Aktuelle leitliniengerechte Therapie des Ovarialkarzinoms
Prof. Annette Hasenburg aus Mainz referierte anlässlich des FOKO 2026 in Düsseldorf über die aktuelle leitliniengerechte Therapie des Ovarialkarzinoms.
Laut Hasenburg sind molekularbiologische Marker der Schlüssel zur individualisierten Therapie des Ovarialkarzinoms. So wird das Karzinom primär nach seiner histologischen Herkunft in epithelial und nicht-epithelial unterteilt. Unterformen der epithelialen Ovarialkarzinome sind high grade seröse, low grade seröse, klarzellige, endometrioide und muzinöse Tumoren. Die nicht-epithelialen Karzinome differenzieren sich hingegen in Keimstrang-Stromatumoren und andere Tumoren inkl. Keimzelltumoren.
Viele Ovarialkarzinome, so die Gynäkologin, entstünden nicht im Ovar, sondern in den Eileitern (seröse tubare intraepitheliale Karzinome (STIC)). STIC würden als Präkanzerose gelten und als Hauptursprung für high grade seröse Eierstockkarzinome. Laut Leitlinie zur Therapie der malignen Ovarialtumoren1 sollte bei Nachweis eines STIC die Möglichkeit einer Staging-Operation zum Ausschluss einer höhergradigen Läsion mit der Patientin diskutiert werden, sagte Hasenburg. In einer Studie von Vorwergk et al., die die Referentin vorstellte, wurde die Bedeutung der opportunistischen Salpingektomie (OS) untersucht. Verglichen wurden 25.889 Patientinnen mit OS vs. 32.080 ohne OS. Nach sieben Jahren zeigte sich in der OS-Gruppe kein Ovarial-Ca., während 15 Patientinnen in der Kontrollgruppe erkrankt waren. Hasenburg stellte anschließend eine Metaanalyse vor, in der Tomasch et al. den Einfluss der Salpingektomie auf die Menopause evaluiert hatten. Dafür bestimmten sie das Anti-Müller-Hormon (AMH) bei Patientinnen mit und ohne Salpingektomie (während abdomialer OP) vor sowie drei bzw. sechs Monate nach dem Eingriff. Hier zeigte sich zwischen den Gruppen kein Unterschied des AMH-Spiegels.4
BOT und STIC
OP als Laparoskopie (LSK) möglich.
Frühes Ovarialkarzinom
Prospektive randomisierte Studien zum Vergleich LSK versus Laparotomie mit Einfluss auf progressionsfreies Überleben und Gesamtüberleben sind notwendig.
Bis dahin laparoskopisches Staging nur in Studien.
Fortgeschrittenes Ovarialkarzinom
Ziel ist primäres Debulking.
Laparoskopisches Staging zur Entscheidungshilfe, ob optimales Debulking möglich ist.
Tab.: Operatives Vorgehen beim Ovarialkarzinom (mod. n. A. Hasenburg); STIC: seröses tubares intraepitheliales Karzinom. BOT: Borderline-Tumor
Tumorruptur unbedingt vermeiden
Bei einem Borderline-Tumor (BOT) handelt es sich um die Vorstufe eines low-grade serösen epithelialen Ovarialkarzinoms. Hasenburg riet dazu, einen BOT vollständig zu entfernen. Bei bestehendem Kinderwunsch sei ein fertilitätserhaltendes Vorgehen (Erhalt von Uterus und mindestens einem Ovar) in allen Stadien möglich. Eine Lymphonodektomie sei bei BOT, so die Referentin, nicht notwendig. Bei einem frühen Ovarialkarzinom hingegen solle zusätzlich zur Tumorentfernung u. a. eine pelvine oder paraaortale Lymphonodektomie, eine Hysterektomie sowie eine beidseitige Adnexexstirpation durchgeführt werden.1
Anschließend diskutierte die Gynäkologin Vor- und Nachteile des operativen Eingriffs beim frühen Ovarialkarzinom mittels Laparoskopie (LSK) versus Laparotomie. So ermögliche die LSK z. B. einen früheren Beginn der Chemotherapie durch kürzere Rekonvaleszenz oder eine bessere Visualisierung kleiner Strukturen auf dem Peritoneum durch optische Vergrößerung. Nachteile seien u. a. die fehlende Möglichkeit der Palpation oder die größere Gefahr der Tumorruptur. In Tierexperimenten kam es laut Hasenburg auch zur Disseminierung von Tumorzellen durch das Pneumoperitoneum während der LSK sowie in Zellkulturen zur Begünstigung des Tumorwachstums durch CO2.
Die Leitlinie empfehle deshalb die Laparotomie und fordere, laparoskopisches Staging beim frühen Ovarialkarzinom ausschließlich in Studien anzuwenden. Prospektive randomisierte Studien zum Vergleich von LSK versus Laparotomie mit Einfluss auf progressionsfreies Überleben und Gesamtüberleben seien hier erforderlich. Hasenburg wies auch noch einmal auf die Gefahr einer Tumorruptur vor oder während der Operation hin, da diese signifikant die Fünf-Jahres-Überlebensrate reduziere: So betrüge sie ohne Ruptur rund 83 % und mit Ruptur rund 71 %.5
Ziel ist makroskopische Tumorfreiheit
Beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom solle das Ziel der Primäroperation die makroskopisch vollständige Tumorresektion sein, erläuterte die Referentin.1 Dabei könne bei makroskopischer Tumorfreiheit und klinisch unauffälligen Lymphknoten auf die pelvine oder paraaortale Lymphonodektomie verzichtet werden.1 Für das primäre Debulking bestünden jedoch u. a. folgende operative Kontraindikationen: tiefe Infiltration der Mesenterialwurzel, ausgedehnte Peritonealkarzinose im Bereich von Magen und Dünndarm, Beteiligung von Duodenum und Pankreas, multiple Metastasen in Leber oder Lunge bzw. Hirnmetastasen. Ein laparoskopisches Staging könne erwogen werden, um zu entscheiden, ob ein optimales Debulking möglich sei (Cave: Stichkanalmetastasen in 17–47 %).
Am Ende ihres Vortags beschrieb Hasenburg die TRUST-Studie, bei der primäres Debulking versus neoadjuvante Chemotherapie plus Intervall-Debulking beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom miteinander verglichen wurden.6 Hier zeigte sich ein Vorteil im medianen progressionsfreien Überleben für das primäre Debulking. Der Nutzen war an die hohe Rate kompletter Resektionen gekoppelt. Die Tabelle fasst die wichtigsten Punkte zum operativen Vorgehen beim Ovarialkarzinom zusammen, die die Referentin ihren Zuhörern mit auf den Weg gab.
Katrin Breitenborn, Redakteurin
Quelle: Vortrag „Ovarialkarzinom – von der Salpingektomie bis zum Debulking“ von Prof. Annette Hasenburg, Mainz, am 06.03.2026 auf dem FOKO 2026 in Düsseldorf
1 S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge maligner Ovarialtumoren. Version 6.1, Juli 2025.
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