ZITIERWEISE: VASOMED 2023; 35(5): 160
Der Begriff „hydrostatisches Ulkus“ wurde vorgeschlagen, um Beinwunden unterschiedlicher Genese zu beschreiben, die diese Bedingungen erfüllen. Zu dieser Gruppe gehören Wunden bei Adipositas oder Immobilität sowie traumatische und atypische Wunden (Vaskulitis, okklusive Vaskulopathie, Pyoderma gangraenosum) etc. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Patient mehrere dieser prädisponierenden Erkrankungen gleichzeitig aufweist, einschließlich einer leichten oder schweren chronischen venösen Insuffizienz. Es ist auch zu berücksichtigen, dass ein schmerzhaftes Ulkus dazu führt, dass sich die Person weniger bewegt und dass die Immobiliät, oft mit gesenkten Beinen, das Ödem verstärkt und die Heilung verzögert.
Auch wenn eine aktuelle Übersichtsarbeit zu dem Schluss kommt, dass bisher nur begrenzte Evidenz für den Vorteil der Anwendung von Kompressionstherapie bei nichtvenösen Beingeschwüren vorliegt, zeigen die Erfahrungen aus der klinischen Praxis, dass Kompression die Wundheilung bei traumatischen Ulzera und atypischen Wunden durch Pyoderma gangraenosum, Necrobiosis lipoidica, Vaskulitis oder Martorell-Ulzera fördern kann. Tatsächlich kann die Verschlechterung einer Vaskulitis oder Pyodermie, die häufig mit einer mangelnden Reaktion auf die Immunsuppression einhergeht, auf das Fehlen einer Kompressionstherapie zurückzuführen sein. Darüber hinaus kann Kompressionstherapie Komplikationen nach dermatologischen Eingriffen wie Nahtdehiszenz oder Lappen-/Transplantatnekrose verhindern. Die Wirkungen der Kompression auf Beinwunden umfassen u. a. Verminderung von Kapillarfiltration und Inflammation sowie Steigerung der lokalen Lymphdrainage und des arteriellen Flusses. Diese Vorteile können die Empfehlung rechtfertigen, bei jeder Beinwunde Kompressionstherapie anzuwenden, sofern diese nicht kontraindiziert ist.
Neben dem zunehmenden Spektrum an Indikationen für eine Kompressionstherapie sind auch traditionelle Kontraindikationen wie das Erysipel zu Indikationen für die Kompressionstherapie geworden. Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass der Beginn der Kompressionstherapie gleichzeitig zur Antibiotikabehandlung nicht das Risiko einer Infektionsausbreitung erhöht, hingegen aber Inflammation und Ödeme reduziert und somit das Risiko sekundärer Ulzera verringern oder diese behandeln kann, wenn sie bereits aufgetreten sind.
Auch wenn eine schwere Herzinsuffizienz als Kontraindikation für eine Kompressionstherapie gilt, profitieren weniger schwere Stadien von einer Kompression, um Ulzera zu verhindern und zu behandeln, die – insbesondere bei älteren Menschen – durch den vergrößerten Diffusionsraum aufgrund einer Arteriolosklerose entstehen. Eine progressive Steigerung der Kompression führt nur zu sehr kurzen Phasen erhöhter Herzbelastung und kann eine erhebliche Reduzierung peripherer Ödeme ermöglichen. Eine Kompressionstherapie kann ebenso eine Hautdehnung verhindern, die bei diesen Patienten zu Blasen und Hautrissen führt.
Wie viel Druck ist bei der Behandlung nicht-venöser Beinulzera erforderlich? Das wurde noch nicht eingehend untersucht. Allerdings vertragen Patienten mit entzündlichen Ulzera hohe Ruhedruckwerte zunächst oft nicht, sodass Kompressionssysteme mit niedrigen Ruhedruckwerten um 20 mmHg am häufigsten verschrieben und am besten akzeptiert werden. Auch eine Polsterung ist hilfreich, um den Komfort zu erhöhen. Die Kompressionstherapie sollte mit einer wirksamen Beinhochlagerung im Ruhezustand einhergehen.