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Gefäßmedizin, Medizin Gefäßmedizin Gefäßmedizin, vasomed
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Aneurysma einer persistierenden A. ischiadica als Ursache einer kompletten Unterschenkelischämie

Die persistierende Arteria ischiadica (PAI) ist eine sehr seltene Gefäßanomalie mit einer Inzidenz von 0,01–0,06  % (1), welche mit einer hohen Rate an Komplikationen verknüpft ist. Sie neigt aufgrund eines minderwertigen Gefäßaufbaus zu Vaskulopathien. Insbesondere aneurysmale Dilatationen der A. ischiadica sind mit einer hohen Inzidenz dokumentiert worden. Beschrieben wird die Therapie eines 65-jährigen Patienten mit einer persistierenden unilateralen, vollständigen A. ischiadica mit einem embolisierenden Aneurysma, welches rezidivierend zur kompletten Ischämien am rechten Fuß führte. 


02.11.2023
A. El Hanash
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Schlüsselwörter: persistierende A. ischiadica, Aneurysma, Unterschenkelischämie, Aneurysma-Ausschaltung, Revaskularisation der Unterschenkel- und Fußarterien

ZITIERWEISE: VASOMED 2023; 35(5): 201-203

Anatomisch entspricht die A. ischiadica einer Verlängerung der A. glutea inferior und begleitet den N. ischiadicus ab dem Foramen ischiadicum bis zum Knie, wo sie in die Unterschenkelarterien mündet und zu den muskelversorgenden Arterien gehört. Als Ast der Umbilikalarterie versorgt die A. ischiadica während der Embryo­nalentwicklung die untere Extremität mit Blut. Während sich die A. femoralis superficialis (AFS) entwickelt, bildet sich die A. ischiadica nomalerweise im dritten Schwangerschaftsmonat zurück (2, 3). Bei Störungen der Ausbildung der Femoralarterie persistiert die A. ischiadica. Die Gründe für die fehlende Rückbildung in Kombination mit einer inkompletten Entwicklung bzw. Abwesenheit der Femoralgefäße sind bislang unklar. Eine persistierende A. ischiadica ist gewöhnlich dilatiert und weist einen gewundenen Gefäßverlauf auf (4). 

Pathophysiologisch wird zwischen fünf Formen der persistierenden A. ischiadica unterschieden. Von diesen haben Pillet und Kollegen vier beschrieben (5, 6); Gauffre et al. haben eine fünfte Form hinzugefügt (7) (Tab. 1). Eine simplifizierte Einteilung unternahmen Bower und Kollegen (8). In Abhängigkeit der Blutversorgung der unteren Extremitäten wird unterschieden zwischen einem kompletten Typ der A. ischiadica (Hauptversorger bei gleichzeitig hypoplastischer AFS) und einem inkompletten Typ, bei dem die AFS das Hauptgefäß darstellt und die A. ischiadica hypoplastisch angelegt ist.

Die A. ischiadica bildet später die Arteria comitans nervi ischiadici und begleitet den Nervus ischiadicus meistens bis in den distalen Oberschenkelbereich und gilt daher als seine Begleitarterie. In sehr seltenen Fällen persistiert dieses Gefäß und die A. femoralis superficialis bildet sich nicht oder lediglich unvollständig aus. Eine persistierende A. ischiadica kann im Verlauf zu diversen Komplikationen wie Ausbildung von Aneurysmata und/oder zur akuten und chronischen Extremitätenischämie führen (9).

Typ12a2b345a5b
persistierende A. ischiadicakomplettkomplettkomplettinkomplett (proximal persistierend)inkomplett (distal persistierend)Ursprung A. sacralis mediana
A. femoralis superficialisnormalinkomplettnicht vorhandennormalnormalentwickeltnicht vorhanden

Tab. 1: Formen der persistierenden A. ischiadica.

Anamnese und Diagnostik

Wir präsentieren den Fall eines 65-jährigen männlichen Patienten (Diabetiker Typ 2, aktuell nicht entgleist, kardiovaskuläre Risikofaktoren: arterieller Hypertonus und Nikotinabusus), keine Ischämie der unteren Extremitäten. In der Vorgeschichte keine vorherigen Operationen. Der Patient wurde mit zunehmenden, starken, rechtsseitigen Fußschmerzen stationär aufgenommen. Vor einer Woche befand sich der Patient mit der gleichen Beschwerdesymptomatik in stationärer Behandlung in einem anderen Krankenhaus. Dort wurde ein persistierendes Aneurysma der A. ischiadica rechts (Durchmesser 36,5 mm, Gesamtlänge 39  mm, proximaler Hals 6,5 mm, distaler Hals 6,8 mm) im Glutealbereich diagnostiziert mit Perfundierung der A. ischiadica bis zur A. femoralis superficialis (Abb. 1–6). In der CT-Angiographie zeigte sich eine periphere Embolisation in den Tibial- und Plantararterien (Abb. 7).  Es erfolgte eine konservative Therapie mit dem DOAK Apixaban 5 mg 1–0–1. Unter DOAK-Therapie verbesserten sich die Beschwerden und der Patient konnte nach fünf Tagen aus der stationären Behandlung entlassen werden.   

Klinische Untersuchung bei Aufnahme:  Die 6 P nach Pratt:  Pain (Schmerz): ja. Paleness bzw. Pallor (Blässe): ja. Pulse­lessness (Pulslosigkeit): ja. Paresthesia (Sensibilitätsstörung): ja. Paralysis (Lähmung): nein. Prostration (Schock): nein. Messung des Ankle-Brachial-Index (ABI) links 1,1; rechts 0,0 nicht messbar. 

Labordiagnostik: CK-Wert 228 U/l marginal erhöht, keine Infektkonstellation, Retentionswerte im Normbereich. 

Duplexsonographisch fand sich eine Gefäßversorgung im Unterschenkel durch die A. tibialis anterior und die A. tibialis posterior, Abbruch der A. fiburalis im proximalen Unterschenkel. Die Aa. tibialis anterior und posterior waren bis zum distalen Drittel des Unterschenkels durchgängig, danach beide verschlossen. Die präoperative transkutane Sauerstoffpartialdruckmessung (tcPO2) ergab: Fuß rechts 20 mmHg, links 60 mmHg 

Therapie und Verlauf 

Anhand von klinischer Untersuchung, Labordiagnostik, Duplexsonographie sowie CT-Angiographie wurde ein Therapiekonzept mit Aneurysma-Ausschaltung und Revaskularisation der Unterschenkel- und Fußarterien als Interventionseingriff vorgenommen. Präoperativ erhielt der Patient eine Vollheparinisierung. Das Apixaban wurde pausiert.

Operation in Allgemeinanästhesie in Crossover-Technik. Schleusen: 4F 10 cm, 8F Fortress® 45 cm, 4F 90 cm. Katheter: UF4 65 cm, 4F MPA1 100 cm, 4F MPA1 125 cm. Drähte: Terumo® angled 300 cm, Terumo® Halfstiff 300 cm, Command® ES 0,014 x 300 cm, Starterdraht 175 cm. Ballons:  CoyoteTM 4 x 100 x 150 mm und 3,5 x 100 x 150 mm. Stents: Gore® Viabahn® VBX 8F 8 x 79 mm. Nahtverschluss-System ProGlide® 6F 2 mm.

Aneurysma-Ausschaltung durch Implantation eines gecoverten Stentgraft Gore® Viabahn® 8 x 79 mm und Angioplastie der Tibialarterien (Ballons: CoyoteTM 3,5 x 100 x 150 mm). Intraoperative Gabe von Prostavasin® (10 μg intraarteriell) und Heparin (5.000 IE intravenös) (Abb. 6–11).

Postoperativ erhielt der Patient therapeutisch gewichtsadaptiert niedermolekulares Heparin (Enoxaparin 8.000 IE 1–0–1) und eine Monotherapie mit Thrombozyten­aggregationshemmer (Aspirin® 100 mg tgl.). Bei der postinterventionellen klinischen Untersuchung waren Unterschenkel und Fuß wieder warm, Fußpulse tastbar, Rekapillarisierung normal, keine Schmerzen. ABI-Messung rechts 1,0; links 1,1. Entlassungsmedikation:  Aspirin® 1 x tgl. 100 mg und Apixaban 2 x tägl. 5 mg.

Die duplexsonograpische Kontrolle zeigte einen regelrechten Befund, ebenso konnten Komplikationen wie Pseudoaneurysma oder AV-Fistel im Bereich des Gefäßzuganges ausgeschlossen werden. Wir konnten den Patienten am fünften postoperativen Tag in die ambulante Behandlung entlassen. Dem Patienten wurde ein Nachsorgetermin mit Duplexsonographie drei Monate nach Entlassung empfohlen.

Konklusion 

Es wird der Fall einer persistierenden unilateralen kompletten A. ischiadica mit einem embolisierenden Aneurysma beschrieben, welches rezidivierend zu inkompletten Ischämien am rechten Fuß führte. Ein 65-jähriger Patient erhielt bei kompletter Ischämie des rechten Fußes eine Aneurysma-Ausschaltung und Revaskularisation der Fußarterien. 

Weltweit sind bisher ca. 200 Fälle einer persistierenden A. ischiadica publiziert (10), wobei die Erstbeschreibung dieser Form der Gefäßanomalie auf das Jahr 1832 zurückgeht (11). Eine persistierende A. ischiadica kann zu verschiedenen Komplikationen führen, wie einer chronischen Extremitätenischämie, aber auch bei Aneurysmabildung mit Thromboembolie zu einer akuten Ischämie. Ebenso kann es zu einer Neuropathie durch die Kompression des Nervus ischiadicus kommen (9). Die umfangreichste Metaanalyse zur Kompression des Nervus ischiadicus analysierte 159 dieser Gefäßanomalien bei 122 Patienten, wobei 13 erst postmortal entdeckt wurden (9). Das mittlere Alter bei Diagnosestellung betrug 57 Jahre mit einer Spannweite von einem 32 Wochen alten Fötus bis zum 84 Jahre alten Patienten. Von den beschriebenen Fällen wurde 56 % bei Frauen und 44 % bei Männern gefunden. In 70 % der Fälle wurde ein bilaterales Vorliegen entdeckt. Anhand der beschriebenen Einteilung nach Bower (8) sind 83 % vom kompletten und 17 % der publizierten Fälle vom inkompletten Typ. 

Im klinischen Alltag ist es wichtig, an diese seltene Form der Gefäßanomalie zu denken, insbesondere wenn sich junge Menschen bzw. Patienten ohne klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren mit einer Claudicatio intermittens bzw. einer kritischen Extremitätenischämie vorstellen. Die Behandlung der persistierenden A. ischiadica ist abhängig von der Klinik der Patienten sowie der pathophysiologischen Erscheinungsform und den anatomischen Bedingungen.

1.    Ikezawa T, Naiki K, Moriura S et al. Aneurysm of bilateral persistent sciatic arteries with ischemic complications: case report and review of the world literature. J Vasc Surg 1994;20: 96-103.
2.    Senior HD. The development of arteries of the human lower extremity. Am J Anat 1919;25:55e95.
3.    Senior HD. The development of the human femoral artery, a correction. Anat Rec 1920;17:271.
4.    Lin CW, Lee RC, Cheng HC et al. MR angiography of persistent sciatic artery. J Vasc Interv Radiol 1999;10(8):1119e21.
5.    Pillet J, Albaret P, Toulemonde JL et al. Tronc arteriel ischiopoplite, persistance de l’artere axiale. 1980;Bull Assoc Anat 64:109e22.
6.    Pillet J, Cronier P, Mercier P et al. The ischio popliteal arterial trunk: a report of two cases. Anat Clin 1982;3:329e31.
7.    Gauffre S, Lasjaunias P, Zerah M. Sciatic artery: a case, review of literature and attempt of systematization. Surg Radiol Anat 1994;16(1):105e9.
8.    Bower EB, Smullens SN, Parke WW. Clinical aspect of persistent sciatic artery: report of two cases and review of the literature. Surgery 1977;81(5):588e95. 
9.    van Hooft IM et al. The Persistent Sciatic Artery. Eur J Vasc Endovasc Surg 2009;37(5):585-91.
10.    Deng L, Deng Z, Chen K et al. Endovascular repair of persistent sciatic artery with limb ischemia: a wrong choice? Front Surg 2020;7:582753. 
11.    Green PH. On a new variety of the femoral artery: with observations. Lancet 1832 1:730e1.

Einhaltung ethischer Richtlinien 
Interessenkonflikt: A. El Hanash und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter E. Mattens, G. Albub, F. Jehle,  J. Nickel und B. Habben geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht. 

Für diesen Beitrag wurden keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethische Richtlinien. Für Bildmaterial oder anderweitige Angaben innerhalb des Manuskripts, über die Patienten zu identifizieren sind, liegt von ihnen und/oder ihren gesetzlichen Vertretern eine schriftliche Einwilligung vor.

Korrespondenzadresse

Adel El Hanash 
Klinik für Gefäßchirurgie – vaskuläre und endovaskuläre Chirurgie
St. Johannes-Hospital, Kliniken Friesland 
Bleichenpfad Str 9, 26316 Varel
Adel.elhanash(at)krankenhaus-varel.de