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KI und Therapie

Psychotherapie im KI-Zeitalter: Chancen, Risiken und Grenzen generativer Chatbots

Chatbots werden zunehmend als Lebensberatung und teils als Ersatz für Psychotherapie genutzt. Expertinnen und Experten der DGPT diskutierten in Berlin Nutzen, Risiken und notwendige Standards für den KI-Einsatz in der psychotherapeutischen Versorgung.


09.03.2026
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Künstliche Intelligenz (KI) wird zunehmend auch zur Lebensberatung eingesetzt wird und setzt die Psychotherapie und -analyse damit zunehmend unter Druck. Nutzer entwickeln inzwischen eine persönliche Beziehung zu Chatbots: Sie geben den Systemen Spitznamen, schildern ihre Sorgen oder suchen Bestätigung.

Welche Folgen die Vermenschlichung technischer Systeme für Psychotherapie und Psychoanalyse haben kann und ob Chatbots auch psychotherapeutische Arbeit ersetzen oder unterstützen können, stand im Mittelpunkt des diesjährigen Berufspolitischen Seminars der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e. V., das Ende Februar in Berlin stattfand. Psychoanalytiker diskutierten aktuelle technische Entwicklungen, wissenschaftliche Studien und letztlich auch, was die Psychoanalyse ausmacht.

Digitale Beratung zwischen Niedrigschwelligkeit und Geschäftsmodell

Als Indiz für die wachsende Nutzung wurde eine aktuelle Umfrage unter 500 Amerikanerinnen und Amerikanern mit psychischer Erkrankung angeführt, in der etwa die Hälfte angab, KI sogar als Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zu nutzen. Dr. Christine Bauriedl-Schmidt, Vorsitzende der DGPT, verwies dabei auf den Charakter generativer KI als digitale Sprachmodelle, die Gefühle und Empathie lediglich simulierten, und betonte zugleich die wirtschaftlichen Interessen von Software-Unternehmen im Hintergrund. Für den Einsatz von KI in der Psychotherapie forderte sie Standards, die Sicherheit der Patientinnen und Patienten, Qualität, Transparenz, Datenschutz und Gerechtigkeit gewährleisten.

Niedrigschwelligkeit versus „Verführung der Reibungslosigkeit“

Judith Simon, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, ordnete ein, dass vor allem Psychotherapie und die „sprechende Medizin“ durch KI unter Druck geraten würden, da Chatbots primär für Lebensberatung genutzt würden. Als Vorteile benannte sie die niedrige Zugangsschwelle und ständige Verfügbarkeit: Patientinnen und Patienten könnten weniger Scham empfinden und bei langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz früher Unterstützung erhalten. 

Dem stellte sie zentrale Risiken gegenüber, darunter potenziell unzureichende Qualität und Sicherheit, Gefährdungen der Privatsphäre sowie unterschwellige Benachteiligungen. Simon betonte zudem den Geschäftsmodellcharakter vieler Angebote: KI sei so programmiert, dass Nutzerinnen und Nutzer möglichst viel Zeit in den Systemen verbrächten. Dadurch entstehe eine Dynamik, in der die KI vor allem das bestätige, „was sie hören wollen“. Diese „Verführung der Reibungslosigkeit“ könne dazu führen, dass Menschen weniger bereit seien, sich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen.

Studienlage: Sicherheitsprobleme und Feedback-Schleifen

Zur Evidenzlage berichtete Prof. Frank Jacobi (Psychologische Hochschule Berlin), bisherige Studien zeigten, dass allgemeine Chatbots nicht geeignet seien, um sicher Gespräche über psychische Gesundheit zu führen – insbesondere in Krisensituationen. Befunde deuteten zwar darauf hin, dass Chatbots einzelne Elemente einer Therapie übernehmen könnten, etwa Beruhigung. 

Zugleich warnte Jacobi vor potenziell gefährlichen Feedback-Schleifen bei intensiver Nutzung, durch die negative Gefühle und problematische Symptome verstärkt werden könnten. Aus diesen Gründen riet er davon ab, KI als autonome psychotherapeutische Instanz zu nutzen. Stattdessen plädierte er für ein hybrides Modell, in dem KI als Assistenz eingesetzt wird, etwa in Diagnostik, Monitoring und Dokumentation, oder als „Co-Therapeutin“ für delegierbare Module. Entscheidend bleibe dabei aus seiner Sicht die menschliche Aufsicht.

Psychoanalytische Perspektive: Intelligenz, Körper und Unbewusstes

Aus psychoanalytischer Sicht verwies Dr. Moritz Senarclens de Grancy darauf, dass für Sigmund Freud das Unbewusste das „eigentlich real Psychische“ sei. Freud habe nach einer Form von Intelligenz gesucht, die sich nicht im bewussten Beherrschen, sondern in der Gemengelage von Unbewusstem, Wiederholungen, Übertragungen und „Triebschicksalen“ zeige. KI dagegen reduziere Intelligenz auf Rationalität und Effizienz und koppele damit das Denken vom Körper ab. Senarclens de Grancy folgerte, der KI fehle dadurch eine zentrale Dimension menschlichen Seins – ein Aspekt, der im Kontext psychoanalytischer Arbeit als wesentlich hervorgehoben wurde.

Studie zeigt Generationenunterschiede bei KI-Kompetenzen

Eine Studie der Evangelischen Hochschule Bochum unter Leitung von Prof. Dr. Marc Augustin analysierte dazu Einstellungen und Kompetenzen im Umgang mit KI. An der bundesweiten Befragung nahmen 335 ärztliche und psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Ausbildung teil. 

Die Ergebnisse zeigen, dass KI nach Einschätzung der Forschenden vor allem unterstützend eingesetzt werden sollte – nicht als Ersatz für therapeutische Fachkräfte. Eine zentrale Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Einsatz ist die sogenannte KI-Literacy, also die Fähigkeit, KI-Anwendungen zu erkennen und Chancen sowie Risiken kritisch abzuwägen. Diese Kompetenz war unter den Befragten insgesamt nur mittelgradig ausgeprägt.

Besonders auffällig war ein Generationeneffekt: Jüngere Teilnehmende verfügten über höhere KI-Kompetenzen und bewerteten entsprechende Technologien positiver als ältere Kolleginnen und Kollegen. Technische Fähigkeiten, etwa die Entwicklung oder Programmierung von KI-Systemen, spielten hingegen kaum eine Rolle. Entscheidend sei vielmehr ein grundlegendes Verständnis der Technologie. Die Studienautoren sehen daher vor allem Aus- und Weiterbildungsprogramme in der Pflicht, entsprechende Kompetenzen stärker zu vermitteln.

Quellen

1. Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) e.V

2. Evangelische Hochschule Bochum

  • Originalpublikation: Augustin M, Reitz A, Wirtz J, et al. Künstliche Intelligenz in der Psychotherapie – Einstellungen und Kompetenzen ärztlicher und psychologischer Psychotherapeuten. Nervenarzt. 2026. https://doi.org/10.1007/s00115-026-01948-5