Neue Substanzen, neue Nebenwirkungen: Komplexe Substanzgruppen in der Gynäkoonkologie
Zunehmend halten neue, komplexe Substanzgruppen (CDK4/6-Inhibitoren, Antikörper-Wirkstoff-Konjugate und Immuncheckpoint-Inhibitoren) Einzug in die gynäkoonkologische Versorgung. Deren Nebenwirkungsprofile und konkrete Handlungsempfehlungen für die Mitbetreuung in der niedergelassenen Praxis waren Thema auf dem FOKO 2026.
05.06.2026
J. Aldinger
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Drei Substanzgruppen in der Gynäkoonkologie stellte Prof. Dr. Wolfgang Janni, Uniklinik Ulm, auf dem Fortbildungskongress des Berufsverbands der Frauenärztinnen und Frauenärzte e. V. (FOKO) in den Mittelpunkt: CDK4/6-Inhibitoren, Antikörper-Wirkstoff-Konjugate und Immuncheckpoint-Inhibitoren.
Die Zulassungserweiterungen hätten, so Janni, die Patientenzahlen unter diesen Therapien deutlich erhöht, weshalb Gynäkologinnen und Gynäkologen zunehmend in Praxis und Nachsorge mit diesen Substanzklassen – und deren Nebenwirkungen – konfrontiert würden.
CDK4/6-Inhibitoren: Neutropenie und Diarrhoe im Blick
Neutropenie
CDK4/6-Inhibitoren wie z. B. Ribociclib, Abemaciclib und Palbociclib hemmen die Zellteilung und führen dementsprechend häufig – mit Raten um die 80 % – zu Neutropenien. Mit ihrer leichten Chemotherapie-artigen Wirkung könne man ihre niedrigeren Neutropenie-Raten mit denen der klassischen Chemotherapie vergleichen: In drei Studien1–3 hatten die drei genannten Medikamente eine Rate der gefährlichen febrilen Neutropenie von rund 1 %. „Das ist eine ganz andere Liga als bei den klassischen Chemotherapien“, hob Janni hervor.
Der Experte beruhigte daher: „Wenn Sie Patientinnen haben, die Ihnen das Blutbild vorlegen, und sagen, meine Leukos sind nur noch bei 1,1 [Gpt/l], […], dann können Sie erstmal ‚grundgechillt‘ sein, weil das ein Normalbefund unter der Therapie mit einem CDK4/6-Inhibitor ist.“
Bei Leukopenie von Grad 1 und 2 sei demnach keine Intervention nötig (s. Tab. 1). Erst bei Grad 3 sei eine Dosisreduktion oder Therapiepause durch das Zentrum nötig. Grad 4 ohne Fieber sei nicht zwingend bedrohlich – Grad 4 mit Fieber hingegen eine klare Klinik-Indikation, da eine febrile Neutropenie insbesondere bei älteren oder vortherapierten Patientinnen in eine Sepsis münden und eine lethale Bedrohung darstellen könne.
CTCAE-Grad
Dosisanpassung
Grad 1 oder 2
Therapie weiter.
Grad 3
Erster Tag eines Zyklus: Unterbrechen bis zum Wiedererreichen von Grad ≤ 2. Nächster Zyklus ggf. Dosisreduktion. 15. Tag der ersten zwei Zyklen: Behandlung bis Zyklusende fortsetzen, dann Blutbildkontrolle. Ggf. Dosisreduktion beim nächsten Zyklus. (z. B. Erholung > eine Woche oder rezidivierende Grad-3-Neutropenie)
Grad 4
Therapie bis zum Erreichen von Grad ≤ 2 unterbrechen. Dosisreduktion.
Tab. 1: Management der Neutropenie bei CDK4/6-Inhibitoren, auf Basis der Vortragsdokumentation „Neue Medikamente – neue Nebenwirkungen“ von Prof. Wolfgang Janni am 06.03.2026 auf dem FOKO.
Diarrhoe
Bei der CDK4/6-Inhibitor-Nebenwirkung Diarrhoe unterscheidet der Experte die Substanzen: Während Palbociclib und Ribociclib zu mehr Hämatotoxizität führten, verursache Abemaciclib mehr gastrointestinale Toxizität. Die Rate an Patientinnen mit Grad 3 oder Grad 4 Diarrhoe liege bei ca. 10 %, die Gesamtrate der von Diarrhoe betroffenen Patientinnen bei ca. 80 %. Die Nebenwirkung trete hierbei vor allem zu Therapiebeginn auf und bessere sich meist im Verlauf.
Zur Symptombekämpfung empfiehlt Janni die frühe niedrigschwellige Gabe von Loperamid – es sei ein gut steuerbares Gegenmittel mit großer therapeutischer Breite; häufigster Fehler sei hier eine Unterdosierung.
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate: ILD als gefährliche Nebenwirkung
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate wie Trastuzumab deruxtecan und Sacituzumab govitecan kombinieren einen Antikörper mit einem chemotherapeutischen Wirkstoff. Entsprechend treten klassische Chemo-Nebenwirkungen auf:
Alopezie, die jedoch geringer ausgeprägt sei als bei den meisten konventionellen Schemata,
Fatigue, die sowohl hier als auch bei den konventionellen Chemotherapeutika auftrete,
Hämatotoxizität mit teils relevanten febrilen Neutropenie-Raten,
gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit, Erbrechen und weitere).
Besondere Aufmerksamkeit verdiene, so Janni, die interstitielle Lungenerkrankung (ILD) bzw. nicht-infektiöse Pneumonitis, die typisch sei für Trastuzumab deruxtecan und tatsächlich gefährlich werden könne.4 Leitsymptome der ILD sind Husten und Atemnot; die Letalität liege laut Janni bei rund 3 %. Ein Merkspruch für die Antikörper-Wirkstoff-Konjugate im Allgemeinen, für Trastuzumab deruxtecan im Speziellen, sei laut Janni daher: „Wenn ein Patient unter dieser Therapie mit Husten und Atemnot zu Ihnen kommt, sollte man diese Person tatsächlich gleich ins Krankenhaus schicken.“
Diagnostisch erfolge dann ein Dünnschicht-CT und zur Therapie die Gabe eines hochdosierten Glukokortikoids – frühzeitig eingesetzt, verschwinde die Symptomatik in der Regel rasch.
Immuncheckpoint-Inhibitoren: Späte und vielgestaltige Nebenwirkungen
Durch die Scharfstellung des Immunsystems durch Immuncheckpoint-Inhibitoren können prinzipiell alle Organe, vor allem alle Epithelien und alle Drüsen, betroffen sein – insbesondere Schilddrüse sowie Nebenniere, Leber und Haut. Ein besonderes Merkmal sei das verzögerte Auftreten: Nebenwirkungen könnten bis zu einem Jahr nach Therapieende manifest werden – und müssten nicht immer alle gleichzeitig auftreten (s. Abb. 1). Die wichtigsten hierbei: Autoimmunhepatitis, Hypophysitis, Thyroiditis, makulopapulöses Exanthem und Kolitis bzw. Diarrhoe, wobei Hauttoxizitäten meist zuerst auftreten würden.
Zentrales Element sei daher die Anamnese: Neue Beschwerden unter laufender oder zurückliegender Checkpoint-Inhibition erforderten eine zeitnahe Vorstellung im Zentrum, so Janni. Therapeutisch wirke dann eine Glukokortikoidgabe – je nach Ausprägung – in den meisten Fällen rasch und zuverlässig.
Abb. 1: Nebenwirkungen von Immuncheckpoint-Inhibitoren können bis zu einem Jahr nach Therapieende und zu unterschiedlichen Zeitpunkten auftreten. Nach einer Abbildung aus Martins, F. Nat Rev Clin Oncol 16, 563–580 (2019).
Fazit für die Praxis
Die zunehmende Heilungsrate beim Mammakarzinom – Janni nennt 80 bis 90 % – zeige riesige Chancen auf, ginge aber mit einer wachsenden Verantwortung der Gynäkologie für komplexe Therapieregime einher.
Dies sei grundlegend, denn durch die Zulassungserweiterungen kommen viele innovative Substanzen in die adjuvante Therapie von Brustkrebspatientinnen – und damit komme auch die Nachsorge in die eigene niedergelassene Praxis. Eine enge und gute Zusammenarbeit zwischen zertifizierten Brust- und Genitalkrebszentren und niedergelassenen Praxen sei deswegen essenziell, um Nebenwirkungen frühzeitig zu erkennen und adäquat zu behandeln.
Auditorium diskutiert kontrovers Versorgungskapazitäten und Weiterbildung
Im Nachgang des Vortrags wurde die Belastung der Brustzentren gerade bei längerfristigen Therapien – wie beispielsweise den zwei- bis dreijährigen adjuvanten CDK4/6-Inhibitor-Therapien – thematisiert. Aus dem Auditorium wurde darauf hingewiesen, dass die intensivierten Kontrollen aufgrund fehlender Infrastruktur in den Brustzentren teilweise gar nicht mehr abgebildet werden könnten. Janni antwortete hierauf, dass es keine einheitliche Lösung gebe, die Zentren sich aber auf die Situation einstellten, vor allem mithilfe von Physician Assistants, Therapiesprechstunden, Onko-Nurses und Onko-Coaches. Er begrüßte auch ausdrücklich die Mitbetreuung durch niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen: „Wir freuen uns über jede Gynäkologin, die die Therapie tatsächlich selbst durchführt und fortsetzt.“
Aus der Diskussion heraus wurde angemerkt, dass aktuell eigentlich noch keine Überlastungsanzeigen aus den onkologischen Zentren vorlägen, diese bei weiterer Therapieausweitung aber durchaus zu erwarten seien. Die Zahl niedergelassener Gynäko-Onkologen sei beispielsweise bundesweit rückläufig, weshalb eine Zusatzqualifikation in der Fläche wünschenswert sei. Andernfalls drohe eine Verlagerung der Patientinnen in internistisch-onkologische Praxen, in denen dann das Mammakarzinom und andere Genitalkarzinome neben Leukämien, Bronchial- und Prostatakarzinomen nicht denselben Stellenwert einnähmen, wie im gynäkoonkologischen Setting. Janni bekräftigte diese Einschätzung und verwies auf die regelmäßige Schwerpunktausbildung sowie die Unterstützung von Niederlassungen im gynäkoonkologischen Bereich.
Aus dem Plenum wurde abschließend noch eine Lanze für die Zusatzbezeichnung „Medikamentöse Tumortherapie“ gebrochen: Diese erfordere weder operative Erfahrung am Mammakarzinom noch am Ovarialkarzinom, ermögliche aber einen klaren Schwerpunkt auf die medikamentöse Therapie im ambulanten Setting. Janni bestätigte dies als sinnvollen Weg; die volle Schwerpunktausbildung Gynäkologische Onkologie bleibe jedoch demnach die umfassendere Variante. Die Zusatzbezeichnung sei natürlich dennoch ein wichtiger und hilfreicher Baustein für die ambulante Versorgung.
Quelle: Vortrag „Neue Medikamente – neue Nebenwirkungen“ von Prof. Dr. Wolfgang Janni, 06.03.2026, anlässlich des Fortbildungskongresses (FOKO) Düsseldorf. Veranstalter: Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e. V.
Julian Aldinger
1 Finn RS et al. N Engl J Med. 2016 Nov 17;375(20):1925–1936. DOI: 10.1056/NEJMoa1607303. PMID: 27959613.
2 Hortobagyi GN et al. N Engl J Med. 2016 Nov 3;375(18):1738–1748. DOI: 10.1056/NEJMoa1609709.
3 Goetz MP et al. J Clin Oncol. 2017 Nov 10;35(32):3638–3646. DOI: 10.1200/JCO.2017.75.6155. Epub 2017 Oct 2. PMID: 28968163.
4 Fachinformation Enhertu® Stand März 2025.
5 Martins F et al. Nat Rev Clin Oncol 16, 563–580 (2019). DOI: 10.1038/s41571-019-0218-0.
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