Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Allgemein- & Innere Medizin, Neurologie, Pädiatrie, Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychotherapie Allgemein- & Innere Medizin, Neurologie, Pädiatrie Meinung
Meinung

„Der Versorgungsmangel droht nicht nur, er ist bereits da.“

Seit der Reform des Psychotherapeutengesetzes 2020 ist die Weiterbildung von Psychotherapeutinnen und -therapeuten neu geregelt – doch die Finanzierung bleibt unklar. Ein drohender Versorgungsmangel hat auch Folgen für Kinder und Jugendliche, die mit Depressionserkrankungen kämpfen, wie Prof. Dr. med. Eva Möhler, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Universitätsklinikum des Saarlandes, erklärt.


13.07.2026
E. Möhler
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken
Meinung

 

„Ein ‚Weiter so‘ im ambulanten psychotherapeu­tischen Versorgungssystem scheint ohnehin nicht indiziert, da es für die bedürftigsten Kinder und Jugendliche schon jetzt nicht funktioniert.”
 

Prof. Dr. med. Eva Möhler 
Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Universitätsklinikum des Saarlandes

Der Versorgungsmangel droht nicht nur, er ist bereits da – und auch erheblich. Eine Verbesserung der ambulanten Möglichkeiten könnte die überlasteten kinderpsychiatrischen stationären und teilstationären Strukturen entlasten und die Kinder in ihrem aktuellen Lebensumfeld behandeln – was in vielen Fällen wesentlich zielführender wäre, als das Kind aus allen Bezügen heraus in eine Station einzuweisen.

Allerdings sehen wir im stationären Rahmen viele emotional sehr instabile Kinder und Jugendliche, die sich selbst verletzen, immer wieder suizidal werden, aus Wohngruppen oder Kinderheimen immer wieder weglaufen oder „herausfliegen“, die Schule nicht besuchen, Drogen konsumieren. Dies sind Kinder, die oft massiv biographisch belastet sind und eigentlich auch neben einer strukturierten Umgebung vor allem eine ambulante Psychotherapie bräuchten, aber im herkömmlichen System der Vertragspsychotherapeuten nie einen Platz finden, weil sie die ‚Komm-Struktur und die regelmäßigen Wochentermine aufgrund ihrer Störung so nicht einhalten können.

Deshalb scheint ein „Weiter so“ im ambulanten psychotherapeutischen Versorgungssystem ohnehin nicht indiziert, da es für die bedürftigsten Kinder und Jugendlichen schon jetzt nicht funktioniert. Es braucht vielmehr dringend Ansätze, die Kinder in ihren belasteten Lebensumwelten aufsuchen, wie schulbasierte Trainings von Emotionsregulation und Stressresilienz (z.B. durch START und START-Kids, www.startyourway.de), die gleichfalls aufsuchend in Kinderheimen und anderen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe durchgeführt werden sollten, wo die vulnerablen Kinder sind, die keinen Therapeuten finden.

Dafür benötigt es eine Regelfinanzierung. Auch ein Ausbau digitaler Gesundheitsanwendungen und gamifizierter psychotherapeutischer Programme könnte helfen, denn so werden auch sehr schwer belastete Kinder und Jugendliche erreicht, die es gar niemals in das etablierte System der ambulanten Vertragspsychotherapeuten schaffen. Und das sind sehr, sehr viele Kinder mit kontinuierlich steigender Tendenz.

Ein ganz fundamentaler Umbau erscheint daher notwendig, von daher ist die im Auftrag der Bundesregierung neu gegründete Mental Health Alliance (https://mental-health-alliance.org), die innovative Ansätze für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen entwickeln und bündeln soll, ein sehr wichtiger und guter Schritt.

Hintergrund

Mit Inkrafttreten des reformierten Psychotherapeutengesetzes am 1. September 2020 wurde die Ausbildung von zukünftigen Psychotherapeutinnen und -therapeuten grundlegend neu strukturiert und mit einer anschließenden, mehrjährigen Weiterbildung ergänzt. Zwar ist politisch vorgesehen, dass diese Phase finanziell abgesichert wird, doch bleibt die konkrete Ausgestaltung der Kostendeckung bislang unzureichend geklärt. Insbesondere fehlen einheitliche und verlässliche Finanzierungsmodelle, was die praktische Umsetzung erschwert und Unsicherheiten für angehende Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit sich bringt. Daher wurde in diesem Frühjahr bereits in vielen Städten demonstriert und auf die Diskrepanz und einen drohenden Versorgungsmangel hingewiesen.

Prof. Dr. med. Eva Möhler


Hinweis: Mit Namen des Verfassers gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

 Was ist Ihre Meinung?

Sie möchten den Beitrag kommentieren oder eine Meinung zu einem bestimmten Thema veröffentlichen? Schreiben Sie uns:

Ihre Meinung