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vasomed 2/23

Versorgungsoptionen in der Entstauungsphase – ein praxisnaher Blick auf deren Vor- und Nachteile

Die Auswahl von Materialien für den phlebologischen Kompressionsverband (PKV) orientiert sich an den Bedürfnissen des Betroffenen sowie an seiner Akzeptanz gegenüber der Therapie. 


02.03.2023
K. Protz
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In der Entstauungsphase der phlebologischen Kompressionstherapie wird eine starke Kompression mit Drücken von 40–60 mmHg benötigt, um Beinödeme zu reduzieren (6). Leider ist es im Versorgungsalltag kaum möglich, den therapierelevanten Druck unterhalb eines PKV zuverlässig zu erreichen bzw. zu überprüfen. Die Entstauungsphase sollte bei sachgerechter Anlage und entsprechender Adhärenz nach zwei bis vier Wochen abgeschlossen sein (13). Allerdings werden Betroffene oft erheblich länger mit PKV versorgt (9). Um prolongierte Therapiephasen zu vermeiden, empfiehlt sich einmal wöchentlich die Messung von Vorfuß-, Knöchel- und Wadenumfang. In der Praxis erfolgt dies allerdings nur selten (9). 

Versorgungsoptionen

In der Entstauungsphase werden Materialien benötigt, die sich bei Ödemreduktion leicht anpassen lassen, z. B. Kurzzugbinden, Mehrkomponentensysteme oder Medizinische Adaptive Kompressionssysteme.    

Kurzzugbinden

Unelastische Kurzzugbinden sind in Deutschland die häufigste Versorgungsform für die Anlage eines PKV. Solche PKV verlieren innerhalb kurzer Zeit erheblich an Kompressionsdruck (3, 4, 8). Kurzzugbinden sind aus hygienischen Gründen täglich zu wechseln und zu waschen. Da ihre Elastizität nach 15 Wäschen spürbar nachlässt, sollten nach zwei Wochen neue Binden verordnet werden. Allerdings werden PKV mit Kurzzugbinden, die ihre Elastizität verloren haben, oft über Wochen und Monate ohne Überprüfung eines Entstauungserfolgs weiter angelegt (Abb. 1) (9). Laut AWMF S2k-Leitlinie zur Kompressionstherapie ist die Nutzung von Kurzzugbinden für einen PKV kritisch zu sehen. In der Praxis werden weder zuverlässig ein therapierelevanter Druck erreicht noch eine fachgerechte Ausführung durchgeführt (11). In einem Praxistest mit 1.100 Teilnehmenden erwirkten nur knapp 12 % einen therapierelevanten Druckwert (2). Auch eine Selbstanlage von PKV mit Kurzzugbinden durch Patienten führt eher zu keinem guten Ergebnis (12). Unsachgemäße PKV verlängern die Entstauungsphase und mindern die Lebensqualität des Patienten

Mehrkomponentensysteme

Mehrkomponentensysteme sind PKV mit Kurzzubinden in der Effektivität überlegen (7, 10). Zudem wird für die Anlage signifikant weniger Zeit benötigt (10). Im Vergleich zu Kurzzugbinden sind Mehrkomponentensysteme kosteneffektiver, da sich schneller ein Entstauungserfolg einstellt und somit gleichzeitig weniger Kosten für Personaleinsatz und Verbandmittel anfallen (1). Das Tragegefühl ist besser, und die therapierelevanten Drücke sind einfacher zu generieren, da viele dieser Systeme über spezielle Dehnungstechniken oder visuelle Marker verfügen (10). Eine Selbstanlage bzw. Anlage durch Angehörige ist möglich (14). Einige Mehrkomponentensysteme sind zudem als „Lite“-Varianten erhältlich, mit denen auch Patienten mit arteriellen Durchblutungsstörungen (ohne kritische Ischämie) versorgt werden können. 

Medizinische Adaptive Kompressionssysteme (MAK)

Solche Systeme werden auch als Klettbandagen bezeichnet. Hierbei wird eine bei korrekter Pflege bis zu einem halben Jahr wiederverwendbare Manschette um die zu komprimierende Extremität angelegt und mit Klettbändern oder Häkchen verschlossen. Einige Systeme verfügen über Markierungen oder Dehnungstechniken, um den therapeutischen Druck gezielt einstellen zu können. Bei Abnahme des Beinumfangs lassen sich die Klettstreifen einfach und individuell nachjustieren (5, 10). Bei noch ausreichender Beweglichkeit können Patienten oder auch ihre Angehörige MAK oft nach kurzer Einführung selbst anlegen. Dies fördert ihr Selbstmanagement und erhöht die Adhärenz. 

Fazit 

Es werden Versorgungsoptionen benötigt, die einfach, sicher und zuverlässig zu applizieren sind, den Patienten nicht in seinem Alltag einschränken und seine Lebensqualität erhöhen. 

Der Beitrag beruht auf einem Vortrag bei den 29. Bonner Venentagen am 31.3.-1.4.2023.

1.    Dissemond J, Protz K, Moelleken M et al. Kompressionstherapie bei Patienten mit Ulcus cruris – welche Kosten entstehen wirklich? Phlebologie 2020;49(2):79-86.
2.    Heyer K, Protz K, Augustin M. Compression Therapy – Cross-sectional observational survey about knowledge and practical treatment of specialized and non-specialized nurses and therapists. Int Wound J 2017;14(6):1148-1153.
3.    Jünger M, Ladwig A, Bohbot S et al. Comparison of interface pressures of three compression bandaging systems used on heathy volunteers. J Wound C 2009;18(11):476-480.  
4.    Larsen AM, Futtrup I. Watch the pressure – it drops. EWMA Journal 2004;4(2):8–12.
5.    Mosti G, Partsch H. Druckmessungen unter Klettverschluss-Kompression. Selbstbehandlung durch feste, unelastische Beinwickelung. Vasomed 2017;29:212–216.
6.    Partsch et al. Classification of Compression Bandages: Practical Aspects. Dermatol Surg 2008;34:600–609.
7.    O'Meara S, Cullum N, Nelson EA et al. Compression for venous leg ulcers. Cochrane Database Syst Rev 2012;11:CD000265. 
8.    Protz K, Heyer K, Verheyen-Cronau I et al. Loss of interface pressure in various compression bandage systems over seven days. Dermatology 2014;229(4):343-352.
9.    Protz K et al. Kompressionstherapie - Versorgungspraxis: Informationsstand von Patienten mit Ulcus cruris venosum. J Dtsch Dermatol Ges 2016;14(12):1273-1283.  
10.    Protz K, Reich-Schupke S, Klose K et al. Kompressionsmittel für die Entstauungstherapie. Vergleichende Erhebung im Querschnitt zu Handhabung, Anpressdruck und Tragegefühl. Hautarzt 2018;69(3):232-241.
11.    Rabe E, Földi E, Gerlach H et al. S2k-Leitlinie Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK). Hautarzt 2021;72:137-52.
12.    Renner R, Gebhardt C, Simon JC. Compliance to compression therapy in patients with existing venous leg ulcers. Results of a cross-sectional study. Med Klein (Munich) 2010;105(1):1-6.
13.    Stücker M, Altmeyer P, Reich-Schupke S. Therapie des Ulcus cruris venosum. Neues und Bewährtes. Hautarzt 2011;62:504-508.
14.    Weindorf M, Stoffels I, Klode J et al. Einfluss visueller Kontrollsysteme auf den Druck von Kompressionsverbänden. Erste Resultate einer prospektiven klinischen Untersuchung verschiedener Anwenderkollektive. Phlebologie 2012;41:18-24.

Autor

Korrespondenzadresse
Kerstin Protz
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kerstin.protz(at)gmx.de