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Co-Leadership

Ganzer Einsatz, geteilte Verantwortung

Co-Leadership in der Arztpraxis: Was das Modell kann, wie es funktioniert und warum es sich lohnen kann, Praxis neu zu denken.


13.08.2026
S. Junghans
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Frau Junghans, Co-Leadership ist ein Begriff, der eher aus der Unternehmenswelt kommt. Warum ist das Thema auch für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte relevant?

Stefanie Junghans: Die Rahmenbedingungen für eine Praxisgründung oder -übernahme sind in den letzten Jahren schwieriger geworden. Das finanzielle Risiko ist enorm, hinzu kommt ein Workload, den eine Einzelperson kaum noch stemmen kann: Patientenversorgung, Personalführung, Digitalisierung, Qualitätsmanagement, wachsende Bürokratie. Gleichzeitig steigt der Wunsch nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie. In der Konsequenz entscheiden sich immer mehr Ärztinnen und Ärzte für die Anstellung. Doch es gibt auch eine weitere Option.

Und das ist Co-Leadership. Was versteht man darunter genau?

Junghans: Co-Leadership ist keine klassische Arbeitsteilung mit getrennten Zuständigkeiten, sondern bedeutet, dass zwei Personen sich eine Führungsrolle teilen. Sie haben gemeinsame Ziele, treffen Entscheidungen gemeinsam und tragen gemeinsam die Verantwortung. Das Modell ist dabei sehr flexibel gestaltbar. Beide Praxiseigentümer können in Vollzeit tätig sein, genauso gut kann eine oder können beide Personen in Teilzeit arbeiten.

Wie kann das in der Praxis aussehen?

Junghans: Im klassischen Sinn gründen oder übernehmen beispielsweise zwei Ärztinnen oder Ärzte gemeinsam eine Praxis und teilen die Verantwortung. Es gibt aber auch andere Formen.

Als Nachfolgemodell übergibt zum Beispiel eine erfahrene Inhaberin oder ein erfahrener Inhaber über einen mehrjährigen Zeitraum an eine jüngere Person. Bis die Übergabe vollzogen ist, führen beide gemeinsam. Das schafft Kontinuität und einen geregelten Wissenstransfer.

Besonders spannend finde ich eine ärztliche und eine nicht-ärztliche Leitung im Tandem. Die ärztliche Person fokussiert sich auf die Patientenversorgung, die andere übernimmt Organisation, Personalführung und Strategie. Das erlaubt es Ärztinnen und Ärzten, sich wirklich auf das Medizinische zu konzentrieren, ohne dass der Praxisbetrieb zu kurz kommt.

Welche Vorteile bringt das Modell?

Junghans: Vor allem Resilienz, denn Co-Leadership verteilt die Arbeitslast und den finanziellen Druck. Zudem kann man stärkenbasiert arbeiten, was beide Seiten effizienter macht.

Dazu kommt die Flexibilisierung des Arbeitsalltags. Wer in Teilzeit arbeiten will oder muss, kann das, ohne auf eine verantwortungsvolle Rolle verzichten zu müssen. Der Versorgungsauftrag bleibt gewährleistet, weil das Tandem gemeinsam die nötige Abdeckung sicherstellt.

Und: Man hat eine Partnerin oder einen Partner auf Augenhöhe. Gemeinsam kann man Entscheidungen reflektieren und Verantwortung wirklich teilen. Tandems vertrauen sich zu 100% und besprechen alle Themen in einer Tiefe und Offenheit, wie es sonst kaum möglich ist.

Was braucht es, damit Co-Leadership in einer Arztpraxis funktioniert?

Junghans: Vor allem einen bewussten Start, denn fachliche Partnerschaft ist nicht dasselbe wie geteilte Führung. Dieser Unterschied wird oft unterschätzt.

Ich empfehle immer, bei sich selbst anzufangen: Warum möchte ich geteilte Führung? Welche Variante passt zu meiner Situation? Anschließend investiert das Tandem gemeinsam Zeit in das Fundament, am besten außerhalb des Praxisalltags. Sie brauchen gemeinsam Ziele, klare Verantwortungsbereiche und Regeln für die Zusammenarbeit: Möchten beide ärztlich arbeiten? Wer übernimmt was im Praxismanagement? Wie gehen sie mit unterschiedlichen Meinungen um? Und es muss auch vereinbart werden, wie man auseinandergehen will, wenn die Zeit gekommen ist.

Was sind die Nachteile oder Hürden einer gemeinsam geführten Praxis?

Junghans: Meiner Meinung nach hat das Modell keine Nachteile, solange es richtig aufgesetzt ist. Wichtig ist, dass man vorher für sich klärt, ob es das richtige Modell für sich ist: Bin ich wirklich bereit, Verantwortung zu teilen – mit allen möglichen Konsequenzen?

Das bedeutet konkret: Als Tandem kann man sich abstimmen, aber man muss sich auch abstimmen. Man kann gemeinsame Entscheidungen treffen, aber man muss es dann auch wirklich tun. Und wenn man Entscheidungshoheiten aufteilt, muss man die Entscheidung der anderen Person mittragen, auch wenn man es selbst vielleicht anders gemacht hätte.

Das sind keine Hürden im eigentlichen Sinne. Das sind Fragen, die man sich stellen sollte, bevor man startet. Wer das tut, wer darüber in Kommunikation geht und gemeinsam Regeln für genau diese Situationen aufstellt, der hat die Grundlage für ein Modell, das trägt.

Was würden Sie Ärztinnen und Ärzten mitgeben wollen, die darüber nachdenken?

Junghans: Co-Leadership ist keine Notlösung und kein Kompromiss, sondern setzt gezielt an den Stellen an, die Praxis heute schwierig machen: das finanzielle Risiko, die Arbeitsbelastung, die fehlende Flexibilität. Gleichzeitig ist es aber kein Modell für jeden. Ärztinnen und Ärzte sollten sich wirklich überlegen, welche Variante zur eigenen Situation passt und was sie sich davon erhoffen. Wenn das Fundament stimmt, kann Co-Leadership eine Praxis möglich machen, die sich sonst nicht möglich angefühlt hätte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Expertin

Stefanie Junghans

Expertin für Co-Leadership und moderne Führungsmodelle, hat mehrere Jahre im Co-Leadership gearbeitet und begleitet heute Unternehmen und Praxen bei der Einführung geteilter Führungsstrukturen.
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