Die Intermittierende Pneumatische Kompression (IPK, syn: Apparative Intermittierende Kompression, AIK) arbeitet mit pneumatischen Wechseldrücken. Sie wird angewendet zur Thromboembolieprophylaxe, Entstauungstherapie bei Ödemerkrankungen und hat positive Effekte hinsichtlich der arteriellen und venösen Durchblutung mit Verbesserung der klinischen Symptome und schnellerer Ulkusheilung.
Die eingesetzten Geräte und die Therapieschemata unterscheiden sich abhängig von ihrer Indikation und Ziellokalisation. Sie können ambulant und stationär sowie bei langfristiger Indikation auch als Heimgeräte eingesetzt werden.
Indikationen und Kontraindikationen
Entsprechende den Leitlinien gelten folgende Empfehlungen für Indikationen (Tab. 1) und Kontraindikationen (Tab. 2). Bei Vorliegen einer absoluten Kontraindikation soll keine IPK durchgeführt werden. Bei Vorliegen einer relativen Kontraindikation kann unter engmaschiger klinischer Kontrolle und entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen eine IPK angewendet werden ( siehe Nebenwirkungen und Komplikationen).
Bei folgenden Indikationen soll eine IPK erfolgen
Thromboembolieprophylaxe, wenn keine medikamentöse Prophylaxe möglich ist
Bei folgenden Indikationen sollte eine IPK erfolgen
Ulcus cruris venosum mit fehlender Heilungstendenz trotz konsequenter Kompressionstherapie mittels Strumpfsystemen oder Kompressionsverbänden
schwere chronische venöse Insuffizienz im Stadium C4b bis C6 (CEAP-Klassifikation)
Extremitätenlymphödem, additiv bei fehlender Kompensation unter Komplexer Physikalischer Entstauungstherapie
periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) mit stabiler Claudicatio intermittens oder kritischer Ischämie, wenn ein angeleitetes Übungsprogramm nicht möglich ist und eine interventionelle oder operative Rekonstruktion nicht in Frage kommt
Bei folgenden Indikationen kann eine IPK erfolgen
posttraumatische Ödeme
therapieresistente venös bedingte Ödeme
Lipödem mit relevantem sekundärem Ödem
Extremitätenlymphödem, additiv zur Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie
Hemiplegie mit sensorischer Störung und Ödem
Thromboembolieprophylaxe zusätzlich zur medikamentösen Prophylaxe
Tab. 1: Indikationen für die IPK.
absolute Kontraindikationen der IPK
dekompensierte Herzinsuffizienz
ausgedehnte Thrombophlebitis, Thrombose oder Thromboseverdacht
akutes Erysipel
akute Phlegmone
Kompartmentsyndrom
schwere, nicht eingestellte Hypertonie
Daneben soll bei okkludierenden Prozessen im Lymphabstrombereich, bei denen es unter IPK zu einem Stau im Leistenbereich oder Genitalbereich gekommen ist, keine IPK durchgeführt werden.
relative Kontraindikationen der IPK
ausgedehntes, ggf. offenes Weichteiltrauma der Extremitäten
ausgeprägte Neuropathie der Extremitäten
blasenbildende Dermatosen wie z. B. IgA-Dermatitis oder Pemphigoid
Tab. 2: Kontraindikationen für die IPK.
Nebenwirkungen und Komplikationen
Bei sorgfältiger Indikationsstellung, Beachtung der Kontraindikationen sowie korrekter Anwendung der Geräte und suffizienter Aufklärung des Patienten – insbesondere im Falle einer Heimanwendung – handelt es sich bei der IPK um eine effektive und sichere Therapiemaßnahme.
Unerwünschte Ereignisse sind in der Literatur nur sehr vereinzelt beschrieben und kommen auch nach eigener Erfahrung bei korrekter Anwendung der IPK extrem selten vor. Die beschriebenen Hautschäden traten vor allem unter mehrtägiger, kontinuierlicher Anwendung der IPK im Rahmen der Thromboembolieprophylaxe auf.
Folgende Hinweise können bei der Anwendung der IPK Nebenwirkungen und Komplikationen vermeiden:
Zur Vermeidung von Hautschäden sollte ein textiler Hautschutz unter der Kunststoffmanschette eingesetzt und eine regelmäßige Inspektion und Pflege der Haut durchgeführt werden.
Zur Verhinderung von Nervenschädigungen und Drucknekrosen sollte insbesondere bei schlanken oder kachektischen Patienten eine Polsterung über Dispositionsstellen erfolgen.
Genitallymphödeme wurden in keiner Studie seit 1998 beschrieben bzw. explizit verneint. Es sollte darauf geachtet werden. Wenn es unter der IPK beim Lymphödem zu einer Zunahme des Ödems im Becken- oder Genitalbereich kommt, soll auf eine weitere Durchführung der IPK verzichtet und die Diagnostik bezüglich eines Abflusshindernisses erweitert bzw. wiederholt werden.
Abhängig von den unterschiedlichen Indikationen, zu erreichenden Ziel-Gefäßsystemen und der Gewebebeschaffenheit soll das Therapieprotokoll individuell festgelegt werden. Dabei sollen vorrangig Mehrstufengeräte eingesetzt werden. Unter kritischer Wertung der vorhandenen Literatur gibt die Leitlinie zu den jeweiligen Indikationen Empfehlungen zu Therapieschema, Dauer der Therapie und zur Einstellung der Geräte. Im Folgenden die wichtigsten Aspekte in Kürze:
Die Kernempfehlungen zu den verschiedenen Indikationsstellungen zur Thromboseprophylaxe wurden in der S3-Leitlinie zur Venösen Thromboembolieprophylaxe erarbeitet und werden hier nur erwähnt.
Chronische venöse Insuffizienz
Bei der chronischen venösen Insuffizienz sollte mit mehrstufigen Manschetten ein sequentieller Druckaufbau von distal nach proximal mit 30–40 mmHg beim Ulkus bis 50 mmHg eine Stunde/Tag dreimal pro Woche erfolgen mit einer Inflations-/Deflationszeit von 15 s/10 s.
Lymphödem und Lipödem
Zur Therapie des Lymphödems sollten Mehrstufengeräte mit intermittierenden Kompressionsdrücken angewendet werden, wobei am Bein abhängig von der Gewebebeschaffenheit bis zu 120 mmHg und am Arm bis 40 mmHg Druck aufgebaut werden sollten. Dabei sollten längere In- und Deflationszeiten (je um 50 s) und ein sequentieller Druckaufbau gewählt werden. Die Therapie erfolgt additiv. Zur IPK bei Lipödem existiert kein Therapieschema, es werden Inflationsdrücke um 30 mmHg verwendet.
Periphere arterielle Verschlusskrankheit
Bei der pAVK mit stabiler Claudicatio intermittens oder kritischer Ischämie sollte die IPK mit Fuß und Wadenmanschette, Zielanpassdrücken von 85–120 mmHg, kurzer Inflationszeit, drei Zyklen pro Minute und täglicher Anwendung durchgeführt werden. Voraussetzung für eine Therapie mit IPK ist jedoch, dass eine interventionelle oder operative Rekonstruktion nicht in Frage kommt und ein angeleitetes Übungsprogramm nicht möglich ist.
Ödeme anderer Genese
Auch zur Reduktion des postrekonstruktiven Ödems und des posttraumatischen Ödems kann die IPK eingesetzt werden. Eine geringe Evidenz gibt es auch bei der Hemiplegie mit sensorischer Störung und Ödem sowie bei der diabetischen Fußläsion.
Hinweise für die Praxis
Die Geräte zur IPK sind im Hilfsmittelverzeichnis gelistet und können – idealerweise nach einer ärztlich kontrollierten Erprobungsphase – auch entsprechend verordnet werden. Allerdings weisen die Empfehlungen der Leitlinien durch das Expertengremium und das Hilfsmittelverzeichnis des GKV-Spitzenverbandes einige Diskrepanzen auf. Zu beachten sind insbesondere folgende Aspekte und
Differenzen:
Das Hilfsmittelverzeichnis stellt Ein- und Mehrstufengeräte gleichwertig nebeneinander, während die Leitlinie Mehrstufengeräte bevorzugt.
Im Hilfsmittelverzeichnis existieren einige Indikationen der Leitlinie nicht wie z. B. die pAVK.
Die Empfehlungen für den maximalen Druck beim Beinlymphödem weisen in der Leitlinie 120 mmHg, im Hilfsmittelverzeichnis nur 100 mmHg auf.
Das Hilfsmittelverzeichnis nennt keine Kontraindikationen und Risiken.
Sollte es zu Problemen bei der Verordnung kommen, so kann es hilfreich sein, darauf hinzuweisen, dass laut Hilfsmittelverzeichnis für die Versorgung mit Hilfsmitteln zur Kompressionstherapie die jeweils gültigen Leitlinien der Fachgesellschaften zu beachten sind.
Insbesondere für die die Heimanwendung soll dem Patienten eine klare ärztliche Anweisung zum Einsatz der IPK gegeben werden bzgl. folgender Parameter:
Dauer der Anwendung pro Tag
Häufigkeit der Anwendungen pro Tag oder pro Woche
Dauer der Anwendung insgesamt
Druckeinstellung
Schutzmaßnahmen bzgl. potentieller Nebenwirkungen (s. o.)
notwendiger ärztlicher Kontrollen im Verlauf
Fazit für die Praxis
Die IPK ist bei richtiger Indikationsstellung und Anwendung – auch additiv – eine effektive und sichere Therapiemethode insbesondere in der Behandlung der beschriebenen Gefäß- und Ödemerkrankungen sowie der Thromboseprophylaxe.
Prof. Dr. med. Stefanie Reich-Schupke Privatpraxis für Haut- und Gefäßmedizin Hertener Str. 2, 45657 Recklinghausen info(at)haut.nrw https://haut.nrw/
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