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Die neue ESVS-Leitlinie zur chronischen venösen Erkrankung – Empfehlungen zum Ulcus cruris

Das Ulcus cruris venosum (UCV) stellt die Maximalvariante der chronischen venösen Insuffizienz dar. Mit der einer Prävalenz von 1 % in der allgemeinen Bevölkerung (1) ist das UCV nicht nur für eine hohe Morbidität verantwortlich, auch aus sozioökonomischer Sicht handelt es sich um eine herausfordernde Erkrankung. 


02.03.2023
Dr. Weber
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ZITIERWEISE: VASOMED 2023; 35(2): 46-47

In Anbetracht der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft wird die Prävalenz und damit die Bedeutung dieser Erkrankung in den kommenden Jahrzehnten weiter zunehmen. Eine wesentliche Herausforderung des UCV liegt in der hohen Chronizität, wobei die Rezidivrate nach drei Monaten bei bis zu 70 % liegt (2 3). In Anbetracht dessen wurde dem UCV in der neuen Leitlinie der European Society for Vascular Surgery (ESVS) vom Februar 2022 (4) erstmals ein eigenes Kapitel zugeteilt, welches im Detail den diagnostischen und therapeutischen Pfad vorgibt.

Die Basistherapie jeder Behandlung eines UCV stellt die Kompressionstherapie dar. Zahlreiche Studien konnten den positiven Einfluss der Kompressionstherapie auf die Abheilung des UCV demonstrieren (5). Idealerweise sollten beim UCV unelastische Kompressionsverbände mit einem Anpressdruck von mindestens 40 mmHg verwendet werden. Alternativ können bei kleinen Ulzerationen auch Zweikomponenten-Strumpfsysteme zur Anwendung kommen (4). 

Neben der Kompressionstherapie sollte im Rahmen der Ulkus-Therapie auch eine kausale Behandlung der pathologischen ambulatorischen Hypertension verfolgt werden. Der Vorteil einer raschen und definitiven Sanierung einer superfiziellen Veneninsuffizienz konnte durch die EVRA (Early Venous Reflux Ablation)-Studie (6) eindrucksvoll gezeigt werden. Denn im Gegensatz zu früheren randomisierten Studien (7–8) konnte die EVRA-Studie in der Gruppe der früh behandelten Ulzera nicht nur eine geringere Rezidivrate, sondern erstmals auch eine schnellere Abheilung der UCV zeigen (6). Auf Basis dieser Arbeit empfiehlt die ESVS-Leitlinie, dass Patienten mit UCV einer raschen endovenösen ablativen Therapie zugeführt werden, um die Abheilung zu beschleunigen und die Rezidivrate zu senken (Abb. 1). 

Besonders interessant erscheint hierbei, dass bei der EVRA-Studie verschiedene endovenöse Therapiemodalitäten herangezogen wurden, weshalb in den Leitlinien auch keine weitere Konkretisierung hinsichtlich der zu verwendenden Therapiemodalität erfolgt. Dies steht im Gegensatz zu den Empfehlungen der gleichen Leitlinie zur Stammvarikose der Vena saphena magna ohne UCV, bei der die thermalen ablativen Behandlungsmethoden als erste Wahl (Klasse-1A-Empfehlung) eingestuft werden. Zukünftige Studien werden hier die relative Bedeutung der wachsenden Zahl an verschiedenen endovenösen Therapiemodalitäten klären müssen, wobei hier neuere Studien auch die Bedeutung nicht-thermischer, nicht-tumeszenz-basierter Verfahren bei UCV-Patienten aufzeigen (9). 

Ergänzend zur Therapie der Stammvarikose findet sich in der neuen Leitlinie aber erstmals auch die Empfehlung, dass die ultraschallgezielte Schaumverödungsbehandlung des subulzerösen Venenplexus Teil einer jeden Behandlungsstrategie bei UCV-Patienten sein sollte (4). Dies geht wohl nicht zuletzt auch auf die wachsenden Erkenntnisse über die Bedeutung der mikro­zirkulatorischen kutanen Veränderungen im Rahmen der Ulkus-Entstehung zurück. Im Zusammenspiel der verschiedenen Therapiemodalitäten sollte gewissermaßen eine maximale Abkoppelung des Ulkus-Milieus von der ambulatorisch-venösen Hypertension erzielt werden. Am Ende findet sich erstmals auch eine Empfehlung, dass bei Patienten mit UCV und nachgewiesener iliakaler Ausflussobstruktion eine endovenöse Rekanalisierung in Erwägung gezogen werden soll (4), auch wenn sich diese Empfehlung bislang noch nicht auf randomisiert-kontrollierte Daten stützen kann. 

Der Beitrag beruht auf einem Vortrag bei den 29. Bonner Venentagen am 31.3.-1.4.2023.

1.    Posnett J, Gottrup F, Lundgren H et al. The resource impact of wounds on health-care providers in Europe. J Wound Care 2009;18:154e61.
2.    McDaniel HB, Marston WA, Farber MA et al. Recurrence of chronic venous ulcers on the basis of clinical, etiologic, anatomic, and pathophysiologic criteria and air plethysmography. J Vasc Surg 2002;35:723e8. 
3.    Finlayson K, Wu ML, Edwards HE. Identifying risk factors and protective factors for venous leg ulcer recurrence using a theoretical approach: a longitudinal study. Int J Nurs Stud 2015;52: 1042e51.
4.    De Maeseneer M, Kakkos SK, Aherne T et al. Editor's Choice - European Society for Vascular Surgery (ESVS) 2022 Clinical Practice Guidelines on the Management of Chronic Venous Disease of the Lower Limbs. Eur J Vasc Endovasc Surg 2022;63(2):184-267.
5.    Rabe E, Partsch H, Hafner J et al. Indications for medical compression stockings in venous and lymphatic disorders: an evidence-based consensus statement. Phlebology 2018;33:163e84.
6.    Gohel MS, Heatley F, Liu X et al. A randomized trial of early endovenous ablation in venous ulceration. N Engl J Med 2018;378:2105e14.
7.    van Gent WB, Catarinella FS, Lam YL et al. Conservative versus surgical treatment of venous leg ulcers: 10-year follow up of a randomized, multicenter trial. Phlebology 2015;30(1 Suppl):35e41. 
8.    Davies AH, Hawdon AJ, Greenhalgh RM et al. on behalf of the USABLE trial participants. Failure of a trial evaluating the effect of venous surgery on healing and recurrence rates in venous ulcers? The USABLE trial: rationale, design and methodology, and reasons for failure. Phlebology 2004;19:137e42.
9.    O'Banion LA, Reynolds KB, Kochubey M et al. A comparison of cyanoacrylate glue and radiofrequency ablation techniques in the treatment of superficial venous reflux in CEAP 6 patients. J Vasc Surg Venous Lymphat Disord 2021;9(5):1215-1221.

Autor

Korrespondenzadresse
Ap. Prof. Dr. Dr.  Benedikt Weber
Universitätsklinik für Dermatologie
Medizinische Universität Wien
Lazarettgasse 14a A-1090 Wien
benedikt.weber(at)meduniwien.ac.at