In einer Stellungnahme betont die internationale Fachgesellschaft Endocrine Society, dass die Diagnose eines Hypogonadismus klar definiert sein muss, bevor eine TRT eingeleitet wird: Voraussetzung sind Symptome eines erniedrigten Testosteronspiegels sowie dauerhaft niedrige, genau gemessene Gesamt- und freie Testosteronwerte im Blut – nachgewiesen durch mindestens zwei frühmorgendliche Nüchtern-Tests. Die Vorgehensweise sei dabei für Männer jeden Alters gleich.
Vorsicht bei schnellen Diagnosen
Die Gesellschaft warnt ausdrücklich davor, Begriffe wie „altersbedingt“, „spät einsetzend“ oder „funktionell“ unkritisch zu verwenden, da diese schwer zu definieren seien und die Grenze zwischen behandlungsbedürftiger Erkrankung und normalem Altern verwischen würden. Symptome wie Energiemangel, Libidoverlust oder Stimmungsschwankungen allein reichten zudem für eine Diagnose nicht aus – reversible Ursachen wie Adipositas oder die Einnahme von Kortikosteroiden oder Opioiden müssen zunächst ausgeschlossen werden.
TRT habe klare Vorteile für Männer mit korrekt diagnostiziertem Hypogonadismus, dessen Ursache in einer Erkrankung der Hoden, der Hypophyse oder des Hypothalamus liegt, so die Fachgesellschaft. Bei Hypogonadismus aufgrund von Übergewicht oder Adipositas ohne andere identifizierte Ursache hingegen sei eine Gewichtsreduktion in der Regel die empfohlene Erstlinientherapie.
Einige Bedenken ausgeräumt, andere bleiben
Die Gesellschaft beteuert, dass neuere Studien zwar einige Bedenken ausgeräumt hätten, wiederum andere noch blieben. So zeigten die TRAVERSE-Studien mit mehr als 5.200 Männern über einen Zeitraum von ein bis vier Jahren keinen nennenswerten Anstieg von Herzinfarkten und Schlaganfällen unter TRT. Allerdings verzeichneten die Studien einen relativen Anstieg von Lungenembolien um etwa 50 % sowie eine erhöhte Inzidenz von Knochenbrüchen bei behandelten Männern. Die Langzeitsicherheit – insbesondere hinsichtlich Prostatakrebs – sei zudem weiterhin nicht geklärt. Da sich Prostatakrebs langsam entwickle und die Studien die Männer möglicherweise nicht lange genug beobachtet hätten, bliebe eine Risikobewertung vor Behandlungsbeginn und eine sorgfältige Überwachung während der Behandlung unerlässlich, so die Fachgesellschaft.
Daher betonte die Endocrine Society, dass weiterhin Forschung notwendig sei, um die Risiken der Testosteronersatztherapie umfänglich zu verstehen.
Testqualität als unterschätztes Problem
Ein weiteres zentrales Thema der Stellungnahme der Endocrine Society ist die Qualität der Diagnostik. Nicht standardisierte Assays führten laut Fachgesellschaft dazu, dass dieselbe Blutprobe je nach Labor und Methode als „niedrig“ oder „normal“ eingestuft werden könne – mit der Folge von sowohl Über- als auch Unterdiagnosen.
Die Gesellschaft betont daher, dass die Diagnose eines Hypogonadismus von medizinischem Fachpersonal anhand von mindestens zwei frühmorgendlichen Nüchtern-Testosterontests gestellt werden sollte. Zudem empfiehlt sie die Verwendung von Testosteron-Assays, die durch das CDC-HoST-Programm zertifiziert wurden. Diese seien standardisiert, sodass Ergebnisse erst wirklich vergleichbar seien. Andernfalls bestehe das Risiko ungenauer Testergebnisse und starker Variation.
Quelle: Endocrine Society (https://www.endocrine.org/news-and-advocacy/news-room/2026/statement-on-testosterone-replacement-therapy)