Warum Frauen und Männer kardiologisch anders ticken
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind bei Frauen und Männern die häufigste Todesursache. Trotzdem orientiert sich die Kardiologie bis heute in vielen Bereichen noch am männlichen Standardpatienten. Genau hier setzt die Gendermedizin an: Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie sich biologische Unterschiede zwischen Frau und Mann auf Symptome, Diagnostik, Therapie und Prognose auswirken.
Viele Ärztinnen und Ärzte kennen die „klassischen“ Unterschiede: Männer berichten beim Herzinfarkt häufiger über den typischen Brustschmerz, Frauen dagegen eher über Luftnot, Übelkeit, Erschöpfung oder Schmerzen im Rücken und Oberbauch. Diese Unterschiede lassen sich zunehmend auch mechanistisch erklären – u. a. durch hormonelle, inflammatorische und vaskuläre Prozesse, die geschlechtsspezifisch unterschiedlich reguliert sind.1 Und auch verschiedene Fachgesellschaften haben die genderspezifischen Unterschiede inzwischen systematisch eingeordnet. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie betont in ihren Leitlinien vor allem die Bedeutung geschlechtsspezifischer Unterschiede für die klinische Manifestation und die diagnostische Einordnung, insbesondere bei atypischen Symptomen.2
Das Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie beschreibt Geschlecht als durchgängigen Einflussfaktor der kardiovaskulären Medizin – mit Unterschieden in Risikoprofil, Krankheitsverlauf und Therapieansprechen.3 Die American Heart Association wiederum rückt stärker die pathophysiologischen Grundlagen in den Fokus und verweist auf geschlechtsspezifische Unterschiede in der koronaren Mikrozirkulation, endothelialen Funktion und inflammatorischen Aktivität.4 Im Praxisalltag werden die geschlechtsspezifischen Beschwerden dennoch nicht selten fehlgedeutet – mit der Folge, dass Diagnostik und Therapie verzögert einsetzen oder nicht ausreichend an das jeweilige Risikoprofil angepasst werden.5,6
Wenn der Herzinfarkt anders aussieht7
Besonders deutlich zeigt sich Gendermedizin beim Herzinfarkt: Symptome folgen nicht nur der Pathophysiologie der Erkrankung, sondern auch geschlechtsspezifischen Unterschieden in Schmerzempfinden, Gefäßbiologie und klinischer Präsentation. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in den letzten Jahren stärker in den Fokus gerückt ist: Frauen leiden häufiger unter Störungen der kleinen Herzgefäße und der Gefäßinnenwand. Beschwerden einer koronaren Herzerkrankung können deshalb vorhanden sein, obwohl sich im Herzkatheter keine ausgeprägten Verengungen der großen Koronararterien zeigen. Gerade diese mikrovaskulären Veränderungen bleiben im Alltag leicht unerkannt. Auch psychosoziale Faktoren spielen eine größere Rolle als lange angenommen. Stress, Schlafmangel, depressive Verstimmungen oder chronische Überlastung wirken sich bei Frauen besonders ungünstig auf das Herz-Kreislaufsystem aus.
Unterschiede bei Medikamenten8
Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Arzneimitteltherapie sind auch in der Kardiologie klinisch relevant. Frauen entwickeln häufiger Nebenwirkungen, was u. a. auf Unterschiede in Körperzusammensetzung, Hormonstatus sowie Pharmakokinetik zurückgeführt wird. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Antiarrhythmika und QT-Zeit-verlängernden Substanzen. Frauen sind hier anfälliger für proarrhythmische Effekte bis hin zu Torsade-de-pointes-Arrhythmien, was mit Unterschieden in der kardialen Repolarisation zusammenhängt.9 In der DIGOXIN-Analyse war die Therapie mit Digoxin bei Frauen mit ungünstigeren Outcomes assoziiert.10 Aktuelle kardiologische Übersichten bestätigen zudem, dass Frauen bei bestimmten kardiovaskulären Erkrankungen häufiger Therapieintoleranzen zeigen.11
Biofaktoren in der Herzmedizin
Neben der Pharmakotherapie rückt zunehmend die Frage in den Fokus, ob Geschlecht und hormonelle Situation Einfluss auf die Versorgung mit kardioprotektiven Biofaktoren haben. Genau hier rücken Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und Vitamin D in den Fokus: Omega-3-Fettsäuren zeigen geschlechtsspezifische Unterschiede in ihrer Wirkung auf Gefäßfunktion und inflammatorische Prozesse und könnten insbesondere bei Frauen mit endothelialer Dysfunktion von Nutzen sein.12,13 Magnesium ist wichtig für die elektrische Stabilität des Herzens. Frauen reagieren im Kontext der kardialen Repolarisation empfindlicher auf Schwankungen im Elektrolythaushalt, was sich in funktionellen und supraventrikulären Rhythmusstörungen zeigen kann.14,15,16 Vitamin D beeinflusst die Gefäßfunktion und scheint bei Frauen stärker mit endothelialer Dysfunktion und koronarer Risikokonstellation verknüpft zu sein als bei Männern.17,18
Fazit für die Praxis
Die Gendermedizin erzeugt keine „Frauenmedizin“, sondern erweitert den Blick auf den einzelnen Menschen. Gerade in der Kardiologie hilft sie, Beschwerden besser einzuordnen, Risiken realistischer einzuschätzen und Therapien individueller zu gestalten. Für die Praxis bedeutet das v. a.: atypische Symptome ernst nehmen, psychosoziale Belastungen mitdenken und bei ausgewählten Patientinnen und Patienten auch den Biofaktorenstatus im Auge behalten. Besonders Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und Vitamin D sollten dabei stärker in den Fokus rücken.
4 www.ahajournals.org/doi/10.1161/JAHA.125.044922
10 Rathore SS et al.: Sex-based differences in the effect of digoxin for the treatment of heart failure. N Engl J Med 2002 Oct 31; 347(18): 1403-1411
15 Roden DM: Drug-induced prolongation of the QT interval. N Engl J Med 2004 Mar 4; 350(10): 1013-1022
17 Ciarambino T et el.: Vitamin D: Can Gender Medicine Have a Role? Biomedicines 2023; 11(6): 1762
Dr. Daniela Birkelbach
Gesellschaft für Biofaktoren e.V.
www.gf-biofaktoren.de.
daniela.birkelbach@gf-biofaktoren.de