In Deutschland sind jedes Jahr rund 1,3 Millionen Menschen wegen eines Hallux valgus in ärztlicher Behandlung, überwiegend Frauen, meist ab dem 50. Lebensjahr. „Medizinisch handelt es sich dabei um eine komplexe Fehlstellung, häufig in Verbindung mit einer gewissen Instabilität des ersten Mittelfußgelenkes“, sagt Prof. Stefan Rammelt, Präsident der Deutschen Assoziation für Fuß und Sprunggelenk (D. A. F.), einer Sektion der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU).
Familiäre Veranlagung als Ursache
Häufig kommen Druckstellen, Entzündungen oder Fehlstellungen weiterer Zehen, vor allem der zweiten, hinzu. In den meisten Fällen ist eine familiäre Veranlagung die Ursache. Enge Schuhe können die Beschwerden zwar verstärken, sind aber nicht der eigentliche Grund.
Die neue S2e-Leitlinie Hallux valgus wurde unter Federführung der D. A. F. gemeinsam mit der DGOU und weiteren Fachgesellschaften 2024 erstellt und im Juni 2025 und im Januar 2026 redaktionell überarbeitet. Im Rahmen der Überarbeitung implementierten die Autorinnen und Autoren ein „Living Systematic Review“. Ziel dieses Ansatzes ist es, einen aktuellen Überblick über die Wirksamkeit bestehender operativer Verfahren sowie über neu hinzukommende chirurgische Techniken zur Korrektur des Hallux valgus zu gewährleisten. Alle zukünftigen Leitlinienrevisionen sollen auf diesem „Living Systematic Review“ aufbauen.
Leitlinie Hallux valgus empfiehlt zuerst nicht-operative Möglichkeiten auszuschöpfen
Eine wichtige Neuerung der Leitlinie ist die vereinfachte Einteilung der Schweregrade: Künftig wird nur noch zwischen „leicht bis moderat“ und „schwer“ unterschieden. Das erleichtert die Therapieentscheidung und sorgt für mehr Transparenz. Die Leitlinie empfiehlt, zunächst nicht-operative Möglichkeiten auszuschöpfen. Die konservativen Maßnahmen können die Fehlstellung zwar nicht korrigieren, lindern aber häufig die Schmerzen und verbessern die Beweglichkeit.
„Es lohnt sich, frühzeitig zu behandeln, um den Fuß zu entlasten und die Beschwerden zu lindern. Wenn das nicht ausreicht, kann ein operativer Eingriff sinnvoll sein.“
Dr. Jörn Dohle, stellvertretender DGOU-Präsident.
Umfassende ärztliche Aufklärung vor Operation
Eine Operation wird erst dann empfohlen, wenn trotz nicht-operativer Maßnahmen starke Beschwerden bestehen, die Lebensqualität eingeschränkt ist oder es wiederholt zu schmerzhaften Druckstellen kommt. Unabhängig von der gewählten Therapie betont die Leitlinie die Bedeutung einer umfassenden ärztlichen Aufklärung – über Chancen, Risiken und auch über die Länge der Rehabilitationszeit nach einer Operation. „Ziel des OP-Eingriffs ist es, die Fehlstellung des Knochens zu korrigieren, das Gelenk zu entlasten und die Belastung im Vorfuß wieder gleichmäßig zu verteilen“, sagt Prof. Sebastian F. Baumbach, einer der Koordinatoren der Leitlinie.
Alle gängigen OP-Verfahren verbessern die Fehlstellung des Hallux valgus
Die Grundlage der aktualisierten Leitlinie bildet eine umfangreiche wissenschaftliche Auswertung der vergangenen Jahre. Demnach existieren zahlreiche operative Verfahren zur Korrektur der knöchernen Fehlstellung. Laut DGOU sind die Erfolgsaussichten einer Operation sehr gut. Große wissenschaftliche Auswertungen hätten gezeigt, dass alle gängigen Operationsverfahren die Fehlstellung deutlich verbessern würden. Auch die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten steige nach der Operation im Durchschnitt klar an.