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Urologie, Onkologie, Medizin, Andrologie Urologie Urologie

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Systemtherapie

Medikamentöse Therapie des Prostatakarzinoms

Dieser Artikel gibt einen aktuellen Überblick über die systemischen Therapieoptionen beim Prostatakarzinom in verschiedenen Krankheitsstadien, von der hormonsensitiven Situation bis zum kastrationsresistenten Stadium.


03.08.2026
C. Schwentner
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Einleitung

Diese Fortbildung fasst aktuelle Standards der Systemtherapie des Prostatakarzinoms zusammen: von der Stadieneinteilung über Therapiemöglichkeiten beim hormonsensitiven, kastrationsresistenten oder metastasierten Prostatakarzinom bis hin zu Nebenwirkungen und Therapiealgorithmus sowie neuen Ansätzen.

In Deutschland erkranken jährlich etwa 79.000 Männer neu an einem Prostatakarzinom. (1) Die Inzidenz steigt mit dem Alter, wobei das mittlere Erkrankungsalter bei etwa 71 Jahren liegt. (1) Während lokalisierte Tumoren durch operative oder strahlentherapeutische Maßnahmen häufig kurativ behandelt werden können, stellt das fortgeschrittene und metastasierte Prostatakarzinom weiterhin eine therapeutische Herausforderung dar.

Die Grundlage der systemischen Therapie bildet die Androgendeprivation, da Prostatakarzinome initial androgenabhängig wachsen. In den letzten Jahren wurde das therapeutische Arsenal durch neue Antiandrogene, Chemotherapeutika und zielgerichtete Therapien erheblich erweitert. Diese Entwicklung hat zu einer signifikanten Verbesserung der Prognose geführt.

Die Stadieneinteilung bestimmt den Therapiealgorithmus

Die Wahl der medikamentösen Therapie richtet sich primär nach dem Stadium der Erkrankung und dem Ansprechen auf hormonelle Maßnahmen. Man unterscheidet:

  • Hormonsensitives Prostatakarzinom (HSPC): Der Tumor spricht auf Androgenentzug an, Testosteronspiegel und PSA-Wert fallen unter Androgendeprivationstherapie (ADT).
  • Kastrationsresistentes Prostatakarzinom (CRPC): Trotz Kastrationsniveau des Testosterons (<50 ng/dl bzw. <1,7 nmol/l) kommt es zum Tumorprogress, definiert durch PSA-Anstieg oder radiologische/klinische Progression.
  • Metastasiertes kastrationsresistentes Prostatakarzinom (mCRPC): CRPC mit Nachweis von Fernmetastasen.

Das Staging erfolgt mittels TNM-Klassifikation, ergänzt durch Bildgebung (CT, MRT, PSMA-PET/CT) und Bestimmung von Tumormarkern (PSA, alkalische Phosphatase). Die Risikostratifizierung berücksichtigt neben dem Stadium auch Faktoren wie PSA-Wert, Gleason-Score, Tumorvolumen und das Vorliegen viszeraler Metastasen.

Androgendeprivationstherapie


Wirkmechanismus und Indikationen

Die ADT bildet seit Jahrzehnten das Rückgrat der systemischen Therapie des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms. Sie basiert auf der Erkenntnis von Huggins und Hodges (1941), dass Prostatakarzinome androgenabhängig wachsen. Die ADT senkt den Testosteronspiegel auf Kastrationsniveau und bewirkt dadurch eine Wachstumshemmung der meisten Prostatakarzinome.

Indikationen für eine ADT umfassen das metastasierte hormonsensitive Prostatakarzinom (mHSPC), das lokal fortgeschrittene Prostatakarzinom in Kombination mit Strahlentherapie sowie das biochemische Rezidiv mit kurzer PSA-Verdopplungszeit nach Primärtherapie. Beim lokalisierten Prostatakarzinom ist eine alleinige ADT nur bei Patienten indiziert, die für eine lokale Therapie nicht geeignet sind.


GnRH-Analoga und -Antagonisten

a) GnRH-Agonisten (z.B. Leuprorelin, Goserelin, Buserelin) führen durch kontinuierliche Stimulation zu einer Down-Regulation der GnRH-Rezeptoren in der Hypophyse und damit zur Suppression der LH- und FSH-Sekretion. Initial kommt es jedoch zu einem Testosteronanstieg (Flare-Phänomen), der bei ausgedehnter Metastasierung zu Komplikationen führen kann. In solchen Situationen sollte für 1-2 Wochen ein Antiandrogen gegeben werden.

Verfügbare GnRH-Agonisten:

  • Leuprorelin: 3,75 mg monatlich, 11,25 mg alle 3 Monate, 22,5 mg alle 6 Monate s.c./i.m.
  • Goserelin: 3,6 mg monatlich, 10,8 mg alle 3 Monate s.c.
  • Triptorelin: 3,75 mg monatlich, 11,25 mg alle 3 Monate i.m.

b) GnRH-Antagonisten (z.B. Degarelix, Relugolix) blockieren kompetitiv die GnRH-Rezeptoren und führen innerhalb von Tagen zu einer Testosteronsuppression ohne initiales Flare-Phänomen. Degarelix wird initial mit 240 mg s.c., danach monatlich mit 80 mg s.c. verabreicht. Relugolix ist seit 2023 als erste orale GnRH-Antagonist-Therapie verfügbar (120 mg täglich oral nach initialer Aufsättigung mit 360 mg).

Studien zeigen vergleichbare onkologische Wirksamkeit zwischen Agonisten und Antagonisten, wobei Antagonisten potenzielle Vorteile hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse aufweisen könnten. Die HERO-Studie (2) zeigte für Relugolix im Vergleich zu Leuprorelin eine um 54 % reduzierte Rate schwerer kardiovaskulärer Ereignisse bei Männern mit vorbestehender kardiovaskulärer Erkrankung.


Nebenwirkungen und Management der ADT

Die ADT ist mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden, die die Lebensqualität beeinträchtigen können:

  • Hitzewallungen (bei ca. 50-80 %): Behandlung mit Venlafaxin, Gabapentin oder Cyproteronacetat möglich.
  • Sexuelle Dysfunktion (nahezu 100 %): Libidoverlust, erektile Dysfunktion.
  • Metabolische Veränderungen: Gewichtszunahme, viszerale Adipositas, Insulinresistenz, Dyslipidämie.
  • Osteoporose und Frakturrisiko: Regelmäßige Knochendichtemessung und ggf. Bisphosphonat-/Denosumab-Therapie erforderlich.
  • Kardiovaskuläre Risiken: Erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, insbesondere bei vorbestehender KHK.
  • Kognitive Veränderungen und Fatigue.

Ein proaktives Nebenwirkungsmanagement ist essentiell. Präventive Maßnahmen umfassen regelmäßige körperliche Aktivität, gesunde Ernährung, Nikotinkarenz und ggf. medikamentöse Prävention von Osteoporose und kardiovaskulären Komplikationen.

Kombinationstherapien beim metastasierten hormonsensitiven Prostatakarzinom

Die alleinige ADT galt lange als Standard beim mHSPC. Mehrere Studien haben jedoch gezeigt, dass die frühe Kombination der ADT mit neuen Hormontherapeutika oder Docetaxel die Überlebenszeit signifikant verlängert. Diese Kombinationstherapien sind mittlerweile Standard bei fit genug eingestuften Patienten mit mHSPC.

Die Auswahl zwischen den verschiedenen Kombinationstherapien sollte individualisiert erfolgen unter Berücksichtigung von Tumorcharakteristika (High- vs. Low-Volume, High- vs. Low-Risk), Patien- tenfaktoren (Alter, Performance Status, Komorbiditäten), Nebenwirkungsprofil und Patientenpräferenz. Direkte Vergleichsstudien zwischen den ARIs fehlen weitgehend. Bei hochsymptomatischen oder rasch progredienten High-Volume-Tumoren kann eine Triplett-Therapie (ADT + Docetaxel + ARI) erwogen werden, wie in ARASENS (3) und PEACE-1 (4) gezeigt.


ADT plus Abirateron

Abirateron ist ein Inhibitor der CYP17A1 (17α-Hydroxylase/C17,20-Lyase), einem Schlüsselenzym der Androgenbiosynthese in Hoden, Nebennieren und Tumorgewebe.

Durch Hemmung der Androgensynthese werden die intratumoralen Androgenspiegel weiter gesenkt. Abirateron wird in Kombination mit niedrig dosiertem Prednisolon gegeben (zur Prävention eines Mineralokortikoidexzesses durch CYP17-Hemmung).

Die LATITUDE-Studie (n=1199) zeigte bei High-Risk-mHSPC-Patienten (≥2 der folgenden Kriterien: Gleason ≥8, ≥3 Knochenmetastasen, viszerale Metastasen) eine signifikante Verbesserung des Gesamtüberlebens (OS) durch Zugabe von Abirateron zur ADT (median 53,3 vs. 36,5 Monate; HR 0,66).(5) Das radiologisch progressionsfreie Überleben (rPFS) war ebenfalls deutlich verlängert (33,0 vs. 14,8 Monate).

Dosierung: Abirateron 1000 mg einmal täglich p.o. plus Prednisolon 5 mg einmal täglich p.o.

Nebenwirkungen: Hypertonie, Hypokaliämie, Flüssigkeitsretention, hepatische Funktionsstörungen, Fatigue. Regelmäßige Kontrollen von Blutdruck, Elektrolyten und Leberwerten sind erforderlich.


ADT plus Apalutamid

Apalutamid ist ein Androgenrezeptor-Inhibitor (ARI) der zweiten Generation, der die Androgenrezeptor-Signaltransduktion auf mehreren Ebenen hemmt: Androgenrezeptor-Bindung, nukleäre Translokation und DNA-Bindung.

Die TITAN-Studie (n=1052) untersuchte die Zugabe von Apalutamid zur ADT bei mHSPC.(6) Das mediane OS war in der Kombinationsgruppe signifikant länger (nicht erreicht vs. 52,2 Monate; HR 0,67). Auch das rPFS war deutlich verbessert (HR 0,48). Der Benefit zeigte sich sowohl bei High- als auch bei Low-Volume-Erkrankung.

Therapie des kastrationsresistenten Prostatakarzinoms

Das CRPC entwickelt sich trotz fortgesetzter ADT im Median nach 18-24 Monaten.

Die Mechanismen umfassen Androgenrezeptor-Amplifikation, -Mutation und konstitutive Aktivierung, intratumorale Androgensynthese sowie androgenunabhängige Signalwege. Die ADT sollte beim Übergang zum CRPC fortgesetzt werden, da eine Restsensitivität gegenüber Androgenentzug persistiert.


Androgenrezeptor-gerichtete Therapien beim mCRPC

Die ARIs Abirateron, Enzalutamid, Apalutamid und Darolutamid sind auch beim mCRPC wirksam. Die Zulassungsstudien zeigten konsistent ein verbessertes OS und rPFS im Vergleich zu Placebo:

  • Abirateron (COU-AA-301 (11), COU-AA-302 (12)): OS-Vorteil sowohl nach Chemotherapie (15,8 vs. 11,2 Monate) als auch bei Chemo-naiven Patienten (34,7 vs. 30,3 Monate).
  • Enzalutamid (AFFIRM (13), PREVAIL (14)): OS-Vorteil nach Chemotherapie (18,4 vs. 13,6 Monate) und vor Chemotherapie (32,4 vs. 30,2 Monate).
  • Apalutamid (SPARTAN (15)): Beim nicht-metastasierten CRPC (nmCRPC) Verlängerung des metastasenfreien Überlebens (MFS) von 16,2 auf 40,5 Monate.
  • Darolutamid (ARAMIS (16)): Beim nmCRPC MFS-Verlängerung von 18,4 auf 40,4 Monate mit günstigem Nebenwirkungsprofil.

Die Sequenztherapie mit verschiedenen ARIs ist möglich, zeigt aber häufig Kreuzresistenz. Bei Progression unter einem ARI kann ein Wechsel zu einem anderen ARI oder zu Chemotherapie erwogen werden.


Chemotherapie beim mCRPC

Docetaxel war das erste Medikament, das beim mCRPC einen Überlebensvorteil zeigte (TAX327-Studie (17): 18,9 vs. 16,5 Monate). Docetaxel bleibt eine wichtige Therapieoption, insbesondere nach Versagen von ARIs. Die Dosierung beträgt 75 mg/m2 i.v. alle 3 Wochen zusammen mit Prednisolon.

Cabazitaxel ist ein Taxan der zweiten Generation, das bei Docetaxel­refraktärem mCRPC eingesetzt wird. Die TROPIC-Studie (18) zeigte ein verbessertes OS im Vergleich zu Mitoxantron (15,1 vs. 12,7 Monate). Cabazitaxel wird in einer Dosierung von 25 mg/m2 i.v. alle 3 Wochen gegeben (alternativ 20 mg/m2 bei älteren oder vorbelasteten Patienten, wie in PROSELICA (19) gezeigt). G-CSF-Prophylaxe ist obligat. Hauptneben­wirkungen sind Neutropenie, Diarrhö und periphere Neuropathie.


Radioligandentherapie mit Lutetium-177-PSMA

Die Radioligandentherapie stellt einen innovativen Therapieansatz dar. Lutetium-177-PSMA-617 (177Lu-PSMA) bindet an das Prostata-spezifische Membran- antigen (PSMA), das auf Prostatakarzinomzellen stark überexprimiert wird, und bestrahlt die Tumorzellen gezielt durch Beta-Strahlung.

Die VISION-Studie (n=831) untersuchte 177Lu-PSMA bei mCRPC-Patienten nach Therapie mit mindestens einem ARI und 1-2 Taxan-basierten Chemothera­pien.(20) Die Zugabe von 177Lu-PSMA zur Standardtherapie verlängerte das OS von 11,3 auf 15,3 Monate (HR 0,62) und das rPFS von 3,4 auf 8,7 Monate.

Voraussetzungen: PSMA-positive Läsionen in der PSMA-PET/CT-Bildgebung, keine oder geringe FDG-positive/PSMA-negative Läsionen.

Dosierung: 7,4 GBq i.v. alle 6 Wochen für bis zu 6 Zyklen.

Nebenwirkungen: Fatigue, Xerostomie, Übelkeit, Knochenmarkstoxizität (Thrombozytopenie, Anämie). Regelmäßige Blutbildkontrollen sind erforderlich.


PARP-Inhibitoren bei DNA-Reparaturdefekten

Etwa 20-30 % der mCRPC weisen Defekte in DNA-Reparaturgenen auf, insbesondere in Genen der homologen Rekombination (BRCA1, BRCA2, ATM u.a.). Diese Tumoren zeigen eine Vulnerabilität gegenüber PARP-Inhibitoren durch synthetische Letalität.

Olaparib ist zugelassen für mCR-PC-Patienten mit BRCA1/2- oder ATM-Mutationen nach Progression unter einem ARI. Die PROfound-Studie zeigte ein verbessertes rPFS (7,4 vs. 3,6 Monate) und OS (19,1 vs. 14,7 Monate) im Vergleich zu Enzalutamid/Abirateron bei BRCA1/2-Mutationen.(21)

Dosierung: Olaparib 300 mg (2 × 150 mg) zweimal täglich p.o.

Nebenwirkungen: Anämie, Übelkeit, Fatigue, Erbrechen. Regelmäßige Blutbildkontrollen erforderlich.

Talazoparib ist ein weiterer PARP­Inhibitor mit Zulassung bei HRR-Genmutationen (TALAPRO-2-Studie (22)). Die Kombination mit Enzalutamid zeigte einen rPFS-Vorteil (nicht erreicht vs. 21,9 Monate) bei Patienten mit HRR-Defekten.

Diagnostik: Vor PARP-Inhibitor-Therapie sollte eine molekulare Testung auf HRR-Genmutationen erfolgen, vorzugsweise mittels Tumorgewebe (FoundationOne CDx, andere NGS-Panels) oder zirkulierender Tumor-DNA.

Supportive und knochengerichtete Therapien


Prävention skelettbezogener Ereignisse

Bei Knochenmetastasen besteht ein hohes Risiko für skelettbezogene Ereignisse (SRE; pathologische Frakturen, Rückenmarkkompression, Bestrahlung oder Operation des Knochens). Knochenmodifizierende Substanzen reduzieren diese Komplikationen.

Denosumab (120 mg s.c. alle 4 Wochen) ist ein monoklonaler Antikörper gegen RANKL, der die Osteoklastenaktivität hemmt. Denosumab zeigte in der Studie 20050103 eine Überlegenheit gegenüber Zoledronsäure in der Verzögerung des ersten SRE (20,7 vs. 17,1 Monate). (23)

Zoledronsäure (4 mg i.v. alle 3-4 Wochen) ist ein Bisphosphonat, das ebenfalls SRE reduziert.

Nebenwirkungen: Kieferosteonekrose (2-5 %, prophylaktische zahnärztliche Sanierung empfohlen), Hypokalzämie (Kalzium- und Vitamin-D-Substitution obligat), Nierenfunktionsstörungen.

Für Patienten mit nmCRPC und erhöhtem Frakturrisiko ist auch Denosumab 60 mg s.c. alle 6 Monate zur Osteoporose-Prävention zugelassen.


Radium-223 bei symptomatischen Knochenmetastasen

Radium-223-Dichlorid ist ein Alpha­Strahler, der als Kalzium-Mimetikum in Knochenmetastasen eingebaut wird und diese gezielt bestrahlt. Die ALSYMPCA­Studie zeigte bei mCRPC-Patienten mit symptomatischen Knochenmetastasen ohne viszerale Metastasen eine OS-Verlängerung (14,9 vs. 11,3 Monate) und Verzögerung des ersten SRE.(24)

Dosierung: 55 kBq/kg i.v. alle 4 Wochen für 6 Zyklen.

Kontraindikationen: Viszerale Metastasen, Lymphknotenmetastasen >3 cm, schwere Knochenmarkinsuffizienz.

Nebenwirkungen: Knochenmarkstoxizität (Thrombozytopenie, Neutropenie, Anämie), Diarrhö. Die Kombination mit Abirateron wird nicht empfohlen (ERA-223-Studie zeigte erhöhte Frakturrate (25)).

Therapiealgorithmus und Sequenztherapie

Die optimale Sequenz der verfügbaren Therapieoptionen beim Prostatakarzinom ist nicht durch prospektive Studien definiert. Folgende Prinzipien sollten berücksichtigt werden:

  • mHSPC: Kombination aus ADT plus ARI (Abirateron, Apalutamid, Enzalutamid) oder plus Docetaxel (bei High-Volume insbesondere). Triplett-Therapie (ADT + Docetaxel + Darolutamid) bei fit genug eingestuften High-Risk-Patienten.
  • nmCRPC: Bei rascher PSA-Verdopplungszeit (<10 Monate) ARI (Apalutamid, Darolutamid, Enzalutamid) zur Verzögerung der Metastasierung.
  • mCRPC erste Linie: Falls im mHSPC­Stadium noch nicht erhalten: ARI oder Docetaxel. Falls bereits ARI im HSPC-Stadium: Wechsel zu anderem ARI, Docetaxel oder bei DNA-Reparaturdefekten PARP-Inhibitor möglich.
  • mCRPC zweite Linie: Nach ARI-Versagen: Docetaxel, Cabazitaxel, PARP-Inhibitor (bei Mutation), 177Lu-PSMA (bei PSMA-Positivität). Nach Docetaxel-Versagen: Cabazitaxel, ARI (falls noch nicht gegeben), 177Lu-PSMA.
  • mCRPC späte Linien: 177Lu-PSMA (nach ARI und Taxan), Cabazitaxel, Radium-223 (bei symptomatischen Knochenmetastasen ohne Viszeral-/große LK-Metastasen).

Die Therapieentscheidung sollte individualisiert unter Berücksichtigung von Vortherapien, Krankheitscharakteristika, molekularen Markern, Performance Status, Patientenpräferenz und Toxizitätsprofil erfolgen. Molekulare Testung auf DNA-Reparaturdefekte sollte möglichst frühzeitig erfolgen.

Ausblick und neue Therapieansätze

Die Therapielandschaft des Prostatakarzinoms entwickelt sich weiter. Vielversprechende Ansätze in klinischer Entwicklung umfassen:

  • Bispezifische Antikörper und CAR-T-Zelltherapien: Immuntherapeutische Ansätze bei Prostata­karzinom bislang enttäuschend, aber neuere Ansätze wie PSMA-gerichtete bispezifische T-Zell-Engager zeigen vielversprechende Ergebnisse in frühen Studien.
  • Weitere Radioligandentherapien: Alpha-Strahler wie Actinium-225-PSMA in Entwicklung, potenziell effektiver als Beta-Strahler.
  • Neue Androgenrezeptor-Degrader: Substanzen wie ARV-110, die den Androgenrezeptor degradieren, statt nur zu inhibieren.
  • Kombination von PARP-Inhibitoren: Mit ARIs oder Immuntherapie zur Überwindung von Resistenzmechanismen.
  • AKT- und PI3K-Inhibitoren: Für Patienten mit Aktivierung des PI3K/AKT-Signalwegs (z.B. PTEN-Loss).

Fazit für die Praxis

Die medikamentöse Therapie des Prostatakarzinoms hat durch neue Substanzen und frühe Kombinationstherapien erhebliche Fortschritte gemacht:

  • Bei mHSPC sollte nicht mehr alleinige ADT, sondern Kombination mit ARI oder Docetaxel Standard sein.
  • Beim mCRPC stehen multiple wirksame Therapieoptionen zur Verfügung: ARIs, Chemotherapie, PARP-Inhibitoren, Radioligandentherapie.
  • Molekulare Testung auf DNA-Reparaturdefekte ermöglicht personalisierte Therapie mit PARP-Inhibitoren.
  • Supportive Therapien wie knochenmodifizierende Substanzen sind integraler Bestandteil der Behandlung.
  • Die Therapiesequenz sollte individualisiert unter Berücksichtigung von Tumorbiologie, Vortherapien und Patientenfaktoren erfolgen.

Die kontinuierliche Weiterentwicklung neuer Therapieansätze und deren Integration in die klinische Praxis verspricht weitere Verbesserungen der Prognose beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom.

Autor
Prof. Dr. med. Christian Schwentner
Facharzt für Urologie, Medikamentöse Tumortherapie, Androloge

Ärztlicher Direktor der Klinik für Urologie am Diakonieklinikum Stuttgart

Klinik für Urologie Diakonieklinikum Stuttgart
Rosenbergstrasse 38
70176 Stuttgart

1 Robert Koch-Institut, Zentrum für Krebsregisterdaten, Deutsches Krebsregister e. V. (2025), Krebs in Deutschland für 2021 – 2023,15. Ausgabe (2025), https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Publikationen/Krebs_in_Deutschland/krebs_in_deutschland_2025.pdf?__blob=publicationFile; zuletzt abgerufen am 31.03.2026

2 Shore ND, et al. Oral Relugolix for Androgen-Deprivation Therapy in Advanced Prostate Cancer. N Engl J Med. 2020;382(23):2187-2196. (HERO)

3 Smith MR, et al. Darolutamide and Survival in Metastatic, Hormone-Sensitive Prostate Cancer. N Engl J Med. 2022;386(12):1132-1142. (ARASENS)

4 Bossi A et al. Efficacy and safety of prostate radiotherapy in de novo metastatic castra-tion-sensitive prostate cancer (PEACE-1): a multicentre, open-label, randomised, phase 3 study with a 2 × 2 factorial design. Lancet. 2024 Nov 23;404(10467):2065-2076. DOI: 10.1016/S0140-6736(24)01865-8. Erratum in: Lancet. 2025 May 10;405(10490):1665. DOI: 10.1016/S0140-6736(25)00903-1.

5 Fizazi K, et al. Abiraterone plus Prednisone in Metastatic, Castration-Sensitive Prostate Cancer. N Engl J Med. 2017;377(4):352-360. (LATITUDE)

6 Chi KN, et al. Apalutamide for Metastatic, Castration-Sensitive Prostate Cancer. N Engl J Med. 2019;381(1):13-24. (TITAN)

7 Armstrong AJ, et al. ARCHES: A Randomized, Phase III Study of Androgen Deprivation Therapy With Enzalutamide or Placebo in Men With Metastatic Hormone-Sensitive Prostate Cancer. J Clin Oncol. 2019;37(32):2974-2986.

8 Davis ID, et al. Enzalutamide with Standard First-Line Therapy in Metastatic Prostate Cancer. N Engl J Med. 2019;381(2):121-131. (ENZAMET)

9 Sweeney CJ, et al. Chemohormonal Therapy in Metastatic Hormone-Sensitive Prostate Cancer. N Engl J Med. 2015;373(8):737-746. (CHAARTED)

10 James ND, et al. Addition of docetaxel, zoledronic acid, or both to first-line long-term hormone therapy in prostate cancer (STAMPEDE). Lancet. 2016;387(10024):1163-1177.

11 de Bono JS, et al. Abiraterone and increased survival in metastatic prostate cancer. N Engl J Med. 2011;364(21):1995-2005. (COU-AA-301)

12 Ryan CJ, et al. Abiraterone in metastatic prostate cancer without previous chemotherapy. N Engl J Med. 2013;368(2):138-148. (COU-AA-302)

13 Scher HI, et al. Increased survival with enzalutamide in prostate cancer after chemotherapy. N Engl J Med. 2012;367(13):1187-1197. (AFFIRM)

14 Beer TM, et al. Enzalutamide in metastatic prostate cancer before chemotherapy. N Engl J Med. 2014;371(5):424-433. (PREVAIL)

15 Smith MR, et al. Apalutamide Treatment and Metastasis-free Survival in Prostate Cancer. N Engl J Med. 2018;378(15):1408-1418. (SPARTAN)

16 Fizazi K, et al. Darolutamide in Nonmetastatic, Castration-Resistant Prostate Cancer. N Engl J Med. 2019;380(13):1235-1246. (ARAMIS)

17 Tannock IF, et al. Docetaxel plus prednisone or mitoxantrone plus prednisone for advanced prostate cancer. N Engl J Med. 2004;351(15):1502-1512. (TAX327)

18 de Bono JS, et al. Cabazitaxel or mitoxantrone with prednisone in patients with metastatic castration-resistant prostate cancer. Lancet Oncol. 2010;11(10):1066-1073. (TROPIC)

19 Eisenberger M, et al. Phase III Study Comparing a Reduced Dose of Cabazitaxel (20 mg/m²) and the Currently Approved Dose (25 mg/m²) in Postdocetaxel Patients With Metastatic Castration-Resistant Prostate Cancer—PROSELICA. J Clin Oncol. 2017;35(28):3198-3206.

20 Sartor O, et al. Lutetium-177-PSMA-617 for Metastatic Castration-Resistant Prostate Cancer. N Engl J Med. 2021;385(12):1091-1103. (VISION)

21 de Bono J, et al. Olaparib for Metastatic Castration-Resistant Prostate Cancer. N Engl J Med. 2020;382(22):2091-2102. (PROfound)

22 Agarwal N, et al. Talazoparib plus enzalutamide in men with first-line metastatic castration-resistant prostate cancer (TALAPRO-2). Lancet. 2023;402(10398):291-303.

23 Fizazi K, et al. Denosumab versus zoledronic acid for treatment of bone metastases in men with castration-resistant prostate cancer. Lancet. 2011;377(9768):813-822.

24 Parker C, et al. Alpha emitter radium-223 and survival in metastatic prostate cancer. N Engl J Med. 2013;369(3):213-223. (ALSYMPCA)

25 Smith M, et al. Addition of radium-223 to abiraterone acetate and prednisone or prednisolone in patients with castration-resistant prostate cancer and bone metastases (ERA 223): a randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trial. Lancet Oncol. 2019;20(3):408-419.

26 Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): S3-Leitlinie Prostatakarzinom, Langversion 6.2, 2021, AWMF Registernummer: 043/022OL.5.

Abkürzungen

ATM: Ataxia Telangiectasia Mutated
BRCA1/2: Breast Cancer Gene 1/2
FDG: Fluordesoxyglucose
FSH: Follikel-stimulierendes Hormon
G-CSF: Granulozyten-Kolonie-stimulierender Faktor
GnRH: Gonadotropin-Releasing-Hormon
HRR: Homologe Rekombinations-Reparatur
LH: Luteinisierendes Hormon
NGS: Next-Generation Sequencing
PARP: Poly(ADP-Ribose)-Polymerase


PSA: Prostata-spezifisches Antigen
PSMA: Prostata-spezifisches Membranantigen
PSMA-PET/CT: Positronenemissionstomographie/Computertomographie mit PSMA-Tracer
TNM-Klassifikation: Einteilung von malignen Tumoren (Tumor, Nodus/Lymphknoten, Metastasen)
TSH: Thyreoidea-stimulierendes Hormon

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