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Gynäkologie, Urologie Urologie Urologie

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Versorgung und Prävention

Sexuell übertragbare Infektionen in der Praxis: Anamnese, Diagnostik und Versorgung

Sexuell übertragbare Infektionen (STI) begegnen niedergelassenen Ärzt:innen häufig, stellen sich aber selten auf den ersten Blick als solche dar. Der Beitrag zeigt, wie STI ohne Spezialsprechstunde in die Routineversorgung integriert werden können. Im Vordergrund steht ein praxistauglicher Workflow für Hausarztpraxis, Urologie und Gynäkologie.


18.08.2026
Beckmeier et al.
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Sexuell übertragbare Infektionen (STI) verstecken sich häufig hinter Beschwerden wie Dysurie, Ausfluss, Zwischenblutungen, Unterbauchschmerzen, Proktitis, Haut- und Schleimhautveränderungen, hinter Anfragen zur HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) oder der Sorge nach ungeschütztem Kontakt. Der Beitrag zeigt, wie STI ohne Spezialsprechstunde in die Routineversorgung integriert werden können: durch eine kurze, wertfreie Sexualanamnese, expositionsbezogene Diagnostik, syndromorientierte Einordnung, leitliniengerechte Therapie, verständliche Präventionsberatung und konsequentes Partner:innenmanagement.

Einleitung

In der ambulanten Versorgung werden STI selten mit fertiger Diagnose präsentiert. Häufig beginnt die Situation unspektakulär: Eine Patientin kommt zur Pillenverlängerung, ein Patient berichtet über Dysurie, jemand fragt zunächst nur wegen einer möglichen Schwangerschaft nach Folgen von ungeschütztem Kontakt. Gerade in solchen alltäglichen Konsultationen entscheidet sich, ob STI mitgedacht oder übersehen werden.

Aktuelle europäische und deutsche Surveillance-Daten zeigen hohe beziehungsweise steigende Fallzahlen bei Gonorrhö, Chlamydien und Syphilis. Viele Infektionen verlaufen asymptomatisch oder mit diskreten Beschwerden; rektale und pharyngeale Lokalisationen bleiben ohne gezielte Anamnese leicht unentdeckt. Zugleich erschweren antimikrobielle Resistenzen, besonders bei Neisseria gonorrhoeae und Mycoplasma genitalium, die Versorgung. Ein strukturiertes Vorgehen ist daher nicht nur infektiologisch, sondern auch präventiv relevant (1-10).


Merke: STI-Versorgung beginnt nicht im Labor, sondern mit einer Gesprächssituation, in der die Sexualität, Praktiken und Expositionen sachlich benannt werden können.


Epidemiologie und klinische Relevanz

Für 2023 meldete das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) in der EU/im europäischen Wirtschaftsraum (EWR) 96.969 bestätigte Gonorrhöfälle, 230.199 Chlamydienfälle und 41.051 Syphilisfälle. Für Deutschland berichtete das Robert Koch-Institut (RKI) 9.159 Syphilisfälle im Jahr 2023 und 9.519 Fälle im Jahr 2024, ein neuer Höchststand seit Einführung der aktuellen Surveillance (3-7). Diese Zahlen bilden jedoch nicht die gesamte Krankheitslast ab, weil Testverhalten, Screeningprogramme und Meldewege stark beeinflussen, was sichtbar wird.

Klinisch relevant ist vor allem, dass STIs häufig nicht dramatisch beginnen. Chlamydieninfektionen bleiben bei der Zervix oft asymptomatisch, können aber Zervizitis, aufsteigende Infektionen, Pelvic inflammatory disease (PID), chronische Beschwerden, Schwangerschaftskomplikationen und Fertilitätsstörungen begünstigen. Gonokokken können urethral, zervikal, rektal, pharyngeal, konjunktival oder disseminiert auftreten. Syphilis imitiert viele Krankheitsbilder und sollte bei Ulzera, Exanthemen, Schleimhautläsionen sowie neurologischen oder okulären Symptomen mitgedacht werden (1-7).

Aus Praxissicht lässt sich folgern: Wer STIs nur bei explizitem Testwunsch oder vermeintlichen Risikogruppen anspricht, übersieht einen Teil der Infektionen. Wer hingegen Anlass, Symptome, Expositionen und diagnostische Fenster knapp strukturiert erfasst, kann gezielter testen und unnötige Rundumdiagnostik vermeiden.

Take-Home-Message

STIs sind häufig, oft oligo- oder asymptomatisch und betreffen die Regelversorgung. Die niedergelassene Praxis ist ein zentraler Ort für Früherkennung, Behandlung und Prävention.

Eine freundliche, nicht moralisierende Beratung ist der Anfang

Beratung ist im STI-Kontext keine Nebensache. Eine korrekte Antibiotikagabe reicht nicht aus, wenn ungeklärt bleibt, wann Sexualkontakte wieder möglich sind, ob Partner:innen informiert werden sollen, welche Probenorte relevant waren, ob ein Retesting geplant ist und welches diagnostische Fenster gilt. Gute Beratung ist dabei klar, zugewandt und entdramatisierend. Sie vermeidet Schuldzuweisungen und richtet den Fokus auf den Gesundheitsschutz.

Hilfreich sind normalisierende Einstiegsformeln: „Ich frage das immer, weil es für die richtige Diagnostik wichtig ist.“ Oder: „Für die Abstriche ist weniger entscheidend, wie Sie sich selbst einordnen, sondern welche Kontakte stattgefunden haben – oral, vaginal oder anal.“ Es geht um medizinische Präzision, nicht moralische Bewertung.

Wichtig ist zudem die Trennung von Kontrazeption und Infektionsschutz. Viele Patient:innen setzen „geschützt“ mit Schwangerschaftsverhütung gleich, auch im Schulunterricht wird dies häufig kaum anders vermittelt. Hormonelle Kontrazeption verhindert keine STI. Kondome und andere Barrieremethoden reduzieren das Risiko für HIV und mehrere STIs, bieten aber keinen vollständigen Schutz. HIV-PrEP schützt sehr effektiv vor HIV, ersetzt jedoch weder Kondome noch risikoadaptiertes STI-Screening und Präventionsberatung (12,15).


Cave: Werden STI aus Unsicherheit nicht angesprochen, entsteht keine neutrale, sondern eine zufällige Diagnostik.


Praxisformulierung

Viele Patient:innen sind unsicher, ob sie solche Themen ansprechen dürfen. Deshalb hilft standardmäßiges Fragen, passende Tests auszuwählen und unnötige Untersuchungen zu vermeiden.

Die kurze Sexualanamnese: wenige Fragen, großer Nutzen

Für die meisten Praxissituationen reicht eine kurze, expositionsorientierte Sexualanamnese. Entscheidend sind vier Dimensionen: Welche Beschwerden bestehen? Wann fand der relevante Kontakt statt? Welche Schleimhäute oder Körperregionen waren exponiert? Gibt es bekannte Infektionen, neue oder mehrere Partner:innen, Schwangerschaft, Kinderwunsch, PrEP-Nutzung oder frühere STIs?

Die Anamnese sollte Praktiken und Anatomie erfragen, nicht Identitäten abprüfen. Nicht die Kategorie entscheidet über den Probenort, sondern ob rezeptiver Analverkehr, oraler Kontakt oder andere relevante Expositionen stattgefunden haben. Ebenso ist bei Trans*-, Inter*- und nicht-binären Personen medizinisch nicht aus der Geschlechtsidentität ableitbar, welche Organe oder Schleimhäute vorhanden sind. Ein Trans*-Mann kann eine Vagina oder Zervix haben; eine Trans*-Frau kann eine Prostata, einen Penis oder eine Neovagina haben. Für Diagnostik und Prävention zählt, welche Körperregionen vorhanden sind und exponiert waren.


Merke: Nicht die Identität ist der Kompass für die Diagnostik, sondern Exposition, Anatomie, Symptome und Zeitverlauf.


60-Sekunden-Sexualanamnese für die Praxis

Gab es in den letzten Wochen oder Monaten neue oder mehrere Partner:innen? Welche Kontakte waren relevant: oral, vaginal, anal oder genital-genital? Wurden Kondome oder andere Barrieremethoden verwendet und wie regelmäßig? Gab es Beschwerden oder bekannte Infektionen bei der Person oder Partner:innen? Gab es frühere STI oder relevante Antibiotikatherapien? Bestehen Schwangerschaft, Kinderwunsch, PrEP-Nutzung oder eine Frage zur Postexpositionsprophylaxe (PEP)?

Untersuchung und STI Diagnostik: Der Testort folgt dem Expositionsort

Die Untersuchung orientiert sich an Beschwerdebild und Anamnese. Bei genitalen Beschwerden gehören Inspektion von Genital, Perineum und Perianalregion, gegebenenfalls Spekulumuntersuchung, Beurteilung von Fluor, Haut- und Schleimhautveränderungen und Lymphknotenstatus dazu. Bei oraler Exposition oder Halsbeschwerden sollte der Oropharynx inspiziert werden; bei analer Exposition oder anorektalen Beschwerden sind perianale und gegebenenfalls rektale Untersuchung sinnvoll.

Diagnostisch stehen Nukleinsäure-Amplifikationstests (NAAT) auf Chlamydia trachomatis und Neisseria gonorrhoeae aus den exponierten Lokalisationen im Vordergrund. Ergänzend kommen Serologien für Syphilis, HIV und Hepatitiden sowie, je nach Syndrom, Diagnostik auf Trichomonaden, Mycoplasma genitalium, HSV oder weitere Erreger hinzu. Bei Gonorrhö sollte, soweit organisatorisch möglich, vor Therapie eine Kultur im Amies-Medium mit Resistenztestung gewonnen werden, besonders bei pharyngealer Infektion, Therapieversagen, Reinfektionsverdacht oder lokaler Resistenzproblematik (1-3, 8, 9).

Ein häufiger Fehler ist die Beschränkung auf urogenitale Proben. Wer nach ungeschütztem Analverkehr nur Urin untersucht, testet am relevanten Ort vorbei; wer bei oraler Exposition keinen pharyngealen Abstrich erwägt, kann eine klinisch stille Infektion übersehen. Umgekehrt ist eine ungezielte Maximaldiagnostik weder ökonomisch noch medizinisch indiziert.


Merke: Ein negativer urogenitaler Test sagt nichts über Rektum oder Oropharynx aus.


Syndromorientierte Einordnung: Beschwerden richtig lesen

In der Praxis präsentieren sich STI meist als Symptomkomplex. Dysurie, Brennen, Juckreiz oder urethraler Fluor können auf eine Urethritis hinweisen. Neben Gonorrhö und Chlamydien kommen Mycoplasma genitalium und Trichomoniasis infrage; differenzialdiagnostisch sind Harnwegsinfekt, Prostatitis, mechanische Reizung und nichtinfektiöse Ursachen zu bedenken. Gerade bei Männern mit Dysurie sollte nicht automatisch eine Zystitis angenommen werden.

Davon abzugrenzen sind Mycoplasma hominis und Ureaplasma spp., deren Nachweis häufig eine Kolonisation widerspiegelt und bei unkomplizierten Beschwerden nicht routinemäßig diagnostiziert oder behandelt werden sollte. Eine unkritische Testung kann hier zu Überdiagnostik, unnötiger Antibiotikatherapie und Resistenzselektion beitragen.

Ausfluss, Zwischenblutungen, Dyspareunie oder Unterbauchschmerzen können auf Zervizitis, Vaginitis oder PID hinweisen. Gleichzeitig sind Candida, bakterielle Vaginose, dermatologische Ursachen, hormonelle Blutungsstörungen und funktionelle Beschwerden häufig. Bei Verdacht auf PID ist ein zügiges, leitliniengerechtes Vorgehen wichtig, um Komplikationen zu vermeiden. Hervorzuheben ist, dass eine PID nicht zwingend mit Leukozytose oder CRP-Erhöhung einhergehen muss und dies die Diagnostik erschweren kann.

Anorektale Beschwerden wie Schmerzen, Tenesmen, Schleim- oder Blutabgang und analer Ausfluss sprechen für eine Proktitis. Hier kommen Gonorrhö, Chlamydien einschließlich Lymphogranuloma venereum (LGV), Syphilis und Herpes in Betracht; differenzialdiagnostisch sind Hämorrhoiden, Fissuren, Dermatosen und entzündliche Darmerkrankungen relevant. Die Sexualanamnese entscheidet, ob rektale NAAT und LGV-Differenzierung veranlasst werden (11). Herpes genitalis, Syphilis, Mpox und nichtinfektiöse Dermatosen können ähnlich beginnen - pharyngeale Gonorrhö und pharyngeale Chlamydien sind oft asymptomatisch.


Cave: Eine breitbandige Anbehandlung ohne vorherige Diagnostik kann Befunde verschleiern, Resistenzprobleme verstärken und das Partner:innenmanagement erschweren.


Fallbeispiele

Fallbeispiel 1 – Dysurie nach oralem und vaginalem Kontakt

Ein 32-jähriger Patient stellt sich mit Dysurie und leichtem urethralem Fluor vor. Er wirkt verlegen und vermutet selbst einen Harnwegsinfekt. Erst auf normalisierende Nachfrage berichtet er von einer neuen Partnerin, ungeschütztem vaginalem Kontakt und regelmäßigem oralem Sex. Damit verändert sich die diagnostische Richtung: Nicht die vermutete Zystitis steht im Vordergrund, sondern eine expositionsbezogene STI-Diagnostik. Geplant werden Erststrahlurin-NAAT auf Chlamydien und Gonorrhö, ein pharyngealer Abstrich sowie – wenn möglich – eine Gonokokkenkultur vor Therapiebeginn. Sexualpause, Befundmitteilung und Partnerinnendiagnostik werden direkt besprochen.

Fallbeispiel 2 – Pillenverlängerung und neue Partnerschaft

Eine 22-jährige Patientin kommt zur Kontrazeptionsverordnung. Im Gespräch erwähnt sie eine neue Beziehung und gelegentlichen Kondomverzicht. Beschwerden bestehen nicht. Medizinisch sinnvoll ist eine kurze Einordnung: Chlamydien können asymptomatisch sein; ein vaginaler Selbstabstrich oder eine geeignete NAAT-Probe kann niedrigschwellig angeboten werden. Gleichzeitig werden Kondome, HPV- und Hepatitis-B-Impfstatus sowie die Bedeutung einer erneuten Testung bei neuen Symptomen besprochen.

Fallbeispiel 3 – Proktitis nach analem Kontakt

Ein Patient berichtet über anorektale Schmerzen, Tenesmen und schleimigen Ausfluss. Hämorrhoiden wurden zunächst vermutet. Die Sexualanamnese ergibt rezeptiven Analverkehr mit wechselnden Partnern. Neben lokaler Untersuchung werden rektale NAAT auf Gonokokken und Chlamydien, gegebenenfalls LGV-Differenzierung, Syphilis- und HIV-Serologie sowie eine Gonokokkenkultur geplant. Entscheidend ist die rektale Diagnostik: Ein Urintest allein würde die relevante Lokalisation nicht erfassen.

Häufige Erreger und therapeutische Grundprinzipien

Die folgenden Punkte skizzieren Grundprinzipien. Konkrete Dosierungen, Alternativen, Schwangerschaftsbesonderheiten und regionale Resistenzlagen müssen anhand aktueller Leitlinien geprüft werden.

  • Gonorrhö kann urethral, zervikal, rektal, pharyngeal, konjunktival oder disseminiert auftreten. Die Symptomatik reicht von eitrigem Fluor und Dysurie bis zur asymptomatischen Infektion. Wegen zunehmender Resistenzen ist die Kombination aus NAAT zur Detektion und Kultur mit Resistenztestung (im besten Fall vor Therapie) zentral. Die Therapie erfolgt als Kombinationstherapie nach Leitlinie. Test-of-Cure ist insbesondere bei pharyngealer Infektion, kompliziertem Verlauf, Therapieversagen, unklarer Adhärenz oder Resistenzverdacht wichtig (1-3, 8, 9).
  • Chlamydia trachomatis ist eine der häufigsten bakteriellen STI. Diagnostisch stehen NAAT aus den exponierten Lokalisationen im Vordergrund; vaginale Selbstabstriche können die Akzeptanz erhöhen. Therapeutisch kommen u.a. Doxycyclin-Regime zum Einsatz. Schwangerschaft und Stillzeit erfordern besondere Beachtung. Retesting ist wichtig, weil Reinfektionen häufig sind und nicht automatisch Therapieversagen bedeuten (1-5).
  • Die Syphilis ist klinisch vielfältig. Symptome reichen von schmerzlosen Ulzera, regionärer Lymphadenopathie, Exanthemen, Schleimhautveränderungen über Haarausfall bis hin zu okulären oder neurologischen Symptomen. Die Diagnostik erfolgt serologisch stufenweise und bei Läsionen gegebenenfalls direkt. Die Therapie ist penicillinbasiert und stadienabhängig; serologische Verlaufskontrollen sind integraler Bestandteil. In der Schwangerschaft hat die Diagnostik besondere Dringlichkeit (1-3, 6, 7).
  • Mycoplasma genitalium ist vor allem bei persistierender oder rezidivierender Urethritis, Zervizitis und PID relevant. Aufgrund hoher Makrolid- und zunehmender Fluorchinolonresistenz sollte die Diagnostik gezielt und möglichst mit Resistenztestung erfolgen. Ein Screening asymptomatischer Personen ohne Anlass wird nicht empfohlen, da daraus Überdiagnostik und Resistenzselektion entstehen können (10).
  • Trichomoniasis kann Vaginitis, Urethritis und Dysurie verursachen; bei Männern bleiben Infektionen häufig asymptomatisch. NAAT sind sensitiver als Mikroskopie. Die Therapie erfolgt systemisch mit Nitroimidazolen; Partner:innenbehandlung ist wesentlich, um Reinfektionen zu vermeiden. LGV sollte bei Proktitis und passender Exposition bedacht werden; die Therapie ist länger als bei unkomplizierten Chlamydieninfektionen (1, 11).
  • Herpes genitalis, HPV, Hepatitiden, Scabies und Pediculosis pubis gehören ebenfalls in den differenzialdiagnostischen Raum. Neu aufgetretene Feigwarzen (Condylomata acuminata) sollten Anlass sein, aktiv nach HPV-Impfstatus und Vorsorgeuntersuchungen zu fragen. Die HPV-Impfung stellt eine wichtige Präventionsmaßnahme gegen HPV-assoziierte Neoplasien dar und wird von vielen gesetzlichen Krankenkassen bis zum Alter von 26 Jahren übernommen, teils auch darüber hinaus als Satzungsleistung.

Bei Patientinnen jeden Alters sollte zudem erfragt werden, ob regelmäßige gynäkologische Vorsorgeuntersuchungen stattfinden, da viele Betroffene primär hausärztlich angebunden sind. Herpes braucht neben Akuttherapie vor allem Beratung zu Rezidiven, Transmission und Triggern. Die Hepatitis-B-Impfung ist Teil des Standardimpfprogramms; bei definierten Risiken kann auch eine Hepatitis-A-Impfung relevant sein (13).

Grundsätzlich sollte der zeitliche Abstand zum möglichen Expositionsereignis berücksichtigt werden. Je nach Erreger und Lokalisation unterscheiden sich Inkubationszeit und diagnostische Nachweisbarkeit; bei sehr früher Vorstellung kann trotz NAAT/PCR noch ein diagnostisches Fenster bestehen. Dies sollte in der Beratung berücksichtigt und gegebenenfalls durch risikoadaptierte Wiederholungstestungen aufgefangen werden.


Merke: Besonders relevant sind nicht erkannte asymptomatische und extragenitale Infektionen, weil sie Transmission ermöglichen und bei falscher Diagnostik als „negativ“ missverstanden werden.


Prävention und Partner:innenmanagement

Wirksame STI-Prävention beruht auf einer Kombination von Maßnahmen. Kondome senken bei konsequenter Anwendung das Risiko für HIV und mehrere STI, schützen aber nicht vollständig, insbesondere nicht vor allen Erregern, die über Haut- oder Schleimhautkontakt im nicht bedeckten Bereich übertragen werden. Dental Dams/Lecktücher können bei oral-vaginalen oder oral-analen Kontakten sinnvoll sein, werden aber in der Praxis selten aktiv angesprochen (15).

Impfungen gegen HPV und Hepatitis B gehören zu den wichtigsten präventiven Maßnahmen. Der Impfstatus sollte bei STI-Anlass, PrEP-Beratung, Schwangerschaft, Sexarbeit, häufig wechselnden Partner:innen oder unklarem Impfverlauf aktiv geprüft werden. Je nach Konstellation kann auch Hepatitis A relevant sein. Präventionsberatung ist essentieller Teil der Befundbesprechung und Nachsorge (13).

Wenig bekannt ist zudem, dass sexuell aktive Frauen unter 25 Jahren einmal jährlich ein Chlamydien-Screening als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung in Anspruch nehmen können. Da Chlamydieninfektionen häufig asymptomatisch verlaufen, sollte dieses Screening im Praxisalltag aktiv angesprochen werden.

HIV-PrEP bietet einen sehr wirksamen Schutz vor HIV-Infektionen bei substanziellem Risiko. Sie ersetzt aber weder STI-Diagnostik noch Impfstatusprüfung noch Beratung zu Kondomen und Partner:innenkommunikation. Die deutsch-österreichische PrEP-Leitlinie betont Vor- und Begleituntersuchungen, regelmäßige HIV-Testung, Nierenfunktionskontrollen und risikoadaptiertes STI-Screening (12).

Partner:innenmanagement ist integraler Bestandteil der Therapie. Es soll Reinfektionen vermeiden, Transmission unterbrechen und asymptomatische Infektionen erkennen. Die Sprache sollte nicht beschuldigen, sondern schützen: „Es geht nicht darum, jemanden verantwortlich zu machen, sondern darum, Sie und Ihre Partner:innen medizinisch zu schützen.“(1-3)

Praxistipp: Häufige Fallstricke

Typische Fehler sind ausschließlich urogenitale Tests trotz oraler oder analer Exposition, vorschnelle Diagnose Zystitis bei Dysurie, Deutung von Fluor als Pilz oder bakterielle Vaginose ohne Sexualanamnese, Gonorrhötherapie ohne mögliche Kultur, fehlendes Partner:innenmanagement, Missverständnis „PrEP = STI-Schutz“ und fehlende Erklärung diagnostischer Fenster.

Besondere Situationen und wiederkehrende Probleme

In der Schwangerschaft haben STI besondere Bedeutung, da sie Schwangere und Kind gefährden können. Syphilis, HIV, HBV, Chlamydien und Gonorrhö müssen im Rahmen der Mutterschaftsvorsorge und bei zusätzlichen Risiken darüber hinaus bedacht werden. Bei Symptomen, neuer Exposition oder Partner:innenhinweis sollte nicht auf Routineintervalle verwiesen, sondern gezielt diagnostiziert werden.(1-3,13)

Nach sexualisierter Gewalt stehen medizinische Versorgung, traumasensible Kommunikation, Einverständnis, Notfallkontrazeption, PEP-Indikation, Basis-STI-Diagnostik, Impfstatus, Dokumentation und forensische Optionen im Vordergrund. Die Versorgung muss Sicherheit herstellen. Die neue S1-Leitlinie zur Versorgung weiblicher Betroffener und von Personen mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen bietet hierfür einen Orientierungsrahmen (14).

Jugendliche und junge Erwachsene brauchen vertrauliche, nicht moralisierende Aufklärung. Gerade hier ist der Unterschied zwischen Verhütung und Infektionsschutz häufig unklar. Bei PrEP-Nutzung, Sexarbeit, Migration, Sprachbarrieren, Substanzkonsum oder prekären Lebenslagen ist eine niedrigschwellige, respektvolle Versorgung entscheidend.

Persistierende Beschwerden nach STI-Therapie bedeuten nicht automatisch Therapieversagen. Häufiger sind Reinfektion durch nicht behandelte Partner:innen, nicht erfasste Probenorte, Mischinfektionen, fehlende Adhärenz, zu frühe Kontrolltests oder nichtinfektiöse Differenzialdiagnosen.


Cave: Wiederkehrende Symptome brauchen strukturierte Diagnostik und Beratung – nicht nur ein weiteres Antibiotikum.


Praktischer Ablauf in der Praxis

Ein klarer Workflow erleichtert STI-Versorgung erheblich. Am Anfang steht das Erkennen des Anlasses und eine kurze Sexualanamnese. Aus Beschwerden, Expositionen und Zeitfenster ergeben sich Probenorte und Serologien. Dokumentiert werden Anlass, relevante Expositionen, Probenorte, Befunde, Therapie, Beratung, Partner:innenmanagement und Nachsorge sachlich und wertfrei.

Für die Organisation sind vorbereitete Standards hilfreich: Welche NAAT-Proben bei welchen Expositionen, wann Serologien, wann Kultur? Wie werden Befunde kommuniziert und wann sollen Recall oder Test-of-Cure erfolgen? So wird STI-Versorgung ein geregelter Teil der Praxisqualität.

Fazit

STI sind Teil der hausärztlichen, urologischen und gynäkologischen Regelversorgung. Eine kurze Sexualanamnese, expositionsbezogene Probenentnahme, syndromorientierte Einordnung, leitliniengerechte Therapie und konsequentes Partner:innenmanagement ermöglichen es, Infektionen früh zu erkennen,
Reinfektionen zu verhindern und Prävention alltagstauglich umzusetzen. Entscheidend ist nicht ein maximaler Testkatalog, sondern die richtige Frage, der richtige Test am richtigen Ort und eine Beratung, die Patient:innen nicht beschämt, sondern handlungsfähig macht.

Praxisstandard in einem Satz

Anlass erkennen, wertfrei fragen, expositionsbezogen testen, leitliniengerecht behandeln, Partner:innen einbeziehen und Nachkontrolle sichern.

Tim Beckmeier, Konrad Matuschek, Maximilian Cohausz

Abkürzungen

HSV = Herpes-simplex-Viren
HPV = Humane Papillomviren
HIV = Humanes Immundefizienz-Virus
LGV = Lymphogranuloma venereum
Mpox = Monkeypox virus, MPXV
NAAT = Nukleinsäure-Amplifikationstests
PID = Pelvic inflammatory disease

Interessenkonflikte

Finanzielle Interessen:

Dr. med. Tim Beckmeier gibt an, Honorar von der Ärztekammer Westfalen-Lippe und der VHS Hilden-Haan bekommen zu haben.
Dr. med. (Univ. Pécs) Konrad Matuschek gibt an, keine finanziellen Interessenkonflikte zu haben.
Dr. med. Maximilian Cohausz erhält Honorare von Apogepha Arzneimittel GmbH, Endomedical GmbH, Johnson/Johnson.

Nicht-finanzielle Interessen:

Dr. med. Tim Beckmeier arbeitet ehrenamtlich bei der AIDS-Hilfe Köln e. V.
Dr. med. (Univ. Pécs) Konrad Matuschek ist Mitglied in: Marburger Bund, Arbeitsgemeinschaft gynäkologische Endoskopie e. V., Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte e. V., Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e. V.
Dr. med. Maximilian Cohausz ist Mitglied in: Berufsverband der Deutschen Urologie e. V., Verband urologischer Kompetenzzentren e. V., Dienstleistungsgesellschaft für ambulante Urologie Westfalen-Lippe mbH, Deutsche Gesellschaft für Urologie, European Association of Urology.

Korrespondenzadresse
Foto von Dr. med. Tim Beckmeier, 40723 Hilden

Dr. med. Tim Beckmeier 

Facharzt für Anästhesiologie und Allgemeinmedizin
Burscheider Str. 204
51381 Leverkusen
E-Mail: post@hausarztpraxis-huescheid.de

 

1 Deutsche STI-Gesellschaft. Leitfaden STI-Therapie, Diagnostik und Prävention. 4. Aufl. Berlin: DSTIG; 2023/2024.

2 Deutsche STI-Gesellschaft. Sexuell übertragbare Infektionen (STI) - Beratung, Diagnostik, Therapie. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernr. 059-006; Stand 03.08.2018, in Überarbeitung.

3 World Health Organization. Updated recommendations for the treatment of Neisseria gonorrhoeae, Chlamydia trachomatis and syphilis, syphilis testing and partner services. Geneva: WHO; 2024.

4 European Centre for Disease Prevention and Control. Gonorrhoea. Annual epidemiological report for 2023. Stockholm: ECDC; 2025.

5 European Centre for Disease Prevention and Control. Chlamydia. Annual epidemiological report for 2023. Stockholm: ECDC; 2025.

6 European Centre for Disease Prevention and Control. Syphilis. Annual epidemiological report for 2023. Stockholm: ECDC; 2025.

7 Jansen K, Bremer V, Dudareva-Vizule S et al. Syphilis in Deutschland in den Jahren 2023 und 2024. Epidemiologisches Bulletin 2025;39:3-14.

8 European Centre for Disease Prevention and Control. Gonococcal antimicrobial susceptibility surveillance in the European Union/European Economic Area, 2023. Stockholm: ECDC; 2025.

9 Unemo M et al. WHO global antimicrobial resistance surveillance for Neisseria gonorrhoeae 2017-2018: a retrospective observational study. Lancet Microbe 2021;2(11):e627-e636. DOI: 10.1016/S2666-5247(21)00171-3

10 Jensen JS et al. 2021 European guideline on the management of Mycoplasma genitalium infections. J Eur Acad Dermatol Venereol 2022;36(5):641-650. DOI: 10.1111/jdv.17972.

11 de Vries HJC et al. 2019 European guideline on the management of lymphogranuloma venereum. J Eur Acad Dermatol Venereol 2019;33(10):1821-1828. DOI: 10.1111/jdv.15729

12 Deutsche AIDS-Gesellschaft, Österreichische AIDS-Gesellschaft. Deutsch-Österreichische Leitlinie zur HIV-Präexpositionsprophylaxe. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernr. 055-008, Version 2.0; 2024.

13 Ständige Impfkommission. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiologisches Bulletin 2026;4:1-75.

14 Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe et al. Empfehlungen zur Betreuung und Versorgung von weiblichen Betroffenen sexualisierter Gewalt. S1-Leitlinie, AWMF-Registernr. 015-097; 2026.

15 Giannou FK et al. Condom effectiveness in reducing heterosexual HIV transmission: a systematic review and meta-analysis of studies on HIV serodiscordant couples. Expert Rev Pharmacoecon Outcomes Res 2016;16(4):489-499. DOI: 10.1586/14737167.2016.1102635

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