Neuere Arbeiten untersuchen die klinischen, biologischen und psychosozialen Besonderheiten der Migräne bei Frauen und Männern. Dieser Beitrag gibt einen kurzen Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse.1,2
Klinik: Symptome sind anders ausgeprägt
Trotz geschlechtsneutral formulierter Kriterien in der Internationalen Kopfschmerzklassifikation erhielten Männer, die im Kopfschmerzzentrum der Berliner Charité die Kriterien einer Migräne erfüllten, zuvor nur in 57 % der Fälle die korrekte Diagnose, bei Frauen waren es 74 %.3 Männer zeigen im Vergleich zu Frauen seltener die prototypische Schmerzqualität (einseitig, stechend, pulsierend), berichten hingegen häufiger einen dumpf-drückenden Schmerz, die Intensität ist oft geringer. Die Attackendauer wird häufig als deutlich kürzer angegeben. Die Datenlage zur monatlichen Migränefrequenz ist uneinheitlich. Übelkeit und Erbrechen (vegetative Symptome) sowie Photo- und Phonophobie scheinen bei Männern weniger ausgeprägt zu sein. Bei einer Migräne mit Aura berichten Männer häufiger über Attacken mit Aura als Frauen. Prodromalsymptome werden von Männern seltener und in geringerer Vielfalt beschrieben, wobei die Anzahl an Studien hierzu bislang begrenzt ist.
Biologie: Unterschiede bei der Schmerzverarbeitung
Unterschiede in der Konzentration von Sexualhormonen spielen eine Rolle in der Schmerzverarbeitung und -wahrnehmung bei Männern und Frauen. Studien weisen darauf hin, dass das bei der Migräne im trigeminovaskulären System involvierte Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) Geschlechtsunterschiede vermitteln könnte. So weisen Männer eine andere Rezeptorexpression sowie eine verminderte CGRP-Freisetzung auf. Diskutiert wird aktuell auch das durch Sexualhormone regulierte schmerzmodulierende Adenylate Cy-clase-Activating Polypeptide (PACAP). Ebenfalls erforscht werden eine Reihe an Transient-Receptor-Potential (TRP)-Kanälen, die in Tier- und Humanstudien Hinweise auf geschlechtsspezifische Prozesse zeigen.
Psychosozial: Rollenbild beeinflusst Schmerzverhalten
Rollenvorstellungen und spezifische kulturelle Erwartungen beeinflussen das Schmerzverhalten. So kann die Norm, Männer würden mehr Schmerz aushalten, dazu führen, dass Symptome nicht berichtet bzw. beschwichtigt werden oder professionelle Hilfe gar nicht erst in Anspruch genommen wird. Männer könnten Symptome weniger ernst nehmen, auch weil sie nicht männlichen Rollenbildern entsprechen. Ebenso gibt es geschlechtsspezifische Vorlieben in der Verwendung von Bewältigungsstrategien. Die Zuschreibung „Frauenkrankheit“ beeinflusst sowohl Betroffene mit Migräne als auch Behandelnde, die eine Migräne bei Männern weniger erwarten könnten.
Forschung: Männer sind in Studien unterrepräsentiert
Aufgrund der geringeren Repräsentation von Männern in Migränestudien sind belastbare Aussagen zu geschlechtsspezifischen Therapieeffekten nur eingeschränkt möglich. Bei der prophylaktischen Behandlung der chronischen Migräne mit CGRP-Antikörpern scheint es keine Unterschiede in der Wirksamkeit bei Männern und Frauen zu geben, bei der episodischen Migräne sind die Ergebnisse uneindeutig. Bei der Akutbehandlung mit CGRP-Rezeptor-Antagonisten (Gepante) zeigte sich eine Wirksamkeit nur bei Frauen.4 Die Akutbehandlung mit Triptanen ist bei Männern und Frauen bezogen auf die Schmerzfreiheit nach zwei Stunden gleich wirksam.5
In der ärztlichen Praxis ist eine zunehmende Bewusstheit für die Geschlechtsunterschiede bei Migräne notwendig. Dies kann Fehldiagnosen verhindern und dadurch die Behandlung verbessern. Nichtprototypische Migränesymptome bei Männern sollten nicht zum Ausschluss einer Migränediagnose führen, sondern genauer exploriert werden.
Infomaterial der DMKG-Initiative „Attacke! Gemeinsam gegen Kopfschmerzen“ ist kostenfrei bestellbar unter www.attacke-kopfschmerzen.de/infomaterial
Dr. phil. Thomas Dresler