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Serie Gefäßmedizin

Wie machen sich chronische Venenerkrankungen bemerkbar?

Chronische Venenkrankheiten betreffen häufig die Beinvenen. Unbehandelt können sie zur chronischen venösen Insuffizienz führen. Durch frühzeitige Diagnose und Therapie, besonders auch in der Hausarztpraxis, lassen sich schwere Hautkomplikationen bis zum Ulcus cruris meist vermeiden.


19.02.2026
M. Stücker
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Zitierweise: Der niedergelassene Arzt 02/2026; 75 (2): 48-54

Chronische Venenkrankheiten sind weit verbreitete Erkrankungen des venösen Systems der unteren Extremitäten. Sie entstehen durch eine venöse Abflussstörung. Diese kann sich durch Veränderungen im Bereich der Venen selbst entwickeln. Dabei kann es sich einerseits um eine Venenklappeninsuffizienz und daraus resultierende Refluxe handeln, andererseits um eine Venenokklusion, z. B. im Rahmen eines postthrombotischen Syndroms. Daneben können venöse Abflussstörungen aber auch durch Störungen der Muskelpumpenfunktion verursacht werden. Ein Grund hierfür ist z. B. eine verminderte Sprunggelenkbeweglichkeit im Rahmen eines arthrogenen Stauungssyndroms. Ein anderer ist eine adipositasbedingte funktionelle venöse Insuffizienz, die durch den Druck des Abdominalfettes auf die Venen hervorgerufen wird.

Unbehandelt können chronische Venenerkrankungen zu einer chronischen venösen Insuffizienz (CVI) führen, die durch klinische Symptome im Rahmen einer venösen Abflussstörung definiert ist. Da schwerwiegende Hautkomplikationen bis hin zum Ulcus cruris venosum heute durch rechtzeitige Therapie in der Regel zu vermeiden sind, ist eine frühzeitige Dia­gnose – insbesondere auch in der Hausarztpraxis – von großer Bedeutung.

Chronische Venenerkrankungen: klinisches Bild

Sehr häufig treten nur kosmetisch relevante Veränderungen auf. Hier sind insbeson­dere Besenreiser (Gefäßdurchmesser < 1 mm) und retikuläre Venen (Gefäßdurchmesser 1 – 3 mm) zu nennen. Als echte Varizen werden erst varikös veränderte Gefäße mit einem Durchmesser über 3 mm bezeichnet (Abb. 1).

Erst wenn zusätzliche Symptome oder klinische Zeichen zu den sichtbaren Varizen hinzutreten, spricht man nicht mehr nur von einer chronischen Venenkrankheit, sondern von einer chronischen Veneninsuffizienz.

Chronische venöse Insuffizienz: typische Symptome

  • Schwere- und Spannungsgefühl in den Beinen, im Laufe des Tages zunehmend
  • dumpfe Schmerzen und Müdigkeits­gefühl in den Beinen
  • nächtliche Wadenkrämpfe (Differenzialdiagnosen: Elektrolytmangel, Rückenleiden)
  • Pruritus
  • Besserung der Beschwerden durch Hochlagern der Beine und häufig durch Bewegung
  • Verschlechterung der Beschwerden durch langes Sitzen und Stehen

Wichtige klinische Zeichen sind (s. Abb. 1):

  • Unterschenkelödeme (ohne Schwellung des Fußes, häufig asymmetrisch das eine Bein stärker als das andere betreffend)
  • sichtbare Varizen
  • nicht vernarbende Hautveränderungen wie Hyperpigmentierungen, Stauungsekzem, Corona phlebectatica paraplantaris
  • vernarbende Hautveränderungen wie Atrophie blanche, Lipodermatosklerose
  • Narben nach Abheilung eines Ulcus ­cruris venosum
  • florides Ulcus cruris venosum (typischerweise innerhalb veränderter Haut, oft mit periulzerösen Hyperpigmentierungen und Stauungsekzemen)

Ulcus cruris venosum

Das Ulcus cruris venosum ist die schwerste Komplikation der CVI und gleichzeitig die häufigste Form einer chronischen Wunde des Beins. Zwei differenzialdiagnostische Kriterien sind besonders wichtig:

1. Lokalisation im Bereich des medialen Knöchels

2. in der Umgebung des Ulcus cruris venosum Hyperpigmentierungen, Stauungsekzem, Lipodermatosklerose und/oder Atrophie blanche

Weitere wichtige Merkmale des Ulcus cruris venosum sind:

  • häufig relativ flach auslaufender Rand
  • keine bizarrer, sondern oft relativ regelmäßiger Wundrand
  • in der Regel nicht multipel am Bein auftretend
  • insbesondere in der Initialphase und bei Infekten oft sehr schmerzhaft, unter Therapie und im Verlauf oft deutlicher Schmerzrückgang

CEAP-Klassifikation 

Die CEAP-Klassifikation teilt chronische Venenerkrankungen standardisiert ein und berücksichtigt klinische, ätiologische, anatomische und pathophysiologische Aspekte (s. Tab. 1). Im klinischen Alltag ist häufig nur der „C-Anteil“ der CEAP-Klassifikation im Gebrauch.

Cclinical condition (klinischer Befund):
C0keine sichtbaren Zeichen einer Venenerkrankung
C1Teleangiektasien/Besenreiser/retikuläre Venen
C2Varizen
C2r Rezidivvarikose
C3Ödem
C4Hautveränderungen
C4a Hyperpigmentierung und Ekzem
C4b Lipodermatosklerose oder Atrophie blanche
C4c Corona phlebectatica
C5abgeheiltes venöses Ulkus
C6aktives venöses Ulkus
C6r Rezidiv eines Ulcus cruris venosum
Eetiology (Ätiologie):
 Kongenital, primär oder sekundär (z. B. postthrombotisch)
Aanatomic location (Lokalisation):
 Oberflächliche, tiefe oder Perforansvenen
Ppathophysiology (Pathophysiologie):
 Reflux, Obstruktion oder beides
Tab. 1: CEAP-Klassifikation von chronischen Venenkrankheiten

Die klinischen Stadien der CEAP-Klassifikation im Überblick:

Bilder: Reich-Schupke S, Rabe E. In: Rabe E (Hrsg.). Grundlagen der Phlebologie und Lymphologie, 4. Aufl. WPV. Verlag 2024.

Chronische Venenerkarnkungen: Diagnostik in der Hausarztpraxis

Da eine Vielzahl von Erkrankungen auch die unteren Extremitäten betrifft und diese mit zunehmendem Lebensalter häufiger werden, ist die differenzialdiagnostische Einordnung einer CVI eine regelmäßige Herausforderung in der Hausarztpraxis. Da Varizen für die Patienten häufig deutlich sichtbar sind, projizieren sie nicht selten auch Schmerzen anderer Ursache auf die Varizen, wie z. B. Kniearthropathien, radikuläre Schmerzen bei degenerativen Bandscheibenerkrankungen oder periphere arterielle Verschlusskrankheit. Ähnlich können auch Unterschenkelödeme verschiedenste Ursachen haben, wie z. B. Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz oder Hypalbuminämie. Diese alternativen Diagnosen zu Ödemen im Rahmen einer CVI sind umso wahrscheinlicher, wenn die Ödeme bilateral, ohne weitere Symptome und ohne Hautveränderungen auftreten. Auch durch das An- oder Absetzen von Arzneimitteln können periphere Ödeme resultieren. Bei der Diagnostik sind die in Tabelle 2 beschriebenen Punkte von besonderer Relevanz.

Anamnese
Beschwerden: Schweregefühl, Schwellneigung, Juckreiz
Dauer der Beschwerden und Entwicklung im Tagesverlauf (bei Venenleiden gegen Abend zunehmende Beschwerden, Besserung bei Hochlagerung des Beins)
Voroperationen am Venensystem, Thrombosen
Voroperationen mit möglichen Schädigungen der Lymphbahnen, bspw. in der Malignomtherapie, als wichtiger Hinweis auf mögliche sekundäre Lymphödeme
Körperliche Untersuchung
Inspektion der Beine im Stehen, um Varizen gut sehen zu können
Vermerk typischer Hautveränderungen entsprechend Abb.1
Prüfung des Godet-Zeichens zum Ödemnachweis
Palpation peripherer Pulse zur orientierenden Beurteilung der arteriellen Durchblutung
Apparative Diagnostik
Venenfunktionsmessung wie z. B. Photoplethysmografie
Duplexsonografie der Venen
zumindest bei reduzierter Gehstrecke Bestimmung
des Knöchel-Arm-Index
Tab. 2: Relevante Punkte für die Diagnostik einer CVI in der Hausarztpraxis

Fazit

Chronische Venenerkrankungen haben ein relativ breites, jedoch auch typisches Spektrum an Symptomen und klinischen Zeichen. Während die nicht symptomatische Varikose zunächst nicht als behandlungsbedürftig gilt, sollte bereits bei ersten Symptomen wie Schwellneigung und Schweregefühl zumindest eine Kompressionstherapie angeraten werden. Durch die CEAP-Klassifikation wird eine strukturierte Einordnung chronischer Venenerkrankungen erleichtert. Bereits durch eine sorgfältige Anamnese und klinische Untersuchung kann in der Hausarztpraxis entscheidend dazu beigetragen werden, durch frühzeitige therapeutische Maßnahmen schwere Komplikationen zu verhindern.

Literatur

1 Pannier F, Noppeney T, Alm J et al. S2k guidelines: diagnosis and treatment of varicose veins. Hautarzt. 2022 May;73(Suppl 1):1–44. DOI: 10.1007/s00105-022-04977-8.

2 Li J, Kumi M, Ochoa Chaar CI. Management of chronic venous insufficiency in older adults. Semin Vasc Surg. 2025 Sep;38(3):323–331. DOI: 10.1053/j.semvascsurg.2025.06.005.

Autor

Prof. Dr. med. Markus Stücker
Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie
Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken
Kliniken der Ruhr-Universität Bochum
Im St. Maria-Hilf-Krankenhaus
Hiltroper Landwehr 11–13, 44805 Bochum
markus.stuecker(at)klinikum-bochum.de
www.venenzentrum-uniklinik.de