MRT statt BMI: Wann Körperfett wirklich zum Risiko wird
Der BMI übersieht entscheidende Unterschiede in der Fettverteilung. Eine Auswertung von mehr als 66.000 Ganzkörper-MRTs zeigt nun, welche Fettdepots und Muskelveränderungen tatsächlich mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Sterblichkeit verknüpft sind. Einige Patientengruppen profitieren besonders von den Forschungsergebnissen.
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Der BMI beantwortet eine entscheidende Frage nicht: Wo sitzt das Fett im Körper? Zwar berücksichtigt der Waist-to-Hip-Ratio (WHR) die Fettverteilung besser als der Body-Mass-Index, doch auch dieser Parameter kann die tatsächliche Körperfettverteilung nur grob erfassen. Genau hier setzt eine aktuelle Studie an. Forschende um Jakob Weiß und Matthias Jung vom Universitätsklinikum Freiburg haben MRT-Daten von 66.608 Personen ausgewertet und gezeigt, dass die direkte Messung von Fettdepots und Muskelmasse Gesundheitsrisiken deutlich präziser abbildet als etablierte anthropometrische Kennzahlen wie BMI oder WHR. Veröffentlicht wurde die Studie am 5. Mai 2026 in der Fachzeitschrift Radiology.
BMI erfasst nicht die Körperfettverteilung
Die Wissenschaftler analysierten Ganzkörper-MRT-Aufnahmen aus der britischen Forschungsdatenbank UK Biobank und der deutschen NAKO-Gesundheitsstudie. Dabei betrachteten sie vor allem viszerales Fett im Bauchraum, subkutanes Fettgewebe, die Skelettmuskelmasse sowie Fettanteile innerhalb der Muskulatur. Mithilfe eines automatisierten Deep-Learning-Systems entwickelte das Team standardisierte Referenzwerte für gesunde Menschen nach Alter, Geschlecht und Körpergröße.
„Viele Therapieentscheidungen beruhen noch immer auf dem BMI, weil dieser Wert schnell verfügbar ist. Er bildet die tatsächliche Körperzusammensetzung aber nur unvollständig ab. (…) Unsere Ergebnisse zeigen, dass Fettverteilung und Muskelqualität wichtige zusätzliche Hinweise auf Gesundheitsrisiken liefern.“
Prof. Jakob Weiß, Universitätsklinikum Freiburg
Viszerales Fett erhöht das Diabetesrisiko
Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild. Ein hoher Anteil an viszeralem Fett war mit einem deutlich erhöhten Risiko für die spätere Entwicklung eines Diabetes mellitus verbunden. Personen mit erhöhten Werten hatten ein mehr als doppelt so hohes Diabetesrisiko. Gleichzeitig erwies sich Fett innerhalb der Muskulatur als unabhängiger Prädiktor für schwere kardiovaskuläre Ereignisse. Eine niedrige Skelettmuskelmasse wiederum ging mit einer erhöhten Gesamtsterblichkeit einher. Bemerkenswert: Diese Zusammenhänge blieben auch nach Berücksichtigung etablierter Risikofaktoren wie Blutdruck oder Rauchen bestehen.
Was die Ergebnisse für die Praxis bedeuten
Für Patientinnen und Patienten könnte die MRT-Auswertung künftig eine genauere Einschätzung ihrer Gesundheitsrisiken ermöglichen. Denn ein identischer BMI bei verschiedenen Personen kann ein sehr unterschiedliches Risikoprofil bedeuten. Während der eine vor allem subkutanes Fett speichert, trägt der andere größere Mengen viszeralen Fetts oder weist bereits eine verminderte Muskelqualität auf. Solche Unterschiede bleiben bei der alleinigen Betrachtung von Gewicht und Körpergröße verborgen.
„Zwei Menschen mit gleichem BMI können sich deutlich darin unterscheiden, wo Fett im Körper gespeichert ist und wie gut ihre Muskulatur erhalten ist. Besonders wichtig ist die Muskelqualität, weil eingelagerte Fettanteile von außen nicht erkennbar sind.“
Dr. Matthias Jung, Universitätsklinikum Freiburg
Die Ergebnisse sprechen nicht gegen den BMI, sondern für eine differenziertere Einordnung. Noch gehört die MRT-basierte Körperzusammensetzungsanalyse nicht zur Routineversorgung. Die Studie zeigt jedoch, dass Körperfettverteilung und Muskelqualität klinisch relevante Informationen liefern, die über den BMI hinausgehen. Für die ambulante Medizin eröffnet sich damit die Perspektive einer präziseren Risikostratifizierung – und möglicherweise einer früheren Identifikation von Patienten, deren Gefährdung bislang im Verborgenen blieb. In der hausärztlichen Versorgung könnten insbesondere Patienten mit metabolischen Auffälligkeiten, unklar erhöhtem kardiovaskulärem Risiko oder diskrepanten Befunden von einer genaueren Analyse der Körperzusammensetzung profitieren.
Juliane Gutmann