Antidiabetika: Wundheilung besser bei gut eingestelltem Diabetes
Mehrere Studien bestätigen den starken Zusammenhang zwischen hohem HbA1c-Wert, dem Langzeitparameter des Diabetes mellitus, und schlechter Wundheilung. In einer retrospektiven Studie zur offenen, primären Karpaltunnelspaltung hatten diabetische Patienten mit einem HbA1c von 7,8 % oder mehr das höchste Risiko für postoperative Wundkomplikationen, darunter langsamere Heilung, oberflächliche Infektionen und verzögerte Rückbildung der Karpaltunnelsymptome. Die Studie zeigte außerdem, dass der HbA1c-Wert im Vergleich zum Blutzuckerspiegel ein stärkerer Prädiktor für Wundkomplikationen ist.
In einer weiteren retrospektiven Studie mit fast 500 verschiedenen nichtkardialen Operationen hatten Patienten mit Diabetes mit einem HbA1c unter 7 % signifikant weniger Wundinfektionen als Patienten mit höheren Werten7.
Im Rattenmodell zeigt Insulin einen positiven Effekt auf die Wundheilung, unabhängig der Normalisierung des Blutzuckers8.
Von Januar 2013 bis Dezember 2014 wurden bei 85 Patienten 107 diabetische Fußulzera bis zur Wundheilung, Amputation oder Entwicklung eines nicht heilenden Geschwürs beim letzten Nachsorgetermin verfolgt. Demografische Daten, diabetische Behandlungsregime, das Vorhandensein peripherer Gefäßerkrankungen, Wundmerkmale und Behandlungsergebnisse wurden erhoben. Das mittlere Alter betrug 60,0 Jahre (Spanne: 31,1 bis 90,1 Jahre) und 58 Fälle (68,2 %) waren männlich. 24 Fälle erreichten eine vollständige Heilung (Heilungsrate: 22,4 %). Die mittlere Nachbeobachtungszeit bei Probanden mit chronischen Wunden betrug 6,0 Monate (Spanne: 0,7 bis 21,8 Monate). Die Insulinbehandlung war in 52 Fällen (61,2 %) Teil der Diabetestherapie. Nach Adjustierung von Alter, Geschlecht, Rauchstatus, Diabetestyp, Bluthochdruck, chronischer Nierenerkrankung, peripherer arterieller Erkrankung, Hypoglykämien, Wundinfektion, Vorhandensein von Charcot-Deformität, Gangrän, Osteomyelitis mittels Röntgennachweis und Hba1c-Wert erhöhte die Insulintherapie signifikant die Wundheilungsrate mit 30,3 % (20 von 66 Geschwüren) gegenüber 9,8 % (4 von 41 Geschwüren) bei Patienten, die orale Antidiabetika oder keine Diabetestherapie erhielten (p = 0,013). Demnach kann die systemische Insulinbehandlung die Wundheilung bei diabetischen Geschwüren verbessern9.
Dipeptylpeptidase-4-Hemmer und Wundheilung
Dipeptylpeptidase (DPP)-4 ist an Wundheilung und Immunwegen beteiligt und wird durch Alogliptin, Linagliptin, Sitagliptin, Saxagliptin und Vildagliptin inhibiert. Sie wird auf Immunzelloberflächen exprimiert, darunter T-Zellen, B-Zellen, Makrophagen und natürlichen Killerzellen, und unterstützt verschiedene immunmodulierende Effekte. Die Aktivierung von Fibroblasten durch DPP-4 erhöht die Expression der profibrotischen Genexpression. Folglich hemmt die DPP-4-Inhibition die Proliferation von T-Zellen und die Präsentation der Helferzellen, inhibiert die Synthese und Migration von Keratinozyten-DNA und unterdrückt das Überleben und die Proliferation von Fibroblasten6.
Bedeuten diese Erkenntnisse, dass DPP4-Hemmer einen negativen Einfluss auf die Wundheilung haben?
Mamoun und Kollegen recherchierten zu den Anwendungen von DPP-4-Inhibitoren bezüglich Wundheilung und Narben und deren Potenzial außerhalb der glykämischen Kontrolle10. Eine systematische Überprüfung wurde gemäß den PRISMA (Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses)-Richtlinien in den Datenbanken PubMed, SCOPUS, Embase und Cochrane CENTRAL durchgeführt. Insgesamt wurden 2.139 Artikel analysiert, die auf 31 Human-, Tier- und In-vitro-Studien fußten. Humanstudien wiesen auf, dass DPP-4-Inhibitoren zu schnelleren Wundverschlussraten, klinischer Verbesserung einer Psoriasis und einem reduzierten Risiko der Keloidbildung nach einer Sternotomie führten. In-vitro-Studien berichteten über eine Zunahme von Zellmigration, Proliferation und Angiogenese unter DPP-4-Hemmung. Es wurde festgestellt, dass DPP-4-Inhibitoren Fibrosemarker in mehreren Wundheilungsmodellen abschwächt und TGF-β, pSmad2/3, α-SMA, Col1, Col3 und nachgelagerte Effektoren des MAPK-NF-κB-Weges herunterreguliert. In mehreren In-vitro-, Tier- und Humanstudien haben DPP-4-Hemmer demnach einen positiven Nettoeffekt auf die kutane Heilung9.
DPP-4-Inhibitor und Folgeerkrankungen von Diabetes
Yu und Kollegen recherchierten in den elektronischen Datenbanken Google Scholar, Ovid, PubMed, Science Direct und Springer10. Studien wurden ausgewählt, wenn sie die Inzidenzrate eines diabetischen Fußgeschwürs während der DPP-4-Inhibitoren-Behandlung beinhalteten oder die Wirkung von DPP-4-Inhibitoren auf die Wundheilung bewerteten. Die Inzidenzraten von Fußgeschwüren, Amputationen und peripheren Gefäßerkrankungen wurden zusammengefasst, um Gesamtschätzungen zu erhalten. Meta-Analysen der Odds-Ratios wurden durchgeführt, um das Risiko für Fußulkus, Amputation und periphere Gefäßerkrankungen bei DPP-4-Inhibitoren zu bewerten und die Wirkung der Arzneimittel auf die Heilung von Geschwüren zu untersuchen. Zehn Studien wurden eingeschlossen (532.354 Patienten mit DPP-4-Inhibitoren und 2.092.010 Menschen ohne DPP-4-Inhibitoren). Die Inzidenzraten von Fußgeschwüren, Amputationen und peripheren Gefäßerkrankungen lagen bei 3,80 (95 % KI: 0,22 – 7,39), 0,82 (95 % KI: 0,60 – 1,05) bzw. 22,33 (95 % KI: 9,14 – 35,53) pro 1.000 Personenjahren bei Patienten, die mit DPP-4-Inhibitoren und 3,60 (95 % KI: 1,77 – 5,39), 0,76 (95 % KI: 0,58 – 0,94) bzw. 20,9 (95 % KI: 16,04 – 25,81) pro 1.000 Personenjahren bei Patienten, die mit Nicht-DPP-4-Medikamenten behandelt wurden. Das Risiko für ein Geschwür oder eine Amputation bei DPP-4-Inhibitoren war in allen Studien nicht konsistent. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Geschwür nicht heilt, war bei DPP-4-Inhibitoren im Vergleich zu Kontrollgruppen signifikant geringer (Odds Ratio: 0,27 [95 % KI: 0,10 – 0,71]; p = 0,008). Die Inzidenzraten von diabetischen Fuß und Amputationen sind den Daten zur Folge unter DPP-4-Inhibitoren und unter Nicht-DPP-4-Medikamenten ähnlich. DPP-4-Inhibitoren verbesserten die Wundheilung des diabetischen Fußes in dreimonatigen randomisierten Studien10.
Fazit
- Trotz zum Teil negativer biochemischer Effekte von DPP-4-Hemmern auf die Wundheilung kann eine Beeinträchtigung des Heilungsprozesses bei Diabetikern unter dieser Medikation nicht belegt werden.
- Insgesamt ist ein niedriger HbA1c-Wert ein positiver Prädiktor für die Wundheilung.
- Insulin hat sich als Mittel der Wahl in der Heilungsphase bewährt.
Dr. Peter Schweikert-Wehner