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Allgemein- & Innere Medizin, Frauen & Medizin, Kardiologie Allgemein- & Innere Medizin Frauen und Medizin, Stoffwechsel und Herz-Kreislauf-System
Gendermedizin

Warum Frauen und Männer kardiologisch anders ticken

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bei Frauen und Männern die häufigste Todesursache. Trotzdem orientiert sich die Kardiologie bis heute in vielen Bereichen noch am männlichen Standardpatienten. Genau hier setzt die Gendermedizin an: Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie sich biologische Unterschiede zwischen Frau und Mann auf Symptome, Diagnostik, Therapie und Prognose auswirken. 


12.06.2026
D. Birkelbach
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Viele Ärztinnen und Ärzte kennen die „klassischen“ Unterschiede: Männer berichten beim Herzinfarkt häufiger über den typischen Brustschmerz, Frauen dagegen eher über Luftnot, Übelkeit, Erschöpfung oder Schmerzen im Rücken und Oberbauch. Diese Unterschiede lassen sich zunehmend auch mechanistisch erklären – u. a. durch hormonelle, inflammatorische und vaskuläre Prozesse, die geschlechtsspezifisch unterschiedlich reguliert sind.1 Und auch verschiedene Fachgesellschaften haben die genderspezifischen Unterschiede inzwischen systematisch eingeordnet. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie betont in ihren Leitlinien vor allem die Bedeutung geschlechtsspezifischer Unterschiede für die klinische Manifestation und die diagnostische Einordnung, insbesondere bei atypischen Symptomen.2

Das Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie beschreibt Geschlecht als durchgängigen Einflussfaktor der kardiovaskulären Medizin – mit Unterschieden in Risikoprofil, Krankheitsverlauf und Therapieansprechen.3 Die American Heart Association wiederum rückt stärker die pathophysiologischen Grundlagen in den Fokus und verweist auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der koronaren Mikrozirkulation, endothelialen Funktion und inflammatorischen Aktivität.4 Im Praxisalltag werden die geschlechtsspezifischen Beschwerden dennoch nicht selten fehlgedeutet – mit der Folge, dass Diagnostik und Therapie verzögert einsetzen oder nicht ausreichend an das jeweilige Risikoprofil angepasst werden.5,6

Wenn der Herzinfarkt anders aussieht7

Besonders deutlich zeigt sich Gendermedizin beim Herzinfarkt: Symptome folgen nicht nur der Pathophysiologie der Erkrankung, sondern auch geschlechtsspezifischen Unterschieden in Schmerzempfinden, Gefäßbiologie und klinischer Präsentation. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in den letzten Jahren stärker in den Fokus gerückt ist: Frauen leiden häufiger unter Störungen der kleinen Herzgefäße und der Gefäßinnenwand. Beschwerden einer koronaren Herzerkrankung können deshalb vorhanden sein, obwohl sich im Herzkatheter keine ausgeprägten Verengungen der großen Koronararterien zeigen. Gerade diese mikrovaskulären Veränderungen bleiben im Alltag leicht unerkannt. Auch psychosoziale Faktoren spielen eine größere Rolle als lange angenommen. Stress, Schlafmangel, depressive Verstimmungen oder chronische Überlastung wirken sich bei Frauen besonders ungünstig auf das Herz-Kreislaufsystem aus.

Unterschiede bei Medikamenten8

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Arzneimitteltherapie sind auch in der Kardiologie klinisch relevant. Frauen entwickeln häufiger Nebenwirkungen, was u. a. auf Unterschiede in Körperzusammensetzung, Hormonstatus sowie Pharmakokinetik zurückgeführt wird. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Antiarrhythmika und QT-Zeit-verlängernden Substanzen. Frauen sind hier anfälliger für proarrhythmische Effekte bis hin zu Torsade-de-pointes-Arrhythmien, was mit Unterschieden in der kardialen Repolarisation zusammenhängt.9 In der DIGOXIN-Analyse war die Therapie mit Digoxin bei Frauen mit ungünstigeren Outcomes assoziiert.10 Aktuelle kardiologische Übersichten bestätigen zudem, dass Frauen bei bestimmten kardiovaskulären Erkrankungen häufiger Therapieintoleranzen zeigen.11

Biofaktoren in der Herzmedizin

Neben der Pharmakotherapie rückt zunehmend die Frage in den Fokus, ob Geschlecht und hormonelle Situation Einfluss auf die Versorgung mit kardioprotektiven Biofaktoren haben. Genau hier rücken Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und Vitamin D in den Fokus: Omega-3-Fettsäuren zeigen geschlechtsspezifische Unterschiede in ihrer Wirkung auf Gefäßfunktion und inflammatorische Prozesse und könnten insbesondere bei Frauen mit endothelialer Dysfunktion von Nutzen sein.12,13 Magnesium ist wichtig für die elektrische Stabilität des Herzens. Frauen reagieren im Kontext der kardialen Repolarisation empfindlicher auf Schwankungen im Elektrolythaushalt, was sich in funktionellen und supraventrikulären Rhythmusstörungen zeigen kann.14,15,16 Vitamin D beeinflusst die Gefäßfunktion und scheint bei Frauen stärker mit endothelialer Dysfunktion und koronarer Risikokonstellation verknüpft zu sein als bei Männern.17,18

Fazit für die Praxis

Die Gendermedizin erzeugt keine „Frauenmedizin“, sondern erweitert den Blick auf den einzelnen Menschen. Gerade in der Kardiologie hilft sie, Beschwerden besser einzuordnen, Risiken realistischer einzuschätzen und Therapien individueller zu gestalten. Für die Praxis bedeutet das v. a.: atypische Symptome ernst nehmen, psychosoziale Belastungen mitdenken und bei ausgewählten Patientinnen und Patienten auch den Biofaktorenstatus im Auge behalten. Besonders Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und Vitamin D sollten dabei stärker in den Fokus rücken.

1 Regitz-Zagrosek V, Kararigas G: Mechanistic Pathways of Sex Differences in Cardiovascular Disease, in: Physiological Reviews. Band 97, 2017, S. 1-37

2 www.escardio.org/guidelines/clinical-practice-guidelines/all-esc-practice-guidelines/chronic-coronary-syndromes/

3 https://leitlinien.dgk.org/files/2024_positionspapier_geschlechterspezifische_aspekte_kardiovaskulaerer_erkrankungen.pdf

4 www.ahajournals.org/doi/10.1161/JAHA.125.044922

5 Cardeillac M et al.: Symptoms of Infarction in Women: Is There a Real Difference Compared to Men? A Systematic Review of the Literature with Meta-Analysis. J Clin Med 2022 Feb 27; 11(5): 1319

6 Dekleva M et al.: Specificities of Myocardial Infarction and Heart Failure in Women. J Clin Med 2024; 13(23): 7319

7 Regritz-Zagrosek V, Gebhard C: Gender medicine: effects of sex and gender on cardiovascular disease manifestation and outcomes. Nat Rev Cardiol. 2022 Oct 31; 20(4): 236-247

8 Oertelt-Prigione S, Regitz-Zagrosek V: Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine. Springer London Ltd (Verlag), 2011

9 Linde C et al.: ESC Scientific Document Group: Sex differences in cardiac arrhythmia: a consensus document of the European Heart Rhythm Association, endorsed by the Heart Rhythm Society and Asia Pacific Heart Rhythm Society. Europace 2018 Oct 1; 20(10): 1565-15655ao

10 Rathore SS et al.: Sex-based differences in the effect of digoxin for the treatment of heart failure. N Engl J Med 2002 Oct 31; 347(18): 1403-1411

11 McChord J, Ong P: Bridging the Gender Gap in Cardiovascular Medicine: Addressing Drug Intolerances and Personalized Care for Women with Angina/Ischemia with Non-Obstructive Coronary Artery Disease. J Cardiovasc Dev Dis 2024; 11(12): 381

12 Arabi SM et al.: Omega-3 fatty acids and endothelial function: A GRADE-assessed systematic review and meta-analysis. Eur J Clin Invest 2024 Feb; 54(2): e14109

13 Welty FK et al.: Fish and Omega-3 Fatty Acids: Sex and Racial Differences in Cardiovascular Outcomes and Cognitive Function. Arterioscler Thromb Vasc Biol. 2023 Nov 2; 44(1): 89-107

14 Mazza E et al.: Magnesium: Exploring Gender Differences in Its Health Impact and Dietary Intake. Nutrients 2025 Jul 4; 17(13): 2226

15 Roden DM: Drug-induced prolongation of the QT interval. N Engl J Med 2004 Mar 4; 350(10): 1013-1022

16 Chiuve SE et al.: Plasma and dietary magnesium and risk of sudden cardiac death in women. Am J Clin Nutr 2011 Feb; 93(2): 253-260

17 Ciarambino T et el.: Vitamin D: Can Gender Medicine Have a Role? Biomedicines 2023; 11(6): 1762

18 Verdoia M et al.: Impact of gender difference on vitamin D status and its relationship with the extent of coronary artery disease. Nutr Metab Cardiovasc Dis 2015 May; 25(5): 464-470

Autorin
Biologin Dr. Daniela Birkelbach

Dr. Daniela Birkelbach

Gesellschaft für Biofaktoren e.V.

www.gf-biofaktoren.de.

daniela.birkelbach@gf-biofaktoren.de

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