Der Rettungsingenieur Luis Teichmann (Social-Media-Pseudonym @5_sprechwunsch) ist seit Jahren in den sozialen Medien aktiv und berichtet dort im Kurzvideo-Format von seinem Berufsalltag und Erfahrungen aus dem Rettungsdienst. Immer wieder klärt er seine Followerinnen und Follower dabei auch über gesundheitliche und medizinische Themen auf, zum Beispiel, wie sich der Genuss von Schwarz- und Grüntee durch die enthaltenen Polyphenole auf die Eisenaufnahme auswirken können, oder was möglicherweise passiert, sollte man sich aus Versehen einen Adrenalin-Autoinjektor in den Finger jagen. Mit über einer Million Followerinnen und Followern weiß Teichmann natürlich auch, wie man sich aufmerksamkeitsstark präsentiert und bei Userinnen und Usern ankommt: Eine aufmerksamkeiterregende Strategie ist die Präsentation in voller Dienstmontur. Die textmarkergelbe Einsatzjacke führt beim Publikum automatisch zu einem unterbewussten Vertrauensvorschuss.
Kleider machen Leute – und gewinnen Vertrauen
Der bewusste Einsatz von Kleidung, Umgebung, Licht etc. gehört zur Berufspraktik in der Welt der sozialen Medien. In seinem Vortrag auf dem DMEA 2026 kritisiert Teichmann jedoch, dass diese Atmosphäre des Vertrauens, die Gesundheitsinfluencerinnen und -influencer häufig eigens kreieren, oft von verfälschten Informationen begleitet würde – deren Verbreitung zudem in vielen Fällen völlig unreguliert bliebe. Während Ärztinnen und Ärzte der Regulierung durch die Bundesärztekammer unterliegen, so sei dies bei nicht-ärztlichem Personal nicht möglich, bemängelt der Rettungsingenieur. „Ich kann auf Social Media eigentlich erzählen, was ich will.“
Diese Freiheit gelte für das gesamte nicht-ärztliche Personal und sei ein großes Problem – so würde immer mehr Desinformation mit dem vermeintlichen Trustfactor „Uniform“ in die sozialen Medien gespült. Die Internetwährung Nummer 1 – Aufmerksamkeit – verzerrt die Realität: Evidenzbasierte Medizin und Behandlungsmethoden verlieren gegen aufmerksamkeitsheischende „Hacks“. Seltene Nebenwirkungen oder Erkrankungen bekommen ein überproportionales Gewicht.
Als Beispiel für diesen Vorgang zeigt Teichmann eine Influencer-Kollegin, die ihre Zuschauer in Rettungsjacke darüber „aufklärt“, welche fünf Dinge ihnen bei einer Panikattacke sofort helfen werden. Saure Süßigkeiten („Centershocks“), Kühlpacks, ein Gummiband, Pfefferminzöl und Kopfhörer seien von nun an stets mitzuführen. Mit den Kopfhörern solle das Lied „Weightless“ von Marconi Union abgespielt werden, „um das Stresslevel bis zu 65 % zu senken“. Für diese Behauptung gebe es keinerlei wissenschaftliche Evidenz, schlimmer noch, die Zahl stamme aus einem Marketingauftrag eines bekannten Duschgel-Herstellers, ordnet ein anderer Influencer diese Behauptung ein.
Gegenrede allein reicht nicht
„Reaction“-content nennt man die Videos, in denen medizinische Expertinnen und Experten auf solche Falschaussagen reagieren und diese klarstellen. Die Zahl der Zuschauenden ist jedoch im Vergleich zum fehlinformierenden Originalvideo verschwindend gering. Problematisch an den Aussagen der Influencer-Kollegin sei aber vor allem, dass evidenzbasierte und langfristig erprobte Therapieoptionen, wie die kognitive Verhaltenstherapie, nicht einmal zur Sprache kämen, erklärt Luis Teichmann.
Reaktionen und Klarstellungen von Expertinnen und Experten seien als Umgang mit diesen Fehlinformationen „zu wenig“, ordnet er ein. Man bewege sich so immer nur im Dunstkreis der Fehlinformierenden und könne der Masse an Fehlinformationen nicht beikommen. Medizin und gesundheitliche Aufklärung im digitalen Raum sei keine Chance, sondern ein klarer Auftrag, meint Teichmann. Sein Appell an alle Akteurinnen und Akteure im Gesundheitswesen ist klar und deutlich: „Wir machen Gesundheitsaufklärung im Netz und niemand anderes“. Der Weg nach vorne bestehe im Aufbau von Leuchttürmen, die als seriöse Ankerpunkte für Fakten, Orientierung und Vertrauen stehen. Als Beispiele nennt er die Internetpräsenz der Uniklinik Köln oder den Account der App „notfallguru.de“. Mit seinem Motto „Reagieren verliert. Agieren gestaltet“ richtet sich Teichmann auch an niedergelassene Ärztinnen und Ärzte: „Empfehlen Sie Ihren Patientinnen und Patienten aktiv vertrauensvolle Medien!“