digitaler Zwillinge aufzubauen. Diese könnte zeigen, welche anatomischen Typen es gibt, welche Operationstechnik bei welchem Profil am besten funktioniert und welche Faktoren langfristig zu guten Ergebnissen führen. „Dieses lernende Modell hilft vorherzusagen: Welche Prothesenposition und welche Technik führen bei einer Person mit bestimmten Merkmalen am wahrscheinlichsten zum besten Ergebnis?“ so von Eisenhart-Rothe. Bei der Umsetzung im OP könnten Roboter helfen. „Sie schneiden nicht selbst. Sie helfen Chirurginnen und Chirurgen jedoch dabei, die Operation millimetergenau zu planen, während des Eingriffs präziser zu arbeiten und wichtige Daten automatisch zu erfassen“, betonte der Experte.
Gelenkersatz bei Diabetes mellitus Typ 2
Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 (T2DM) weisen ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Knie- oder Hüftarthrose auf. „Der dauerhaft erhöhte Blutzuckerspiegel führt zu Entzündungsprozessen im Körper und schädigt Knorpelzellen im Gelenk“1, erklärte PD Dr. Stephan Kirschner, Karlsruhe, Past-Präsident der AE. Ein schlecht eingestellter Blutzucker erhöhe zudem die Komplikationsrate bei Operationen: Hohe Zuckerwerte schwächen die Immunabwehr und beeinträchtigen die Wundheilung und das Risiko für Protheseninfektionen steigt.
Bereits Prädiabetes gilt als ein OP-Risikofaktor, der häufig nicht bekannt ist. Da er bereits kleine Blutgefäße schädigt, sind Durchblutung und damit Wundheilung und Infektabwehr beeinträchtigt. „Eine sorgfältige Vorbereitung und die enge Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Orthopäden und Anästhesisten sind entscheidend, um das Risiko für Infektionen und Wundheilungsstörungen zu minimieren“, betonte Prof. Robert Hube, München, Präsident der AE (s. Tab. 1).
Tab. 1: Empfehlungen des AE-Komitees „Perioperatives Management“ für eine gezielte OP-Vorbereitung bei Diabetes mellitus [2,3].
Implantatallergien bei Endoprothesen
Benötigen Menschen mit einer Nickel- oder Chromallergie ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk, sind sie häufig verunsichert. Die AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik e. V. verweist jedoch darauf, dass eine Kontaktallergie auf der Haut nicht automatisch eine Unverträglichkeit gegenüber einem Implantat zur Folge hat.4 „Eine positive Reaktion auf Modeschmuck oder ein auffälliger Epikutantest bedeuten zunächst nur, dass eine Sensibilisierung der Haut vorliegt“, erklärte Prof. Georgi Wassilew, Greifswald, Generalsekretär der AE. Mögliche Anzeichen für eine Implantatallergie sind lokale oder systemische Dermatitis, Urtikaria und Wundheilungsprobleme; in der Nähe des Implantats kann es zu Schmerzen, Schwellungen, Ergüssen oder Lockerungen kommen.4
Eine periimplantäre Hypersensitivität unterscheidet sich grundlegend von klassischen Kontaktallergien. Letztere werden durch direkten Hautkontakt mit Metallen ausgelöst, während eine Reaktion auf eine Endoprothese eine immunologische Antwort im umgebenden Gewebe darstellt. Diese kann jedoch erst nach dem Einbringen eines Implantats entstehen. Der Nachweis ist kompliziert und meist nur durch die histologische Untersuchung von Gewebeproben möglich. Die AE rät daher zu einem gestuften Vorgehen:
Testung nur bei klarer Vorgeschichte, etwa bei nachgewiesenen Kontaktreaktionen auf Schmuck oder auf vorherige Implantate.
Ausschluss anderer Ursachen bei Beschwerden nach der Operation, etwa Infektion oder mechanische Probleme.
Eine „Implantatallergie“ bleibt eine Ausschlussdiagnose, die nur bei entsprechendem klinischem Bild und nach sorgfältiger Abklärung gestellt werden sollte.
Bei bestätigter Sensibilisierung stehen hypoallergene Implantate zur Verfügung, z. B. mit speziellen Beschichtungen oder auf Titan- bzw. Keramikbasis. „Diese Implantate sind keineswegs automatisch die bessere Wahl“, so Wassilew. „Wenn sie vom Operateur nur selten verwendet werden, kann das Risiko von Komplikationen wie Lockerungen steigen – nicht aufgrund einer Allergie, sondern wegen technischer Probleme und fehlender Routine bei der Implantation.“ Außerdem gäbe es für viele dieser Systeme bislang keine umfassenden Langzeitdaten zur Haltbarkeit. „Entscheidend ist eine ehrliche und sachliche Aufklärung. Patientinnen und Patienten müssen wissen, dass eine bekannte Hautallergie nicht automatisch ein Risiko für eine Endoprothese darstellt“, so Wassilew.
Infektionen der Endoprothese
Anhaltende Schmerzen nach einer Hüft- oder Knieoperation, wiederkehrende Rötungen oder Schwellungen, gestörte Wundheilung und Fieber könnten auf eine Protheseninfektion hinweisen, so AE-Präsident Hube. Sie trete in ca. 0,5 bis 2 % aller Fälle auf und sei laut Jahresbericht des Endoprothesenregisters Deutschland (EPRD) bei Knieprothesen für 15,2 % aller Folgeeingriffe verantwortlich, bei Hüftprothesen sogar für 18,5 %. Auch Jahre nach der OP könne es noch zu einer Infektion kommen.
Risikofaktoren des Patienten verringern
Infektionsprophylaxe im OP
Optimale Einstellung eines Diabetes mellitus und einer Rheumaerkrankung
Reduzierung von Übergewicht
Präoperative Behandlung von Blutarmut und ggf. Ernährungsstatus
Rauchpause für mindestens vier Wochen
Hämatogene Infektionen vermindern durch Sanierung von Infektionsherden im Körper, z. B. im Zahnbereich, Ulcus cruris, symptomatische Harnwegsinfektionen
Dekolonialisierung: vor Operation Körper des Patienten mit antiseptischer Lösung waschen (reduziert Anzahl der OP-bedingten Infektionen um > 50 %)
Nutzung von muskelschonenden OP-Verfahren zur Verminderung des Blutverlustes
kürzere Operationszeit verringert die Infektionsrate
Wärmen des Patienten während der Operation vermindert das Infektionsrisiko aufgrund der besseren Hautdurchblutung.
Bei längeren Operationen Handschuhe und spezieller Instrumente nach bestimmter Zeit wechseln
Tab. 2: Allgemeine Maßnahmen zur Prophylaxe einer Protheseninfektion [5].
Mögliche Ursachen für Implantatinfekte sind laut Hube:
OP-bedingte Infektionen
hämatogene Infektionen z. B. durch Blasenentzündungen, Zahnoperationen, Ulcus cruris etc.
Infektion durch andere infizierte, implantierte Fremdkörper (z. B. künstliche Herzklappen)
Die Behandlung erfordere meist den Austausch des Implantats sowie eine lange Antibiotikatherapie, erklärte der Experte. Da sie sehr anspruchsvoll und interdisziplinär sei, solle sie spezialisierten Zentren vorbehalten sein. Eine Infektionsprophylaxe sei deshalb umso wichtiger (s. Tab. 2).5
Katrin Breitenborn, Redakteurin
Literatur
1 Veronese N et al. Semin Arthritis Rheum. 2019;49(1):9–19. 2 Müller M et al. Orthopädie (Heidelb). 2025 Feb;54(2):129–134. 3 Weber P et al. Orthopädie (Heidelb). 2025 Feb;54(2):93–94. 4 Schoon J et al. Orthopädie und Unfallchirurgie up2date 2025; 20 (1): 29–47. 5 Mühlhofer H et al. Orthopäde 2021;50:312–325.
Quelle: Online-Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik (AE), 02.12.2025 anlässlich des 27. AE-Kongresses am 04.–05.12.2025 in Berlin
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