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Diskurs

Ein „Talk mit DocBartels“ über KI im Praxisalltag

Der Radiologe Dr. David Werner beschäftigt sich privat wie beruflich mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI). Im Podcast-Gespräch mit „DocBartels“ spricht er über deren Anwendung im Gesundheitswesen, insbesondere in der medizinischen Diagnostik und im Praxisalltag.


31.03.2026
A. Rosué
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Dr. David Werner ist niedergelassener Facharzt für Radiologie in Bad Kreuznach und setzt in seiner Praxis KI-Lösungen ein – in Eigenregie und im Rahmen von Forschungsarbeiten. Gerade die Radiologie eigne sich dafür hervorragend, erklärte er vor einigen Wochen im Talk mit Dr. Andreas Bartels, dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz. So werde sein Praxisteam zum Beispiel momentan im Rahmen eines Forschungsprojekts bei der Prostata-MRT-Auswertung durch KI unterstützt.

Die größte Chance für den KI-Einsatz sieht Werner aber in der hausärztlichen Praxis, in der KI-Lösungen wie Live-Übersetzungen und automatisierte Aufzeichnungen von Untersuchungsgesprächen wichtige Ressourcen schonen könnten. Privat sei er momentan in ein Projekt involviert, das es perspektivisch ermöglichen könnte, KI als praxisinternen Wissensmanager einzusetzen – etwa um neue Mitarbeitende einzuarbeiten.

„Die KI kann Aufgaben übernehmen, die einen im Arbeitsalltag unnötig aufhalten, damit mehr Zeit für die Interaktion zwischen Menschen bleibt.“ 
Dr. David Werner

Veränderung braucht Vertrauen – KI & New Work

In Bartels‘ Podcast-Reihe „Talk mit Doc Bartels“, in der er regelmäßig Gesundheitsthemen mit Gästen diskutiert, vergleicht David Werner den Einsatz Künstlicher Intelligenz im Praxisablauf mit „New Work“-Prozessen, wie der Einführung von Home-Office-Optionen: Es brauche zunächst Vertrauen. Als Kollegin oder Vorgesetzte müsse man darauf vertrauen, dass das Team neue Arbeitsprozesse gewissenhaft umsetze, ebenso, wie das Team dem Arzt und dem ausgewählten System einen Vertrauensvorschuss geben müsse.

„New Work“ steht weitgehend für intelligente Arbeitsbedingungen und flexibel nutzbare Arbeitswelten. Dies kann auch neue, experimentelle Arbeitsformen beinhalten, die z.B. die individuelle Entwicklung der Menschen fördern und mit den Unternehmenszielen in Einklang bringen sollen.1 

Ähnliches gilt für die Patientinnen und Patienten: nicht nur Diagnose, Behandlung und Verschwiegenheit setzen Vertrauen voraus, sondern auch die Einführung neuer Methoden. 

Die ganz eigene Lösungen finden 

Dr. Werner rät allen Praxen, sich selbst auf die Suche zu machen, was für die eigenen Abläufe passt, anstatt nur äußerem Druck stattzugeben. Die Technik allein dürfe nicht den Einsatz bestimmen: „Die technischen Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt und schnell umgesetzt“, erklärt der Radiologe. Doch ein Einsatz ohne Austausch mit dem Team oder der Patientenschaft führe oft nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Alle Beteiligten seien wichtig. Deshalb lohnen sich Fragen wie: „Gefällt Ihnen das?“, „Kommen Sie mit dem System klar?“ oder „Was stört Sie daran? Welche Änderungen brauchen Sie?“. Sein Tipp: Bei der Umsetzung von KI-Lösungen von Anfang an interdisziplinär vorgehen, zum Beispiel in einem Team, dass aus der leitenden Ärztin, einer MFA und einem Entwickler besteht.

Sorgen und Ängste beim Einsatz von KI

Eine rosarote Brille hat Werner in Sachen KI nicht auf. Die Sorgen von Patientinnen, Patienten und Anwendenden seien in vielen Fällen verständlich. Ängste wie „Wird es in Zukunft noch einen Arzt geben, der mich persönlich berät, oder ist es am Ende nur noch eine Maschine?“ seien naheliegend, wenn einem die technischen Möglichkeiten in ihrer Eindringlichkeit aufgezeigt werden – etwa durch Social-Media-Videos, die zeigen, wie KI-Modelle den Besuch in der ärztlichen Praxis auf den Gebrauch eines Automaten herunterbrechen.2



Das Szenario: „Eine Patientin tritt ein, lässt einen Netzhautscan machen – und erhält in wenigen Minuten eine Einschätzung zu Herz-, Nieren- oder Augenerkrankung, ohne jemals mit einer Person Kontakt gehabt zu haben. Beim Verlassen bekommt sie noch automatisch Rezepte oder eine AU ausgedruckt oder sogar gleich ­Medikamente ausgehändigt, wie aus einem Snackautomaten“, beschreibt Bartels den Prozess, an dem Entwicklerunternehmen tüfteln.

Man neige jedoch immer dazu, das bizarrste Beispiel als Erstes zu nennen, beschwichtigt Dr. Werner im Podcast. In seinen Augen müssten deshalb immer effizientere Strukturen für das bestehende System im Vordergrund stehen. Die Vereinfachung von Prozessen, etwa durch die automatische Verschriftlichung und Auswertung von Arzt-Patienten-Gesprächen durch KI, sollte immer zum Ziel haben, den Behandelnden mehr Zeit für „Wichtigeres“ zu verschaffen. Deshalb sei zum Beispiel beim Einsatz einer KI-Telefonassistenz immer darauf zu achten, dass Anrufenden, die schnelle Aufgaben erledigen wollen – wie Termine vereinbaren, absagen oder Infos einholen – durch KI das Leben erleichtert wird, während Patientinnen und Patienten mit Sorgen und Ängsten an einen Menschen weitergeleitet werden.

Kritisch sehen Bartels und Werner eine Zukunft, in der ökonomische Zwänge diese Rückinvestition in die Patientenschaft unterbinden oder KI für Aufgaben eingesetzt wird, für die sie nicht geeignet ist.

Mensch vs. Maschine

In seiner eigenen Praxis konnte der Radiologe feststellen, dass der Einsatz von KI bei der Auswertung von Prostata-MRT viele Vorteile mit sich brachte – darunter Zeitersparnis, höhere Auswertungssensitivität und korrektere Volumenberechnung.

Alles in allem mache die KI im Vergleich zum Menschen genauere Messungen, arbeite schneller, sei nie müde und hätte keine schlechten Tage, berichtet Werner augenzwinkernd. Besonders Anfänger erzielten durch die KI-unterstützte Auswertung bessere Ergebnisse. Bezeichnend für den zielführenden Einsatz sei für ihn jedoch folgende Beobachtung gewesen: Die höchstqualifizierte Person seines Teams verlor durch den Einsatz von KI an Auswertungsgenauigkeit. Für ihn lasse sich hier grundsätzlich etwas Wichtiges ableiten, etwas, für das die Autorin Joanna Maciejewska bereits vielzitierte, treffende Worte gefunden habe: 

„Ich möchte, dass die KI meine Wäsche und meinen Abwasch erledigt, damit ich Kunst machen und schreiben kann, und nicht, dass die KI meine Kunst und mein Schreiben erledigt, damit ich meine Wäsche und meinen Abwasch machen kann.“ – Post der Autorin Joanna Maciejewska, März 2024 [übersetzt d. Redaktion]

Auch Ärztinnen und Ärzte sollten sich deshalb fragen: Wo kann KI etwas übernehmen, das mich im Arbeitsalltag unnötig aufhält, auf das ich keine Lust habe oder das ich sowieso nicht so gut kann und auch nicht so gut können muss?

Die KI solle demnach keine sensiblen Gespräche führen, sondern lieber bei effektiverem Terminmanagement oder schnelleren Diagnosen unterstützen, damit mehr Zeit für die Interaktion zwischen Menschen bleibt, erklärt Werner. Sie solle lieber Anfänger unterstützen, als Experten zu bremsen.

Radiologe Dr. David Werner im Gespräch mit Dr. Andreas Bartels in der Video-Reihe: „Talk mit Doc Bartels“
(veröffentlicht am 12.11.2025 auf dem Kanal @talkmitdocbartels2788).

Verantwortung beim Einsatz von KI

„Wie wird man zukünftig damit umgehen, wenn Ärzte und KI zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen?“, eröffnet Dr. Andreas Bartels den Austausch über Verantwortung beim Einsatz von KI. Und benennt einen zweiten Punkt, der vermutlich vielen ein mulmiges Gefühl bereitet: „Ich habe Sorge, dass der Mensch durch die Delegation an die KI, Fähigkeiten verliert. Wenn mir doch die Maschine immer das EKG auswertet, verlerne ich dann nicht irgendwann selbst das EKG auszuwerten?“

Es gäbe schlichtweg Dinge, die dürften nicht verlernt werden, antwortet David Werner. Zum Beispiel, dass in der Medizin grundsätzlich alles möglich sei. Er greift hier noch einmal einen springenden Punkt auf: „KI ist keine Zauberei, sondern ein mathematischer Prozess“. Textgenerierende KI, sogenannte Large Language Models beispielsweise, sagt nicht „das Richtige“ voraus, sondern die Worte, die in einem bestimmten Zusammenhang am wahrscheinlichsten sind. Ärztinnen und Ärzte sollten verinnerlichen, dass KI-generierte Ergebnisse stets in die Realität eingeordnet werden müssen – die sich nun mal nicht immer an Wahrscheinlichkeitsrechnung hält. „Die Lösung liegt immer im Patienten“, hält er fest. Es dürfe nicht verlernt werden, Unwahrscheinliches oder Unbekanntes durch die genaue Anamnese der gesundheitlichen Geschichte des jeweiligen Patienten aufzudecken.

Ausblick

Die künftige Entwicklung wird auch von Faktoren wie Finanzierung und Datenschutz bestimmt und lässt sich nicht vorhersagen. Wenn entsprechende Bereiche nicht gegenfinanziert seien, lohne sich die Weiterentwicklung bestimmter Ansätze für Entwicklerfirmen oftmals nicht, obwohl Vielversprechendes möglich wäre, erklärt Dr. David Werner. Die Unternehmer würden stattdessen zu anderen Einsatzfeldern wechseln, die bereits für Ärztinnen oder Ärzte verpflichtend, oder in den GKV-Katalog festgeschrieben seien, etwa das ab Frühling 2026 als Kassenleistung angesetzte Lungenkarzinom-Screening.2

In Sachen Datenschutz befürwortet Werner eine europäische Regulierung: „Wir müssen uns an den EU AI Act halten, es braucht KI-Beauftragte in den Praxen und Unternehmen, wir müssen Leute ausbilden, DSGVO-konforme Verträge mit Unternehmen schließen und andere etablierte Rechtsgrundlagen beachten“, sagt er. „Am Ende liegt die Verantwortung bei uns Ärztinnen und Ärzten und wir müssen uns um den korrekten Einsatz kümmern.“

Autorin

A. Rosué