NCDs sind weltweit Haupttodesursache
Unter dem Begriff „Nichtübertragbare chronische Krankheiten“ (Non-Communicable Diseases, NCDs), wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mellitus, werden Krankheiten zusammengefasst, die nicht ansteckend sind. „In der EU machen sie drei Viertel aller Erkrankungen aus und sind damit die Haupttodesursache weltweit. Patienten mit Diabetes mellitus haben ein deutlich erhöhtes kardiorenales Risiko“, berichtete Prof. Dirk Müller-Wieland, Medizinische Klink 1, Universitätsklinikum Aachen.
Die aktuellen Empfehlungen der europäischen und amerikanischen Diabetes-Gesellschaften zur Diabetestherapie der Patienten mit Typ-2-Diabetes stellten die Verbesserung der Lebensqualität und eine kardiorenale Organprotektion in das Zentrum einer patientenorientierten Behandlung. Gewichtsreduktion, Blutzuckereinstellung, die konsequente Behandlung der Risikofaktoren und der Einsatz organprotektiver Medikamente bei hohem kardiorenalen Risiko gehörten dazu. „Ziel ist es, die Krankheitslast jedes einzelnen Patienten zu reduzieren. Damit ist der Fokus der Therapie nicht allein eine Blutzucker-Senkung, sondern die Prognoseverbesserung in das patientenorientierte Zentrum der Therapie gerückt“, so Müller-Wieland.
„Menschen mit Typ-1-Diabetes werden traditionell mit Insulin behandelt“, erklärte Dr. Martin Füchtenbusch, Diabetes Zentrum am Marienplatz, München. „Klinische Studien haben in der Zwischenzeit ergeben, dass Insulinresistenz bei ihnen eine bedeutende Rolle spielt. Sie erhöht den Insulinbedarf, verstärkt die glykämische Variabilität und steigert das Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen, es können außerdem Merkmale des Typ-2-Diabetes auftreten. Zur Behandlung ergeben sich neue Ansätze: Lebensstilintervention und eine medikamentöse Therapie, die klassischerweise bei Typ-2-Diabetes eingesetzt wird. Studien haben gezeigt, dass der zusätzliche Einsatz von GLP1-RA bei Typ-1-Diabetes die glykämische Kontrolle und Stabilität verbessert sowie den Insulinbedarf und das Körpergewicht senken kann“, so Füchtenbusch.
Revolution der Adipositas-Therapie
Die Bedeutung von GLP-1-Rezeptoragonisten habe rasant zugenommen und habe auch die Adipositas-Therapie revolutioniert, erklärte Sofiya Matseyko, Mitglied der interdisziplinären Forschergruppe um Dr. Nils Krüger am TUM Klinikum Deutsches Herzzentrum, der Harvard Medical School und des Brigham and Women’s Hospital. „Die Forschergruppe hat die Wirksamkeit von Semaglutid und Tirzepatid in der klinischen Routine untersucht. Diese Studien sind Beispiele dafür, wie Daten aus der klinischen Praxis randomisierte kontrollierte Studien sinnvoll ergänzen und vertiefen können. Besonders wichtig ist, dass die Effekte auch bei Patienten bestehen, die die strengen Einschlusskriterien klassischer RCTs (Randomised Controlled Trials) nicht erfüllen würden“, so Matseyko.
Starker Anstieg der Technologien zur Diabetestherapie
„Diabetestechnologien verändern die Therapie von Diabetes zunehmend“, betonte Prof. Bernhard Kulzer, Fachpsychologe Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), Diabetes-Klinik Bad Mergentheim. „Insgesamt ist die Einstellung zur Digitalisierung sowohl bei HCPs (Diabetologen, Diabetesberaterinnen, Pflegepersonal) als auch bei Personen mit Diabetes sehr positiv, dies ergab die jährlich durchgeführte Umfrage 'Digitalisierung- und Technologiereport' (DT-Report). Besonders Menschen mit Diabetes sind der Meinung, dass diabetesbezogene Belastungen durch Diabetestechnologien stark reduziert werden. Insgesamt ist ein starker Anstieg der Diabetestechnologien festzustellen. In der Praxis jedoch führen sie zu einem erhöhten zeitlichen Aufwand“.
Die chronischen Stoffwechselerkrankungen Osteoporose und Diabetes seien weltweit verbreitet und gingen für die Betroffenen mit erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität und Folgeerkrankungen einher, so Prof. Walter Fassbender, Innovation, Sonic Suisse, Zürich: „Das komplexe Zusammenwirken beider Erkrankungen legt einen multifaktoriellen Therapieansatz nahe. So zeigen sich bei der antidiabetischen Therapie mit Metformin und GLP-1-Rezeptoragonisten osteoprotektive Effekte. Studienergebnisse legen nahe, dass das Bisphosphonat Alendronat eine signifikante Reduktion des Risikos postmenopausaler Frauen, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, bewirken kann.“
Dr. Stephan Kress, Arbeitsgemeinschaft Diabetes, Sport und Bewegung der Deutschen Diabetes Gesellschaft: „Sport wirkt! Gemäß einer Netzwerkanalyse gilt grundsätzlich, dass eine Kombination aus Ausdauertraining, Intervall-Ausdauertraining oder Krafttraining am wirksamsten den Nüchternblutzucker senkt. Keine Zeit – das ist vielleicht die meistgehörte Rechtfertigung, wenn es mit einer Änderung des Lebensstils nicht klappt.“ Sogenannte „Bewegungs-Snacks“ könnten eine Antwort darauf sein: Sie erforderten wenig Aufwand, seien ortsunabhängig praktikabel und zeitsparend. Gehen verbessere das kardiometabolische Risikoprofil, beim Treppensteigen reichten 5 Minuten pro Tag, um eine Wirkung zu erzielen.
„Wir sollten der Prävention größere Aufmerksamkeit widmen. Die Zahlen der Menschen
mit Typ-2-Diabetes steigen weiterhin rasant an.“
Prof. Petra-Maria Schumm-Draeger