Die Bandbreite der Kompressionstherapie beim Lymphödem
Die Kompressionstherapie ist ein wichtiger Bestandteil der Behandlung von Lymphödemen. Der externe Druck auf die Haut reduziert das Ödem und hat Einfluss auf die Fibrosierung des Gewebes. Für die Kompressionsbehandlung der Ödempatienten stehen uns Bandagierungen, Kompressionsstrümpfe, Medizinische Adaptive Kompressionssysteme (MAK) und die Intermittierende Pneumatische Kompression (Apparative Intermittierende Kompression) zur Verfügung.
Zur Komplettierung muss erwähnt werden, dass auch Wasser, z. B. bei Wassergymnastik oder Aquacycling, eine komprimierende Wirkung hat. Kompressionsmaterialien unterscheiden sich in Form und Wirkungsweise. Bei Strümpfen, Bandagen und MAK sind Dehnbarkeit und Stiffnes wichtige Unterscheidungskriterien. Kurzzugbinden sind weniger als 60 % dehnbar, Langzugbinden meist über 100 %. Stiffness beschreibt den Anstieg des Druckes bei 1 cm Umfangszunahme. Der Statische Stiffness-Index (SSI) ist die Druckdifferenz zwischen stehender und liegender Position. Im Alltag ist die Anwendbarkeit in verschiedenen Ödem- und Lebenssituationen entscheidend. Dank kreativer Entwicklungen der Industrie hat sich die Bandbreite der Kompressionsmöglichkeiten erheblich erweitert. Kompressionsmittel sind Hilfsmittel und die Verordnung unterliegt den Hilfsmittelrichtlinien.
Medizinische Kompressionssysteme
Lymphologischer Kompressionsverband
Der lymphologische Kompressionsverband (LKV) ist mehrlagig und setzt sich aus Polstermaterial, Mullbinden, Kurzzug- und vereinzelt auch Langzugbinden zusammen. Bei Armen und Beinen wird zur Schonung der Haut zunächst ein Schlauchverband übergestreift. Anschließend erfolgt eine Polsterung besonders vorstehender Knochen und Gelenke zumeist mit Schaumstoff. Die früher oft verwendete Watte kann feste Knoten bilden und verliert unter Kompression mitunter die schützende Wirkung.
Ballonierte Hand- und Fußrücken, sowie die Retromalleollarregion werden mit Pelotten versehen. Auch in tiefen Falten, Ellenbogen und Kniekehle wird eine Polsterung gegeben. An Händen und Füßen beginnt die Bandagierung mit Mullbinden. Weiterhin wird ein mehrlagiger Kurzzugverband angelegt. Die Bindenbreite richtet sich nach der zu komprimierenden Region. An den Oberschenkeln kann zur Stabilisierung eine Langzubinde angebracht werden. Der Kurzzugverband ist sehr individuell in Form und Druck anzulegen. Risiken sind neben Herabrutschen durch zu lockere Kompression vor allem ein lokal zu hoher Druck mit folgender Drucknekrose an der Haut.
Der lymphologische Kompressionsverband wird in der Entstauungsphase (Phase 1) der Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie (KPE) täglich angelegt. In der Erhaltungsphase (Phase 2) verbessert er das Ergebnis der Manuellen Lymphdrainage am Tag der Behandlung, kann aber auch über Nacht oder bei vorübergehender Progredienz appliziert werden. Der Patient sollte deshalb mit der Anlage vertraut sein.
Die Bestandteile des lymphologischen Kompressionsverbandes sind für gesetzlich Versicherte in Deutschland mit Ausnahme des Polstermaterials verordnungsfähig. Bei vorbestehenden Sets ist die Kostenübernahme im Einzelfall zu prüfen.
Zur Behandlung des Lymphödems werden zumeist flachgestrickte Kompressionsstrümpfe verwendet. Individuell sind aber auch rundgestrickte Strümpfe oder Kombinationen möglich. Der Druck wird in vier Kompressionsklassen eingeteilt. Entscheidend für die Verordnung sind die Art des Ödems, Komorbiditäten, Körperform und Praktikabilität im Alltag. Der rundgestrickte Strumpf wird aus gleicher Maschenzahl zirkulär gefertigt und vorwiegend bei phlebologischen Krankheitsbildern verwendet. Er hat meist eher Langzugeigenschaften und eine niedrigere Stiffness. Bei geringen Lymphödemen schlanker Patienten oder in Kombinationen mit Flachstrick ist auch ein rundgestrickter Strumpf möglich.
Flachgestrickte Stümpfe werden individuell gefertigt und haben meist eine Naht. Für Hände und Zehen gibt es aber auch nahtfreie Ware. Die vielseitige Kombinierbarkeit mit Pelotten, Mehrteiligkeit, unterschiedlichen Materialien und Drücken ist entscheidend für den Einsatz bei Ödempatienten. Mit Flachstrick können auch Kopf und Rumpf versorgt werden. Eine Herausforderung stellt die Genitalregion dar. Hier ist am Skrotum und Penis mitunter eine zusätzliche Bandagierung erforderlich. Um eine Zunahme des Ödems über Nacht zu vermeiden, bzw. eine weitere Reduktion zu erreichen, ist die Anlage eines Nachtkompressionsstrumpfes aus hautfreundlichem, weichem Material möglich.
Kompressionsstrümpfe sind in allen Kompressionsklassen verordnungsfähig. Der Patient sollte mindestens eine Wechselversorgung und eine ausreichende Anzahl Kompressionsmittel haben.
Medizinische Adaptive Kompressionssysteme
Seite einigen Jahren sind Medizinische Adaptive Kompressisonssysteme auf dem Markt. Sie bestehen aus Kurzzugmaterial und der Druck kann mithilfe von Klettverschlüssen individuell dosiert werden. Die Anwendung ist sowohl in der Entstauungsphase in Kombination mit zusätzlicher Zehen- oder Fingerbandagierung als auch in der Erhaltungsphase zur passageren Kompression über dem Strumpf möglich. Die im Vergleich zum Kompressionsstrumpf einfachere Anlage – vor allem bei wenig beweglichen Patienten – und die Möglichkeit, den Druck eigenständig einzustellen, sind weitere Vorteile. Nachteilig ist das größere Volumen, das entsprechendes Schuhwerk und Bekleidung erfordert. Die Verordnungsfähigkeit ist in Deutschland inzwischen für einige Produkte gegeben. Diverse Hersteller haben Hilfsmittelnummern beantragt, sodass künftig die Implementierung der Systeme in die Therapie einfacher wird.
Intermittierende pneumatische Kompression
Apparative Kompressionsgeräte aus dem lymphologischen Bereich haben Manschetten für Arme, Rumpf und Beine mit 12–24 Luftkammern, die sich meist wellenförmig füllen und entleeren. Der Andruck kann individuell dosiert werden. Die Kombination mit Kompressionsbestrumpfung und unregelmäßigen Polstermaterialien steigert die Wirksamkeit im Hinblick auf Ödemreduktion und Fibroselockerung. Die Patienten sollten angeleitet werden, zu Beginn selbst manuell zentral zu entstauen. IPK-Geräte sind als Heimgeräte verordnungsfähig und oft eine sinnvolle Ergänzung zur KPE.
Die Bandbreite der Kompression ist inzwischen beachtlich, hängt aber letztendlich von der Mitarbeit des Patienten sowie dem Therapeuten, dem Sanitätshaus und dem verordnenden Arzt ab. Wechselnde Lebenssituationen erfordern Anpassungen, die bei richtiger Anwendung die Lebensqualität deutlich verbessern.
Der Beitrag beruht auf einem Vortrag bei den 29. Bonner Venentagen am 31.3.-1.4.2023.
Autorin
Korrespondenzadresse Dr. med. Anya Miller Wilmersdorfer Straße 62 10627 Berlin miller(at)miller-derma.de
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