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CIDP

Chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyradikuloneuropathie – wird die Diagnosestellung durch die neue Leitlinie einfacher?

Die Diagnosestellung von immunvermittelten Neuropathien ist trotz oder gerade wegen ihrer relativen Seltenheit (je nach Literatur ca. 7–10 % aller Polyneuropathien) essenziell. Eine wichtige Gruppe dieser immunvermittelten Neuropathien ist die sogenannte chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuritis (CIDP) und ihre Varianten. Wird die Diagnose mit der neuen internationalen Leitlinie1 zur CIDP nun einfacher?


25.01.2023
Prof. Grimm
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Die CIDP ist klassischerweise schubartig oder chronisch progredient verlaufend und manifestiert sich mit distal symmetrischen Sensibilitätsstörungen und sowohl distalen als auch proximal betonten Paresen. Wie oben erwähnt, existieren jedoch einige Varianten (von asymmetrisch armbetont über rein sensibel oder rein motorisch), sodass allein aus der klinischen Präsentation heraus diese Diagnose nicht gestellt werden kann, zumal zahlreiche  Mimics existieren. 

Bereits 2010 wurde daher von der  European Federation of Neurological  Sciences (EFNS) eine Empfehlung ausgesprochen, anhand der eine CIDP diagnostiziert werden soll.2 Deren Sensitivität und Spezifität lag – je nach Literatur – bei ca. 80–85 % (mit Abstufungen nach Varianten). 

Aufgrund einiger neuer Erkenntnisse der letzten Jahre bezüglich Diagnostik und Therapie wurden diese Empfehlungen nun überarbeitet. Hierbei ist festzuhalten, dass dieses Mal der Leitliniencharakter im Sinne einer akribischen Literaturrecherche inklusive Erstellung sogenannter PICO-Fragen (s. unten) mehr betont wird. 


PICO-Schema

Das PICO-Schema stammt aus der evidenzbasierten Medizin und ­beschreibt eine Vorgehensweise, um Antworten auf konkrete thera­peutische Fragestellungen zu entwickeln:

  • P:     Patient/Population – Patient/Population und sein Problem
  • I:     Intervention – Behandlung
  • C:     Comparison – Alternativmaßnahme oder keine Behandlung
  • O:     Outcome – Behandlungsziel (z. B. Mortalität, Lebensqualität)

Schlüsselelemente der neuen Leitlinie

Zusammenfassend sind folgende Schlüsselelemente wichtig1, 4-6

  1. In der aktuellen Leitlinie wird nur noch zwischen CIDP und möglicher CIDP unterschieden, die wahrscheinliche CIDP gibt es nicht mehr. 
  2. Neben der klinischen Beurteilung kommt der Elektrophysiologie weiterhin der elementare diagnostische Baustein zu. Hierbei müssen in mindestens zwei motorischen Nerven spezielle Charakteristika einer Demyeliniserung erfüllt sein. Neu werden auch Auffälligkeiten in sensiblen Nerven obligat verlangt. Je nach Variante unterscheiden sich die Anforderungen. Hier sei auf das Originalmanuskript1 verwiesen. 
  3. Es existieren weiterhin supportive Kriterien, die vor allem dann herangezogen werden, wenn Punkt 2 nicht zutrifft: Hierzu zählen
    (a) erhöhtes Liquor­eiweiß (nach Erfahrung des Autors >1 g/l), 
    (b) Auffälligkeiten der Nerven in der Bildgebung (Ultraschall oder MRT), 
    (c) eine auffällige Nervenbiopsie und 
    (d) eine signifikante Therapieresponse. 

Zu Punkt b sei folgendes angemerkt: Der Nervenultraschall hat in der Diagnosestellung der Polyneuropathie sehr an Bedeutung gewonnen (s. Abb. 1).3 Bei der CIDP (und anderen Neuropathien) findet man sehr häufig (> 90 %) multifokale Nervenschwellungen und diese vor allem in proximalen Segmenten. Daher wurden Schwellungen in mindestens zwei Messpunkten von N. medianus, der Nervenwurzeln und des Plexus brachialis als hinweisend auf eine CIDP genannt. Hier muss erwähnt werden, dass andere Neuropathien, die ähnliche Nervenschwellungen zeigen können (z. B. erbliche CMT1-Varianten, Amyloidosen), dringend auszuschließen sind. Dennoch ist die Methode nach Ansicht des Autors eine absolute Bereicherung in der Diagnosestellung.3 

Zu Punkt c sei erwähnt, dass eine Nervenbiopsie als Diagnostik oft in den Hintergrund gerät, da bereits andere Untersuchungen zur Lösung beitragen, jedoch in Einzelfällen weiterhin essenziell ist. 

Zu Punkt d muss festgehalten werden, dass das therapeutische Ansprechen anhand objektiver oder zumindest semiquantitativer Bewertungsverfahren stattfinden muss, i. e. INCAT-Score (Inflammatory Neuropathy Cause And Treatment Score), MRCSS (Medical Research Council Sum Scores), Dynamometrie oder Hand-Grip-Test. 

Dezidierte Ausschlussdiagnostik erforderlich

Neben der ausführlichen klinischen Untersuchung, Elektrophysiologie und Zusatz­diagnostik ist vor allem eine dezidierte Ausschlussdiagnostik wichtig: Zu den bekannten häufigen Differenzialdiagnosen gehören vor allem der Diabetes mellitus, die TTR-Amyloidose, das POEMS, die Anti-MAG-Neuropathie und Paranodopathien. Gerade letztere waren früher Teil der CIDP-Gruppe und sind jetzt expressis verbis eine eigenständige Entität. Paranodale Antikörper sind gegen Schnürringe gerichtet und umfassen verschiedene Antikörpertypen. Bei ähnlicher Elektrophysiologie sind diese Patientinnen und Patienten im Gegensatz zu CIDP-Patientinnen und -Patienten oft jünger, schwerer motorisch betroffen und zeigen eine deutliche Ataxie. Sie zeichnen sich häufig durch ein ungenügendes Ansprechen auf Steroide oder Immunglobuline aus und profitieren eher von Anti-CD20-Therapien. 

Vorteile der neuen Leitlinie

Wird nun alles leichter? Nicht unbedingt. Aber es werden wichtige Punkte angesprochen, die die Diagnosestellung erweitern.4–6 Der Vergleich von alter und neuer Leitlinie hat in der Literatur zumindest kein Erdbeben erbracht. Die Sensitivität und Spezifität sind ähnlich zwischen alten und neuen Empfehlungen. Neuerungen sind sicher die Vereinfachung auf zwei Kategorien und die Exklusion von Paranodopathien. Des Weiteren wurde der Nervensonografie mehr Gewicht gegeben. Alles in allem kann man die Leitlinie sehr gut in den Praxisalltag einfließen lassen und anwenden. Allerdings nimmt die Diagnostik viel Zeit in Anspruch (Messungen mehrerer motorischer Nerven, Ultraschall mehrerer Nerven, Labordiagnostik, Liquor). Zusätzlich müssen auch individuelle Entscheidungen jenseits der Leitlinie in einigen Fällen getroffen werden, hier ist die Diagnostik dann aber umso gründlicher durchzuführen. Im Prinzip sind einheitliche Untersuchungsabläufe international jedoch dringend notwendig. Bereits eine natio­nale Umfrage einiger großer Nervenzentren in Deutschland zeigt, wie heterogen teilweise Untersuchungsschritte ablaufen. In Summe ist somit die aktuelle neue Empfehlung als sehr sinnvoll und beachtenswert zu sehen. 

Autor
Foto des Neurologen Alexander Grimm

Korrespondenzadresse
Prof. Dr. med. Alexander Grimm
Stellv. ärztlicher Direktor
Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Neurologie, Schwerpunkt Epileptologie
Leiter Neuromuskuläres Zentrum mit klin. Neurophysiologie
alexander.grimm(at)med.uni-tuebingen.de

Der Beitrag beruht auf einem Vortrag anlässlich der Neurowoche 2022 vom 01.–05.11.2022 in Berlin.

Literatur

1 Van den Bergh PYK, van Doorn PA, Hadden RDM et al. European Academy of Neurology/Peripheral Nerve Society guideline on diagnosis and treatment of chronic inflammatory demyelinating polyradiculoneuropathy: Report of a joint Task Force-Second revision. Eur J Neurol. 2021;28(11):3556-3583. 
2 European Academy of Neurology/Peripheral Nerve Society guideline on diagnosis and treatment of chronic inflammatory demyelinating polyradiculoneuropathy: Report of a joint Task Force-Second revision. Joint Task Force of the EFNS and the PNS. J Peripher Nerv Syst. 2010;15(1):1–9.
3 Grimm A, Vittore D, Schubert V et al. Ultrasound pattern sum score, homogeneity score and regional nerve enlargement index for differentiation of demyelinating inflammatory and hereditary neuropathies. Clin Neurophysiol. 2016 Jul;127(7):2618–24.
4 Doneddu PE, De Lorenzo A, Manganelli F et al. Comparison of the diagnostic accuracy of the 2021 EAN/PNS and 2010 EFNS/PNS diagnostic criteria for chronic inflammatory demyelinating polyradiculoneuropathy. Neurol Neurosurg Psychiatry. 2022;93(12):1239–1246.
5 Rajabally YA, Afzal S, Loo LK, Goedee HS. Application of the 2021 EAN/PNS criteria for chronic inflammatorydemyelinating polyneuropathy. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2022;93(12):1247–1252.  
6 Fisse AL, Motte J, Grüter T et al.; Mitglieder des Neuritis Netz. [Public health situation of CIDP patients in nine German centers-neuritis network Germany]. Nervenarzt. 2022. doi: 10.1007/s00115-022-01377-0.