Fallstricke bei der Antikoagulation von Thrombosen in Sinus, Arm-, Viszeral-, Haut- und Tarsalvenen
Leitschiene für die Antikoagulation von Thrombosen ist die Beinvenenthrombose; allerdings liegen für die Behandlung in anderen Körperregionen deutlich weniger Daten vor. Außerdem ergeben sich gelegentlich besondere Probleme wegen gleichzeitig erhöhter Blutungsgefahr. Das gilt vor allem für Thrombosen in Hirnsinus und in viszeralen Venen (1).
Thrombosen in Sinus und/oder in zerebralen Venen (Abb. 1) sind mit drei bis fünf Fällen pro 1 Mio. Einwohner selten (2). Sie treten meistens im Alter zwischen 30 und 40 Jahren auf und betreffen Frauen häufiger als Männer (3:1). Ursächlich sind hormonelle Antikonzeptiva (50 %) und thrombophile Diathesen (25–30 %) relevant; in 25 % der Fälle ist keine Ursache nachweisbar. Die Prognose ist oft ungünstiger als bei Thrombosen in anderen Regionen: Mortalität durchschnittlich 5,6 (0–15) %, Thromboseresiduen 10 %, Rezidivneigung 2,0–2,4 %. Besonders gefürchtet ist die septische Sinusthrombose. Die Antikoagulation erfolgt initial mit Heparin, meist mit niedermolekularem Heparin (NMH) in therapeutischer Dosierung. Das gilt bei Erwachsenen in der Regel auch, wenn gleichzeitig eine Hirnblutung besteht (was häufig zutrifft). Zur Rezidivprophylaxe werden Vitamin-K-Antagonisten (VKA) empfohlen. Vergleichbare Ergebnisse liegen bei den direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) für Dabigatranetexilat in der RESPECT-Studie vor (3). Zur Rezidivprophylaxe wird in Schwangerschaft/Wochenbett prophylaktisch NMH verabreicht.
Armvenenthrombose
Arm- und Schultervenenthrombosen treten in 20–50 % primär als Paget-von-Schrötter-Syndrom (mit oder ohne venöses Thoracic-Outlet-Syndrom, TOS) und in bis zu 70 % sekundär aufgrund von implantierten Kathetern, häufig Portkatheter bei Malignomen, auf. Die Antikoagulation erfolgt analog zur Beinvenenthrombose, jedoch häufig kürzer, nur drei bis sechs Monate. Wichtig ist, einen funktionierenden Portkatheter in situ zu belassen, solange er potenziell gebraucht werden könnte, und das ist meistens länger als die Akuttherapie eines zugrunde liegenden Malignoms.
Von viszeralen Thrombosen betroffen sind Mesenterial-, Portal- und Lebervenen (= Budd-Chiari-Syndrom). Es besteht eine hohe Korrelation mit einer Leberzirrhose sowie mit myeloproliferativen Neoplasien (MPN). Häufig ist eine Korrelation mit einer JAK2-V617F-Mutation gegeben (80–87 %). Die Klinik variiert von „stumm“ bis zu stärksten Bauchschmerzen. Eine rasche Diagnostik mit Sonographie, in der Regel aber direkt Computertomographie, ist überlebenswichtig. Bei portaler Hypertension ist zusätzlich eine Gastroskopie erforderlich. Die Prognose ist häufig ernst. Therapeutisch sind spezifische Behandlungen wie zytoreduktive Therapie bei MPN, endovaskuläre oder ösophagale Interventionen sowie die Antikoagulation wichtig. Meistens wird initial Heparin verabreicht, v. a. bei instabiler Situation und/oder hoher Blutungsgefahr. In stabilem Zustand sind durchaus DOAK gegenüber VKA zu bevorzugen, wenngleich die Datenlage noch gering sowie optimale Dosis und Therapiedauer noch unklar sind. Häufige Re-Evaluationen, z. B. in dreimonatigen Abständen, sind erforderlich, um Blutungs- vs. Thromboserisiko gegeneinander abzuwägen. Getriggerte Thrombosen werden drei bis sechs Monate antikoaguliert, bei nicht getriggerten Thrombosen bzw. starken fortbestehenden Risikofaktoren sowie auch beim Budd-Chiari-Syndrom ist eine lange, ggf. lebenslange, Antikoagulation zu erwägen (Abb. 2) (4).
Oberflächliche Venenthrombose
Oberflächliche Venenthrombosen sind häufig und meistens harmlos. Sie gehören zum Krankheitsbild einer schweren Varikose dazu und kommen im Rahmen von Interventionen wie endoluminalen Obliterationen oder Sklerosierungen vor sowie auch unabhängig davon. Seltener, dann aber häufig Indikator einer relevanten Grundkrankheit wie Malignom oder Infektionskrankheit, sind oberflächliche Thrombosen in gesunden Venen. Es wird empfohlen, eine gleichzeitige tiefe Venenthrombose sonographisch auszuschließen. Eine Antikoagulation ist erforderlich, wenn der thrombotische Strang länger als 5 cm ist. In einer randomisierten Studie erprobt ist für diese Situation Fondaparinux 2,5 mg/Tag s.c. für 45 Tage (5). NMH kann alternativ erwogen werden, z. B. in einer halbtherapeutischen Dosis. Eine längere Behandlungsdauer, z. B. drei Monate, kommt bei hohem Risikoprofil in Betracht. Dazu gehören ältere Männer (>65 Jahre), vorbestehende Grundkrankheiten wie vorangegangene thrombo-embolische Ereignisse, Malignome, Autoimmunkrankheiten sowie der Befall nicht-variköser Venen. Die Erkenntnis dazu stammt aus einer Studie, in der 10 mg Rivaroxaban/Tag oral verabreicht wurde (6). Bei Annäherung von weniger als 3 cm an eine Crosse sollte therapeutisch analog zur tiefen Venenthrombose antikoaguliert werden.
Tarsalvenenthrombose
Tarsalvenenthrombosen werden mit einer gewissen Latenz von neun (1–21) Tagen diagnostiziert, wenn überhaupt (7). Sie betreffen vor allem die laterale Venengruppe, weisen relativ oft eine Mitbeteiligung von tiefen Beinvenen und oberflächlichen Venen (je 30 %) auf und rezidivieren häufig. Die Diagnosestellung erfolgt sonographisch. Therapeutisch gelingt eine rasche Rückbildung von Symptomen und Ausdehnung mit NMH oder Fondaparinux in therapeutischer Dosis für vier bis sechs Wochen, bei gleichzeitiger Beinvenenthrombose für drei Monate. Aus Praktikabilitätsgründen können auch DOAK eingesetzt werden.
Der Beitrag beruht auf einem Vortrag bei den 29. Bonner Venentagen am 31.3.-1.4.2023.
1. Hach-Wunderle V et al. Diagnostik und Therapie der Venenthrombose und der Lungenembolie. VASA 2016;45(Suppl. 90):1-48. 2. Kurth T et al. Zerebrale Venen- und Sinusthrombose. S2k-Leitlinie der DG Neurologie 2018; AWMF-Registernumer 030/098. 3. Ferro JM, Coutinho JM, Dentali F et al. for the RESPECT CVT Study Group: Safety and Efficacy of Dabigatran Etexilate vs Dose-Adjusted Warfarin in Patients With Cerebral Venous Thrombosis. A Randomized Clinical Trial. JAMA Neurology. 2019;76:1457-1465. 4. Di Nisio M et al. Anticoagulant therapy for splanchnic vein thrombosis. ISTH SSC Control of Anticoagulation. JTH 2020;18:1562-1568. 5. Decousus H et al. for the CALISTO Study Group. Fondaparinux for the Treatment of Superficial-Vein Thrombosis in the Legs. N Engl J Med 2010;363:1222-1232. 6. Beyer-Westendorf J et al. Rivaroxaban Versus Fondaparinux in the Treatment of Superficial Vein Thrombosis – the Surprise Trial. Blood 2016;128:85. 7. Czihal M et al. Clinical characteristics and course of plantar vein thrombosis: a series of 22 cases. Phlebology 2015;30:714-718.
Autorin
Korrespondenzadresse Prof. Dr. med. Viola Hach-Wunderle Gefäßzentrum am Krankenhaus Nordwest Steinbacher Hohl 2-26, 60488 Frankfurt/Main und Praxis Innere Medizin und Gefäße Fahrgasse 89, 60311 Frankfurt/Main Hach-Wunderle(at)-t-online.de
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