Kompression als Basistherapie der chronischen venösen Insuffizienz
Kaum eine Behandlung bei chronischer venöser Insuffizienz (CVI) ist so wirksam und gleichzeitig so häufig unterversorgt wie die Kompressionstherapie. Der Behandlungserfolg hängt weniger von der Theorie als von der richtigen Auswahl, Verordnung und konsequenten Anwendung im Alltag ab.
Die Kompressionstherapie ist die zentrale konservative Maßnahme bei chronischer venöser Insuffizienz. Sie setzt direkt an der Pathophysiologie an. Durch den äußeren Druck wird der Venendurchmesser reduziert, wodurch sich die Fließgeschwindigkeit des Blutes erhöht und der venöse Rückstrom verbessert. Gleichzeitig unterstützt die Kompression die Funktion der Muskel-Venen-Pumpe, insbesondere beim Gehen. Darüber hinaus erhöht sie den interstitiellen Druck und reduziert damit die kapilläre Filtration, was zu einer Rückbildung von Ödemen führt. Auch der lymphatische Abfluss wird verbessert.1 Die Kompression sollte aber nicht isoliert betrachtet werden, sondern als Teil eines multimodalen Therapiekonzepts. Neben der Kompression gehören Bewegung, Gewichtsreduktion, Hautpflege und gegebenenfalls interventionelle Maßnahmen zu den zentralen Bestandteilen der Behandlung. Die Kombination dieser Maßnahmen ist entscheidend für den langfristigen Therapieerfolg.2,3
Aktuelle Versorgungsanalysen zeigen jedoch eine deutliche Diskrepanz zwischen Evidenz und klinischer Praxis. In einer deutschen Krankenkassenanalyse erhielten weniger als die Hälfte der Patienten mit venösem Ulkus innerhalb der ersten drei Monate eine Kompressionsversorgung. Nur etwa 14 % wurden konsequent und leitliniengerecht komprimiert. Patienten mit regelmäßiger Kompression zeigten jedoch eine deutlich schnellere Wundheilung und niedrigere Behandlungskosten.4
Auswahl der Kompressionsversorgung
Neben dem reinen Druck spielt auch die mechanische Eigenschaft des Materials, insbesondere die sogenannte Stiffness, eine wichtige Rolle. Sie beschreibt die Druckänderung bei Bewegung und bestimmt maßgeblich die Unterstützung der Muskel-Venen-Pumpe. Materialien mit höherer Stiffness können bei Bewegung größere Druckspitzen erzeugen und damit die venöse Hämodynamik effektiver verbessern. Deshalb hängt der klinische Effekt der Kompression nicht allein von der Kompressionsklasse (KKL) ab, sondern auch von der Materialeigenschaft und der korrekten Anwendung im Alltag.5
Die Auswahl des geeigneten Kompressionssystems sollte daher individuell erfolgen. Rundgestrickte Kompressionsstrümpfe eignen sich vor allem bei unkomplizierter Varikose ohne ausgeprägtes Ödem. Flachgestrickte Strümpfe sind dagegen aufgrund ihrer höheren Formstabilität besonders bei Ödemen, Phlebolymphödemen oder komplexer Beinform sinnvoll. Mehrlagen-Kompressionssysteme kombinieren elastische und inelastische Komponenten und ermöglichen eine effektive Entstauung mit hohem Arbeitsdruck. Sie werden vor allem beim venösen Ulkus und bei ausgeprägten Ödemen eingesetzt. Medizinische adaptive Kompressionssysteme (MAK) ermöglichen eine reproduzierbare Druckeinstellung und können vom Patienten selbst angelegt werden. Sie stellen insbesondere bei eingeschränkter Selbstversorgung eine praxisnahe Alternative dar, passen sich an rasch verändernde Umfänge gut an und erzielen bei guter Adhärenz eine effektive Entstauung.
Eine orientierende Übersicht typischer Kompressionssysteme nach CEAP-Klasse zeigt Tabelle 1.
Tab. 1: Therapieorientierte Übersicht der Kompressionssysteme nach CEAP-Stadium. Während bei frühen Stadien häufig Rundstrickstrümpfe ausreichend sind, werden bei fortgeschrittener CVI mit Ödem oder Ulkus häufig Flachstricksysteme, Mehrlagenkompression oder adaptive Kompressionssysteme (MAK) eingesetzt. (KKL: Kompressionsklasse)
STRIDE-Prinzip
Moderne Kompressionstherapie folgt dem STRIDE-Prinzip: Nicht die Kompressionsklasse allein, sondern Form des Beines, Gewebeveränderungen, Reflux, Begleiterkrankungen und Ursache der CVI bestimmen die Wahl des geeigneten Systems (Tab. 2). Dieses Konzept unterstützt eine individualisierte Auswahl von Kompressionssystemen und hilft, sowohl therapeutische Wirksamkeit als auch Patientenadhärenz zu verbessern.6
STRIDE-Faktor
klinische Bedeutung
Konsequenz für die Kompression
Shape
Beinform, Umfangsunterschiede
bei konischer Beinform oder Falten oft Flachstrick
Tissue
Gewebequalität (Ödem, Fibrose)
höhere Stiffness bei verhärtetem Gewebe
Refill
venöse Wiederfüllung/Reflux
stärkere Kompression bei ausgeprägtem Reflux
Issues
Ulkus, Dermatosklerose, Schmerzen
häufig Mehrlagenkompression oder MAK
Dosage
Kompressionsdruck
niedrigste wirksame Kompression wählen
Etiology
Ursache (CVI, PTS, Lymphödem)
Materialwahl und Kompressionsklasse anpassen
Tab. 2: Übersicht über die S.T.R.I.D.E.-Kriterien zur Auswahl der geeigneten Kompressionsversorgung (PTS: postthrombotisches Syndrom).
Praktische Durchführung und häufige Probleme
In der täglichen Versorgung zeigen sich wiederkehrende Schwierigkeiten wie falsche Größenwahl, fehlende Anpassung bei Ödemrückgang und unzureichende Kontrolle der Passform. Auch die Kontraindikationen der Kompressionstherapie müssen vor der Verordnung geprüft werden (Tab. 3).
Gefahr einer kritischen Minderperfusion der Extremität
dekompensierte Herzinsuffizienz (NYHA III und IV)
keine Kompression bis Stabilisierung
erhöhtes venöses Rückstromvolumen kann Herzbelastung steigern
Phlegmasia coerulea dolens
keine Kompression
akute kritische Durchblutungsstörung
schwere Polyneuropathie
relative Kontraindikation
reduzierte Schmerz- und Druckwahrnehmung
akute Hautinfektion oder Dermatitis
vorsichtige Anwendung
Hautschäden können sich unter Kompression verschlechtern
mittelschwere pAVK (ABI 0,5–0,9)
modifizierte Kompression möglich
niedrigere Druckwerte und engmaschige Kontrolle
Tab. 3: Wichtige Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen bei der Kompressionstherapie. Vor Beginn einer Kompression sollte bei Verdacht auf arterielle Durchblutungsstörungen eine Knöchel-Arm-Index-Messung (Ankle-Brachial-Pressure-Index, ABI) erfolgen.
Bei ausgeprägten Ödemen oder komplexen Befunden ist eine initiale Entstauungstherapie erforderlich, bevor eine definitive Strumpfversorgung erfolgen kann. Hier kommen Kompressionsbandagen oder Mehrlagenkompressionssysteme zum Einsatz. Besonders in dieser Phase sind regelmäßige Kontrollen erforderlich.7 Weitere wichtige Punkte:
Patientenschulung: Ein weiterer zentraler Punkt ist die Patientenschulung. Ohne Anleitung werden Kompressionssysteme häufig falsch angewendet oder unregelmäßig getragen.
Häufige Fehler bei der Kompression
falsche Kompressions-Systemwahl
fehlende Entstauungsphase
unzureichende Patientenschulung
mangelnde Adhärenz des Patienten
fehlende Verlaufskontrolle durch Verordner
Kompression und Bewegung: Die Wirkung der Kompression entfaltet sich insbesondere in Kombination mit Bewegung. Die Muskel-Venen-Pumpe ist ein zentraler Bestandteil der venösen Hämodynamik. Ohne Aktivität bleibt der Effekt deutlich reduziert. Regelmäßige Bewegung sollte daher fester Bestandteil der Therapie sein.
Alltagstauglichkeit und Adhärenz: Die Integration der Kompression in den Alltag ist entscheidend für den Therapieerfolg. Schwierigkeiten beim Anziehen, Wärmeempfinden oder ästhetische Aspekte führen häufig zu reduzierter Tragedauer. Eine moderate Kompression mit ausreichender Stiffness wird oft besser toleriert als ein hoher Ruhedruck. Entscheidend ist daher eine individuelle Anpassung an die Lebenssituation des Patienten.8
Hautpflege unter Kompression: Eine gestörte Hautbarriere kann die Therapie limitieren. Dermatologische Empfehlungen betonen die Bedeutung einer regelmäßigen, reizarmen Hautpflege. Geeignet sind pH-neutrale, schnell einziehende Präparate mit Harnstoff, die die Kompression nicht beeinträchtigen.
Verordnung und praktische Umsetzung
Medizinische Kompressionsstrümpfe (MKS) sind Hilfsmittel (Produktgruppe (PG) 17) und können in der Regel budgetneutral verordnet werden. MKS und MAK sind über Muster 16 unter Angabe der PG 17 zu verordnen. Voraussetzung ist eine klare Diagnose, z. B. CVI (z. B. I87.2) oder Ulcus cruris venosum (z. B. I83.0/I83.2). Zusätzlich sollen KKL, Versorgungsart (z. B. Rund- oder Flachstrick, MAK) sowie die gewünschte Ausführung (z. B. Kniestrumpf, Schenkelstrumpf oder Strumpfhose) angegeben werden (s. Abb. 1).
Bei Flachstrickversorgungen muss ein Beiblatt für Zusätze ausgefüllt und unterschrieben werden. Für Versorgungen außerhalb der Regelversorgung ist immer eine schriftliche Begründung auf dem Rezept erforderlich, z. B. Neuversorgung bei Umfangsänderung oder Wechselversorgung bei außergewöhnlichem Verschleiß durch die Arbeit. Das erleichtert den Sanitätsfachgeschäften die Erstellung der Kostenvoranschläge und Erstattungen.
In der Regel übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen zwei Versorgungen pro Jahr, da die Materialeigenschaften der Strümpfe im Verlauf nachlassen. Für die Verordnung bedeutet dies: Die Auswahl sollte nicht primär kostengetrieben erfolgen, sondern sich an der klinischen Notwendigkeit orientieren. Eine suffiziente Entstauungstherapie reduziert langfristig Komplikationen und Folgekosten. Gleichzeitig ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Sanitätshaus essenziell, um eine passgenaue Versorgung, Schulung der Patienten und eine langfristige Therapietreue sicherzustellen.
Die Wirksamkeit der Kompression ist gut belegt, dennoch besteht hinsichtlich optimaler Druckwerte und Tragedauer keine ausreichende Evidenz. In der Praxis ist jedoch die Umsetzbarkeit entscheidend. Die Literatur ist sich relativ einig, dass Kompression vor allem in den Stadien C3 bis C6 der CEAP-Klassifikation wirksam ist. Sie ist der Therapiestandard zur Behandlung des Ulcus cruris venosum.9 Eine robuste Evidenz gibt es auch bei Lymphödem und akuter tiefer Beinvenenthrombose. Begrenzte Evidenz findet sich für frühe CEAP-Stadien, Auswahl des optimalen Systems und Druckhöhe. Unklar ist die Bedeutung der Kompression zur Progressionsprophylaxe der CVI und zur Dauer der Kompression nach Eingriffen und zu vielen Detailfragen der Anwendung.10
Fazit für die Praxis
Die Kompressionstherapie ist die zentrale konservative Maßnahme bei CVI. Besonders bei venösem Ödem und venösem Ulkus ist ihre Wirksamkeit gut belegt. Die Wirksamkeit hängt nicht nur vom Druck, sondern auch von Materialeigenschaften wie Stiffness und von der korrekten Anwendung ab. MKS sind Hilfsmittel (PG 17) und in der Regel budgetneutral verordnungsfähig. Bei CEAP C3 können sowohl rund- als auch flachgestrickte Strümpfe eingesetzt werden; die Auswahl richtet sich nach Ödem, Beinform und Hautveränderungen. Für die hausärztliche Praxis sind vor allem die richtige Auswahl des Kompressionssystems, eine leitliniengerechte Verordnung und eine gute Patientenadhärenz entscheidend.
Dr. med. Hans-Walter Fiedler
1. Attaran RR, Carr JG. Chronic Venous Disease of the Lower Extremities: A State-of-the Art Review. J Soc Cardiovasc Angiogr Interv 2023; 2(1):100538. doi: 10.1016/j.jscai.2022.100538. 2. Berszakiewicz A, Sieroń A, Krasiński Z, Cholewka A, Stanek A. Compression therapy in venous diseases: physical assumptions and clinical effects. Postepy Dermatol Alergol 2020; 37(6):842–7. doi: 10.5114/ada.2019.86990. 3. Rabe E, Földi E, Gerlach H, Jünger M, Lulay G, Miller A et al. Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit Medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), Phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und Medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK) : S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (DGP) in Kooperation mit folgenden Fachgesellschaften: DDG, DGA, DGG, GDL, DGL, BVP. Hautarzt 2021; 72(Suppl 2):37–50. doi: 10.1007/s00105-020-04706-z. 4. Weller L, Poß-Doering R, Grobe T, Fleischhauer T, Laux G, Frasch J et al. Outpatient care for venous leg ulceration in Germany: A retrospective claims data analysis. J Dtsch Dermatol Ges 2026. doi: 10.1111/ddg.70021. 5. Braß D, Stücker M. Stiffness in der Kompressionstherapie. Dermatologie (Heidelb) 2025; 76(10):629–37. doi: 10.1007/s00105-025-05546-5. 6. Bjork R, Ehmann S. S.T.R.I.D.E. Professional Guide to Compression Garment Selection for the Lower Extremity. J Wound Care 2019; 28(Sup6a):1–44. doi: 10.12968/jowc.2019.28.Sup6a.S1. 7. Fiedler H-W. Das geschwollene Bein in der hausärztlichen Praxis: Differenzialdiagnostik und Therapie [CME-Kurs]. MMW - Fortschritte der Medizin 06.02.2026:46–52. 8. Stücker M, Rabe E. Medizinische Kompressionsstrümpfe bei chronischen venösen Erkrankungen und Lymphödem : Wissenschaftliche Evidenz und Ergebnisse einer Patient*innen-Befragung zur Versorgungsqualität. Dermatologie (Heidelb) 2022; 73(9):708–17. doi: 10.1007/s00105-022-05007-3. 9. Patton D, Avsar P, Sayeh A, Budri A, O'Connor T, Walsh S et al. A meta-review of the impact of compression therapy on venous leg ulcer healing. Int Wound J 2023; 20(2):430–47. doi: 10.1111/iwj.13891. 10. Mosti G, Wittens C, Caggiati A. Black holes in compression therapy: A quest for data. J Vasc Surg Venous Lymphat Disord 2024; 12(2):101733. doi: 10.1016/j.jvsv.2023.101733.
Autor
Dr. med. Hans-Walter Fiedler Facharzt für Chirurgie und Gefäßchirurgie, Lymphologie
Chirurg, Gefäßchirurg, Lymphologe Gefäß MVZ Kreis Soest Standort Werl Unnaer Straße 1A 59457 Werl docfiedler.mobil@gmail.com
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