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Dermatologie, Gefäßmedizin Dermatologie, Gefäßmedizin Dermatologie, Gefäßmedizin, HAUT
Wundheilung

Wundmikrobiom: Kutanes Wechselspiel kommensaler und pathogener Bakterien

Der Begriff „Wundmikrobiom“ bezeichnet die spezifische Gemeinschaft von Mikroben, darunter insbesondere Bakterien und Pilze, die in und um eine Wunde vorkommen. Dieses Mikrobiom spielt eine entscheidende Rolle bei der Wundheilung, da es sowohl Mikroben enthält, die die Wundheilung fördern, als auch solche, die Infektionen und Chronifizierung verursachen. Ein tieferes Verständnis dieser interspezifischen Konkurrenz und Synergie bzw. dieser Dynamik könnte dazu dienen, neue Optionen für die Wundtherapie und Infektionsprävention zu identifizieren.


06.02.2026
E. Stürmer, S. Liegenfeld
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Zitierweise: HAUT 2026; 37 (1): 10-12

Schlüsselwörter: Wunde, Wundinfektion, Wundmikrobiom, Bakterien
Key words: wound, wound infection, wound microbiome, bacteria

Mensch und Mikrobiom

„You never walk alone“: Auf unserer ca. 2 m² großen Hautoberfläche leben so viele Mikroben wie Menschen weltweit. Es ist also der Ort mit der höchsten „Einwohnerdichte“1. Betrachtet man den Menschen ganzheitlich, so sind 90 % sämtlicher Zellen im Körper Bakterien; eine Billion Bakterien befinden sich z. B. in 1 g Darminhalt. Sie beeinflussen nicht nur die Verdauung und die Immunabwehr, sondern auch die Wundheilung. Dem sogenannten Wundmikrobiom wird in letzter Zeit mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Denn es gibt neue Erkenntnisse, dass nicht alle Keime im Wundmilieu negative Auswirkungen auf die Wundheilung haben2 – manche scheinen sogar zentrale Helfer im Heilungsprozess zu sein.

Intakte HautAkute WundenChronische Wunden
Staphylococcus epidermidisStaphylococcus aureusStaphylococcus aureus
Cutibacterium acnesStreptococcus spp.Pseudomonas aeruginosa
Staphylococcus aureusPseudomonas aeruginosaEnterobacter spp.
Corynebacterium spp.Escherichia coliProteus mirabilis
Micrococcus spp.Enterococcus spp.Corynebacterium spp.
Tab. 1: Übersicht der fünf am häufigsten auf intakter Haut, in akuten und chronischen Wunden vorkommenden bakteriellen Spezies (14).

Methode: Scoping Review

Die Grundlage dieses Artikels bildet eine Literaturrecherche in der elektronischen Datenbank Medline (PubMed). Die Recherche umfasste klinische und translationale Studien, die zwischen 2015 und 2025 veröffentlicht wurden. Folgende Schlüsselwörter wurden verwendet: „Wundmikrobiom“, „komplexe Wunden“, „akute Wunden“, „Mikrobiom“, „Probiotika“, „chronische Wunden“, „Wundheilung“, „pH-Wert“ und „Antiseptika“. Die Schlüsselwörter wurden mit den Booleschen Operatoren „und“ und „oder“ kombiniert. Alle Titel und Abstracts wurden von zwei Personen unabhängig voneinander auf ihre Relevanz für das
Thema hin überprüft. Von 517 detektierten Artikeln waren 27 Duplikate, 259 entsprachen nicht der Fragestellung und 231­wurden berücksichtigt.

Dysbiose in der Wunde

Ein diverses Hautmikrobiom ist wichtig, um die Hautbarriere zu stabilisieren und sie vor Krankheitserregern zu schützen. Eine Dys­biose (Störung des natürlichen Gleich­gewichts) des Hautmikrobioms wurde bei entzündlichen Hauterkrankungen (Hidradenitis suppurativa, atopische Dermatitis und Acne vulgaris), bei chronischen Wunden sowie bei Diabetikern beobachtet3.

Die menschliche Haut beherbergt eine vielfältige Mikrobiota, die vorwiegend aus kommensalen Mikroben wie Staphylococcus epidermidis, Cutibacterium acnes und Corynebacterium spp. besteht. Kommensale Bakterien stärken die Hautbarriere und hemmen pathogene Mikroben durch Konkurrenz und/oder die Bildung antimikrobieller Substanzen4. Bei einer Hautverletzung ist dieses Gleich­gewicht in Gefahr: Das Wundmilieu enthält mehr Feuchtigkeit, ein breiteres Spektrum an Nährstoffen aus dem Blut und ggf. auch abgestorbenes (nekrotisches) Gewebe. Eine sehr wichtige Veränderung, welche insbesondere das Wachstum pathogener Bakterien unterstützt, ist ein im Vergleich zur intakten Haut (pH 4,5 bis 5,5) alkalischerer pH-Wert (> 7,3) in Wunden. Ein derartiges Wundmilieu begünstigt die Ausbreitung pathogener Mikroben wie Staphylococcus aureus oder Pseudomonas aeruginosa. Diese verdrängen zunehmend kommensale Mikroorganismen, was die Wahrscheinlichkeit einer Wundinfektion erhöht5.

Menschen mit chronisch-infizierten Wunden leiden häufig unter Erkrankungen wie Diabetes mellitus, periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) oder chronisch-venöse Insuffizienz (CVI), was durch eine gestörte Durchblutung der Wund­region auch die Immunantwort schwächt. Deshalb neigen diese Wunden dazu, eine stabilere, oft pathogene Bakterienpopulation – meist 30 bis 50 verschiedene Spezies – zu beherbergen. Die am häufigsten in chronischen Wunden vor­kommenden Krankheits­erreger sind S. aureus und P. aeruginosa, gefolgt von Coryne­bacterium, Prevotella, Finegoldia und Anaerococcus6. Analysen zum Mikrobiom chronischer Wunden haben auch gezeigt, dass an­aerobe Bakterien eine spezifische Rolle bei der verzögerten Heilung spielen. Antiseptika und systemische Antibiotika sind zwar zur Keimreduktion unverzichtbar, wirken jedoch nicht selektiv: Sie schädigen auch die nützlichen, kommensalen Bakterien des Haut- und Wundmikrobioms. Dadurch kann die Entstehung resistenter Bakterien begünstigt werden. Ein gezielter, indikationsgerechter Einsatz antimikrobieller Therapien, der an den Infektionsstatus der Wunde angepasst ist und die notwendige Konzentration sowie die sinnvolle Anwendungsdauer berücksichtigt, ist daher essenziell7.

Akute versus chronische Wunde

Akute Wunden haben eine andere mikrobielle Besiedlung als chronische Wunden8. Bei 5 bis 26 % der akuten Wunden, die durch Traumata oder Verbrennungen entstanden sind, kommt es zu Infektionen. Häufig vorkommende Mikroben in akuten Wunden sind gramnegative Bakterien (Pseudomonas aeruginosa, Acinetobacter baumannii, Enterobacteriaceae, Escherichia coli, Klebsiella pneumoniae, Serratia marcescens, Enterobacter spp., Proteus spp. und Bacteroides spp.), gram­positive (Staphylococcus aureus, Strepto­coccus spp., Enterococcus spp., Micrococcus spp., Corynebacterium spp., Streptococcus pyogens und Cornybacterium diphteria) und koagulase-negative Staphylokokken7. Insbesondere letztere und Staphylococcus epidermidis gehören auch zum typischen Hautmikrobiom und können prädiktiv für einen (startenden) Wund­heilungsprozess sein2.

Ein Paradigmenwechsel in der Bewertung des humanen Mikrobioms deutet sich bereits bei anderen Erkrankungen an; seine gezielte Unterstützung als „Partner“ in der Bekämpf­ung von Pathogenen rückt in den Fokus – Mikrobiom-Modulation statt seiner Aus­löschung. Ein saurer pH-Wert im Wund­milieu kann die Heilung fördern, indem er die ­Reepithelisierung unterstützt, die proteolytische Aktivität hemmt und das Wachstum pathogener Biofilme unterdrückt5. Durch den Einsatz von pH-senkenden Wund­auflagen und Spüllösungen kann ein Wundmilieu geschaffen werden, welches das Wachstum pathogener Bakterien, die bevorzugt bei einem pH-Wert > 7 proliferieren, hemmt, ohne dabei kommensale Mikro­organismen im Haut- und Wundmikrobiom unnötig zu beeinträchtigen. Erste Studien zeigen vielversprechende Ergebnisse mit solchen pH-modulierenden Ansätzen9,10.

Zukunftshoffnung: Probiotika

Auch Probiotika gewinnen als potenzielle, etwas außergewöhnliche Wundtherapie an Bedeutung. Probiotische Bakterien können mit pathogenen Mikroben um Nahrungs­quellen konkurrieren, Milchsäure zur pH-Senkung produzieren und bakterizide Stoffe freisetzen. In Experimenten konnten Arten wie Lactobacillus plantarum, Lactobacillus acidophilus und Bifidobacterium lactis das Wachstum pathogener Biofilme hemmen, Entzündungen reduzieren und die Reepithelisierung fördern2,11. Bei Patienten mit Verbrennungs­wunden konnten Lactobacilli Infektionen der Wunde sowie den Bedarf an Hauttransplantationen vermindern und L. plantarum konnte sogar die Wundgröße bei diabetischem Fuß­ulzerationen (DFU) reduzieren. Eine standardisierte Anwendung von Probiotika in der alltäglichen Praxis der Wund­therapie ist jedoch bisher nur eine Zukunftshoffnung, da sie einen Paradigmenwechsel in Bezug auf die antiseptische Lokaltherapie erfordern würde. Systemische Zusammen­hänge zwischen Mikrobiom und Probiotika rücken hingegen stärker in den Fokus: Eine gestörte Darmflora, wie sie beispiels­weise bei einem „leaky gut“ oder Diabetes mellitus häufig auftritt, kann über Immunmediatoren die Hautbarriere und das Wundmikrobiom positiv beeinflussen. Die sogenannte Darm-Haut-Achse gilt daher als potenzieller therapeutischer Ansatz, auch für den Einsatz von Probiotika12.

Fazit

Ein vertieftes Verständnis des Haut- und Wundmikrobioms ist entscheidend für die Entwicklung differenzierter Therapien4,6,13. Das mikrobielle Zusammenspiel ist weit­gehend nicht entschlüsselt. Im Hinblick auf die Entwicklung innovativer Therapie­optionen sollte nicht ausschließlich die Eliminierung von Infektionserregern im Fokus stehen, sondern auch die Unter­stützung des „guten Hautmikrobioms“, das heißt der kommensalen Bakterien, und eine Wieder­herstellung des gesunden, mikrobiellen Gleichgewichts. Dabei könnten Pro­biotika und pH-Modulation eine zentrale Rolle spielen. Die alleinige Frage lautet somit nicht mehr, wie alle Bakterien in Wunden beseitigt werden können, sondern auch, wie die „Guten“ unterstützt werden können. Wie weit die Forschung auf diesem Gebiet bereits ist, zeigt unsere aktuelle Publikation13.

Ewa K. Stürmer, Sophie Charlotte Liegenfeld

1. Bouslimani A, Porto C, Rath CM et al. Molecular cartography of the human skin surface in 3D. Proc Natl Acad Sci USA. 2015 Apr 28;112(17):E2120-9.

2. Stuermer EK, Bang C, Giessler A et al. Effect of oral multispecies probiotic on wound healing, periodontitis and quality of life on patients with diabetes. J Wound Care. 2024;33(6):394-407.

3. Bay L, Ring HC. Human skin microbiota in health and disease: The cutaneous communities’ interplay in equilibrium and dysbiosis. APMIS 2022;130:706-718.

4. Byrd AL, Belkaid Y, Segre JA. The human skin micro­biome. Nat Rev Microbiol 2018;16(3):143-55.

5. Schneider LA, Korber A, Grabbe S et al. Influence of pH on wound-healing: a new perspective for wound-therapy? Arch Dermatol Res 2007;298(9):413-20.

6. Morsli M, Salipante F, Magnan C et al. Direct metagenomics investigation of non-surgical hard-to-heal wounds: A review. Ann. Clin. Microbiol. Antimicrob. 2024;23:39.

7. Johnson TR, Gómez BI, McIntyre MK et al. The Cutaneous Microbiome and Wounds: New Molecular Targets to Promote Wound Healing. Int J Mol Sci 2018;19(9).

8. Grice EA, Kong HH, Conlan S et al. Topographical and temporal diversity of the human skin microbiome. Science 2009;324(5931):1190-2.

9. Sim P, Strudwick XL, Song Y et al. Influence of Acidic pH on Wound Healing In Vivo: A Novel Perspective for Wound Treatment. Int J Mol Sci 2022;23(21).

10. Derwin R, Patton D, Strapp H et al. Wound pH and temperature as predictors of healing: an observational study. J Wound Care 2023;32(5):302-10.

11. Bădăluță VA, Curuțiu C, Dițu LM et al. Probiotics in Wound Healing. Int J Mol Sci 2024;25(11).

12. O‘Neill CA, Monteleone G, McLaughlin JT et al. The gut-skin axis in health and disease: A paradigm with
therapeutic implications. Bioessays 2016;38(11):1167-76.

13. Liegenfeld SC, Stenzel S, Rembe JD et al. Pathogenic and Non-Pathogenic Microbes in the Wound Micro­biome – How to Flip the Switch. Microbiology Research 2025;16(2).

14. Martinengo L, Olsson M, Bajpai R et al. Prevalence of chronic wounds in the general population: Systematic review and meta-analysis of observational studies. Ann. Epidemiol. 2019;29:8-15.

Korrespondenzadresse

Univ.-Prof. Dr. med. Ewa K. Stürmer
Chirurgische Leitung Comprehensive Wound Center, Leitung Translationale Wundforschung
Klinik und Poliklinik für Gefäßmedizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
E-Mail: e.stuermer@uke.de