ZITIERWEISE: VASOMED 2024; 36(2): 70-72
Darauf aufbauend wird in dem Beitrag versucht, eine Verbindung zwischen Lymphologie und Rheologie (altgr. „Lehre des Fließens“) herzustellen, die bisher noch nicht in Betracht gezogen wurde. Diesbezügliche Recherchen des Autors mündeten in das Verfassen der o. g. Publikation (1). Prof. Ulrich Handge (TU Dortmund), erster Vorsitzender der Deutschen Rheologischen Gesellschaft, und Dr. Navina Kuss (u. a. Leiterin der Arbeitsgruppe Blutrheologie, Universitätsklinik Heidelberg) fanden sich bereit, die Arbeit beratend zu unterstützen.
Rheologie ist ein in den 1930er Jahren von E.C. Bingham und M. Reiner in Easton/Texas gegründeter interdisziplinärer Wissenschaftszweig, der sich mit der Gestaltveränderung und dem Fließverhalten von Stoffen beschäftigt (2). Viele Industriebereiche greifen auf dieses Wissen zurück; in der Lymphologie geschah dies bisher noch nicht. In der Therapie von lymphangiologischen Ödemerkrankungen begegnen wir weichen, leicht dellbaren Ödemen, die sich schnell beseitigen lassen, sowie gegenteilig festen, schwer dellbaren Lymphödemen, deren Behandlung mit erheblich mehr Zeit- und Arbeitsaufwand verbunden ist. Viele Varianten finden sich zwischen diesen beiden Extremen. Weiterhin sehen wir häufig Patienten mit posttraumatischen bzw. postoperativen Ödemen, bei denen der Proteinanteil besonders hoch ist, u. a. auch, weil diese meist mit Hämatomen einhergehen. Allen diesen Typen ist gemein, dass sie einen mehr oder weniger hohen Eiweißgehalt aufweisen.
Referat zu
Morand M. Therapie mittels IPK plus definierte Polsterungen (IPK+) bei posttraumatischen bzw. postoperativen Ödemen unter Berücksichtigung der biochemischen und biophysikalischen Eigenschaften. Orthopädie Technik 2023;11:48.
Rheologisch betrachtet finden sich in der Ödemflüssigkeit somit biologische Makromoleküle, bestehend aus langkettigen Molekülen, die unter Ruhebedingungen eine knäuelartige Struktur einnehmen, woraus sich das Zustandekommen einer viskoelastischen Flüssigkeit und damit verbunden einer dynamischen Viskosität (Symbol η, gleichbedeutend mit „Zähigkeit“) erklären lässt – ein erschwerendes Hemmnis in der Entstauungstherapie. Aus rheologischer Sicht handelt es sich bei dem soeben beschriebenen Cocktail allgemein gesagt um eine Mischung, die sich aus biologischen Makromolekülen und Wasser – einem Newtonschen Fluid, das eine niedrige Viskosität besitzt – zusammensetzt. Vermischt entsteht ein nicht-Newtonsches Fluid (3); je größer sich dort der Proteinanteil darstellt, desto höher ist die Viskosität η.
Was führt zur Reduktion von η?
In einer Strömung orientieren sich Polymerketten, und die Anzahl der Verschlaufungen reduziert sich, was eine Reduktion von η bewirkt. Dieser Effekt kann über die zusätzliche Applikation ausgeprägter scherkraftinduzierender Maßnahmen, wie Rühren, Durchwalken etc., verstärkt werden. Fluide, die ein solches „viskositätsreduzierendes“ Reaktionsmuster aufweisen, bezeichnet man als nicht-Newtonsche Fluide mit einem strukturviskosen Fließverhalten. Dies bedeutet, dass sich deren Wert von η verringert, wenn eine solche Flüssigkeit Scherkräften ausgesetzt wird; synonymhaft spricht man dann auch von Strukturviskosität oder „Pseudoplastizität“ (3). Darüber hinaus sind auch thermische Faktoren für den Wert von η bestimmend; so kommt es unter dem Einfluss von Wärme (Temperaturerhöhung) zu einer schnelleren Diffusion der Moleküle, was auch zur Reduktion von η führt. Unter Ruhebedingungen kehren die Molekülketten dann wieder in den ursprünglichen Zustand zurück; einen solchen Vorgang bezeichnet man als Relaxation der Molekülketten (3).
Nach diesem kurzen Diskurs in die Rheologie komplexer Fluide erfolgt nun der Versuch darzulegen, wie dieses Wissen die nach IPK+-Anwendungen außerordentlich starke ödemverdrängende Wirkung erklären könnte. Das Plus hinter IPK bedeutet, dass zu der altbekannten IPK zusätzlich definierte dickwandige Polsterungen, bestehend aus einer Unzahl kleiner Schaumstoffwürfel zwischen dem epifaszialen Gewebezylinder und der IPK-Manschette, aufgebracht werden. An den Extremitäten verwendet man Rundumversorgungen mittels Muffen; im Rumpf- und Genitalbereich kommen Kissen zum Einsatz. Die Überlegenheit der IPK+ gegenüber traditionell durchgeführter IPK (IPK t) besteht im Folgenden:
- Einer signifikant stärkeren ödemverdrängenden Wirkung (4, 5) und dem Potenzial, bekannte Schwachstellen der IPK t in der Knieregion und proximal am Oberschenkel (6) ausgleichen zu können.
- Im Gegensatz zu IPK t, die keine Wirkung im Genital- und Rumpfbereich erzielt (7), wurde von mehr als 20 Fällen berichtet, bei denen unabhängig vom Geschlecht deutlich sicht- und tastbare Therapieerfolge über IPK+ erzielt werden konnten (8).
- Darüber hinaus gelingt es, gewebemobilisierend zu wirken, daher induriertes Gewebe zu lockern und dieses zu entstauen, was nicht möglich ist, wenn nur glatte, im gefüllten Zustand harte Flächen einer IPK-Manschette auf den Hautmantel treffen (9).
Neu ist die gut abgesicherte Hypothese, dass starke Entstauungseffekte mittels IPK+ auf der Reduktion von η beruhen.
Ödemreduktion mittels IPK+
Betrachtet man, was unter einer Ödemtherapie mittels IPK+ geschieht, zeigt sich zunächst, dass unter einer Vielzahl von fortlaufend auf den Hautmantel treffenden Schaumstoffwürfeln Scherkräfte induziert werden. Unter dieser dickwandigen Polsterung wird zudem Körperwärme zurückgehalten, die der Ödemflüssigkeit zugeführt wird. Der unter den Manschetten nach zentralwärts abnehmende Druck bewirkt eine kontinuierliche Verdrängung der Ödemflüssigkeit, in deren Strömung es zur Orientierung und Streckung der Kettenmoleküle, verbunden mit reichlich Reibung zwischen diesen, kommt. Der Weg führt dabei durch die subkutan befindlichen Interzellularräume, die extrem enge Spalten aufweisen (10, 11). Beim Hindurchzwängen kommt es abermals zu Scherung, und Brüche in den Molekülketten wären auch denkbar. Die Summe all dieser Faktoren sollte somit zu verbesserten Fließeigenschaften der Ödemflüssigkeit beitragen, und solange das Fluid unter der Anwendung gewärmt und im Fluss gehalten wird, wird sich ein strukturviskoses Verhalten mit einer relativ niedrigen Viskosität einstellen (12).
In therapeutisch sinnvoller Weise wird das Ödem zu Körperbereichen mit intakten Lymphgefäßen geführt, wodurch dort die Sicherheitsventilfunktion des Lymphgefäßsystems aktiviert wird. Schlussendlich verläuft dadurch die Drainage über aktivierte Lymphgefäße bis hin zum Ziel
einer nahegelegenen regionären Lymphknotengruppe. IPK+ unterstützt dabei insofern, als dass die Manschetten bis möglichst nahe an die anzusteuernde Lymphknotengruppe heranreichen oder diese im Optimalfall miteinschließen. Somit kann z. B. mittels einer entsprechend unterpolsterten Hosenmanschette, die bis über den Bauchnabel reicht, Ödemflüssigkeit aus der unteren Körperhälfte in das Tributargebiet der axillären Lymphknoten verschoben und zeitgleich auf die Region der inguinalen Lymphknoten eingewirkt werden.
Weitere Informationen zur IPK+-Methode unter https://www.methode-morand.de/