Psychose-Anamnese kein Ausschluss für ADHS-Therapie?
Die Behandlung von ADHS bei Patientinnen und Patienten mit bestehender oder früherer Psychose gilt klinisch als heikel. Eine große Registerstudie aus Schweden fand nun jedoch kein erhöhtes Risiko für erneute psychotische Episoden nach Beginn einer medikamentösen ADHS-Therapie.
08.05.2026
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Die Komorbidität von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Psychose stellt eine besondere therapeutische Herausforderung dar. Schätzungen zufolge weisen etwa 10 bis 15 Prozent der Menschen mit Psychose zusätzlich eine ADHS auf. Der Einsatz von Psychostimulanzien oder Atomoxetin gilt zwar als wirksame Therapie bei ADHS, wird jedoch mit dem möglichen Risiko psychotischer Episoden in Verbindung gebracht – insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit bestehender oder früherer Psychose.
Eine internationale Forschungskooperation unter Beteiligung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim und des Karolinska Institutet in Stockholm liefert für diese klinische Annahme neue populationsbasierte Daten. Die Ergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal Translational Psychiatry, zeigten keinen statistisch nachweisbaren Anstieg eines Rückfallrisikos.
Psychose und ADHS: kein erhöhtes Rückfallrisiko
Grundlage der Untersuchung bildeten schwedische Registerdaten von rund 3.700 Erwachsenen mit diagnostizierter Psychose und komorbider ADHS. Die Forschenden schlossen Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren ein, die zwischen 2008 und 2021 eine Behandlung mit Psychostimulanzien oder Atomoxetin neu begannen. Analysiert wurde anschließend, ob sich das Risiko erneuter psychotischer Episoden nach Beginn der medikamentösen ADHS-Therapie verändert.
Die Autoren nutzten hierfür ein sogenanntes Within-individual-Design, bei dem die Rate psychotischer Ereignisse innerhalb derselben Personen vor und nach Beginn der medikamentösen ADHS-Therapie verglichen wurde. Dabei wurden jeweils zwei sechsmonatige Beobachtungszeiträume vor sowie nach Therapiebeginn analysiert.
Die Auswertung zeigte keinen statistisch nachweisbaren Anstieg des Rückfallrisikos. Im sechsmonatigen Zeitraum vor Therapiebeginn registrierten die Autoren 493 psychotische Ereignisse, im entsprechenden Zeitraum nach Behandlungsbeginn 470. Daraus ergab sich eine Rate Ratio von 0,95 (95%-Konfidenzintervall 0,84–1,08).
„Unsere Ergebnisse stellen eine verbreitete klinische Annahme infrage, dass ADHS-Medikamente bei Menschen mit Psychose grundsätzlich vermieden werden sollten. Wir sehen kein erhöhtes Risiko für erneute Episoden nach Behandlungsbeginn.“
- Prof. Patrick Bach, Erstautor der Studie und Arbeitsgruppenleiter am ZI Mannheim
Therapie mit Psychostimulanzien bleibt Einzelfallabwägung
Dennoch betonen die Autoren, dass die Ergebnisse keine generelle Entwarnung erlauben sollten. Vielmehr bleibe eine sorgfältige Indikationsstellung entscheidend. „Unsere Daten ersetzen keine individuelle Risikoabwägung“, so Bach. Die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse ADHS-Behandlung müsse weiterhin unter Berücksichtigung der psychiatrischen Vorgeschichte, der aktuellen Symptomatik sowie einer engmaschigen klinischen Begleitung erfolgen.
Besonders relevant seien die Ergebnisse auch deshalb, weil ADHS bei Menschen mit Psychose häufig unterdiagnostiziert bleibe und entsprechend selten behandelt werde. Gleichzeitig bestehe in der klinischen Praxis vielfach große Zurückhaltung gegenüber dem Einsatz stimulanzienhaltiger Präparate. Aus Sicht der Forschenden sprechen die aktuellen Ergebnisse jedoch dafür, die bisherige Zurückhaltung differenzierter zu betrachten.
Ergänzende Analyse zu Stimulanzienabhängigkeit
Zusätzliche Evidenz liefert eine zweite Untersuchung derselben internationalen Forschungskooperation. Dabei analysierte das Forschungsteam, ob die Verordnung von Psychostimulanzien oder Atomoxetin bei Personen mit bestehender oder früherer Stimulanzienabhängigkeit mit einem erhöhten Risiko stimulanzienbezogener Krankenhausaufenthalte, etwa infolge von Intoxikationen, assoziiert ist.
Auch hier zeigte sich kein entsprechendes Risikosignal. Stattdessen beobachteten die Forschenden nach Beginn der Behandlung tendenziell geringere Raten stimulanzienbezogener Hospitalisierungen.
Die Ergebnisse sprechen den Autoren zufolge dafür, dass eine pharmakologische Behandlung auch bei komplexen psychiatrischen Komorbiditäten unter sorgfältiger Risikoabwägung möglich sein kann. „Menschen mit komplexen psychiatrischen Komorbiditäten fallen im Versorgungssystem häufig durch das Raster“, sagt Bach.
Beide Arbeiten tragen dazu bei, die Evidenzbasis für diese Patientengruppen zu verbessern und bestehende Unsicherheiten in der klinischen Versorgung zu reduzieren.
Originalpublikation
Bach P, Franck J, Hällgren J, et al. Prescription psychostimulants, atomoxetine and the risk of psychosis in adults with history of psychosis: a population-based cohort study. Translational Psychiatry. 2026;16:226. doi:10.1038/s41398-026-03998-4.
Weitere Studie Bach P, Franck J, Hällgren J, et al. Prescription psychostimulants or atomoxetine and the risk of stimulant-related hospital admissions in adults with and without stimulant use disorder: a Swedish population-based within-individual observational study. The Lancet Regional Health – Europe. 2026;65:101658. doi:10.1016/j.lanepe.2026.101658.
Quelle: Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
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