Der neue Wettbewerb um Sichtbarkeit: KI und die Arztsuche im Web
Die Art, wie Patienten online nach Ärzten suchen, hat sich fundamental gewandelt. Während vor wenigen Jahren noch die klassische Google-Suche dominierte, entscheiden heute zunehmend KI-Systeme darüber, welche Arztpraxis im Web empfohlen wird. Die neue Online-Währung heißt „KI-Sichtbarkeit“.
Etwa 60 % aller Suchanfragen enden mittlerweile ohne Klick auf eine Website – die Antwort liefert bereits die künstliche Intelligenz (KI) direkt in der Suchmaschine oder im Chat-Dialog. Für Praxisinhabende bedeutet das einen Paradigmenwechsel: Wer gefunden werden will, muss nicht nur im Google-Ranking vorne auftauchen, sondern auch in KI-Tools wie z. B. ChatGPT, Gemini und Google AI Overview präsent sein.
Von Rankings zu KI-Zitationen
Die klassische Suchmaschinenoptimierung (SEO) folgte bisher einem klaren Muster: Wer auf Platz eins bis drei bei Google erschien, bekam den meisten Traffic. Nutzende suchten mit kurzen Begriffen wie etwa „Kardiologe Düsseldorf“ oder „Hautarzt Kinderbehandlung“ und landeten direkt auf der Website der jeweiligen Praxis. Heutzutage stellen Patientinnen und Patienten deutlich komplexere Fragen: „Welcher Kardiologe in Düsseldorf behandelt Herzrhythmusstörungen, nimmt noch neue Patienten auf und hat Termine am Wochenende?“ KI-Systeme verstehen diese konversationellen Anfragen, bündeln Informationen aus mehreren Quellen und liefern direkte Antworten – oft inklusive Kontaktdaten oder Terminoptionen, ohne dass eine Website besucht werden muss.
Das verändert die Logik des Marketings grundlegend. Die bisherige Kette „Ranking → Klick → Anfrage → Termin“ greift immer seltener. Selbst Praxen auf Platz eins im Google-Ranking können deutlich weniger Website-Traffic verzeichnen, während andere mit schlechteren Rankings mehr Anfragen erhalten – nämlich dann, wenn sie von KI-Systemen wie ChatGPT oder Google AI Overview als vertrauenswürdige Quelle genannt werden.
Sie können selbst prüfen: Wie präsent ist Ihre Praxis in KI-Antworten? Welche Informationen werden ausgegeben? Und werden Sie überhaupt als Option genannt, wenn ein Patient nach Ihrer Fachrichtung in Ihrer Region sucht?
Google Business Profil wird zur Pflicht
73 % der Patientinnen und Patienten beginnen ihre Suche bei Google – diese Zahl ist auch Anfang 2026 stabil. Was sich geändert hat: Google AI Overviews erscheinen mittlerweile bei über 13 % aller lokalen Suchanfragen und greifen dabei direkt auf die Daten aus dem Google Business Profil zu. Ein unvollständiges oder halbherzig gepflegtes Profil bedeutet heute nicht mehr nur weniger Klicks, sondern den kompletten Ausschluss aus KI-Empfehlungen.
Die wichtigsten Optimierungsfelder
Präzise Kategorisierung, detaillierte Leistungsbeschreibungen statt allgemeiner Begriffe, aktuelle Fotos von Praxisräumen und Team, stets aktualisierte Öffnungszeiten mit integriertem Buchungslink sowie Angaben zu Barrierefreiheit und Parkplätzen. All diese Informationen fließen direkt in KI-Antworten ein.
NAP steht für Name, Adresse, Phone (Telefon) – die drei Grunddaten jeder Praxis. Das klingt trivial, ist aber die häufigste Fehlerquelle für KI-Unsichtbarkeit. ChatGPT bezieht lokale Informationen überwiegend aus Verzeichnisdiensten und von Review-Plattformen. Diese Systeme arbeiten mit exakter Übereinstimmung: Wenn Ihre Praxis auf Google Business als „Dr. med. Maria Müller – Praxis für Allgemeinmedizin“ eingetragen ist, auf Jameda aber als „Praxis Dr. Müller“ und auf Ihrer Website als „Maria Müller, Fachärztin für Allgemeinmedizin“, erkennt die KI diese drei Einträge möglicherweise nicht als identisch. Die Folge: Das System stuft die Datenqualität als unsicher ein und schließt Ihre Praxis von der Empfehlung aus. Die Lösung: Definieren Sie einen verbindlichen Standard und gleichen Sie alle Verzeichniseinträge ab – Google Business, Jameda, Doctolib, Ihre Website, lokale Branchenbücher und Arztverzeichnisse.
Menschen und Maschinen gleichermaßen überzeugen
KI-Systeme entscheiden innerhalb von Millisekunden, ob eine Website als zitierwürdige Quelle taugt. Die Bewertungskriterien entsprechen dabei dem, was Google seit Jahren unter dem Akronym E-E-A-T fordert: Experience (Erfahrung), Expertise (Fachwissen), Authoritativeness (Autorität) und Trustworthiness (Vertrauenswürdigkeit).
Strukturelle Optimierung
Ihre Website sollte Fragen direkt beantworten – oben die Kurzantwort, darunter Details. Jeder Abschnitt beginnt mit einer klaren Überschrift, die eine konkrete Nutzerfrage adressiert. FAQ-Bereiche mit präzisen Fragen und kurzen, vollständigen Antworten sind besonders geeignet für KI-Zitationen und erscheinen häufig in AI Overviews.
Schema Markup und Autorenschaft
Strukturierte Daten sind die maschinenlesbare „Sprache“ für KI-Plattformen. Schema Markup ist Programmcode im Hintergrund Ihrer Website, der Suchmaschinen technische Hinweise gibt – etwa zu Sprechzeiten oder Kontaktdaten. Für medizinische Inhalte reicht es, die Praxis selbst als Autor anzugeben (organisatorische Autorenschaft), solange die Team-Seite Qualifikationen ausweist. Ein Hinweis im Footer genügt: „Alle medizinischen Inhalte wurden vom Praxisteam erstellt und geprüft.“
KI-Systeme bewerten nicht nur Ihre Website, sondern auch Ihr digitales Ökosystem. Wird Ihre Praxis auf vertrauenswürdigen Websites erwähnt? Diese externen Signale sind für KI-Tools ein starker Indikator für Relevanz.
Konkrete Ansätze: Pressemitteilungen zu Praxisjubiläen oder neuen Behandlungsmethoden an lokale Medien, Fachbeiträge für regionale Gesundheitsmagazine, Gesundheitsvorträge bei Volkshochschulen oder Kooperationen mit städtischen Gesundheitsämtern. Auch das Annehmen von Interview-Anfragen lokaler Journalisten bringt nachhaltige Erwähnungen auf autoritativen Nachrichtenseiten.
Die Komplexität im Blick behalten
Das digitale Marketing-Ökosystem verändert sich monatlich – neue KI-Tools, angepasste Algorithmen, veränderte technische Standards. Parallel dazu führen Sie Ihre Praxis und behandeln Patientinnen und Patienten. Die beschriebenen Maßnahmen erfordern nicht nur Zeit, sondern auch kontinuierliche Marktbeobachtung und technisches Know-how. Hier besteht die Möglichkeit, mit spezialisierten Dienstleistern zusammenzuarbeiten, die die rechtlichen Besonderheiten medizinischer Kommunikation kennen und KI-Wissen gezielt für die strategische Positionierung Ihrer Praxis einsetzen.
Fazit – Die Zukunft ist zweigleisig
Klassische Suchmaschinenoptimierung bleibt relevant, aber die Spielregeln haben sich erweitert: Praxen konkurrieren heute sowohl um Google-Rankings als auch um Sichtbarkeit in KI-Tools. Wer in beiden Welten präsent sein will, muss strukturierte Daten implementieren, konsistente NAP-Informationen pflegen und zitierfähige Inhalte schaffen. Die Komplexität dieser Anforderungen macht deutlich: Frühzeitiges Handeln sichert Wettbewerbsvorteile, während Abwarten das Risiko digitaler Unsichtbarkeit erhöht.
Autorin
Nadja Alin Jung m2c — medical concepts & consulting Wöhlerstraße 8–10 60323 Frankfurt am Main 069 460 937 20 info(at)m2c.design www.m2c.design
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