Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Dermatologie, Frauen & Medizin, Gynäkologie Dermatologie Ästhetik, HAUT
Haarverlust

Therapie der Alopezie bei der menopausalen Frau

Haarausfall in der Peri- und Postmenopause ist ein häufiges, für viele Patientinnen aber stark belastendes Symptom. Hormonelle Veränderungen, genetische Prädisposition, Schilddrüsenfunktion, Mikronährstoffstatus, Stress und entzündliche Kopfhauterkrankungen können ineinandergreifen. Eine sorgfältige Diagnostik ist entscheidend, um diffuse Alopezie, androgenetische Alopezie, telogenes Effluvium und immunologische oder infektiöse Ursachen voneinander abzugrenzen. Therapeutisch bewährt hat sich ein individualisiertes, multimodales Konzept: topische Maßnahmen (Minoxidil und andere zumeist magistrale Rezepturen), hormonelle bzw. antiandrogene Therapieoptionen, Substitution von Mangelzuständen, Platelet-Rich Plasma (PRP), Mikroneedling und Lebensstilinterventionen. Ziel ist nicht nur die Stabilisierung des Haarverlustes, sondern auch die Wiedergewinnung von Sicherheit, Selbstbild und Lebensqualität.


06.08.2026
P. Frigo
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

Zitierweise: HAUT 2026; 37 (4): 146-149

Wenn eine Frau in der Menopause berichtet „Ich verliere meine Haare“, meint sie selten nur Haare im biologischen Sinn. Gemeint ist oft ein Gefühl von Kontrollverlust: beim Kämmen, beim Blick auf das Kopfkissen, beim Scheitel im Spiegel. Das Haar ist ein sichtbares Zeichen von Vitalität, Weiblichkeit und Identität. Wird es dünner, wird die Veränderung nicht nur dermatologisch, sondern auch emotional spürbar.

Gerade in der Lebensmitte fällt der Haarausfall häufig in eine Phase, in der sich viele Systeme gleichzeitig neu einstellen wie Ovarialfunktion, Schlaf, Stoffwechsel, Haut, Schleimhäute, Psyche und Körperbild. Bis zu etwa jede zweite Frau nimmt in dieser Lebensphase eine Abnahme der Haardichte oder einen vermehrten Haarverlust wahr. Damit ist Alopezie in der Menopause kein Randthema, sondern ein relevantes Beschwerdebild an der Schnittstelle von Dermatologie, gynäkologischer Endokrinologie und psychosomatischer Wahrnehmung.

Der Haarfollikel als hormonempfindliches Organ

Der Haarfollikel ist ein dynamisches Miniorgan. Sein Zyklus gliedert sich in Anagenphase, Katagenphase und Telogenphase. Die Anagenphase ist die Wachstumsphase, sie entscheidet wesentlich über Länge, Dichte und Qualität des Haares. Östrogene verlängern tendenziell die Anagenphase und unterstützen die Haardichte. Sinkt der Östrogenspiegel in der Peri- und Postmenopause, kann sich diese Wachstumsphase verkürzen. Das Haar wird feiner, brüchiger und optisch weniger dicht.

Gleichzeitig verändert sich das Verhältnis zwischen Östrogenen und Androgenen. Absolut müssen Androgene nicht zwingend erhöht sein – häufig genügt eine relative Androgendominanz bei sinkender Östrogenwirkung. Bei genetisch empfindlichen Haarfollikeln kann dies die Miniaturisierung der Follikel fördern. Klinisch zeigt sich dann häufig das Bild der weiblichen androgenetischen Alopezie. Der Scheitel wird breiter, die Haardichte im Vertexbereich nimmt ab, während die frontale Haarlinie meist erhalten bleibt.

Diffuse Alopezie

Die diffuse Alopezie zeigt sich als gleichmä­ßige Ausdünnung des Kopfhaares. Sie kann hormonell, nutritiv, medikamentös, postinfektiös oder stressbedingt sein. Viele Patientinnen berichten, dass „überall Haare ausfallen“, ohne dass bereits kahle Areale sichtbar sind.

Androgenetische Alopezie

Die weibliche androgenetische Alopezie betrifft bevorzugt den Scheitel- und Vertexbereich. Sie entwickelt sich oft langsam, wird aber in der Menopause deutlicher, wenn die hormonelle Schutzwirkung abnimmt.

Telogenes Effluvium

Das telogene Effluvium tritt häufig nach Triggern auf: schwerer Infekt, Operation, psychischer Stress, Crash-Diät, Gewichtsverlust, Eisenmangel, Schilddrüsenfunktionsstörung oder Einnahme neuer Medikamente. Typisch ist der zeitliche Abstand von mehreren Wochen bis Monaten zwischen Auslöser und Haarverlust.

Tinea capitis und sonstige Alopezien

Nicht übersehen werden dürfen Alopecia areata, Tinea capitis, entzündliche oder vernarbende Alopezien sowie Kopfhauterkrankungen. Besonders bei Juckreiz, Schmerzen, Schuppung, Rötung, rasch progredientem Verlauf oder narbigen Veränderungen sollte eine dermatologische Abklärung erfolgen.

Diagnostik

Eine gute Diagnostik beginnt mit einer präzisen Anamnese. Wann begann der Haarverlust? Plötzlich oder schleichend? Gibt es familiäre Belastung? Bestehen Hitzewallungen, Schlafstörungen, Zyklusveränderungen, Gewichtsveränderungen, Stress, neue Medikamente oder Diäten? Wie ist die Haarpflege? Gibt es Kopfhautbeschwerden?

Die klinische Untersuchung beurteilt Haarmuster, Scheitelbreite, frontale Haarlinie, Dichte, Haarqualität und Kopfhaut. Pull-Test, Trichoskopie, Trichogramm oder TrichoScan® können helfen, Aktivität und Muster zu quantifizieren.

Laborchemisch sollten je nach Befund insbesondere gynäkologisch-endokrinologische und internistische Faktoren berücksichtigt werden: Estradiol, FSH, LH, Progesteron, Androgene, Ferritin, Blutbild, TSH, Vitamin D, Zink und gegebenenfalls weitere Mikronährstoffe. Ein Ferritinmangel, eine Hypothyreose oder ein Vitamin-D-Mangel sind keine kosmetischen Nebendiagnosen, sondern potenziell therapierbare Verstärker des Haarverlustes.

Therapie

Individuelle (Hormon-)Therapie

Patientinnen wünschen sich verständlicherweise eine rasche Lösung. Der Haarfollikel arbeitet jedoch langsam. Sichtbare Verbesserungen brauchen meist Monate. Gerade deshalb ist es wichtig, zu Beginn eine klare therapeutische Landkarte zu zeichnen: Was ist die Ursache? Was kann gestoppt werden? Was kann nachwachsen? Was benötigt Zeit?

Das Ziel ist dreifach: Haarverlust bremsen, Regeneration fördern und Lebensqualität verbessern.

Topische Therapie

Topische Therapien sind ein zentraler Baustein. Minoxidil 5 % gilt bei weiblichem Haarausfall als eine der wenigen wissenschaftlich untersuchten Therapien. Es stimuliert Haarfollikel, verlängert die Wachstumsphase und kann die Haardichte verbessern. Wichtig ist die Aufklärung über Geduld, regelmäßige Anwendung und ein mögliches anfängliches Shedding, das nicht als Therapieversagen missverstanden werden sollte. Der Nachteil liegt in der lebenslangen Anwendung, denn der Effekt der Stimulierung des Haarwachstums verschwindet relativ bald nach Therapieende.

In der Praxis können ergänzend östrogenhaltige Haarwässer, 17-α-estradiolhaltige Rezepturen, Progesteron-Kombinationen, Biotin-Zusätze oder Kombinationen mit Minoxidil erwogen werden, insbesondere wenn dünnes, trockenes Haar und menopausale Beschwerden im Vordergrund stehen. Magistrale Rezepturen erlauben eine individualisierte Zusammensetzung, sie sollten aber ärztlich geführt, indikationsbezogen angewendet und regelmäßig kontrolliert werden.

Bei entzündlicher oder immunologischer Komponente können kortikosteroidhaltige Lokaltherapien in ausgewählten Fällen hilfreich sein. Bei stärkerem, schwer einzuordnendem Haarausfall kann eine kombinierte Rezeptur als Eskalationsoption diskutiert werden. Eine topische Therapie ist kein „Haarwasser gegen alles“, sondern Teil eines diagnostisch begründeten Konzepts.

Auch pflegende Maßnahmen haben ihren Platz: Eine östrogenhaltige Haarmaske auf Öl- oder Jojobabasis kann bei trockenem, feinem Haar die Haarstruktur unterstützen. Kopfhautmassagen, milde Shampoos und Vermeidung aggressiver Haarbehandlungen fördern nicht im engeren Sinn neue Follikel, können aber Bruch, Irritation und subjek­tive Belastung reduzieren.

Systemische Therapie

Bei ausgeprägten klimakterischen Be­schwerden kann eine menopausale Hormontherapie erwogen werden. Sie ist jedoch keine isolierte „Haartherapie“, sondern Teil einer umfassenden Nutzen-Risiko-Abwägung. Im Einzelfall kann die Stabilisierung des hormonellen Milieus auch auf Haut, Schleimhaut, Schlaf und Haarqualität günstig wirken.

Antiandrogene Optionen wie Finasterid oder Dutasterid kommen bei ausgewählten Patientinnen und entsprechender Indikation unter ärztlicher Kontrolle infrage. Sie sind bei Frauen differenziert zu bewerten, häufig off-label und benötigen Aufklärung über Nutzen, Grenzen und Kontraindikationen. Vor allem bei postmenopausalen Patientinnen mit androgenetischem Muster kann diese Therapierichtung relevant sein.

Eine Hypothyreose sollte konsequent behandelt werden. Eisenmangel, niedrige Ferritinwerte, Vitamin-D-Mangel, Zinkmangel oder Proteinmangel müssen korrigiert werden. Nahrungsergänzungen sind dann sinnvoll, wenn ein Mangel oder erhöhter Bedarf plausibel ist. Eine ungezielte „Vitamintherapie auf Verdacht“ ersetzt keine Diagnostik.

PRP, Mikroneedling und komplementäre Ansätze

Platelet-Rich Plasma (PRP) hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Wachstumsfaktoren aus patienteneigenem Plasma sollen Haarfollikel stimulieren und die Haardichte verbessern. Die Studienlage zeigt positive Signale, auch wenn Protokolle, Intervalle und Patientinnenselektion noch nicht vollständig standardisiert sind.

Mikroneedling kann in Kombination mit topischen Therapien eingesetzt werden, um regenerative Prozesse der Kopfhaut anzuregen und die Wirkung lokaler Substanzen zu unterstützen.

Phytotherapeutische und traditionelle Ansätze wie Rosmarinöl, Schwarzkümmelöl, Aloe vera, Brennnessel oder Klettenwurzel werden häufig nachgefragt. Sie können unterstützend eingesetzt werden, sollten aber nicht als Ersatz für wirksame Thera­pien dienen.

Ernährung, Lebensstil und Haarpflege

Der Haarfollikel ist stoffwechselaktiv. Er braucht Protein, Eisen, Zink, Vitamin D, B-Vitamine, essenzielle Fettsäuren und eine stabile Energieversorgung. Eine proteinreiche, ausgewogene Ernährung mit Fisch, Hülsenfrüchten, Nüssen, Haferflocken, Gemüse und hochwertigen Ölen ist ein einfacher, aber oft unterschätzter Bestandteil der Therapie.

Stress kann über neuroendokrine und immunologische Mechanismen Haarverlust verstärken. Yoga, Meditation, Schlafhygiene und regelmäßige Bewegung sind keine Nebensächlichkeiten, sondern können die therapeutische Grundlage verbessern. Nikotin, übermäßiger Alkohol, aggressive Blondierungen, Hitze, straffe Frisuren und irritierende Kopfhautprodukte sollten reduziert werden.

Mythen dürfen aktiv angesprochen werden, denn häufiges Haarewaschen verursacht keinen echten Haarausfall. Haare die beim Waschen ausfallen, waren meist bereits in der Telogenphase. Auch Föhnen oder heißes Wasser sind nicht primäre Ursachen einer Alopezie, können aber Haarbruch und Kopfhautirritationen fördern. Diese Entlastung ist wichtig, weil viele Patientinnen beginnen, ihr Verhalten ängstlich zu kontrollieren.

Prognose

Der Verlauf hängt von Ursache, Dauer und Therapietreue ab. Ein telogenes Effluvium kann sich nach Beseitigung des Triggers deutlich erholen. Eine androgenetische Alopezie ist meist chronisch, aber häufig stabilisierbar. Je früher behandelt wird, desto größer ist die Chance, noch aktive Follikel zu erhalten.

Erste Zeichen der Stabilisierung können nach drei bis sechs Monaten sichtbar werden, kosmetisch relevante Verbesserungen oft später. Regelmäßige Verlaufskontrollen mit Fotovergleich oder TrichoScan® helfen, subjektive Unsicherheit zu reduzieren und objektive Fortschritte sichtbar zu machen.

Für die Praxis

Haarausfall in der Menopause ist multifaktoriell. Er entsteht im Zusammenspiel aus hormoneller Umstellung, genetischer Empfindlichkeit, Mikronährstoffstatus, Schilddrüse, Stress, Kopfhaut und Lebensstil. Erfolgreiche Therapie beginnt nicht mit einem Produkt, sondern mit einer präzisen Diagnose und einem Gespräch, in dem die Patientin sich verstanden fühlt.

Wenn wir der Frau erklären, was in ihrem Haarfollikel geschieht, und gleichzeitig anerkennen, was der Haarverlust in ihrem Selbstbild auslöst, entsteht Vertrauen. Und genau dort beginnt wirksame Medizin: beim Verstehen, beim Individualisieren und beim beharrlichen Begleiten.

Buchtipp

Hormonfibel 2025 – Magis­trale Rezepturen aus der Wiener Hormonambulanz

2. neu überarbeitete Auflage
Peter Frigo, André Farkouh
Österreichische Apotheker-­Verlagsgesellschaft, 2025
ISBN 978-3-85200-284-2, 104 Seiten
Preis: 17,51 € (D)

1 Müller Ramos P, Melo DF, Radwanski H et al. Female-pattern hair loss: therapeutic update. Anais Brasileiros de Dermatologia. 2023;98(4):506-19.

2 Blumeyer A, Tosti A, Messenger A et al. Evidence-based (S3) guideline for the treatment of androgenetic alopecia in women and in men. JDDG: Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft. 2011;9(s6):1-57.

3 Brough KR, Torgerson RR. Hormonal therapy in female pattern hair loss. International Journal of Women’s Dermatology. 2017;Women’s Health Therapeutics3(1):53-7.

4 Ali I, Wojnarowska F. Physiological changes in scalp, facial and body hair after the menopause: a cross-sectional population-based study of subjective changes. Br J Dermatol. 2011;164:508-513.

5 Olsen EA, Reed KB, Cacchio PB, Caudill L. Iron deficiency in female pattern hair loss, chronic telogen effluvium, and control groups. J Am Acad Dermatol. 2010;63:991-999.

6 Duangjai A, Srivilai J, Nangola S et al. Calcium and Vitamin D Supplementation with and Without Collagen on Bone Density and Skin Elasticity in Menopausal Women – A Randomized Controlled Study. Clinics and Practice. 2025;15(9):168.

7 Lin CS, Chan LY, Wang JH et al. Diagnosis and treatment of female alopecia: Focusing on the iron deficiency-related alopecia. Tzu Chi Medical Journal. 2023.

8 Gupta AK, Economopoulos V, Mann A et al. Menopause and hair loss in women: Exploring the hormonal transition. Maturitas. 2025;198:108378.

9 Gönülal Bak R, Çetin C, Kılınç F et al. Micronutrient levels and thyroid functions in scarring alopecias: Do they play a role in disease pathogenesis? Cutaneous and Ocular Toxicology. 2025;44(4):464-9.

10 Owecka B, Tomaszewska A, Dobrzeniecki K et al. The Hormonal Background of Hair Loss in Non-Scarring Alopecias. Biomedicines. 2024;12(3):513.

11 Frigo P. Haarausfall in der Menopause. Journal für Gynäkologische Endokrinologie. 2011;5(4).

12 Frigo P, Farkhou A. Hormonfibel – Magistrale Rezepturen der Wiener Hormonambulanz. 2. Auflage, Wien, 2025.

Dr. Peter Frigo

Korrespondenzadresse

Univ.-Prof. Dr. Peter Frigo

Leiter der Hormonambulanz
Universitätsklinik für Frauenheilkunde
Klinische Abteilung für Gynäkologische Endo­krinologie und Reproduktionsmedizin
Währinger Gürtel 18-20
A-1090 Wien, Österreich
E-Mail: peter.frigo@meduniwien.ac.at