Skip to main content

Dieser Beitrag ist nur für Mitglieder verfügbar!

Geriatrie, Orthopädie, Medizin Orthopädie Orthopädie

Lesen Sie hier auch den zweiten Teil: 

"Die Endoprothetik des Hüftgelenkes – Operationstechnik und Revisionsendoprothetik"!

Teil 2

HTEP

Die Endoprothetik des Hüftgelenkes Teil 1 – Indikationsstellung und präoperative Vorbereitung

Der Kunstgelenkersatz des Hüftgelenkes gehört zu den häufigsten Eingriffen in der orthopädischen Chirurgie. Mit der Entwicklung der „Low-friction Arthroplasty“ begründete Sir John Charnley in den 1960er Jahren1 eine chirurgische Erfolgsgeschichte. Zu Beginn dieses Jahrhunderts betitelte gar das „Lancet“ den endoprothetischen Hüftgelenksersatz als „Operation of the Century“, die Jahrhundertoperation des 20. Jahrhundert2. Die hohe Zufriedenheit und das gute Outcome, auch schon zu Charnleys Zeiten, machen in der Tat die Implantation einer Hüft-Total-Endoprothese (HTEP) zu einem der erfolgreichsten chirurgischen Eingriffe überhaupt, was zu einer stetigen Steigerung der Fallzahlen und Erweiterung der Indikationen geführt hat. Die Hüftgelenksendoprothetik muss, bei aller Routine, stets korrekt indiziert und kompetent durchgeführt werden und ist keineswegs frei von Risiken. In diesem Artikel möchten wir die Indikationen der Hüftgelenks-Endoprothetik sowie die notwendige Vorbereitung der Patienten darstellen. 


05.03.2021
I. Habicht/T. M. Randau
Teilen auf:
drucken Gefällt mir merken

Indikationen

Der mechanische Verschleiß der großen Gelenke der unteren Extremitäten beginnt im frühen Erwachsenenalter und setzt sich ein Leben lang fort. Ab einem Alter von ca. 40 Jahren lassen sich radiologisch bei fast jedem Menschen erste Arthrosezeichen an den großen Gelenken erkennen. Ob diese Arthrose dann aber auch symptomatisch und therapiebedürftig wird, ist eine andere Frage und individuell sehr unterschiedlich. Die Prävalenz der symptomatischen Arthrose der Hüfte wird auf zwischen 15 % und 30 % beziffert und ist vor allem in der Gruppe der über 60-Jährigen zu finden. Neben der Arthrose können auch andere Pathologien das Hüftgelenk irreparabel beschädigen und damit eine Indikation zum Gelenkersatz darstellen. Die Indikationen zur Hüft-Totalendoprothese (HTEP) sind also vielfältig und werden stets in Zusammenschau aller klinischen, radiologischen und anamnestischen Befunde gestellt. 

Primäre Koxarthrose

Begünstigende Faktoren für die Entstehung einer Arthrose sind beispielsweise Übergewicht, Gelenkfehlstellungen sowie rheumatische Gelenkerkrankungen. Typische Indikatoren einer fortschreitenden Koxarthrose sind sowohl progrediente Schmerzen als auch Bewegungseinschränkungen oder eine verminderte Gehstrecke und führen dann zur ärztlichen Konsultation. Typisch ist die Angabe des „Anlaufschmerzes“ morgens nach dem Aufstehen sowie eines Belastungsschmerzes bei längerer Aktivität. Anamnestisch lässt sich der schmerzbedingte Grad der Alltagseinschränkung feststellen. Wichtige Fragen hierbei sind, ob es in Ruhe und nachts zu Beschwerden kommt und ob Schmerzmittel eingenommen werden. Scoring-Systeme, wie z. B. der Harris-Hip-Score3, in dem Gangfunktion und Schmerzen zwei Drittel des Gesamtergebnisses ausmachen, können zur Objektivierung und zur Verlaufskontrolle herangezogen werden. Diese kommen aber in der klinischen Anwendung nur im Rahmen von Studien zur regelhaften Anwendung.

Zur sicheren Indikationsstellung sollte eine radiologische Diagnostik in Form einer Hüftübersicht in 10° Innenrotation mit Abbildung beider Hüftgelenke (optimalerweise mit Messkugel zur präoperativen Planung) und einer axialen Aufnahme nach Lauenstein der betroffenen Seite angefertigt werden. Anhand der Röntgendiagnostik lässt sich anschließend beispielsweise mittels des Kellgren-Lawrence-Scores4 (Tab. 1, Harris-Hip-Score online) die Koxarthrose mit einer objektivierbaren Methode klassifizieren. Hierbei wird die Arthrose radiologisch in fünf Stadien unterteilt. Einflussfaktoren sind eine Gelenkspaltverschmälerung, das Vorhandensein von Osteophyten, eine subchondrale Sklerose, gegebenenfalls mit Zystenbildung und eine Gelenksdeformierung.

Bei fortgeschrittener Arthrose, deutlicher Alltagseinschränkung und Versagen der konservativen Therapieoptionen kann schließlich die Indikation zur Hüftendoprothese gestellt werden.5

GelenkspaltOsteo­phytenSkleroseDeformierungPunkte
nicht/fragl. verschmälertkeine/fraglichkeinekeine0
deutlich
verschmälert
eindeutigleicht,
keine Zysten
leicht1
stark
verschmälert
großleicht mit Zystendeutlich2
aufgehoben stark mit Zysten 3
0 Punkte:Keine Arthrose/Grad 0 nach Kellgren-Lawrence
1 - 2 Punkte:I° Arthrose nach Kellgren-Lawrence
3 – 4 Punkte:II° Arthrose nach Kellgren-Lawrence
5 – 9 Punkte:III° Arthrose nach Kellgren-Lawrence
10 Punkte:IV° Arthrose nach Kellgren-Lawrence
Tab. 1: Kellgren-Lawrence-Score4 

Sekundäre Koxarthrose

Von einer sekundären Koxarthrose spricht man, wenn sich der Grund für den voranschreitenden Gelenkverschleiß hauptsächlich in einer anderen Grunderkrankung findet.  Auch wenn eine Vielzahl von Pathologien in Frage kommt, sind die häufigsten Ursachen die Dysplasiekoxarthrose, die posttraumatische Koxarthrose und die Arthrose aufgrund von avaskulären Nekrosen. 

Dysplasiekoxarthrose

Bei der Dysplasiekoxarthrose handelt es sich um einen Gelenkverschleiß in Folge einer angeborenen Fehlbildung. Aufgrund der sonographischen Screening-Untersuchungen der Hüfte im Säuglingsalter, ist diese Arthroseform in Deutschland jedoch relativ selten und in der Population der Zuwanderer häufiger zu finden. Bei rechtzeitiger Diagnosestellung kann eine korrektive Behandlung mittels beispielsweise Umstellungsosteotomie durchgeführt werden. Dies ist jedoch nur bei jungen Patienten ohne bereits eingetretenen Knorpelschaden sinnvoll. Dem gegenüber steht die endoprothetische Versorgung, welche als einzige "kurative" Versorgung gelten kann, da sie die Arthrose beseitigt. Die Indikationsstellung erfolgt anhand verschiedener Kriterien wie Arthrosegrad und Kongruenz der Gelenkpartner wie auch bei der primären Arthrose. Die Versorgung kann aufgrund der veränderten Anatomie anspruchsvoll sein und gegebenenfalls besondere Implantate benötigen. 

Posttraumatische Koxarthrose

Posttraumatisch kann eine Arthrose durch eine Verletzung mit Gelenkschädigung und gegebenenfalls verbleibenden Fehlstellungen schneller fortschreiten. Während bei jungen Patienten eher Acetabulumfrakturen durch Hochrasanztraumen Ursache der Gelenkschäden sind, zeigen sich bei älteren Patienten vermehrt proximale Femurfrakturen, die eine klassische Indikation zur HTEP darstellen, entweder akut nach Trauma, im Verlauf nach versagter Osteosynthese oder bei posttraumatischer Arthrose.

Avaskuläre  Nekrosen

Während die bisherig geschilderten Indikationen stets mit einem Verschleiß des Gelenkknorpels oder einer Inkongruenz der Gelenkpartner vergesellschaftet waren, gibt es darüber hinaus Indikationen zur TEP ohne Arthrose. An eine Hüftkopfnekrose sollte man bei beispielsweise jungen Patienten und Vorliegen von Risikofaktoren wie Glucocorticoidtherapie, Alkoholismus, Radiatio, Zytostatikatherapie oder Stoffwechselstörungen denken. Septische Arthritiden können zu einer Destruktion des Gelenkknorpels, Vernarbungen von Weichteilen und Gelenkkapsel sowie Kontrakturen führen, welche nach Abklingen der Infektion die Versorgung mittels HTEP notwendig machen. Zusätzlich kann es im Rahmen einer rheumatoiden Arthritis im fortgeschrittenen Stadium zu einer inflammatorischen, jedoch aseptischen Knorpeldestruktion kommen, die ebenfalls eine Indikation zur HTEP darstellen kann.  

Versagen der konservativen Therapiealternativen

Unabhängig der zugrundeliegenden Ursache sollte bei einer symptomatischen Koxarthrose stets die konservative Therapie der erste Ansatz sein. Diese besteht in der Regel aus einem multimodalen Therapiekonzept, welches primär Analgesie und Physiotherapie, sowie die Versorgung mit Hilfsmitteln beinhaltet. Zusätzlich kann die Reduktion und Therapie von Risikofaktoren, wie z.B. Adipositas, Funktions- und Bewegungsstörungen anderer Gelenke und  chron. entzündlichen Grunderkrankungen verbessert werden.

Üblicherweise wird die Analgesie entsprechend des WHO-Stufenschemas6 möglichst oral und zu festen Einnahmezeiten verordnet. Dabei kann zusätzlich zum Analgetikum auf jeder der drei Stufen ein Ko-Analgetikum und Adjuvans verordnet werden. Bei geringen Schmerzen wird zunächst ein Nicht-Opioid-Analgetikum wie beispielsweise Ibuprofen rezeptiert. Bei mittleren Schmerzen sollten zusätzlich niedrig-potente Opioide wie Tilidin verordnet werden. Erst bei stärkeren Schmerzen sollte eine Therapie mittels Nicht-Opioid-Analgetikum in Verbindung mit einem hoch-potentem Opioid wie Oxycodon erfolgen. Entsprechend der jeweils passenden Therapiestufe sollte jedoch auf typische Nebenwirkungen wie z. B. Obstipationen bei Opioidgabe geachtet werden. Ebenso ist zu bedenken, dass Patienten  mit Koxarthrose häufig aufgrund des höheren Lebensalters bereits diverse Vorerkrankungen wie beispielsweise eine Niereninsuffizienz haben können, aus denen Kontraindikationen für die oben genannten Analgetika hervorgehen können.

Ein weiterer Baustein der konservativen Therapie ist die Physiotherapie. Inwieweit diese eine Operation hinauszögern kann, ist umstritten. Generell ist allerdings davon auszugehen, dass ein präoperatives Muskeltraining sowie eine Gewichtsreduktion auf Normalgewicht für das Outcome der endoprothetischen Versorgung sowie die Dauer der Rehabilitation von Vorteil sind.7, 8 Insgesamt ist es empfehlenswert, keine zusätzliche Schonung zu verordnen, sondern viel mehr den aktuellen Aktivitätsstand zumindest zu erhalten. 

Zu den invasiveren konservativen Therapien der Koxarthrose zählt unter anderem die Infiltration des Gelenkes. Die Infiltration mittels Lokalanästhetikum und Cortison sollte allenfalls als „Akutmaßnahme“ in der Hand eines geübten Arztes durchgeführt werden. Infiltrationen mit Hyaluron und Eigenblutpräparaten wie z.B. Platelet-Rich-Plasma zeigen keine sichere Evidenz für einen Therapieerfolg.9 Wenn die konservativen Therapieoptionen schließlich ohne Erfolg bleiben, sollten die Patienten über die Möglichkeiten der endoprothetischen Versorgung aufgeklärt werden.

OP-Vorbereitung und Optimierung

Die Implantation einer HTEP bei Koxarthrose ist in der Regel ein planbarer Eingriff und die Patienten sollten entsprechend gut auf diesen Eingriff vorbereitet werden. Obwohl der Hüftgelenksersatz heutzutage als Routineeingriff gilt, ist er als „moderat bis deutlich invasiv“ einzustufen. Die  OP-Zeit liegt zwischen 40 und 100 Minuten für die Primär-TEP und bei bis zu mehreren Stunden im Revisionsfall. Der zu erwartende Blutverlust liegt bei 500–1500 ml, damit ist eine optimale Vorbereitung des Patienten sofern möglich auch obligat. 

Aufklärung

Der Patient muss umfassend und offen durch den Operateur aufgeklärt werden. Dabei sollten insbesondere die Aspekte der konservativen Therapiealternativen beachtet werden. Die Indikation ergibt sich letztlich nur, wenn Patient und Behandler diese als sicher ausgeschöpft beurteilen und die OP als einzig sinnvolle Option scheint, dauerhafte Schmerzen und relevante Funktionseinschränkungen zu beheben. 

Zu den aufklärungspflichtigen Risiken gehört neben den üblichen operativen Risiken mindestens:

  • das Risiko der Luxation
  • das Risiko der Infektion
  • das Risiko von Knochen- oder Materialbrüchen
  • das Risiko einer Implantatlockerung durch Abrieb oder Unverträglichkeit
  • sowie der Hinweis auf mögliche Beinlängendifferenzen sowie eingeschränkte Sport- und Bewegungsfähigkeit nach der OP.

Insbesondere jüngere Patienten müssen auf die limitierte Standzeit der Implantate und die im Verlauf ggf. notwendige Wechseloperation hingewiesen werden. Im Aufklärungsgespräch empfiehlt sich die Verwendung standardisierter Aufklärungsbögen. Trotz der insgesamt hohen Sicherheit und Routine in der Hüftendoprothetik, darf eine Bagatellisierung des Eingriffes ebenso wenig erfolgen, wie die Darstellung der Prozedur als einziges probates Heilmittel. 

Ist die Indikation durch den Facharzt bzw. Operateur bestätigt, so sollte zeitnah auch eine Vorstellung beim Narkosearzt erfolgen, um das perioperative Risiko gemeinsam entsprechend zu bewerten, den Patienten eine Einschätzung geben zu können und Verbesserungspotential aufzuzeigen. 

Insbesondere jüngere Patienten müssen auf die limitierte Standzeit der Implantate und die im Verlauf ggf. notwendige Wechseloperation hingewiesen werden. Im Aufklärungsgespräch empfiehlt sich die Verwendung standardisierter Aufklärungsbögen. Trotz der insgesamt hohen Sicherheit und Routine in der Hüftendoprothetik, darf eine Bagatellisierung des Eingriffes ebenso wenig erfolgen, wie die Darstellung der Prozedur als einziges probates Heilmittel. 

Ist die Indikation durch den Facharzt bzw. Operateur bestätigt, so sollte zeitnah auch eine Vorstellung beim Narkosearzt erfolgen, um das perioperative Risiko gemeinsam entsprechend zu bewerten, den Patienten eine Einschätzung geben zu können und Verbesserungspotential aufzuzeigen. 

Patientenindividuelle Risikofaktoren

Insbesondere den patientenindividuellen Risikofaktoren kommt dabei zentrale Bedeutung zu.10,11 Zur präoperativen Laborkontrolle gehört zwingend: 

  • der Hämoglobin-Wert (HB),
  • die Bestimmung des C-reaktiven Proteins (CRP),
  • die Leukozyten im Blutbild als Infektparameter. 

Liegt der HB unter 12 g/dl (Männer) bzw. unter 11 g/dl (Frauen), so lohnt sich eine Evaluation hinsichtlich des „Patient Blood Managements“ – Durch Eisensubstitution i.v., ggf. auch Gabe von Erythropoetin kann der HB verbessert und das OP-Risiko ebenso wie der Transfuionsbedarf gesenkt werden. 

Ein unklar erhöhtes CRP muss präoperativ abgeklärt werden. Zu den häufigsten Foci gehören Infektionen der Harnwege und der oberen Atemwege, die behandelt werden sollten, bevor eine planbare Operation durchgeführt wird. 
Ein reguläres Screening auf asymptomatische Harnwegsinfekte wird generell nicht empfohlen12 aber trotzdem von einigen Einrichtungen durchgeführt. Ähnliches gilt für die Detektion und Behandlung von Staphylokokkus aureus: Multiresistente Stämme auf der Haut oder im Nasen-Rachen-Raum sollten schon aus Gründen der Krankenhaushygiene vor Aufnahme eradiziert werden. Auch sensible Stämme stellen einen häufigen Erreger von postoperativen Wundinfektionen dar, die Eradikation durch entsprechende Waschungen kann hilfreich sein, dieses Risiko zu minimieren.13 Eine sichere, evidenzbasierte Empfehlung hierzu existiert aber nicht. 

Der Stellenwert weiterer Laborparameter wird bisweilen kontrovers diskutiert. Das HbA1c wird häufig bestimmt, gemeinsam mit der Forderung, dies präoperativ zu normalisieren. Ob diese Maßnahme dann mit einem besseren Outcome einher geht, ist nicht sicher belegbar14 – ein schlechtes HbA1c mag aber ein Surrogat-Parameter für Risikopatienten mit ggf. eingeschränkter Compliance sein und sollte Anlass geben, die Indikation umso gründlicher zu prüfen. 

Bei entsprechenden Risikopatienten kann die Bestimmung von Troponin und NT-proBNP Hinweise auf die kardiale Belastbarkeit geben. Werden die Werte rechtzeitig vor der OP bestimmt, so können pathologische Konstellationen fachkardiologisch abgeklärt und ggf. eine kardiale Optimierung zur Risikominimierung durchgeführt werden.
 

Orale Antikoagulation 

Bei Patienten mit präoperativer oraler Antikoagulation (OAK) sollte diese präoperativ abgesetzt und mit beispielsweise niedermolekularem Heparin (NMH) oder unfraktioniertem Heparin bei Niereninsuffizienz überbrückt werden.15 Wie bei den verschiedenen oralen Antikoagulantien (OAK) verfahren werden sollte, kann dem Kasten entnommen werden.

Gewichtsoptimierung

Eine Optimierungsoption, die kontrovers diskutiert und bisweilen sehr unterschiedlich gehandhabt wird, ist die Gewichtsoptimierung. Insbesondere jenseits eines Body-Mass Index (BMI) von 40 kg/m² steigt das Risiko für fast alle perioperativen und postoperativen Komplikationen massiv an.17 Zudem liegen für zahlreiche Implantate Kontraindikationen zur Implantation bei Adipositas mit BMI > 35 kg/m² vor. Jedoch gelingt eine Reduktion präoperativ nur selten, die Patienten beklagen Sport- und Bewegungsunfähigkeit aufgrund der Schmerzen in der Hüfte. Den Patienten gelingt eine Reduktion aus eigenem Antrieb heraus auch mit Ernährungsberatung und Physiotherapie meistens nicht. Bariatrisch-chirurgische Maßnahmen können in Extremfällen sicher erwogen werden, jedoch ist die Evidenz auch hier unklar. Insgesamt gelten in diesen Fällen eine besonders strenge Indikationsstellung und Aufklärung: Patient und Arzt müssen sich des deutlich erhöhten Risikos bewusst sein, und sich gemeinsam dazu entschließen, dies trotzdem einzugehen. Nicht jede OP-Technik und jedes Implantat kann in diesen Situationen verwendet werden. Ist der Operateur mit den nötigen Implantaten oder Techniken nicht vertraut, so sollte eine Überweisung in ein anderes Zentrum erfolgen.

Präoperative orale Antikoagulantien (OAK) 

  • Bei OAK mit Vitamin-K-Antagonisten wie Marcumar sollte diese in der Regel sieben Tage präoperativ abgesetzt und mit beispielsweise NMH in therapeutischer Dosis überbrückt werden.16
  • NOAK müssen in der Regel präoperativ nicht überbrückt werden:
    • Dabigatran sollte dabei bei normaler Nierenfunktion zwei Tage präoperativ absetzt werden. Sofern Einschränkungen der Nierenfunktion bestehen, muss das präoperative Absetzungsintervall entsprechend angepasst werden.
    • Rivaroxaban wird regelhaft 24 bis 48 Stunden präoperativ abgesetzt.
    • Apixaban sollte 48 Stunden vor Risiken mit mittlerem Blutungsrisiko und 24 Stunden vor Operationen mit niedrigem Blutungsrisiko abgesetzt werden.
  • Acetylsalicylsäure in niedriger Dosierung, welches zur Kardioprotektion verabreicht oder als lebenslange Therapie nach kardiovaskulärem Ereignis eingenommen wird, wird präoperativ nicht abgesetzt und weitergegeben.
  • Bei der Einnahme von anderen Plättchenaggregationshemmern wie Clopidogrel oder Prasugrel muss kritisch evaluiert werden, ob die Operation zwingend während der meist ja zeitlich limitierten Einnahme dieser Präparate erfolgen muss, oder evtl. nach Absetzen der Medikamente erfolgen kann.

Rapid Recovery

Ein eher neues Konzept, welches sich zunehmend etabliert, ist das des „Rapid Recovery“, welches bereits präoperativ einsetzt. Durch gezielte Patientenschulungen vor der Operation sowie physiotherapeutisches Training im Sinne einer „Prehabilitation“ sollen Heilungsverlauf beschleunigt und Krankenhausaufenthalt verkürzt werden.18 Positiver Nebeneffekt kann eine Gewichtsreduktion sein, die sich insgesamt positiv auf das OP-Risiko und das OP-Ergebnis auswirkt sowie ein besseres und bewussteres Verständnis der Patienten für die Operation und die notwendige Vorbereitung und Nachsorge. Zumindest aber sollten Patienten im Rahmen der Vorbereitung über die Limitationen in den ersten Wochen nach der OP aufgeklärt werden sowie ggf. ein geeigneter Reha-Platz, Kurzzeit-Pflegeplatz oder häusliche Versorgung und Unterstützung organisiert werden. Es empfiehlt sich, hierbei früh das familiäre und soziale Umfeld der Patienten mit zu aktivieren. 

Fazit

Die Hüftgelenksendoprothetik gehört zu den erfolgreichsten Eingriffen der Chirurgie überhaupt. 2018 wurden 240.000 Prothesen implantier.20 Die primäre Indikation ist die Koxarthrose. Die Indikationsstellung sollte neben den klinischen und radiologischen Befunden vor allem den Patientenwunsch und den subjektiven Leidensdruck berücksichtigen. Der Eingriff ist in aller Regel planbar, und eine adäquate und umsichtige Vorbereitung kann peri- und postoperative Komplikationen reduzieren. 

Autoren & Weitere Informationen

Interessenkonflikte:
Autor TMR hat Reisekosten und Vortragshonorare erhalten von Implantcast GmbH, Waldemar Link GmbH und Peter Brehm GmbH.
Autorin IMH hat keine Interessenskonflikte. 

Autoren
Dr. med. Ivana M. Habicht, Dr. med. Thomas M. Randau
Universitätsklinik Bonn, Klinik f. Orthopädie und Unfallchirurgie

Korrespondenzadresse
Dr. med. Ivana Habicht
Universitätsklinik Bonn, Klinik f. Orthopädie und Unfallchirurgie
Venusberg Campus 1, 53127 Bonn
Email: ivana.habicht(at)ukbonn.de

1 Charnley J. Total hip replacement by low-friction arthroplasty. Clin Orthop Relat Res 1970; 72:7–21.
2 Learmonth ID, Young C, Rorabeck C. The operation of the century: total hip replacement. Lancet 2007; 370(9597):1508–19. Verfügbar unter: www.destatis.de/GPStatistik/servlets/MCRFileNodeServlet/DEHeft_derivate_00029136/2120640157004_korr19012017.pdf.
3 Harris WH. Traumatic arthritis of the hip after dislocation and acetabular fractures: treatment by mold arthroplasty. An end-result study using a new method of result evaluation. J Bone Joint Surg Am 1969; 51(4):737–55.
4 Kellgren JH, Lawrence JS. Radiological assessment of osteo-arthrosis. Ann Rheum Dis 1957; 16(4):494–502. doi: 10.1136/ard.16.4.494.
5 Claes L, Kirschner P, Perka C, Rudert M. AE-Manual der Endoprothetik: Hüfte und Hüftrevision. Berlin, Heidelberg: Arbeitsgemeinschaft Endoprothetik; 2012. Verfügbar unter: gbv.eblib.com/patron/FullRecord.aspx.
6 WHO. Cancer pain relief: With a guide to opioid availability. 2. ed. Geneva; 1996 [Stand: 26.04.2020]. Verfügbar unter: apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/37896/9241544821.pdf.
7 Torisho C, Mohaddes M, Gustafsson K, Rolfson O. Minor influence of patient education and physiotherapy interventions before total hip replacement on patient-reported outcomes: an observational study of 30,756 patients in the Swedish Hip Arthroplasty Register. Acta Orthop 2019; 90(4):306–11. doi: 10.1080/17453674.2019.1605669.
8 Moyer R, Ikert K, Long K, Marsh J. The Value of Preoperative Exercise and Education for Patients Undergoing Total Hip and Knee Arthroplasty: A Systematic Review and Meta-Analysis. JBJS Rev 2017; 5(12):e2. doi: 10.2106/JBJS.RVW.17.00015.
9 Ebell MH. Osteoarthritis: Rapid Evidence Review. Am Fam Physician 2018; 97(8):523–6.
10 Adie S, Harris I, Chuan A, Lewis P, Naylor JM. Selecting and optimising patients for total knee arthroplasty. Med J Aust 2019; 210(3):135–41. doi: 10.5694/mja2.12109.
11 Bernstein DN, Liu TC, Winegar AL, Jackson LW, Darnutzer JL, Wulf KM et al. Evaluation of a Preoperative Optimization Protocol for Primary Hip and Knee Arthroplasty Patients. J Arthroplasty 2018; 33(12):3642–8. doi: 10.1016/j.arth.2018.08.018.
12 Sousa RJG, Abreu MA, Wouthuyzen-Bakker M, Soriano AV. Is Routine Urinary Screening Indicated Prior To Elective Total Joint Arthroplasty? A Systematic Review and Meta-Analysis. J Arthroplasty 2019; 34(7):1523–30. doi: 10.1016/j.arth.2019.03.034.
13 Jeans E, Holleyman R, Tate D, Reed M, Malviya A. Methicillin sensitive staphylococcus aureus screening and decolonisation in elective hip and knee arthroplasty. J Infect 2018; 77(5):405–9. doi: 10.1016/j.jinf.2018.05.012.
14 Lenguerrand E, Beswick AD, Whitehouse MR, Wylde V, Blom AW. Outcomes following hip and knee replacement in diabetic versus nondiabetic patients and well versus poorly controlled diabetic patients: a prospective cohort study. Acta Orthop 2018; 89(4):399–405. doi: 10.1080/17453674.2018.1473327.
15 Hoffmeister HM, Bode C, Darius H, Huber K, Rybak K, Silber S. Unterbrechung antithrombotischer Behandlung (Bridging) bei kardialen Erkrankungen. Kardiologe 2010; 4(5):365–74 [Stand: 26.04.2020]. Verfügbar unter: leitlinien.dgk.org/files/2010_Positionspapier_Bridging.pdf.
16 Schlitt A, Jámbor C, Spannagl M, Gogarten W, Schilling T, Zwissler B. The perioperative management of treatment with anticoagulants and platelet aggregation inhibitors. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(31-32):525–32. doi: 10.3238/arztebl.2013.0525.
17 Chaudhry H, Ponnusamy K, Somerville L, McCalden RW, Marsh J, Vasarhelyi EM. Revision Rates and Functional Outcomes Among Severely, Morbidly, and Super-Obese Patients Following Primary Total Knee Arthroplasty: A Systematic Review and Meta-Analysis. JBJS Rev 2019; 7(7):e9. doi: 10.2106/JBJS.RVW.18.00184.
18 Wang L, Lee M, Zhang Z, Moodie J, Cheng D, Martin J. Does preoperative rehabilitation for patients planning to undergo joint replacement surgery improve outcomes? A systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ Open 2016; 6(2):e009857. doi: 10.1136/bmjopen-2015-009857.
19 Endoprothesenregister Deutschland (EPRD), Jahresbericht 2019
20 Statistisches Bundesamt. Gesundheit: Fallpauschalenbezogene Krankenhausstatistik (DRG-Statistik) Diagnosen, Prozeduren, Fallpauschalen und Case Mix der vollstationären Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern 2016: Statistisches Bundesamt (Destatis); 2017 [Stand: 23.04.2020]. Verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Krankenhaeuser/Publikationen/Downloads-Krankenhaeuser/fallpauschalen-krankenhaus-2120640167004.pdf?__blob=publicationFile.

Lesen Sie hier auch den zweiten Teil: 

"Die Endoprothetik des Hüftgelenkes – Operationstechnik und Revisionsendoprothetik"!

Teil 2