Kompressionstherapie beim Erysipel – Kontraindikation oder neuer Standard?
Bis vor wenigen Jahren war es völlig klar, dass die Kompression des Beins bei akuter bakterieller Entzündung der Haut kontraindiziert war (5). Es bestand die Sorge, dass es durch eine mögliche Keimverschleppung zu septischen Komplikationen kommen könnte. Bereits seit längerem wird der Wiedereinsatz lymphtherapeutischer Maßnahmen beim Erysipel der Beine diskutiert (6).
Hierbei etabliert ist die Einschätzung, dass wenn die Antibiose klinisch greift, der Patient immunkompetent und fieberfrei ist und die lokale Schmerztherapie es zulässt, lymphtherapeutische Maßnahmen wieder eingeleitet werden können (6). Trotz dieser langjährigen Diskussion hat sich – wohl aus „Sicherheitsgründen“ – die Regel etabliert, dass wenn ein Erysipel auftritt, die Behandlung mit manueller Lymphdrainage und Kompression bis zur Abheilung des Erysipels und Freigabe durch den behandelnden Arzt kontraindiziert ist (9). Um es vorwegzunehmen: Diese Einschätzung wird durch die aktuellen Leitlinien und aktuelle Daten nicht gestützt.
Erysipel und Ödem
Als Risikofaktor für rezidivierende Erysipele gelten Hautverletzungen (Odds Ratio (OR) 1,9), Lymphödem (OR 19,6) und Adipositas (OR 2,3) (3). Zwei Faktoren dürfen als ursächlich für die signifikant häufiger auftretenden rezidivierenden Erysipele bei Ödempatienten gelten: Zum einen haben Ödempatienten mit zunehmendem Schweregrad des Ödems häufiger interdigitale Läsionen als mögliche Eintrittspforten für Streptokokken. Mit zunehmender Zahl dieser interdigitalen Läsionen steigt auch die Häufigkeit der Erysipele (4). Zum anderen kommt es offensichtlich bei Ödempatienten unter einer intravenösen Standardantibiose zu einer unzureichenden Erregerelimination. Dies zeigte sich bei einer Studie an Patienten mit mindestens zehn Erysipelepisoden in den letzten zwei Jahren und anhaltenden chronischen Entzündungszeichen der Beine. Bei diesen Patienten sank auch unter rezidivierender Antibiose mit intravenös appliziertem Penicillin der Antistreptolysin (ASL)-Titer erst nach drei Antibiosen unter Normalwerte ab (1) (Abb. 1).
Aktuelle Leitlinien und Studiendaten
Erstmals wurde 2020 in einem Konsensusdokument das Erysipel nicht mehr als Kontraindikation für die Kompressionstherapie gelistet, sondern im Gegenteil, zusätzlich zur Antibiose eine Kompressionstherapie als Indikation empfohlen. Wörtlich hieß es in dem Konsensusdokument unter Empfehlung 19: „We suggest additional compression, in purpura due to leucocytoclastic vasculitis and in leg erysipelas or cellulitis, to reduce inflammation, pain and oedema. In infectious inflammation, we suggest compression only in combination with antibacterial treatment.“ (8). Diese Aussage des Konsensuspapiers spiegelt sich in der aktuellen deutschen AWMF-Leitlinie zur medizinischen Kompressionstherapie wider (7). In dieser Leitlinie wird das Erysipel ebenfalls nicht als eine Kontraindikation aufgelistet. Vielmehr werden unter Empfehlung 28 explizit entzündliche Dermatosen der Beine als Indikation zur Kompressionstherapie gesehen.
Diese Einschätzung wurde in einer retrospektiven Analyse an 53 stationären Patienten überprüft (2). Bei dieser Analyse wurde vom ersten Tag der stationären Behandlung eine Antibiose und gleichzeitig eine Kompressionstherapie mit Kompressionsbandagen eingesetzt. Bei allen Patienten kam es vom ersten Tag bis zum Tag der Entlassung zu einem signifikanten Abfall der Leukozyten und des CRP-Wertes. Von größter Bedeutung war, dass im Mittel kein Anstieg der Leukozyten und des CRPs nach einem Tag unter Kompressionstherapie bei floridem Erysipel auftrat. Die Autoren schlussfolgern daraus, dass die befürchtete Komplikation der Keimverschleppung nicht auftrat. Septische Komplikationen wurden nicht beobachtet.
Fazit für die Praxis
Ödeme sind ein wichtiger Risikofaktor für Erysipele.
Ödematöse Extremitäten werden unter alleiniger Antibiose oft nur verzögert erysipelfrei.
In der aktuellen Leitlinie gilt das Erysipel nicht als Kontraindikation einer Kompression.
Retrospektive klinische Daten zeigen, dass es unter sofortiger Kompression beim Erysipel bei gleichzeitiger Antibiose nicht zur Sepsis und nicht zu einem signifikanten Anstieg von Leukozyten und CRP kommt.
Klinische Erfahrungen deuten auf eine schnellere Abheilung des Erysipels unter sofortigem und gleichzeitigem Beginn von Antibiose und Kompression.
Zu klären ist, ob die Rezidivrate durch eine frühzeitige Kompressionstherapie abgesenkt werden kann.
1. Allard P, Stücker M, von Kobyletzki G et al. Zyklische intravenöse Antibiose als effizientes Therapiekonzept des chronisch-rezidivierenden Erysipels. Hautarzt. 1999;50(1):34-8. German. doi: 10.1007/s001050050861. PMID: 10068929. 2. Eder S, Stücker M, Läuchli S, Dissemond J. Ist die Kompressionstherapie bei Erysipel des Unterschenkels kontraindiziert? Resultate einer retrospektiven Analyse. Hautarzt. 2021;72(1):34-41. German. doi: 10.1007/s00105-020-04682-4. PMID: 32930854. 3. Hali F, Belanouane S, Zarouali Ouariti K et al. Erysipelas of the leg: A cross-sectional study of risk factors for recurrence. Ann Dermatol Venereol. 2022;149(2):119-122. doi: 10.1016/j.annder.2021.08.006. Epub 2021 Nov 4. PMID: 34742579. 4. McPherson T, Persaud S, Singh S et al. Interdigital lesions and frequency of acute dermatolymphangioadenitis in lymphoedema in a filariasis-endemic area. Br J Dermatol. 2006;154(5):933-41. doi: 10.1111/j.1365-2133.2005.07081.x. PMID: 16634898. 5. Mendoza E. Wirkweise und Indikationen zur Kompression in der Praxis. Ars Medici 2013;3:122-124. 6. Nestoris S. Lymphtherapeutische Maßnahmen beim Erysipel der Beine. Eine Kontraindikation bei der Behandlung? Phlebologie 2011;40:135-138. 7. Rabe E, Földi E, Gerlach H et al. Medizinische Kompressionstherapie der Extremitäten mit medizinischem Kompressionsstrumpf (MKS), phlebologischem Kompressionsverband (PKV) und medizinischen adaptiven Kompressionssystemen (MAK): S2k-Leitlinie der DGP in Kooperation mit folgenden Fachgesellschaften: DDG, DGA, DGG, GDL, DGL, BVP. Hautarzt. 2021;72(2):137-152. German. doi: 10.1007/s00105-020-04734-9. PMID: 33301064. 8. Rabe E, Partsch H, Morrison N et al. Risks and contraindications of medical compression treatment - A critical reappraisal. An international consensus statement. Phlebology. 2020;35(7):447-460. doi: 10.1177/0268355520909066. Epub 2020 Mar 2. PMID: 32122269; PMCID: PMC7383414. 9. www.lymphologicum.de; Abruf 11.12.2023.
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. med. Markus Stücker Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie Venenzentrum der Dermatologischen und Gefäßchirurgischen Kliniken Kliniken der Ruhr-Universität Bochum Im St. Maria-Hilf-Krankenhaus Hiltroper Landwehr 11–13 , 44805 Bochum markus.stuecker(at)klinikum-bochum.de www.venenzentrum-uniklinik.de
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