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Allgemein- & Innere Medizin, Infektiologie, Naturheilverfahren, Medizin Allgemein- & Innere Medizin, Gynäkologie, Neurologie Biofaktoren, Immunsystem
Biofaktoren

Welche Rolle spielen Vitamin D, Zink und Selen bei Autoimmunerkrankungen?

Autoimmunerkrankungen gehören zu den Herausforderungen in der Praxis. Viele Patienten sind dauerhaft entzündlich belastet, häufig multimorbide und nicht selten von einem Mangel an essenziellen Biofaktoren wie Vitaminen und Mineralstoffen betroffen. Prof. Klaus Kisters erklärt, was Vitamin D, Zink und Selen in einem ganzheitlichen Behandlungskonzept leisten können.


25.08.2026
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Im Interview
Foto des Arztes Klaus Kisters

Prof. Dr. med. Klaus Kisters

Internist, MVZ Praxisklinik und Dialysezentrum Herne, WWU Münster
Stv. Vorsitzender der Gesellschaft für Biofaktoren e. V.

Warum lohnt sich bei Autoimmunerkrankungen der Blick auf Biofaktoren?

Prof. Kisters: Weil wir bei diesen Erkrankungen immer auch über Immunregulation, Entzündung, oxidativen Stress und Barriere­funktionen sprechen. Natürlich behandeln wir rheumatoide Arthritis, Multiple Sklerose, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Hashimoto-Thyreoiditis oder Lupus nicht mit Vitaminen oder Spurenelementen allein. Aber Biofaktoren sind an vielen immunologischen Prozessen beteiligt. Besteht hier ein Defizit, kann das die Entzündungsbereitschaft erhöhen, die Regeneration erschweren und die Lebensqualität beeinträchtigen. In der Praxis geht es deshalb nicht um eine pauschale Supplementierung, sondern um gezielte Diagnostik und den Ausgleich eines nachgewiesenen oder plausiblen Mangels einzelner Biofaktoren.

Und welche Biofaktoren stehen aus Ihrer Sicht besonders im Fokus?

Prof. Kisters: Bei Autoimmunerkrankungen würde ich vor allem Vitamin D, Zink und Selen nennen. Alle drei haben eine enge Verbindung zum Immunsystem. Vitamin D wirkt immunmodulierend, Zink ist für die Entwicklung und Funktion von Immunzellen unverzichtbar, und Selen spielt eine zentrale Rolle im antioxidativen Schutz sowie bei Schilddrüsenerkrankungen. Das heißt nicht, dass andere Biofaktoren unwichtig wären. Magnesium, Omega-3-Fettsäuren oder B-Vitamine können ebenfalls relevant sein. Für den Schwerpunkt Autoimmunität sind Vitamin D, Zink und Selen aber besonders naheliegend.

Warum ist Vitamin D bei Autoimmunerkrankungen relevant?

Prof. Kisters: Immunzellen tragen Vitamin-D-Rezeptoren, und Vitamin D beeinflusst sowohl die angeborene als auch die adaptive Immunantwort. Für Autoimmunerkrankungen ist vor allem wichtig: Vitamin D kann regulatorische T-Zellen unterstützen, proinflammatorische Zytokine dämpfen und überschießende Immunreaktionen modulieren. Ich spreche bewusst von Modulation, nicht von Stimulation. Wir wollen das Immunsystem nicht zusätzlich anheizen, sondern seine physiologische Regulation unterstützen.

In der Praxis sehe ich einen Vitamin-D-Mangel häufig bei chronisch kranken Patienten, bei älteren Menschen, bei geringer Sonnenexposition, Adipositas oder dauerhafter Glukokortikoidtherapie. Bei diesen Patienten sollte man den 25-OH-Vitamin-D-Spiegel kennen. Ein Defizit auszugleichen ist einfach, kostengünstig und in der Regel gut verträglich. Wichtig ist eine orale Dosierung in Tagesdosen zwischen 1.000 und 4.000 IE und Kontrolle, besonders bei Niereninsuffizienz, Hyperkalzämie oder granulomatösen Erkrankungen.

Welche Rolle spielt Zink?

Prof. Kisters: Zink ist ein klassischer Biofaktor des Immunsystems. Es wird für zahlreiche Enzyme und Transkriptionsfaktoren benötigt und ist an der Reifung und Funktion von T- und B-Zellen beteiligt. Für die Autoimmunität ist besonders relevant, dass Zink die Balance zwischen Entzündungsreaktion und Immuntoleranz beeinflusst. Außerdem unterstützt Zink Haut- und Schleimhautbarrieren. Das ist bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, dermatologischen Autoimmunerkrankungen oder rezidivierenden Infekten bedeutsam.

Ein Zinkmangel kann sich unspezifisch zeigen: Infektanfälligkeit, verzögerte Wundheilung, Geschmacksstörungen, Haut- und Schleimhautprobleme oder Haarausfall. Unter chronischer Entzündung, Diarrhö, Malabsorption oder einseitiger Ernährung steigt das Risiko. Bei Verdacht sollte man Zink bestimmen. Ein Mangel wird oral in Tagesdosen zwischen 10 und 25 mg ausgeglichen.

Und warum Selen?

Prof. Kisters: Selen ist Bestandteil wichtiger Selenoproteine, die Zellen vor oxidativem Stress schützen. Das ist bei chronischen Entzündungen relevant. Zudem spielt der Biofaktor eine Rolle in der Schilddrüse, etwa bei der Aktivierung von Schilddrüsenhormonen. Gerade bei Hashimoto-Thyreoiditis lohnt sich daher der Blick auf die Selenversorgung.

Selen ersetzt keine endokrinologische oder rheumatologische Therapie. Bei unzureichender Versorgung kann eine Supplementierung aber sinnvoll sein. Zum Ausgleich eines Mangels werden meist 50 bis 200 µg Selen täglich eingesetzt, idealerweise nach Laborkontrolle.

Was bedeutet das für die Praxis?

Prof. Kisters: Die Grunderkrankung muss leitliniengerecht behandelt werden. Zusätzlich sollten wir Mangelzustände der hier genannten Biofaktoren prüfen, wenn Risikofaktoren wie chronische Entzündung, Malabsorption, Diäten, höheres Alter, Polypharmazie oder anhaltende Fatigue vorliegen.

Das heißt konkret: Vitamin D, Zink und Selen gehören bei Autoimmunpatienten nicht automatisch in jede Verordnung, aber in den therapeutischen Fokus. Wer Defizite erkennt und korrigiert, kann Immunbalance und Allgemeinbefinden unterstützen.

Ausführliche Informationen zur Labordiagnostik der hier genannten Biofaktoren sowie zu Mangelsymptomatik und Dosierungsempfehlungen finden Sie auf der Webseite der Gesellschaft für Biofaktoren: www.gf-biofaktoren.de

Das Interview führte Dr. Daniela Birkelbach, Gesellschaft für Biofaktoren e. V., daniela.birkelbach@gf-biofaktoren.de.

Quelle: Gesellschaft für Biofaktoren e.V.