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Führungskompetenz

Plötzlich Führungskraft: Der Schritt in die Niederlassung

Die medizinische Exzellenz ist längst da und nun ist auch der Zeitpunkt der eigenen Praxisinhaberschaft gekommen. Was die Führung der eigenen Praxis wirklich bedeutet und welche Fähigkeiten jetzt zählen.


12.06.2026
A. Dold
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Der Schritt in die Niederlassung ist für viele Ärztinnen und Ärzte ein Meilenstein. Endlich eigenständig entscheiden, medizinische Qualität gestalten, Prozesse selbst bestimmen. Was oft unterschätzt wird: Mit der Übernahme einer Praxis beginnt eine zweite Profession. Die ärztliche bleibt. Die unternehmerische kommt hinzu. Und fast über Nacht entsteht eine dritte Rolle: die der Führungskraft.

Rollenwechsel in der ärztlichen Praxis

 

Ein typisches Szenario

Ein Facharzt übernimmt eine etablierte Praxis. Zwei Medizinische Fachangestellte (MFA) arbeiten dort seit über 20 Jahren. Fachlich wird der neue Inhaber anerkannt. Doch im Alltag spürt er Widerstand. Entscheidungen werden infrage gestellt. Absprachen halb umgesetzt. Kritik wird indirekt im Team weitergegeben.

Was ist passiert?

Fachlicher Respekt ersetzt keine Führungsautorität. Gerade in gewachsenen Praxen existieren informelle Strukturen. Wer wann entscheidet, wie Konflikte gelöst werden, wer „das letzte Wort“ hatte. Mit dem Wechsel in der Inhaberschaft geraten diese impliziten Regeln ins Wanken.

Führung bedeutet hier zunächst: Rollenklarheit herstellen. Das kann so aussehen:

  • Einzelgespräche zu Beginn, um Erwartungen, Sorgen und Hoffnungen zu klären
  • klare Kommunikation, welche Entscheidungsbereiche künftig anders geregelt sind als bislang
  • Vereinbarung verbindlicher Teamtermine, um miteinander im Dialog zu sein

Sich als neue Praxisinhaberin oder neuer Praxisinhaber zu positionieren, bedeutet nicht, plötzlich autoritär auftreten zu müssen. Ein Wechsel kann klar, strukturiert und wertschätzend erfolgen. Respekt und wertschätzendes Miteinander entstehen nicht durch autoritäres Auftreten oder Lautstärke, sondern durch Klarheit und Verlässlichkeit.

Alte Gewohnheiten versus neue Regeln

In vielen Praxen herrscht ein familiäres Klima. Das ist ein großer Vorteil. Gleichzeitig entstehen Spannungsfelder, wenn professionelle Distanz fehlt.


Ein Beispiel

Eine Praxisinhaberin gibt ihre Praxis nach rund 20 Jahren auf. Eine langjährige Mitarbeiterin kommt regelmäßig zehn Minuten zu spät. Bisher wurde das toleriert. Die neue Inhaberin möchte das ändern, zögert jedoch, weil sie „keine schlechte Stimmung“ erzeugen will. Das Problem ist nicht das Zuspätkommen allein. Es ist die fehlende Rollenklarheit.

Führung heißt in diesem Moment, das Gespräch zu führen – ruhig, konkret und ohne Vorwurf. Nicht: „Du bist unzuverlässig.“ Sondern: „Wir haben vereinbart, dass wir um 8 Uhr starten. Ich brauche Verlässlichkeit, damit der Ablauf funktioniert.“

Professionelle Distanz bedeutet nicht Kälte. Sie bedeutet Verantwortung für den Rahmen zu übernehmen und diesen Rahmen gegebenenfalls auch durchzusetzen.


Praxisführung im Generationenmix

In vielen Praxen arbeiten mehrere Generationen zusammen. Die Erwartungen unterscheiden sich deutlich. Langjährige Mitarbeitende schätzen meist Stabilität und eingespielte Routinen. Jüngere Teammitglieder wünschen Feedback, Entwicklungsmöglichkeiten und Beteiligung. Führung heißt, diese Erwartungen sichtbar zu machen und auszuhandeln.

  • Was ist realistisch möglich?
  • Welche Entwicklungsperspektiven gibt es?
  • Wo sind Grenzen?

Gleichbehandlung bedeutet nicht Gleichmacherei. Unterschiedliche Lebensphasen erfordern differenzierte Führung.

Leistung einfordern – wertschätzend und klar

Ein häufiger Irrtum lautet, gute Führung müsse immer harmonisch sein. In der Realität gehört Leistungserwartung dazu. Wenn zum Beispiel Dokumentationsstandards nicht eingehalten werden oder Hygienevorgaben wiederholt missachtet werden, reicht kollegiale Andeutung nicht aus. Konkrete Rückmeldung, klare Erwartung und nachvollziehbare Konsequenz sind Teil der Führungsrolle. Wertschätzung und Anspruch schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Wer klare Erwartungen formuliert, signalisiert Professionalität.

Wenn im Praxisalltag keine Zeit für Führung bleibt

Viele niedergelassene Ärztinnen und Ärzte erleben es: Gerade im stressigen Praxisalltag entsteht schnell der Eindruck, dass Führung „nebenbei“ passieren muss. Doch langfristig funktioniert das nicht. Führung ist kein Zusatz, sondern wichtiger Teil der Praxisorganisation und Versorgungsqualität. Wenn Führung dauerhaft zu kurz kommt, zeigt sich das im Alltag beispielsweise an folgenden Punkten:

  • Konflikte werden vertagt.
  • Feedback erfolgt nur im Vorbeigehen.
  • Entscheidungen werden situativ getroffen.

Kurzfristig spart das Zeit. Die langfristigen Kosten veranschaulicht folgendes Beispiel: Zwei Inhaber einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis führen kaum strukturierte Teambesprechungen. Beschwerden von Patientinnen und Patienten werden nicht systematisch ausgewertet. Ein strukturiertes Onboarding für neue Mitarbeitende findet ebensowenig statt wie eine bewusste Personalentwicklung. Das Ergebnis: Regelmäßig kündigen MFA.

Führung muss deshalb bewusst in den Praxisalltag integriert werden. Manche Praxen nutzen kurze Besprechungen vor der Sprechstunde, andere blocken bewusst Termine im Kalender. Entscheidend ist weniger das Format als die Regelmäßigkeit.

Veränderung als Dauerzustand

Digitalisierung, neue gesetzliche Vorgaben, Fachkräftemangel – Veränderung ist kein Ausnahmezustand mehr, sie ist zur Regel geworden. Wenn Prozesse angepasst werden, braucht das Team Orientierung:

  • Warum verändern wir das?
  • Was bleibt gleich?
  • Wer übernimmt welche Verantwortung?

Klare Zuständigkeiten vermeiden Doppelarbeit. Transparente Entscheidungen verhindern Gerüchte. Widerstand im Team ist dabei nicht gleich Illoyalität. Er ist ein Hinweis auf Unsicherheit oder Überlastung. Wer ihn ignoriert, verstärkt ihn. Wer ihn anspricht, schafft Vertrauen.

Unsicherheit zugeben, ohne Autorität zu verlieren?

Viele neue Praxisinhaber fragen sich: Darf ich sagen, dass ich etwas noch nicht weiß? Ja. Entscheidend ist das „Wie“. Ihre Praxis stellt beispielsweise auf ein neues Abrechnungssystem um, und Sie als Inhaberin oder Inhaber sind selbst noch unsicher im Umgang mit der Software. Anstatt Unsicherheit zu verbergen und Expertise vorzutäuschen, kommunizieren Sie offen: „Wir lernen das gemeinsam. Fehler sind möglich. Wir dokumentieren sie und passen Prozesse an.“ Das wirkt nicht schwach. Es wirkt integer. Autorität entsteht nicht durch Unfehlbarkeit, sondern durch Transparenz und Orientierung.

Fazit

Mit der Niederlassung beginnen neue Formen der Verantwortung: medizinisch, unternehmerisch und menschlich. Führung und ihre Qualität ist dabei keine Frage des Charakters und auch kein angeborenes Talent. Sie ist eine Kompetenz. Und sie ist erlernbar. Wer seine Rolle bewusst annimmt, klare Strukturen schafft und Haltung zeigt, entlastet nicht nur sich selbst, sondern stärkt die gesamte Praxis und ihren Erfolg.

Autorin

Annette Dold
Systemische Coachin (SG) und Organisations­entwicklerin

www.fuehrungskultur.com