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Krebsregisterauswertung

Darmkrebs bei jüngeren Menschen in Deutschland seltener als in den USA

Die Entwicklung hin zu mehr Darmkrebsdiagnosen bei Menschen unter 50 Jahren in den USA lässt sich in Deutschland nicht in vergleichbarem Ausmaß beobachten. Das ist die Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren einer Krebsregisterauswertung aus neun deutschen Bundesländern.1 Daraus schließen sie, dass das Screeningprogramm in Deutschland nicht auf jüngere Menschen angepasst werden sollte.


19.08.2026
SMC
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In Deutschland beginnt das Darmkrebsscreening mit 50 Jahren.2 Bei Risikogruppen – zum Beispiel bei familiärer Darmkrebsvorgeschichte, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und genetischer Prädisposition – sollte die Darmspiegelung schon früher erfolgen.3 95 % der Darmkrebsdiagnosen in Deutschland entfallen auf die über 50-Jährigen.4 Darmkrebs bei Jüngeren ist also selten und wird als Early-Onset Colorectal Carcinoma (EOCRC) bezeichnet, jeder dritte Fall davon ist erblich bedingt.

In den USA Darmkrebsscreening ab 45 Jahre

Studien in den USA hatten gezeigt, dass die Darmkrebs-Neudiagnosen bei jüngeren Menschen angestiegen sind.5 Im Jahr 2021 senkte die zuständige US-Behörde daher die Screening-Altersgrenze auf 45 Jahre.6 Auch für andere Industrienationen wurden ähnliche Entwicklungen beobachtet.7 Die aktuelle Registerauswertung zeigt allerdings nun, dass diese internationalen Beobachtungen nicht auf Deutschland übertragbar sind. Die Forschenden werteten die altersstandardisierte Darmkrebsinzidenz für verschiedene Alterskohorten in Deutschland von 2003 bis 2023 aus: 20–29 Jahre, 30–39 Jahre, 40–49 Jahre und so weiter. Dazu nutzten sie Daten aus deutschen Krebsregistern von neun Bundesländern, die 46 % der deutschen Bevölkerung abdecken.

Statement von Prof. Dr. Thomas Seufferlein

Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I, Universitätsklinikum Ulm

Rund 5 % aller kolorektalen Karzinome werden in Deutschland bei Menschen unter 50 Jahren diagnostiziert, die Inzidenzrate liegt bei sieben bis zehn Fällen pro 100.000 Personen. Die große Mehrzahl der Tumoren wird also jenseits des 50. Lebensjahrs diagnostiziert. Die vorliegende Auswertung aus deutschen Krebsregistern1, die 46 % der deutschen Bevölkerung umfasst, zeigt von 2003 bis 2023 eine Zunahme der Inzidenz für Männer von 0,8 % und für Frauen von 0,9 %. Die Zunahme war vor allem bei den 20- bis 39-Jährigen festzustellen.

Ich schließe mich der Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren der Studie an, dass eine Veränderung des Screeningprogramms – wie in den USA geschehen – auf dieser Datenbasis nicht sinnvoll ist. Die Inzidenz ist in Deutschland geringer und die Zunahme der Inzidenz deutlich langsamer als in den USA. Interessanterweise ist auch die Sterblichkeitsrate an EOCRC in Deutschland geringer als in den USA. Wir müssen allerdings die Daten im Blick behalten, um Screeningprogramme rechtzeitig anzupassen. Deshalb sind Auswertungen wie in dieser Veröffentlichung sehr wichtig. Auf jeden Fall müssen Symptome wie Hämatochezie, persistierende Bauchschmerzen, Eisenmangelanämie, ungeklärter Gewichtsverlust und anhaltende Veränderungen der Stuhlgewohnheiten auch unterhalb des regulären Screeningalters konsequent abgeklärt werden. Daneben müssen wir unsere Anstrengungen in der Primärprävention, vor allem im Bereich Ernährung und Bewegung, ausbauen. Die aktuell diskutierte „Zuckersteuer“ kann dazu einen Beitrag leisten.

Wenn eine erbliche Prädisposition festgestellt wird, sollte der Indexpatient, aber auch seine erstgradigen Verwandten, humangenetisch beraten und getestet werden. Wenn erstgradige Verwandte ebenfalls Merkmalträger sind, müssen sie viel früher als die Normalbevölkerung eine Darmspiegelung vornehmen lassen, das heißt ab dem 20. bis 25. Lebensjahr. Das ist aktuell noch nicht in der gesetzlichen Früherkennungsrichtlinie aufgenommen, wird aber von unserer nationalen S3-Leitlinie und internationalen Leitlinien stark empfohlen.

Über die 20 Jahre fanden sie einen altersstandardisierten Inzidenzanstieg – allerdings nur bei den unter 50-Jährigen, bei den über 50-Jährigen sank sie. Der Anstieg betraf nur die 20- bis 39-Jährigen: Bei den 20- bis 29-Jährigen gab es jährlich 3,3 % mehr Neudiagnosen bei den Männern und 3,9 % bei den Frauen; bei den 30- bis 39-Jährigen zeigte die Auswertung jährlich 2,2 % mehr Neudiagnosen bei den Männern und 2,0 % mehr bei den Frauen. Bei diesen Personen werden laut Auswertung besonders Tumoren mit guter Prognose entdeckt – möglicherweise wegen vermehrter Diagnostik. Es könnte sein, dass einige dieser Tumoren nie zu Beschwerden geführt hätten. Aber es gibt auch Hinweise auf tatsächlich steigende Inzidenzen: Bei den 30- bis 39-Jährigen wurden auch häufiger Tumoren in einem fortgeschrittenen Stadium entdeckt.

Darmkrebs: Inzidenz ist bei den 40- bis 49-Jährigen stabil

Die Gründe für den international beobachteten Anstieg der Inzidenzen seien noch nicht vollständig geklärt, erklären die Autorinnen und Autoren. Der wahrscheinlich wichtigste Faktor sei Adipositas – was die Unterschiede zu den USA erklären würde. Weitere Ursachen könnten Lebensstilveränderungen sein: darunter Antibiotikaeinsatz, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Veränderungen im Darmmikrobiom.

Laut Studie gab es in den USA bereits 2003 eine höhere EOCRC-Inzidenz als hierzulande, die in Deutschland seitdem auch langsamer als dort gestiegen ist. Das Screeningalter auf 45 Jahre zu senken, sei – so die Autorinnen und Autoren – durch die Zahlen nicht gerechtfertigt, da bei den 40- bis 49-Jährigen die Inzidenz über die vergangenen 20 Jahre stabil sei. Außerdem sei der Vorteil noch unklar. Stattdessen schlagen die Forschenden mehr Primärprävention und ein konsequenteres Screening der erwähnten Risikogruppen in jüngerem Alter vor.

1 Voigtländer S et al. Int J Cancer 2026 Jun 23. DOI: 10.1002/ijc.70600.

2 G-BA: Programm zur Früherkennung von Darmkrebs.

3 S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom, März 2026. AWMF-Reg-Nr.: 021-007OL.

4 Waldmann A et al. BMC Cancer 2023;23:1180.

5 Rebecca L et al. JNCI 2017;109(8):djw322.

6 US Preventive Services Task Force; Bibbins-Domingo K et al. JAMA 2016;315(23):2564-2575.

7 Sung H et al. The Lancet Oncology, 2024;26:51-63.

Quelle: SMC